Justizskandal Edathy? - So macht das SZ Magazin den Täter zum Opfer

Der große innenpolitische Journalist Heribert Prantl suggeriert, dass der Abgeordnete Sebastian Edathy wegen eines nicht strafbaren Vergehens vor Gericht stand. Das ist falsch und ein journalistischer Fehler

Sebastian Edathy stand wegen des Verdachts der Kinderpornografie vor Gericht
Sebastian Edathy stand wegen des Verdachts der Kinderpornografie vor Gericht / picture alliance

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Christian Füller arbeitet als Fachjournalist für Bildung und Lernen im digitalen Zeitalter. Zuletzt erschien sein Buch "Die Revolution missbraucht ihre Kinder: Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen". Er bloggt unter pisa-versteher.com. Foto: Michael Gabel

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Heribert Prantl ist einer der einflussreichsten deutschen Journalisten. In dieser Funktion nun hat er dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy einen Besuch abgestattet. Thema der Visite „Im Exil“, wie das Süddeutsche Magazin es nannte, war der Absturz eines Prominenten. In der Tat ist der SPD-Politiker Edathy tief gefallen. Er war einer der führenden Innenpolitiker des Landes. Jetzt lebt Edathy am Rande einer arabischen Stadt. Er hat sich dorthin zurückgezogen wegen der Filme mit nackten Kindern, die er erworben hat. Die Öffentlichkeit hat Edathy dafür verfemt. „Da hilft es offenbar nichts“, schreibt nun Heribert Prantl, „wenn dieser Vorwurf, wie es bei Edathy war, keine strafrechtliche Substanz hat.“

Was der Innenpolitikchef der angesehenen Süddeutschen Zeitung hier behauptet, ist freilich falsch. Der Abgeordnete Edathy stand wegen des Verdachts vor Gericht, sich Filme aus dem Netz heruntergeladen zu haben, die sexuellen Kindesmissbrauch zeigen. So etwas wird üblicherweise als „Kinderpornografie“ bezeichnet, und die ist strafbar. Um diese Filme, erworben bei einem russischen Internetverlag, ging es vor Gericht. Am Ende gab Edathy ein Geständnis ab: „Die Vorwürfe treffen zu. Ich habe die Dateien heruntergeladen.“ Und im Gegenzug stellten die Richter den Prozess gegen eine Geldbuße von 5.000 Euro ein. Der Kinderschutzbund verweigerte übrigens die Annahme der Zahlung durch Edathy – mit der Begründung, man dürfe sich von Vergehen gegen Kinder nicht freikaufen können.

Das entscheidende Faktum fällt unter den Tisch


Heribert Prantls Text allerdings lässt das entscheidende Faktum der kinderpornografischen Filmaufnahmen unter den Tisch fallen. Er schreibt immer nur über jene Filme Edathys, die nicht justiziabel waren. In der Tat waren die Bänder, wegen derer Edathy anfangs ins Visier der Ermittler gekommen war, nach deutschem Recht nicht strafbar. Es waren Angebote des kanadischen Internet-Filmhandels „Azov“. Auf den rund halbstündigen Streifen sind minderjährige Jungs zu sehen, wie sie herumtollen und spielen – und diese Jungen sind nackt. Vor Gericht spielten diese Filme richtigerweise keine Rolle.

Bei Heribert Prantl spielen diese vermeintlich unproblematischen Filme hingegen eine große Rolle; und zwar nur sie. Der Journalist schreibt mehrfach von Filmen, „die mit sexuellem Missbrauch im strafrechtlichen Sinne nichts zu tun haben"; die „die Strafbarkeitsschwelle nicht überschreiten“. Im gleichen Atemzug berichtet der Kollege über den Prozess gegen Edathy, der „nach zwei Verhandlungstagen eingestellt wurde“. Die Missbrauchsfilme lässt er indes weg. Ein Leser, der sich mit dem Fall nicht auskennt, muss also den Eindruck gewinnen, Edathy sei ohne den Verdacht auf strafbare Handlungen vor Gericht gekommen. Das wäre ein Justizskandal. Prantl suggeriert, dass ein Abgeordneter wegen harmloser Bildchen vor den Kadi gezerrt wurde. Und dass er dafür von der Öffentlichkeit zu Unrecht verdammt, aus dem Parlament ver- und ins Exil getrieben worden sei. Das ist ein starkes Stück.

Heribert Prantl firmiert als Mitglied der Chefredaktion der SZ, er ist ein großartiger Autor und Jurist. Seiner Glaubwürdigkeit allerdings hat er mit dem Edathy-Stück keinen Gefallen getan. Wieso sollte man einem Journalisten trauen, der in einer sechs Seiten langen Geschichte das entscheidende Faktum weg lässt? Und was ist das eigentlich für ein Magazin, in dem die Redakteure ihren Autor bei einer essenziellen und prominent verhandelten Frage einen so offensichtlichen Fehler durchgehen lassen? Prantl sagte Cicero Online auf Anfrage, „die strafrechtliche Seite und die Art der bestellten Bilder war nicht Thema meines Stückes.“ Ihm sei es darum gegangen, wie ein Politiker mit seinem Absturz umgeht.

Sebastian Edathy hat sich sein Schicksal selbst eingebrockt


Dieser Teil der Geschichte Prantl ist interessant. Sie zeigt das Leben des Sebastian Edathy, der sich gewissermaßen ins Sicherheitsexil begeben hat, weil er in Deutschland bedroht wurde und noch heute mit unsäglichen, zum Teil kriminellen E-Mails überhäuft wird. Edathy bekomme pro Woche etwa zwei Morddrohungen, berichtet Prantl, und er befasse sich mit dem Unflat auch noch, der über ihn hereinbricht. Es ist tatsächlich eine Tragödie, dass er nun irgendwo in Arabien sitzt und seine Talente mit Grübeln vergeudet. Denn Edathy ist, Schuld hin oder her, ein schneller Denker und ein exzellenter Autor. Man wünscht niemandem eine solche Situation.

Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass sich Edathy das selbst eingebrockt hat. Er hat Filme erworben, die zurecht als moralisch problematisch und zugleich justiziabel gelten. Dass Edathy vor Gericht musste, hat nicht etwa den Grund, dass jemand einen Verfolgungswahn ausleben wollte. Es geht vielmehr darum, minderjährige Kinder davor zu schützen, dass Kameraleute sie beim Spielen nackt filmen; dass sie zu so genannten Posing-Aufnahmen missbraucht werden, die eindeutig sexualisierenden Charakter haben; ja, dass sie vor der Kamera vergewaltigt werden – damit man aus diesen Missbrauchsaufnahmen Geld machen kann. Der Markt floriert. Mit dem gefilmten Missbrauch von Kindern und Jugendlichen kann man Vermögen verdienen. Sebastian Edathy hat sich an diesem Geschäft als Konsument beteiligt – das ist moralisch fragwürdig und höchst unprofessionell, ja gefährlich für einen Politiker, der so sensible Aufgaben hatte wie er. Sebastian Edathy hat sich, als Vorsitzender eines der wichtigsten Untersuchungsausschüsse der Bundesrepublik, dem NSU-Ausschuss, kompromittiert und angreifbar gemacht.

In der Homestory von Heribert Prantl kommt das nicht vor. Da wird immer nur von „der Causa“ gesprochen, ohne den Leser aufzuklären, was diesen Fall und seine Hintergrundindustrie so wichtig machen – und so grausam. Dass Kinder des Schutzes vor einer milliardenschweren „Kinderporno-Industrie“ bedürfen, wird nicht erwähnt. Prantl reduziert den Fall Edathy auf den einer hysterischen Gesellschaft, die einen Politiker aufgrund unbewiesener Anschuldigungen aus dem Land hetzt.

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