Forsa-Chef zur Anti-Euro-Partei - „Ich sehe kein Wählerpotential”

Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, kann nicht erkennen, woher die neue Partei „Alternative für Deutschland” ihre Wähler rekrutieren sollte. Für ihn mangelt es den Neuen an allem: charismatischen Personen, sozialen Themen und Lösungskompetenz

Forsa-Chef zur Alternative für Deutschland
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Lisa Schneider studierte Politik-, Medien- und Sozialwissenschaften in Düsseldorf und Prag.

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Herr Güllner, die zyprischen Sparer sollen mit ihren Einlagen den Eigenanteil Zyperns zur Schuldentragfähigkeit des Landes sicherstellen. Wie sehr verunsichert das auch deutsche Sparer und damit Wähler?
Die Details, die derzeit in Hinblick auf Zypern diskutiert werden, führen hier nicht zu einer Verunsicherung. Generell schaut bei der Eurokrise kaum jemand noch richtig durch, zumal auch die Experten jedweder Couleur sich nicht einig sind was die Eurokrise eigentlich ist und wie man sich verhalten sollte. Von der Kanzlerin aber glauben die Menschen, dass sie sich darum kümmert, dass diese abstrakte Gefährdung nicht auf den Alltag der Menschen durchschlägt. Das bedingt die augenblicklich hohe Popularität von Merkel.

Der Glaube an Merkels Versprechen, dass das Ersparte der Deutschen sicher ist, hält an?
Die Deutschen haben eine Ur-Angst, dass die Geldwertstabilität gefährdet werden könnte. Aber die Eurokrise wird genau wie die Bankenkrise zuvor nicht Merkel oder der deutschen Politik angelastet.

Die Anzahl der Euro-Skeptiker scheint aber angewachsen zu sein…
Der Euro ist nie beliebt gewesen, obwohl die Deutschen immer europafreundlich gewesen sind. Vor der Einführung war die Aversion gegen den Euro viel größer als jetzt. Heute hat man sich damit arrangiert. Es ist also nicht so, dass die Deutschen den Euro unbedingt wieder loswerden wollten.

Hieße das, dass die Alternative für Deutschland mit ihrer Forderung, aus dem Euro auszutreten, nicht die öffentliche Meinung repräsentiert?
Sicherlich gibt es einige, die mit einem Austritt liebäugeln, aber damit kann man keine Wahlen gewinnen. Das ist ja nur ein einziges Thema und auch die, die jetzt Euro-kritisch sind, erwarten von einer Partei, dass sie sich um die Arbeitsmarktlage kümmert, um die sozialen Sicherungssysteme, um die Bildungsangebote oder die Gesundheitsversorgung. Eine Ein-Themen-Partei hat in Deutschland kaum eine Chance.

Die Alternative hat bereits angekündigt, dass sie keine Ein-Themen-Partei bleiben wird: Das Asylrecht solle auf „ernsthaft politisch Verfolgte“ eingeschränkt werden und „Banken, Hedgefonds und private Großanleger sollen für ihre Verluste selbst geradestehen“. Fischen die Neuen gezielt in trüben Randgewässern?
Es gibt ein latentes Potential für Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus in Deutschland  - so wie in anderen westlichen Ländern auch. Aber für die Alternative für Deutschland sehe ich kein Wählerpotential. Die Unzufriedenen reagieren noch nicht mit radikalem Wahlverhalten, sondern bleiben schlicht zuhause.

Ein Drittel der Wähler soll im September nicht zur Wahlurne gehen wollen…
Das ist die Anzahl an Nichtwählern, die wir auch bei der letzten Bundestagswahl 2009 hatten. Da lag die Wahlbeteiligung bei 70,8 %. So wie es im Augenblick aussieht, wird sich das auch dieses Jahr in der Größenordnung bewegen.

Seite 2: Wer könnte Die Alternative wählen?

Wie setzt sich dieses Drittel zusammen?
Das sind jedenfalls keine mit dem System Zufriedenen. In akademischen Kreisen wird von manchen behauptet, das sei eine Apathie aus Zufriedenheit heraus. Dass das nicht stimmt, haben wir gerade in zwei Erhebungen gezeigt. Wir stellten einen Unmut fest unter denen, die dazu tendieren, nicht zur Wahl zu gehen. Dabei ist interessant, dass sich viele Nichtwähler als Wähler in Urlaub bezeichnen. Sie möchten eigentlich gerne wählen und sind enttäuscht von der Art und Weise, wie viele der politischen Akteure Politik betreiben. Dadurch ist eine Entfremdung zur Politik entstanden. Die Bürger haben das Gefühl hat, dass die Politik nicht mehr genau hinhört und -guckt und die Sorgen der Bevölkerung nicht kennt. Aber diese Sorgen bestehen nicht nur aus den Sorgen um den Euro, das ist eine ganze Palette von Themen.

Die Alternative hat sich inzwischen auch auf andere Themen gestürzt, vornehmlich populistische. Könnten sie damit nicht Unentschlossene aufmüden?
Ich glaube, dass man ihnen keine Lösungskompetenz zumutet, weil es keine charismatischen Personen in den Reihen der Alternativen gibt. Wenn jetzt ein deutscher Jörg Haider auftauchen würde, bestünde die Gefahr, dass sich dieser latente Rechtspopulismus in Stimmen manifestiert. Aber das sehe ich im Augenblick nicht.

Was verwunderlich ist, weil viele der Alternative-Unterstützer Ökonomen sind, also sehr wohl Sachverstand aufweisen können.
Aber die Menschen haben zu schlechte Erfahrungen gemacht mit so genannten ökonomischen Experten, die die Eurokrise nicht erklären konnten und können. Insofern denke ich, wenn man schon den etablierten Politiker keinen Glauben schenkt, dann erst recht nicht dieser neuen Alternative.

Sie meinen, der Alternative für Deutschland fehlt es an Personen, Themen und Kompetenz?
Vor allem an Kompetenz. Sie haben bisher nicht bewiesen, dass sie das, was sie anprangern, auch lösen können. Merkel hingegen gibt den Menschen das Gefühl, sie kümmert sich,  spricht mit den großen Männern dieser Welt und setzt sich durch. Das honorieren die Menschen. Das ist das Prinzip von 2008, als sie sagte, wir retten die Finanzindustrie nicht für die Banken, wir tun das für die Menschen. Das macht die Menschen glücklich. Merkel verfügt deshalb über ein generell großes Zutrauen.

Wenn die Alternative im September keine große Rolle spielen sollte, werden die etablierten Parteien die Stimmen unter sich aufteilen oder wird es andere Splitterparteien geben?
Nachdem die Piraten sich selbst um ihre Chancen gebracht habe, weil ihre Repräsentanten „Exoten” sind, ihre potentiellen Wähler jedoch eher „normale” Bürger, sehe ich keine großen Chancen für Splitterparteien.

Danke Ihnen, Herr Güllner.

Das Gespräch führte Lisa Schneider.

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