Serdar Somuncu über „Mein Kampf" - „Das ist eine verlogene Debatte“

Als Comedian hat er jahrelang aus „Mein Kampf" vorgetragen. Über den Führer-Overkill, Hitler als frühen Plagiator und die unreife Auseinandersetzung mit dem Nazi-Erbe

(picture alliance) Serdar Somuncu ist ausgebildeter Schauspieler

Derzeit wird darüber diskutiert, ob „Mein Kampf“ regulär veröffentlicht werden soll. Ganz ehrlich, haben Sie vom Verbot nicht ganz schön profitiert?
Naja. Das kann man nur bedingt sagen. Ich habe 1996 nicht aus „Mein Kampf“ vorgelesen, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder Geld zu machen. Das Projekt war erfolgreich, weil ich es offensichtlich gut gemacht habe und glaubwürdig dabei war. Das Verbotene hat mich nie gereizt.

Aber es hat Sie erst einmal bekannt gemacht: Ein Türke liest aus „Mein Kampf“.
Die Aufmerksamkeit war da, weil Medien  immer die Hoffnung haben, dass Dinge reißerisch aufbereitet werden können. 

Welche Rolle spielt der Mythos des Verbotenen im Umgang mit „Mein Kampf“?
Schon die Tatsache, dass man es in Deutschland noch immer nicht kaufen kann, ist ein Indikator für den unreifen Umgang, den wir mit den Hinterlassenschaften der nationalsozialistischen Zeit haben. „Mein Kampf“ ist immer noch Tabu. Vielleicht deshalb verspüren manche eine fragwürdige Form von Erregung, sobald der Name Hitler ins Spiel kommet.

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Was meinen Sie damit?
Es gibt eine Erregung im doppelten Sinne: Manche spüren den gewissen Kick, wenn sie ins Kino gehen, wenn sie Bücher lesen über Hitler oder sich reißerische Dokumentationen über sein Privatleben ansehen. Es entsteht eine Faszination des Grauens. Erregung bedeutet aber auch, dass Hitler die Gemüter erregt. Schnell kommt auch die Abscheu zum Vorschein. 

Hat diese Erregung auch Sie dazu geführt, dass Sie aus „Mein Kampf“ vorgelesen haben?
Nein. Ich habe mich auch vorher schon mit diesem Thema beschäftigt. Vor der „Mein Kampf“ Lesung habe ich „Arturo Ui“ von Bertold Brecht inszeniert. Ein Zuschauer hat mich dann darauf hingewiesen, dass Helmut Qualtinger in den 70ern schon einmal aus „Mein Kampf“ vorgelesen hat. Zunächst fand ich das wenig spannend und wollte es auch nicht als Bühnenprogramm machen. Im Gegensatz zu Qualtinger habe ich jedoch versucht, stärker den wissenschaftlichen Hintergrund zu beleuchten, das hat mich gereizt.

Insgesamt 1428 Vorstellungen haben Sie gemacht. Haben sich die Reaktionen über die Jahre verändert?
Am Anfang hat es viel Aufregung gegeben: Vor allem Antifa und Presse saßen im Publikum. Die Antifa wollte die Lesung verhindern, weil sie darin rechtsradikale Propaganda sah und die Presseleute wollten schauen, ob es Krawall gibt. Ich habe dieses Programm sehr lange gemacht. Die Reaktion wurde zunehmend positiver: Als das Feuilleton anfing, mich in den Himmel zu heben, war es mir zu nett. Ich musste kaum was sagen und schon haben die Leute Standing Ovations geklatscht. Das wurde mir zu viel. Ich mag’s auch, wenn man um die Anerkennung der Leute kämpfen muss.

Sie haben mir und den meisten etwas voraus: Sie haben „Mein Kampf“ mal von vorne bis hinten gelesen.
Ich habe es mehrfach gelesen.

Seite 2: Hitlers literarische Qualitäten

Wie schätzen Sie die literarischen Qualitäten Adolf Hitlers ein?
Das ist eine sehr einfache Frage, auf die ich nur eine komplexe Antwort geben kann. Es ist sehr viel darüber geschrieben worden und es braucht mehrere Stufen der Auseinandersetzung, um zu wissen, was an Mein Kampf tatsächlich stilistische Fehler waren oder was bewusst im Text gelassen wurde um den Eindruck einer gesprochenen Rede zu verstärken. Hitler verstand sich als Redner, nicht als Autor, daher sollte der Redecharakter beim Text erhalten bleiben. Wenn zum Beispiel ständig Füllworte gebraucht werden, wie z.B. „Ja, ja“ oder „nein, nein“, ist das eine bewusste Entscheidung des Verlages gewesen es so zu veröffentlichen. Trotzdem gab es über die Jahre mehrfach Änderungen am Text. Zum Beispiel ist in den ersten Auflagen noch die Rede von einer ‚parlamentarischen Demokratie‘, während daraus später die ‚germanische Demokratie‘ wurde. Hitler war also sicher kein schlechter Autor. Und es war auch nicht bloß wirres Zeug was er geschrieben hat. Allerdings sind große Teile des Textes auch geklaut.

Ach was, Hitler war Plagiator?
Ja, er hat Teile aus Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“ übernommen, es sind sozialdarwinistische Thesen enthalten, sowie Clausewitzsche Kriegstheorien.

Sollte man das Buch lesen?
Das weiß ich nicht. Es führt zu nichts, wenn man es einfach nur liest, ohne zu verstehen worum es geht. dafür ist es auch zu komplex. Wer Nazi-Ideologien lesen will, braucht nicht „Mein Kampf“. Da reicht auch die Nationalzeitung. Entscheidend aus wissenschaftlicher Sicht ist aber, dass die verheerende Ideologie der Nazis schon lange vor der Machtergreifung angekündigt worden ist. Das wissen viele nicht. Schon früh stand fest, dass Hitler die Vernichtung der Juden plant. Man hätte also wissen können wohin die Reise geht.

Sie tragen all das durchaus humoristisch vor. Viele lachen bei Lesungen. Mussten Sie Hitler lustig machen oder ist es schon beim Lesen unterhaltsam?
Es hat aberwitzige Stellen zuhauf in diesem Buch, man muss nichts lustig machen. Aber sie nur lustig vorzutragen, um Hitler der Lächerlichkeit preis zu geben, wäre falsch und das ist mir auch zu billig. Dieser Fehler ist auch Hitlers damaligen Kritikern, wie z.B. der alliierten Presse unterlaufen: Insbesondere die Engländer haben Hitlers Ideologie in einem kabarettistischen Kontext vorgeführt und dabei vollkommen die inhaltliche Auseinandersetzung vergessen. Man hätte durch eine analytische Auseinandersetzung sicher auch den Widerstand in Deutschland unterstützen können.

Wieso sollte man Hitler nicht verulken? Das wird doch gerne als beste Waffe gegen Nazis dargestellt…
Darauf wurde meine Arbeit ja oft reduziert: Die einzige und beste Waffe sei es, ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Das halte ich für falsch. Ich bin der Meinung, dass es beide Seiten braucht: Sowohl das Ziel verdeutlichen, das Hitler verfolgt hat, das ist die Vernichtung der Juden, der Kampf um Lebensraum für die deutsche Rasse, aber auch die Banalität und Verquertheit ihres ideologischen Ursprungs. Letzteres kann auch lustig sein, aber erst wenn man beides  zusammenbringt, ergibt sich ein ganzes Bild.

Haben Sie eigentlich eine Lieblingsstelle in „Mein Kampf“?
(Zitiert sofort frei:) „Man hat Deutschland nicht gesehen, wenn man München nicht kennt. Man kennt vor allem die deutsche Kunst nicht, wenn man München nicht gesehen hat.“  Oder auch: „Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zu Störchen, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus.“ Und so weiter… „Es wird aber nie ein Fuchs zu finden sein, der seiner inneren Gesinnung nach etwa humane Anwandlungen gegenüber Gänsen haben könnte“. Unglaublich schwachsinnig, oder?  Und das sind nur einige „Highlights“, die „Mein Kampf“ enthält.

Seite 3: Lieber Buschkowskys Buch verbieten

Sie können es immer noch auswendig.
Ich kann große Passagen von „Mein Kampf“ auswendig, das hilft mir sehr. Gerade in den politischen Debatten heutiger Tage. Sie können sich vorstellen, wie oft ich Fragmente von „Mein Kampf“ zitiere, ohne dass jemand es merkt und von wem ich manchmal dafür Zustimmung ernte.

Bei Ihren Lesungen haben Sie den typischen Hitler-Tonfall persifliert. Ist Ihnen das eigentlich leicht gefallen?
Achja, das fällt jedem mäßig begabten Schauspieler leicht.

Inzwischen spielen viele Ihrer Kollegen den „Führer“. Haben Sie einen Favoriten?
Nein. Irgendwann habe ich mir das auch nicht mehr angetan. Ich finde, dass es einen Overkill gab, dass zu viele auf dieser Hitler-Welle geritten sind. Helge Schneider habe ich in „Mein Führer“ gesehen, das war leider ziemlich traurig, weil es eine reine Ulknummer war und damit eine vertane Chance. Bruno Ganz in „Der Untergang“ war eine Katastrophe, weil die Identifikation auf Hitler aus der Sicht seiner Sekräterin eine masslose Verharmlosung des Leids der Opfer darstellt. 

Wieso?
In jeder Auseinandersetzung mit Hitler muss klar sein, von wo aus ich ihn betrachte. Wenn ich das verwische und gleichzeitig tarne unter dem Deckmantel der nach Innovation suchenden künstlerischen Auseinandersetzung, spiele ich Leuten in die Hände, die das ausnutzen können für ihre Selbstbestätigung.

Ist die Zeit der Hitler-Filme vorbei?
Nein, ich denke, die Zeit ist noch gar nicht gekommen. Die Auseinandersetzung, die zum Beispiel in „Der Untergang“ stattgefunden hat, war sehr verfänglich. Es ging darum zu zeigen, was das Menschliche an Hitler war, dabei konnte man sich bestens an der  dramatischen Inszenierung  seiner letzten Tage und Stunden erfreuen, aber es wurden die dramatischen Auswirkung auf seine Opfer außer Acht gelassen. Man ging aus dem Kino und dachte: „Schade, dass der Hitler sich am Ende umgebracht hat“, statt zu denken, „Was haben die eigentlich angestellt dass sie soweit kommen mussten in dieser ausweglosen Lage zu sein?“ Ich glaube, wir sind in der Schuld-Bewältigungsdebatte immer noch nicht dort angekommen wo wir sein könnten. Auch der seltsame Umgang mit „Mein Kampf“ macht das deutlich. Die Deutschen fallen nach wie vor lieber in die Opferrolle, als die Täterschaft der Nazidiktatur bedingungslos zu akzeptieren und als Teil ihrer Verantwortung im Hier und Jetzt anzunehmen.

2015 läuft das Urheberrecht für „Mein Kampf“ aus - sollte es dann frei gegeben werden?
Das ist eine verlogene Debatte. Das Buch ist schon längst freigegeben. Es ist überall erhältlich, man kann es im Internet bestellen und das in allen Sprachen der Welt. Ganz offiziell erlaubt es Hitlers Nachlassverwalter, der bayrische Finanzminister Söder, sogar diversen  Verlagen, das Buch rauszubringen. Nur im Inland tut er so, als sei er der Hüter des Gewissens.

Also Schluss mit dem Verbot?
Ja, verkauft Hitler ruhig. Das ist mir egal. Ich wäre dafür, dass man die Bücher von Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin verbietet, die sind heute viel gefährlicher als „Mein Kampf“.

Herr Somuncu, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Timo Steppat.

Serdar Somuncu liest aus "Mein Kampf" - hören Sie sich hier den Ausschnitt zur "Judenfrage" an.

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