Ernährungsreport 2017 - Deutschland einig Fast-Food-Land

Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Im Fernsehen wird so viel gekocht wie nie, zu Hause tun es die Deutschen immer weniger. Und auch andere Zahlen aus dem aktuellen Ernährungsreport muten paradox an

Deutsche essen gern schnell und günstig
In Deutschland mag man es schnell und günstig / picture alliance

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Christian Schmidt, Bundesminister für Ernährung und  Landwirtschaft, gilt nicht gerade als Aktivposten der Bundesregierung. Sein Wirken findet meistens unterhalb des Radars einer breiteren Öffentlichkeit statt. Slapstick-Einlagen, wie der angekündigte Kampf gegen vermeintliche Verbrauchertäuschung durch vegane Schnitzel und Würstchen, ändern daran nur wenig.

Doch einmal im Jahr hat der Minister seinen ganz großen Auftritt: Denn dann stellt er in Berlin – begleitet von einem beträchtlichen Medienrummel – den jährlichen Ernährungsreport vor, der auf einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa beruht. Nun war es wieder so weit. Um salbungsvolle Worte war Schmidt bei dieser Gelegenheit nicht verlegen. Der Ernährungsreport 2017 sei „ein Spiegel unserer Gesellschaft“. Er zeige, „wie Ernährung, Einkauf und Kochen in den modernen Arbeits- und Lebensalltag integriert sind und dass Essen mehr ist als bloße Nahrungsaufnahme. Es gehört zum kulturellen und sozialen Wir-Gefühl, es steht für Heimat und Gesundheit, ebenso wie für die steigenden Erwartungen und Ansprüche an eine nachhaltige und verantwortungsbewusste Lebensmittelproduktion“, so der Bundesminister.

Die Realität sieht anders aus

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit tut sich jedoch eine Kluft auf: 87 Prozent der Befragten erwarten von der Landwirtschaft eine artgerechte Tierhaltung, sind aber keineswegs bereit, dafür auch deutlich mehr Geld auszugeben. Und auch ein weiterer „Megatrend“ spricht kaum für den viel beschworenen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln. Denn der Anteil von mehr oder weniger denaturierten Fertigprodukten an den regelmäßigen Mahlzeiten ist erneut deutlich gestiegen. Für 55 Prozent ist die schnelle Zubereitung, also auftauen oder Folie aufreißen und erhitzen, das wichtigste Kriterium der häuslichen Essensaufnahme. Zum Vergleich: Vor einem Jahr waren es noch 45 Prozent.

Und auch andere Zahlen im Report muten eher skurril an. So geben 73 Prozent der Befragten die Herkunft aus der eigenen Region als wichtiges Kaufkriterium an – was sich aber kaum mit den Einkaufsgewohnheiten deckt, denn Supermärkte und Discounter haben hier im Vergleich zu Fachgeschäften und Märkten nochmals deutlich zugelegt. Dazu kommt, dass die Kennzeichnung „regional“ nur unzureichend geschützt ist und somit der Verbrauchertäuschung Tür und Tor öffnet. Bei den meisten Produkten reicht in der Regel ein Verarbeitungs- beziehungsweise Verpackungsschritt für jenes Label. So kommt die „Milch aus der Region“ zwar aus einer mehr oder weniger nahe gelegenen Molkerei, die Milch selber hat aber nicht selten eine Tanklastertour von 500 Kilometern und mehr hinter sich. Ähnliches gilt für „regionale“ Fruchtsäfte, die ein örtlicher Mostbetrieb aus importiertem Obst herstellt. Oder auch für „regionale“ Wurst- und Schinkenspezialitäten, die aus Fleisch hergestellt wurden, das aus anderen EU-Ländern stammt. Doch eine Eindämmung des Schindluders, das mit dem Begriff „regional“ getrieben wird, ist angesichts des massiven Widerstands der Lebensmittellobby in naher Zukunft nicht zu erwarten.

61 Prozent sind Kochmuffel

Ein weiterer Trend ist laut Report die Abkehr vom häuslichen Kochen, wenn man darunter die mehrstufige Zubereitung von Mahlzeiten aus verschiedenen Grundstoffen und nicht das Erhitzen von Fertiggerichten versteht. Nur noch 39 Prozent der Deutschen kochen täglich oder fast täglich. In den beruflich besonders beanspruchten Altersgruppen sind es noch wesentlich weniger. Manche „Kochmuffel“ geben an, schlicht keine Lust zum Kochen zu haben. Doch die meisten Befragten führen mangelnde Zeit vor allem durch eine gestiegene Arbeitsbelastung ins Feld. Zwar ermöglicht die moderne Lebensmitteltechnologie heutzutage durchaus eine einigermaßen abwechslungsreiche und vollwertige Ernährung. Doch wird diese Form der Verköstigung durch Fertiggerichte von anderer Seite gerne als eine Art schleichender Selbstmord beschrieben.

Ernster nehmen sollte man hingegen einen anderen Aspekt: Mit dem allmählichen Absterben der häuslichen Speisezubereitung, beziehungsweise deren Auslagerung in die gehobene Lifestyle-Sphäre, geht auch ein Stück Tradition und Alltagskultur verloren. Zumal sich die anscheinend unermessliche Vielfalt des Angebots an Fertiglebensmitteln bei näherer Betrachtung der Essgewohnheiten eher als Verarmung entpuppt. Denn eine Tiefkühlpizza – laut dem aktuellen Report der Shootingstar unter den Convenience-Produkten – bleibt eine Tiefkühlpizza, auch wenn der Belag partiell variiert. Außerdem enthalten einige der präferierten Fertiggerichte tatsächlich bedenkliche Mengen an Zucker, Salz und Fett.

Kulinarische Parallelwelten

Aber wie bereits gesagt: Außer den kultivierten kleinen Lebenslügen in Bezug auf „artgerechte Tierhaltung“, „regionale Herkunft“ und der im EU-Vergleich signifikant geringen Bereitschaft, für Lebensmittel mehr auszugeben als unbedingt nötig, gibt es wenig Grund zu hochmütiger Schelte. Umso merkwürdiger erscheint jene mediale Parallelwelt, die sich rund um das Essen entfaltet hat. Kein TV-Tag ohne mindestens eine aufwendig produzierte Kochshow, kaum eine Zeitung oder Zeitschrift ohne einschlägige Rubriken. Dazu noch eine stetig wachsende Flut von Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zu Koch- und Ernährungsthemen, sowie unzählige teilweise sehr stark frequentierte Blogs und YouTube-Kanäle. Nicht zu vergessen jene zuweilen penetranten, fast sektenartig auftretenden Protagonisten einer „gesunden und umweltgerechten“ Lebensweise, die besonders in den urbanen Mittelschichten gut verankert sind. So gibt es derzeit im Berliner Szenebezirk Friedrichshain-Kreuzberg ein durchaus Erfolg versprechendes Volksbegehren, mit dem alle öffentlichen Kantinen an Schulen und in Behörden verpflichtet werden sollen, täglich ein veganes Gericht anzubieten.

Im Ernährungsreport des Ministers ist dies wohl zu Recht kein Thema. Grundlegende Fragen einer ökologisch, ökonomisch und sozial verträglichen Land- und Lebensmittelwirtschaft sind es allerdings auch nicht. Vielleicht wäre schon damit geholfen, dass man mehr kocht, statt ständig darüber zu reden. Ob ein ministerieller Blick in die Einkaufskörbe, Kochtöpfe oder Mikrowellen der Bürger dabei hilft, darf bezweifelt werden.

Christa Wallau | Do, 5. Januar 2017 - 17:48

Wie kann man annehmen, daß "Otto Normalbürger" und sein weibliches Pendant, die einer 8-stündigen beruflichen Arbeit nachgehen, noch genügend Zeit dafür hätten, regelmäßig zu kochen. Die meiste Zeit des Tages, die zur freien Verfügung steht, ist doch besetzt durch die Beschäftigung mit Medien: PC, Smartphone, TV. Außerdem gehören heutzutage jede Menge Stunden der Körper- und Imagepflege. Hausarbeit erledigen und schlafen müssen die Menschen auch immer noch.
Es ist also fast zwangsläufig so, daß Kochen dabei hintenrunter fällt. Jede Menge an Restaurants, Imbißstuben und -buden und eine Fülle von Fertigprodukten in den Läden bieten ja schließlich Ersatz dafür an. Selber-Kochen wird immer mehr zur Hobby- und Luxusbeschäftigung werden, zu etwas Besonderem. Nur Menschen mit ausgeprägtem Sinn für ein eigenständiges Leben (und entspr. Geldbeutel) dürftem dem Kochen u. der bewußten Auswahl von Lebensmitteln in Zukunft noch regelmäßig die Stange halten. Auch hier zerfällt die Gesellschaft..

Liebe Frau Wallau, kurz und gut zusammengefasst. Aber leider noch nicht vollständig, denn andere (nicht zu vernachlässigende) Aspekte fehlen:
- Wo lerne ich das Kochen, wenn es zu Hause und in der Schule nicht mehr angeboten wird?
- Wer will schon für eine Person den Aufwand des Kochens betreiben?
- Welcher alleinerziehende Elternteil hat neben dem - der politischen correctness folgend - anzustrebenden Fulltimejob (mit Karriereambition), dem Haushalt und der notwendigen Kinderbetreuung.- außerhalb der Kita-Zeiten - noch die Muße zum Kochen?
- Wo lerne ich zu Hause beim Kochen einen netten und attraktiven Partner kennen? Dafür ist doch das Fitnessstudio viel geeigneter als der Herd.

Wolfgang Tröbner | Fr, 6. Januar 2017 - 12:07

In reply to by Hans Jürgen Wienroth

Kochen ist häufig nicht so schwer (wenn man nicht gerade ein Dreisterne-Menü anstrebt). Kochen kann man sich -zumindest teilweise- auch selber beibringen. Es gibt gerade im Internet jede Menge Rezepte, Videos etc., die zeigen und erklären, wie Kochen geht. Dazu braucht man keine Schule. Und wenn man das Kochen nutzen will, um "einen netten und attraktiven Partner" kennenzulernen, es gibt jede Menge Kochkurse, die mittlerweile sogar schon von Möbelhäusern oder Küchenstudios angeboten werden. Wir haben innerhalb der Familie übrigens schon Gutscheine für Kochkurse verschenkt!

Und was den Aufwand für das Kochen betrifft, so kann man den auch in Grenzen halten. Bei sehr vielen Gerichten kann man größere Mengen zubereiten und alles, was den Umfang einer Mahlzeit überschreitet, einfach einfrieren.

Where there’s a will, there’s a way.

ingrid dietz | Do, 5. Januar 2017 - 23:47

dass mir vom "zusehen" schon der Appetit vergeht !

Aber richtig, der Tag hat nur 24 Std, d.h. 9 Std. Büro incl. Pausen, 1,5 Std. Std. tägliche An- und Abfahrt, einkaufen, wäsche machen, aufräumen, Hausaufgaben nachkontrollieren, mit Kindern - wenn möglich - noch 1 Std. etwas unternehmen -
und jetzt noch kochen, abräumen, spülen .............
Puuuh - ich bin nur noch müde ........

Jürgen Althoff | Fr, 6. Januar 2017 - 00:41

Kann man denn im Ernst erwarten, dass in der ständig wachsenden Zahl von Single-Haushalten täglich gekocht wird? Welche Vorstellungen haben denn der Herr Minister und Güllner-Forsa vom Tageslauf berufstätiger Singles?
Vermutlich ebenso wirklichkeitsfremde wie von Rentnerhaushalten. In meinem 2 Personen-Ü70- Haushalt wird nur an Wochenenden und Feiertagen und bei Besuch gekocht. So wollen wir das, und das geht weder die Bundesregierung noch sonstwen etwas an.

Robert Müller | Fr, 6. Januar 2017 - 04:27

Ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben, dass Kochshows sehr billig zu produzieren sind. Bei mäßigem Interesse gibt das deshalb eine satte Rendite für die Sender. Wobei ich nicht sicher bin, dass es die Sender sind, die da verdienen, möglicherweise sind es die Produzenten. Zum Thema selber möchte ich sagen, dass Frostware imho eine gute Qualität hat, vielleicht sogar besser als ewig rumgelegene "Frischware". Warum also nicht? Schwierig ist hingegen, dass die Fertiggerichte oft in einer Weise zusammen gemischt sind, die ich so nicht möchte. Da wird es schon mühsam aus einzelnen, unvermischten Frostwaren die eigene, gewünschte Mischung sich selbst zuzubereiten. Vielleicht ist das ja das neue "kochen"?

Albert Schabert | Fr, 6. Januar 2017 - 07:40

vorallem wirtschaftliches Interesse.Wenige schauen auf die Inhaltsstoffe,der Preis spielt eine untergeordnete Rolle.Ich vergleiche seit langem den Verkaufspreis mit dem von einem Kilo Schweinefleisch.Dabei ist mir besonders aufgefallen,daß ein Kilo Kartoffelchips zweimal soviel kosten,wie ein Kilo Schweiefleisch.Das wird garnicht wahrgenommen.Hauptsache ist die schöne Verpackung.Wobei wir beim Müll wären. Von Erzeugung über Herstellung, Geschmacksverstärker alles nur billiger Müll,aber teuer verkauft.Zitat von ?? Wer satt ist,denkt nicht an seine Wurzeln.

Karsten Paulsen | Fr, 6. Januar 2017 - 09:02

Eine sehr gute Alternative zu den abgedrehten Koch Sendungen und exotischen Kochbüchern ist das seit Jahrzehnten konstante Kochbuch "Das elektrische Kochen". Herausgeber ist inzwischen die EWE. Hier werden Grundlagen der deutschen Küche vermittelt. Zum Auszug haben wir unseren Kinder jeweils ein Exemplar mitgegeben.

Marianne U. Bhatia | Fr, 6. Januar 2017 - 14:20

Sehr Leserinnen und Leser,

Wenn wir doch alle endlich verstehen würden das nicht Fabriken und Hersteller die Umwelt belasten
sonder wir alle. Die Herstellung von Nahrungsmitteln, egal welcher Art, belastet unsere Welt, egal in welchem Teil der Erde.
Aber wir in den reichen Laender konsumieren was das Zeug haelt, von allem viel zu viel. Maßhalten
In Allem wäre evtl ein Loesungsansatz, aber dann
floriert die Weltwirtschaft nicht und was dann?
Weniger essen ist also nicht nur gut für die Figur
und Gesundheit sonder da fängt schon der
So viel beklagte Umweltschutz an.
In diesem Sinne
M.U.B.

Günter Schaumburg | Fr, 6. Januar 2017 - 14:32

Welch ein wunschlos glückliches Land muss es sein, das sich mit solchen Problemen beschäftigt.

Martina Rothe | Fr, 6. Januar 2017 - 15:41

tue ich immer.Auch nach 12 Stunden außer Haus.Am Wochenende wird der Einkaufszettel geschrieben,denn ich gehe nur einmal die Woche einkaufen.Es gibt so viele Gerichte,die für die Zubereitung minimale Zeit in Anspruch nehmen.Als Beispiel gebe ich noch meine Tochter.4 Kinder,
Vollzeitjob und trotzdem immer frisch gekocht.Das Leben ist doch nicht stressiger geworden,aber es ist einfacher durch das Fast Food Angebot.Ich kaufe auch mal einen Dürum,kann ich aber an einer Hand abzählen,für ein Jahr.Traut Euch einfach,das Internet ist voller super Rezepte.

SigismundRuestig | Sa, 7. Januar 2017 - 14:31

Ernährungsmythen, mal musikalisch aufbereitet:

"Ich esse gerne histaminfrei.
Ich esse gerne glutenfrei.
Ich esse gerne glocosefrei.
Dazu schmeckt mir Apfelbrei. ...
Die einen fressen kein Schwein,
die anderen aber Hund.
Die einen fressen keine Eier,
die anderen Fast Food Schund...."

http://youtu.be/gybG1k4-sO4

Viel Spaß beim Zuhören und: lassen Sie sich das Essen und Trinken nicht vermiesen!
Mein Tip: Essen und trinken Sie so, dass Sie gesund bleiben!

Jürgen Althoff | So, 8. Januar 2017 - 00:34

Übrigens hat sich der böse - gottseibeuns - Sarrazin schon in seiner Zeit als Berliner Finanzsenator gemeinsam mit seiner Ehefrau - damals noch als Lehrerin tätig - einem Selbstversuch unterzogen und vier Wochen lang täglich nur soviel für Lebensmittel ausgegeben wie einem Hartz IV-Bezieher zusteht.
Ergebnis: man kann sich abwechslungsreich und ausreichend ernähren - wenn man selbst einkauft und selbst kocht. Das hat ihm damals eingebracht, was mittlerweile als Shitstorm üblich ist.

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