Griechenlandkrise - Merkel hat alles richtig gemacht

...und Sigmar Gabriel alles falsch. Die Griechenland-Rettung, die Kanzlerin und die innenpolitischen Implikationen

Angela Merkel beim Eurogruppengipfel
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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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In den vergangenen Wochen und Monaten ist der Hinweis strapaziert worden, Yanis Varoufakis und damit auch sein Trojanisches Pferd Alexis Tsipras beherzigten bei ihrem Vorgehen die Erkenntnisse der sogenannten Spieltheorie. Bei dieser sogenannten Theorie handelt es sich kurz gefasst um den Versuch, Entscheidungssituationen mit mehreren Beteiligten gewisse Muster abzuringen. Zugrunde liegt eher Poker als Schach.

Angela Merkel ist keine Pokerspielerin. Sie spielt Schach. Und sie hat in dieser Partie die beiden griechischen Pokerspieler Varoufakis und Tsipras matt gesetzt. Es klingt vielleicht komisch, aber die Kanzlerin hat in Sachen Griechenland alles richtig gemacht. Sie hat sich von dem Gebluffe und Gehabe der pokernden Buben nicht kirre machen lassen. Sondern hat weiter geduldig Zug um Zug gesetzt. Schach ist dem Grunde nach ein Computerspiel, weshalb seit 1997 der Computer in dieser Disziplin auch endgültig über den Menschen gesiegt hat. Es geht darum, möglichst viele eigene und gegnerische Züge im Voraus zu denken, um am Ende zu gewinnen.

Merkels Krisenschach
 

Merkels letzte Züge vollzogen sich gerade in Brüssel. Aber es zeichnete sich schon ab, wie das Spiel ausgeht. Die vermeintliche „Trümmerfrau“ (Der Spiegel) setzte alle schachmatt. Die Griechen sowieso und die Griechenversteher in der Eurogruppe wie Frankreich und Italien auch.

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Griechenland ist die zweite DDR Deutschlands, die erste Europas. Bis Mittwoch muss das kollabierte Land seine Reformversprechen im Parlament notariell beglaubigen lassen. Inklusive festem Zeitplan. Denn dass die Reformvorschläge nun endlich konkret waren und sogar im Brüsseler Querformat eingereicht wurden, genügt nicht. Sie müssen auch bindend sein, sachlich und zeitlich.

Darüber hinaus wird es einen Treuhandfonds für die Privatisierung des berühmten Hafen von Piräus und anderer Staatsbetriebe geben. Dieser Fonds wird nicht von den Griechen operativ geleitet werden. Er ist eine Treuhandanstalt in fremder Hand wie seinerzeit bei der Verwaltung des Staatsvermögens nach dem Ende der DDR. Weil man der griechischen Regierung schlicht diese Aufgabe nicht zutraut. Und weil sich sonst kein Investor dafür interessiert und die Modernisierung also ausbliebe.  

Schäuble legt auf, Merkel vollendet
 

Insofern ist es auch eine Fügung der Geschichte, dass Helmut Kohls Chefverhandler für die Wiedervereinigung vor 25 Jahren nun auch wieder Merkels Unterhändler in Sachen Griechenland ist. Es ist viel geschrieben und gesagt worden darüber, dass es zwischenzeitlich einen Bruch zwischen Angela Merkel und Wolfgang Schäuble in der Griechenlandpolitik gegeben habe.

Mag sein, dass Schäuble hier und da sauer war, weil er nicht dabei sein durfte im Kanzleramt, als der IWF und die EZB, also Christine Lagarde und Mario Draghi dort einmal akut zu Gast bei der Kanzlerin waren. Oder einfach davon nichts wusste. Aber das ist nebensächlich. Im Kern waren und sind sich Merkel und Schäuble jederzeit einig gewesen: Man ist nur dann ein guter Europäer, wenn man den beiden Spielern Tsipras und Varoufakis dieses Projekt nicht als Spielzeug überlässt. Nicht einmal eine unterstellte Rollenverteilung - hier der harte Hund Schäuble, da die gütige Mutti Merkel - gab es. Sie hat ihn machen lassen und vollendet nun, was ihr Finanzminister vorbereitet hat. Ohne Schnörkel, ganz trocken. „Hinten ist die Ente fett“, hat ihr Vorgänger Gerhard Schröder in solchen Fällen immer eine angeblich niedersächsische Bauernweisheit zitiert. 

Ganz nebenbei - oder so nebenbei auch wieder nicht, hat sie ihren Vizekanzler und baldigen Herausforderer sich in seinen eigenen Tricksereien verheddern lassen. Sigmar Gabriel, ohnehin immer im Rufe des Zickzack-Mannes stehend, hat sich in der Griechenlandkrise zwischen harter Ansage und sozialdemokratischer Fürsorge komplett unglaubwürdig gemacht. Das kostet die SPD wieder einige Prozentpunkte in den nächsten Meinungsumfragen und mauert sie weiter fest im 25-Prozent-Keller. Die Frage nach Merkels nächstem Koalitionspartner wird also zurzeit möglicherweise so lustvoll wie grundlos gestellt.

Wenn sie so weitermacht, braucht sie das nächste Mal keinen.  

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