NSU-Mordserie in den Medien - Wie aus Opfern Täter wurden

Die Medienkolumne: Dass die Ermittlungsbehörden jahrelang blind gegenüber dem Rechtsterror des NSU waren, ist auch ein Versagen der Medien. Die Berichterstattung über die Mordserie war diffamierend und einseitig, wie eine Studie zeigt

Berichterstattung im NSU-Komplex: Reproduktion von Klischees
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Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Einen Tag, nachdem der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık vom Nationalsozialistischen Untergrund brutal ermordet wurde, fielen die Ermittler bei der Familie des Opfers ein. Sie holten sie alle von zu Hause ab: die Ehefrau, die Tochter, die beiden Söhne. Acht Stunden dauerten die Verhöre.

Gamze Kubaşık, die Tochter, gab der Polizei zu Protokoll: Ihr Vater – ein deutscher Staatsbürger – habe keine Feinde gehabt. Doch die Beamten interessierte das nicht. Sie wollten wissen, ob der Deutschtürke Drogen verkauft habe.

Gamze Kubaşık glaubte an eine ausländerfeindliche Tat. Sie erzählte das später auch einem WDR-Reporter, der sie stundenlang interviewte. Doch Kubaşıks Vermutungen zum Rechtsextremismus wurden herausgeschnitten und nie gesendet.

Unsäglicher Begriff der „Döner-Morde“


Bei der Aufklärung der NSU-Morde haben nicht nur Polizeien und Verfassungsschutzämter versagt. Auch die Medien hatten ihren Anteil daran, dass jahrelang in die falsche Richtung ermittelt wurde. Sie sind Schuld daran, dass die Opfer zusätzlich herabgewürdigt wurden. Und dass ihre Angehörigen kaum zu Wort kamen.

Das ist das Ergebnis einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung. „Das Unwort erklärt die Untat“, lautet ihr Titel; mit diesem Satz hatte der SZ-Journalist Heribert Prantl 2012 den unsäglichen Begriff der „Döner-Morde“ kritisiert.

Die Autoren Fabian Virchow, Tanja Thomas und Elke Grittmann haben nahezu 300 Artikel und 290 Bilder in der deutsch- und türkischsprachigen Presse in Deutschland analysiert. Zudem befragten sie Journalisten, die mit der NSU-Mordserie befasst waren.

Ihr Befund ist niederschmetternd: Die Artikel über die Attentate auf acht türkischstämmige und einen griechischen Kleinunternehmer zwischen 2000 und 2006 waren laut der Studie einseitig und stigmatisierend. (Der Polizistenmord an Michèle Kiesewetter 2007 wurde in der Auswahl nicht berücksichtigt). In Wort und Bild tauchten hauptsächlich polizeiliche Quellen auf. Ihre Hypothesen, wonach es sich um Delikte im Rauschgift-, Mafia- oder Wettmilieu, um Geldwäsche, „organisierte Kriminalität“ oder Schutzgelderpressung gehandelt haben könnte, wurden von den Journalisten kaum hinterfragt – und übernommen. Viele dieser Vermutungen wurden den Lesern sogar als Tatsachenbehauptung präsentiert.

Auf diese Weise hätten sich die Printmedien daran beteiligt, „die migrantische Bevölkerung unter den Verdacht der Mitwisser- wenn nicht sogar Mittäterschaft“ zu stellen, heißt es in der Studie.

Ansichten der Opfer blieben medial unterbeleuchtet


Die wenigsten Journalisten hätten den Opfern geglaubt; stattdessen wurden die Ermittler als fleißig, seriös und ernsthaft präsentiert. Die hohe Belohnungssumme von 300.000 Euro galt dafür vielen Reportern als Indiz. Die Polizei-Hörigkeit vieler Medien ging demnach so weit, dass sie – wie der Fall Gamze Kubaşık zeigt – nicht nachbohrten, wenn Angehörige der Mordopfer selbst die Möglichkeit einer rechtsterroristischen Täterschaft thematisierten.

Die Journalisten sahen auch dann nicht genauer hin, als im Mai und Juni 2006 Kubaşık und andere Opferangehörige in Kassel und Dortmund Schweigemärsche organisierten. Die Familien der Getöteten prangerten die Ermittlungsbehörden an, warnten vor einem zehnten Mordopfer. Mit Ausnahme der „taz“ sind die Trauerfeiern medial weitgehend unbeachtet geblieben, so die Studie.

Dabei hatte die Polizei wenige Monate zuvor – im April 2006 – noch selbst kurzzeitig die These des Rechtsextremismus verfolgt. Entsprechende Berichte tauchten hier und da auf, wurden aber kaum detailliert erläutert. In den Folgemonaten konzentrierte sich die Presse auf die These eines „psychopathischen Einzeltäters“. Die Vorstellung, dass es ein rechtsextremes Terrornetzwerk geben könne, wurde so wieder für unwahrscheinlich erklärt.

Stattdessen reproduzierte die Berichterstattung Klischees über Migranten. Von einer „Mauer des Schweigens“ war da die Rede, von „Milieus“, der Spiegel beschrieb das Opferumfeld gar als „schwer durchdringbare Parallelwelt“, das „die Killer“ schütze. Fotos der Opfer wurden nur als Kopfprofil gezeigt und neben Fahndungs- und Phantombilder gestellt, so dass dem Betrachter auf ersten Blick nicht klar war, wer Opfer und wer Täter sei.

Virchow, Thomas und Grittmann beobachten, dass die Berichterstattung über die Mordserie „in mehreren Fällen sowohl das persönliche Umfeld als auch das imaginierte Kollektiv der ‚Türken‘ zu Komplizen der Täter gemacht“ habe.

Besonders stigmatisierend war dabei der Begriff der „Döner-Morde“. Er tauchte zuerst am 31. August 2005 in der Nürnberger Zeitung als Dachzeile eines einspaltigen Artikels auf. Laut dem damals zuständigen Redakteur habe es sich um eine platzbedingte Kürzung des Titels „Der Mord an dem Döner-Verkäufer“ gehandelt. Später wurde der Begriff in Abwandlungen auch von den überregionalen Medien in Überschriften übernommen – etwa von der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen, der Welt, der tageszeitung oder der Bild-Zeitung. Teils fielen sogar die Anführungszeichen weg, die in der Regel eine gewisse Distanz kennzeichnen.

Der Begriff „Döner-Morde“ wurde zum Unwort des Jahres 2011 gewählt. Er unterstelle nicht nur, dass sich die Mordmotive im kriminellen Milieu abgespielt haben müssen. Er habe auch die Opfer „im höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert“ worden seien, begründete damals die Jury.

Die stigmatisierenden Begriffe „Döner-Morde“, „Kebab-Morde“ und „Döner-Mordserie“ wurden vereinzelt auch von der türkischsprachigen Presse übernommen, wie die Autoren herausfanden. Die Zeitung „Radikal“ zeigte am 8. Oktober 2011 sogar eine entsprechende Bildmontage: ein Mann vor einem Döner-Grill und darüber eine Ceska-Pistole, die auf das Fleisch gerichtet ist. Die türkischsprachigen Medien hätten sich in der Berichterstattung weitgehend an der deutschen Presse orientiert, auch sei der Begriff nicht explizit hinterfragt worden. 2012 kritisierte die Menschenrechtskommission des türkischen Parlaments die deutsch- wie türkischsprachigen Medien in Deutschland für ihre diskriminierende Wortwahl.

„Quotenkiller“ Rechtsextremismus


Lob gibt es von den Autoren immerhin für einige Regionalzeitungen: Blätter wie die „Ruhr Nachrichten“, die „Westfälische Rundschau“ oder die „Hessisch/Niedersächsiche Allgemeine“ hätten kurz nach den Morden an Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat auf den Begriff „Döner-Morde“ verzichtet.

Nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie wurde dann sehr ausdauernd über den Rechtsterror berichtet. Zum Teil bis heute, wie etwa das Magazin der Süddeutschen Zeitung mit dem das Protokoll des zweiten Jahres zum NSU-Prozess bewies.

Auch erkennen die Autoren an, dass im Nachhinein eine Selbstreflexion in den Medien eingesetzt habe. Allerdings blieb diese meist vage. Das Versagen wurde auf Systemzwänge geschoben. Einige Gründe dafür sehen auch die Studienautoren: Zeitmangel, knappe Rechercheressourcen, die Ausdünnung von Redaktionen, die unzureichende Ausbildung von Polizeireportern, blindes Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden.

Als wichtiges Problem sehen die Verfasser, dass sich nur wenige Redaktionen ausdauernd mit dem Thema Rechtsextremismus befassen. Häufig gilt tiefer gehende Berichterstattung, die sich systemisch mit den Ursachen auseinandersetzt, als „Quotenkiller“. Der Rechtsextremismus-Referent Michael Kraske warnte 2012 noch vor einem ganz anderen Medieneffekt: Der NSU-Komplex könne die Aufmerksamkeitsschwelle für derartige Themen noch einmal weiter erhöhen – mit der Folge, dass noch weniger über rechtsextreme Gewalttaten berichtet werde.

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