Femen-Aussteigerin Zana Ramadani - „Ich habe alles richtig gemacht“

Die Mitbegründerin von Femen Deutschland, Zana Ramadani, verließ im Januar die Organisation. Für Frauenrechte kämpft sie nun in der CDU. Persönliche Erfahrungen haben sie zu einer scharfen Islamkritikerin werden lassen

Zana Ramadani bekommt Gegenwind von ganz verschiedenen Seiten
Stefan Weeber

Autoreninfo

Lena Guntenhöner hat Kulturjournalismus, Französisch und Kunstgeschichte in Berlin, Osnabrück und Lille studiert. Sie arbeitet für Cicero Online.

So erreichen Sie Lena Guntenhöner:

Cicero: Frau Ramadani, Sie haben Schwierigkeiten gehabt, einen Job zu finden, weil viele Arbeitgeber Ihr früheres Femen-Engagement nicht gutheißen. Haben Sie es jemals bereut?
Ramadani: Nein, bereuen tue ich nichts. Denn es war zum damaligen Zeitpunkt das, was ich für richtig hielt. Man entwickelt sich natürlich aus diesen Protestformen heraus. Und ich würde jetzt mit meinem Wissen vielleicht einiges professioneller machen und mir vieles auch nicht zu nahe kommen lassen. Aber letztendlich würde ich es schon wieder genauso tun.

Wie sieht Ihre derzeitige politische Arbeit aus?
Ich habe mich anderen Organisationen angeschlossen, die auch Themen bearbeiten wie Frauen- und Menschenrechte. Ansonsten bin ich einmal die Woche in Flüchtlingsheimen in Berlin und übersetze. Und es geht jetzt wieder in die Parteipolitik der CDU.

Waren Sie während der ganzen Zeit bei Femen CDU-Mitglied?
Ja, ich war es immer und werde es auch bleiben. Außer, sie strengen irgendwann mal ein Parteiausschlussverfahren gegen mich an. Aus der Jungen Union bin ich aber rausgewachsen. Da sage ich: „Werdet erstmal erwachsen, Jungs!“ Schaut man sich die Facebook-Seiten von manchen an, dann ist da viel Sexismus, Kinderkacke. Ich sehe meine Arbeit eher auf der parteipolitischen Ebene, zum Beispiel in der Frauenunion. Da geht man Themen an und beschimpft nicht nur die Männer. Es geht beim Feminismus nicht darum, dass wir jetzt die Weltherrschaft an uns reißen wollen, sondern um konkrete Themen wie die Frauenquote, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern.

Warum haben Sie sich gerade die CDU als politische Heimat ausgesucht?
Alles, was mir Negatives widerfahren ist in meinem Leben, kam aus der islamischen Gesellschaft. Alles, was mir Positives widerfahren ist, kam aus der christlichen Gemeinde. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit und Jugend, weil die christliche Gemeinde in dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, sehr zusammengehalten hat. Was für mich das Christentum oder das christliche Menschenbild ausmacht, sind Nächstenliebe, Barmherzigkeit und das Sich-für-die-Schwächeren-Einsetzen. Es war von daher gar nicht abwegig, sich der CDU anzuschließen. Natürlich wacht man irgendwann auf, wenn man parteipolitisch aktiv ist, und sieht, dass auch dort ganz viele Menschen nicht das leben, was sie propagieren. Aber dann bin nicht ich in dieser Partei falsch, sondern die.

[[{"fid":"65539","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":230,"width":345,"style":"margin: 5px 7px; float: left; height: 200px; width: 300px;","title":"Femen-Protest vor der iranischen Botschaft in Berlin","class":"media-element file-copyright"}}]]Dennoch hat Ihre Femen-Mitgliedschaft dort hohe Wellen geschlagen. Hätte das nicht in einer anderen Partei für weniger Aufruhr gesorgt?
Nein, das ist die Oberfläche. Ich kenne viele von den Grünen, den Linken, von allen Parteien. In dem, was sie wirklich leben, unterscheiden sie sich nicht viel voneinander. Die Grünen schreien ganz laut nach dem Veggie Day und hauen sich dabei die Bockwürstchen rein. Ich bin seit neun Jahren Vegetarierin, seit kurzem Veganerin, und denke, irgendwas stimmt doch da nicht. Das, was ich predige, ziehe ich in meinem privaten Leben auch komplett so durch. Ich kann ja nicht an jemanden einen hohen Anspruch stellen und selbst genau das Gegenteil tun.

Warum sind Sie bei Femen ausgetreten?
Viele kamen aus sehr elitären, gutbürgerlichen Familien, haben noch nie gearbeitet, für die war das ein bisschen Action. Manche Vorwürfe, die da aus der Gesellschaft kamen, waren berechtigt. Dann wurde sich nicht an Absprachen gehalten. Strukturen wurden nicht akzeptiert, die einfach nötig sind in einer Organisation. Das war frustrierend, denn ich wollte damit wirklich etwas erreichen. Von unserer Mutterorganisation in Paris und dieser Idee habe ich mich aber nie entfernt. Ich bin nur aus der deutschen Organisation ausgetreten. Ich hasse es zum Beispiel auch, über den Feminismus zu philosophieren und neue Wörter für Geschlechter zu erfinden. Das Geschlecht im Zwischenmenschlichen oder zu wem man sich hingezogen fühlt, ist mir egal. Gerade auch dieser moderne Feminismus philosophiert sehr viel, sitzt rum, tagelang, monatelang, jahrelang, im Internet oder in irgendwelchen „Bücherkreisen“. Verdammt noch mal, geht doch auf die Straße!

Erreicht man mit politischem Aktivismus mehr als mit Debatten?
Debatten sind wichtig, aber die meisten verfangen sich im Konstrukt. Sie philosophieren, twittern, posten. Aber ich sehe keine dieser großen Feministinnen auf der Straße. Hinzu kommt, dass die meisten unter Pseudonym arbeiten. Wenn ich eine Meinung habe, dann stehe ich dafür mit meiner kompletten Identität ein. Das habe ich vom ersten Tag an auch immer getan und alle Konsequenzen auf mich genommen.

Die Frauenrolle, aus der Sie in Ihrer Ehe ausgebrochen sind, ist genau die der CDU. Wie passt das zusammen?
Ich sehe auch innerhalb der CDU ganz verschiedene Rollenbilder. Für mich soll jeder so leben, wie er das für richtig hält, und nicht verurteilt werden dafür. Wir haben ganz viele geschiedene Menschen in der CDU und ganz viele haben auch Affären. Nur, dass die Männer dafür natürlich nicht beschimpft oder als Schlampe bezeichnet werden. Da stört es keinen, wenn rumgehurt wird. Bei Frauen ist das anders: Da wird das schon als Argument genutzt, wenn sie abgesägt werden sollen. Das ist nicht richtig, aber bei den anderen Parteien läuft es genauso. Ich finde das klassische Rollenbild auch sehr schön, nur ist es für mich egal, ob da zwei Väter, zwei Mütter oder eben Mutter, Vater, Kind sind.

Die Frage zielte auch auf die Familienpolitik der CDU ab, Stichwort Betreuungsgeld…
Ich bin nicht die einzige, die unzählige Unterschriften dagegen gesammelt und sich aufgelehnt hat. Das hat bei dem Thema leider nicht geklappt, aber bei der Frauenquote zum Beispiel schon. Es muss eine Gleichberechtigung geschaffen werden und davon sind wir in der CDU auch noch ganz weit entfernt.

Dabei war die CDU beim Thema Frauenquote noch ziemlich zurückhaltend.
Wenn man das von außen betrachtet, stimmt das, aber intern sind wir im Kriegszustand gewesen. Ich sehe es von innen heraus und ich weiß, was sich bei uns abspielt, und ich sehe es nicht so, dass wir nichts getan haben.

Bezeichnen Sie sich selbst als Muslimin?
Nein, ich war nie eine. Ich bin in eine islamische Familie hineingeboren worden, aber ich habe mich zu dieser Community und dieser Religion nie hingezogen gefühlt. Ich habe es schon als Kind nicht akzeptieren können, dass wir Mädchen nichts wert sind und meine Cousins neben mir auf Händen getragen wurden. Oder meine Oma vor versammelter Mannschaft geschlagen wurde, weil das Essen meinem Opa nicht warm genug war. Das war für alle normal, nur für mich eben nicht. Das wurde immer mit der Religion begründet. Man kann doch nicht völlig verblendet durch die Gegend laufen und sagen, das habe mit dem Islam nichts zu tun. Das hat sogar sehr viel mit dem Islam zu tun.

Mussten Sie mit Ihrer Familie brechen, um diese Einstellung leben zu können?
Ich bin ins Frauenhaus gegangen und habe mir von da aus mein Leben aufgebaut. Ich weiß, wie es ist, allein zu sein. Und das ist man, wenn man die Community verlässt. Ich konnte wenigstens die deutsche Sprache und hatte Freunde, die mir ein bisschen geholfen haben. Aber ich habe es geschafft und das möchte ich auch in meiner Biografie zeigen, die ich gerade schreibe.

Sie gelten als Islam-Kritikerin. Wie stehen Sie zu Pegida, die vor der Islamisierung des Abendlandes warnen?
Pegida sind Vollpfosten, das war so eine Art Rebellion. Wenn man die Wörter und Slogans von denen hört, denkt man sofort: „Oh Gott, wir sind in Gefahr!“ Die haben ein bisschen Stunk gemacht, aber dann recht schnell die Lust daran verloren. Deswegen hält sich so was auch nicht lange, wenn es nicht aus tiefer Überzeugung getan wird. Mit so einem Unsinn setze ich mich dann auch nicht mehr auseinander. Es gibt so viel Wichtigeres.

Eine gewisse Form der Islamisierung kritisieren Sie aber doch auch.
Ich habe erst in Siegen gewohnt, dann in Hamburg und jetzt in Berlin. Bis vor zehn Jahren habe ich sehr wenige vollverschleierte Frauen gesehen. Das ist heute anders. Gerade in gewissen Stadtteilen sieht man sehr viele. Das ist für mich eine Form von Islamisierung dieser Community. Ich sehe das Leid der Menschen innerhalb der Community, die sich nicht dagegen wehren können. Und nicht nur hier, zum Beispiel auch im Balkan, wo meine Familie herkommt. Die Vollverschleierung, die ich da zum Teil gesehen habe, die gab es früher nicht. Kopftücher ja, aber die haben eher die Älteren getragen. Ich war völlig geschockt. Als ich nach Skopje kam, dachte ich, ich sei mitten in Saudi-Arabien.

Also lehnen Sie das Kopftuch per se ab?
Ja, für mich ist das ein politisches Zeichen. Das hat mit Religion erstmal nichts zu tun. Auch wenn es diese paar ach so glücklichen, Kopftuch tragenden Frauen gibt. Tatsache ist, dass die Mehrheit auf der Welt sich nicht frei dafür entscheiden kann. Wenn ich als Mädchen mit den Werten aufwachse, dass ich nur etwas als Frau wert bin, wenn ich verschleiert bin, wenn ich den Mund halte, wenn ich eine Dienerin im Prinzip bin, wie frei kann ich mich dann noch entscheiden?

Bevormundet die westliche Gesellschaft Frauen nicht genauso, indem sie ihnen ein bestimmtes Schönheitsideal vorsetzt, nach dem sie sich zu richten haben?
Auf jeden Fall. Das hat mich insofern bestätigt, wenn nach einer Femen-Aktion Kommentare kamen wie „Du bist doch viel zu fett“. Das war dann der Ansporn zu erwidern: „Ich habe einen normalen Körper, ihr habt ein falsches Bild von einer richtigen Frau.“ Und wenn man sich Sendungen wie Germany‘s Next Topmodel anschaut und die Werte, die dort vermittelt werden, ist das im Prinzip nichts anderes als die Werte, mit denen muslimische Mädchen aufwachsen: Du bist als Frau nur etwas wert, wenn du diese Körpergröße, dieses Gewicht, diese Taille, diese Körbchengröße hast, wenn du schön geschminkt bist. Das ist für mich genauso inakzeptabel.

Wie heftig wurden Sie wegen Ihrer politischen Ideen angefeindet?
Man muss unterscheiden, woher die Anfeindungen kommen. Die normale deutsche Gesellschaft beschimpft mich als zu fett, zu alt, meine Brüste hängen zu tief. Die haben irgendwelche Bilder von 14-, 16-jährigen Models im Kopf. Und da habe ich immer gedacht: „Ihr vertragt keinen normalen Körper, euch zeige ich es erst recht.“ Und weil ich eben auch die Islamthemen bearbeite, kamen von der Seite Beleidigungen wie „Du Hure“, „Du Schlampe“, sogar Morddrohungen. Für mich ist das wieder eine Bestätigung, dass ich alles richtig gemacht habe. Denn genau diese Menschen wollte ich aufrütteln. Andererseits muss ich mich selbst schützen. Ich habe eine Sperre beim Einwohnermeldeamt, so dass nicht jeder meine Adresse herausfinden kann. Mein Name steht auch nicht an der Tür.

Wie halten Sie das aus?
Die Drohungen sind oft nicht lustig, da muss man wirklich schlucken. Ich kann aber auch nicht wegschauen. Ich habe das Gefühl, dass ich es tun muss. Weil ich es geschafft habe, mich aus diesem Leben zu befreien. Ich kann selbst entscheiden, ob ich ins Café gehen oder welches Buch ich lesen möchte. Dafür lohnt es sich. Wenn ich anderen da ein bisschen Mut machen kann, habe ich mit meiner Arbeit schon alles erreicht, was ich wollte. Ich weiß nicht, wie es in ein paar Jahren sein wird. Es kostet natürlich sehr viel Energie und ich habe auch Phasen, wo ich ausgebrannt und müde bin. Aber dann tankt man Kraft und es geht weiter.

Frau Ramadani, vielen Dank für das Gespräch.

Foto im Text: picture alliance

Willmann Winfried | Fr, 10. März 2017 - 13:30

Liebe Frau Ramadani , es ist schade das es nicht mehr Menschen als Sie gibt die kein Blatt vor den Mund nehmen , falls es um das ansprechen von Problemen geht bei der Integration geht , nur so kann man diese vielleicht auch lösen.! Sie sind zu schade um Menschen als Markus Lanz rede und Antwort zu stehen, dessen ausgeprägter Opportunismus keine Hilfe ist um Fakten beim Namen zu nennen. Man könnte ja mit der Redaktion anecken, sprich die Sendung verlieren. Gesundheit und Glück wünscht Ihnen W: Willmann -Freiburg

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