Alle gegen eine

Der legendäre „Andenpakt“ ist der mächtigste Geheimbund der deutschen Politik. Im Verborgenen planen Roland Koch, Christian Wulff, Friedrich Merz und weitere einflussreiche Unionisten die Zukunft des Landes. Angela Merkel ist nicht dabei.

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Jeder Junge träumt davon, einmal eine Bande zu gründen, eine geheime Bruderschaft, die für das Gute streitet und das Böse bekämpft, so wie Robin Hood, die Musketiere oder die Glorreichen Sieben. Mit Hilfe einer Flasche zollfreien Whiskys der Marke „Chivas Regal“ müssen sich die zwölf jungen Männer auf jenem Nachtflug VA 930 von Caracas nach Santiago de Chile in eine eben solche romantisch-revolutionäre Halbstarkenstimmung gesteigert haben. Damals, im Juli 1979, beschlossen sie, eine Bande zu gründen. Manche von ihnen mögen daran gedacht haben, wie Winnetou und Old Shatterhand ihre Freundschaft mit Blut zu besiegeln, andere waren ausgelassen, manche auch einfach nur sauer auf den Delegationsleiter Matthias Wissmann. Aber keiner von ihnen ahnte, dass an diesem eher juxigen Abend der mächtigste Geheimbund der deutschen Politik entstehen würde. Die kraftstrotzenden Burschen, unter ihnen Volker „Buffi“ Bouffier, Franz Josef Jung, Matthias Wissmann, Bernd Sumbel, Claus Vogt und Bernd „Hucki“ Huck, den sie heute „Lord Huck“ nennen, weil er sich so schick kleidet, sind Repräsentanten der Jungen Union, in diesen Jahren eher eine schützenswerte Minderheit. Der testosterongeladene Haufen, großkragigen Hemden mit psychedelischen Mustern nicht abgeneigt, übt das Benehmen auf internationalem Parkett. Die Jugendorganisation der CDU ist in Wirklichkeit ja ein Reiseunternehmen mit starker Vergnügungskomponente. Wie schon öfter sind die jungen Herren zu einem Auslandstrip aufgebrochen, diesmal nach Südamerika. Da sind die meisten von ihnen noch nicht gewesen. Konservative Parteien auf der ganzen Welt schicken ihre Talente bis heute zum internationalen Austausch, der Nachwuchs soll sich schon mal kennen lernen, für später. Zur Kostendämpfung fanden die Gruppen schon damals immer Sponsoren. Die touristisch kompetente Konrad-Adenauer-Stiftung besorgte die Termine, einige schöne, bisweilen aber auch anstrengende, wie etwa die mit deutschen Emigranten. Die zuweilen ins Schnöselige abgleitende Reisegesellschaft in ihren bemitleidenswert schlecht sitzenden Anzügen wurde meist unangemessen prunkvoll hofiert. Auf hochflorigen Teppichen, in feinen Hotels und vor erlesenen Leckereien durften sie schon mal vorfühlen, wie es sein würde, wenn sie es endlich zu den Großen gebracht haben würden. Das Kalkül der Gastgeber in aller Welt war ebenso klar. Sie hofften, dass sich in der jungkonservativen Spaßfraktion der künftige Bundeskanzler befände. Einer von ihnen trat schon so auf. Delegationsleiter Matthias Wissmann, den sie den „Kanzler von Legoland“ nannten, weil er seine beträchtlichen Karrierepläne nicht einmal versuchte zu verbergen und sich dauernd in staatsmännische Pose begab. Der Hochambitionierte hatte die Tour mit akribischer Hektik geplant. Wissmann wollte Führungskraft beweisen. Dass die jungen Männer gern einen Blick auf die Mädchen an der Copacabana geworfen hätten, ignorierte er. Wissmann wollte möglichst viele Empfänge absolvieren. Von früh bis spät hetzte er die Truppe durchs minutiöse Programm, für die Schönheiten des Landes blieb keine Zeit. Auf jenem Nachtflug, knapp über den Gipfeln der Anden, entlud sich der Zorn auf die schwäbische Spaßbremse. Die Aufständischen kritzelten auf ein Stück Papier der Fluglinie Viasa eine Resolution. Das Gründungsdokument ihrer Jungenbande. Sie waren die Guten, Wissmann der Böse. „Die Lage ist ernst“, begann das Manifest, „in Sorge um die hochkarätig besetzte Delegation und zum Schutze der Gesundheit schließen wir uns hiermit zum Pacto Andino Segundo zusammen.“ Zentrale Botschaft: „Mehr Ambiente in der Politik“. Die Gruppe war gnädig, auch Wissmann durfte mitmachen. Der Andenpakt war geschlossen. Er sollte Deutschlands Geschicke viele Jahre später mitbestimmen. Segundo, „Zweiter“, nannte sich die Gruppe übrigens, weil es einen ersten Andenpakt schon gab. Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien und Peru hatten sich zehn Jahre zuvor, 1969, mit dem Abkommen von Cartagena zur „Comunidad Andina“, zusammengeschlossen. Dieser, echte, Andenpakt, galt als eines der wichtigsten lateinamerikanischen Staatenbündnisse. Von der Gründungnacht bis heute macht Lord Huck den Schriftführer und Generalsekretär, er führt auch das Pakt-Konto bei der Deutschen Bank in Braunschweig. Die Gründungsurkunde hat der Wirtschaftsanwalt sorgfältig weggesperrt. Wie alle Paktierer versucht er stets, die Bedeutung der Runde herunterzuspielen. „Das war doch nur ein Witz damals“, sagt er. Jahrzehntelang hat es der General geschafft, den Verein ganz geheim zu halten. Die Jahrestreffen im Ausland wurden so vertraulich organisiert, dass sie sich nicht einmal in den Terminkalendern der beteiligten Herren wieder fanden. In den ersten Jahren wurde noch auf eigens gedrucktem Pacto-Andino-Papier eingeladen, aber das ist lange verbraucht. Sogar einen eigenen Code gibt es, eine Geheimsprache, wie in jeder guten Bande. Auf der Tagesordnung steht immer nur „Interna“. Die Sitzungen werden mit dem historischen Satz „Die Lage ist ernst“ eröffnet. Einmal im Jahr macht sich die Runde auf zu einem netten Wochenende, „Maßnahme“ genannt, mal nach Taiwan, Südafrika oder Israel. Europas Hauptstädte hat die Reisegruppe Huck nahezu durch. Die Partnerinnen, soweit vorhanden, dürfen auch dabei sein. Neuaufnahmen erfolgen dagegen selten, brauchen eine lange Anwärmzeit und gute Bürgen. „Das ist immer wie ein Klassentreffen“, sagt einer von ihnen, „ganz harmlos.“ Das Grinsen ist durchs Telefon zu hören. Die Paktierer mopsen sich, wenn sie für ein lustreisendes Herrenkränzchen gehalten werden. Das hieße jedoch, die Schläue und Treue der Mitglieder zu unterschätzen. Alle wissen, dass eine verlässliche Runde im Misstrauens- und Dolchstoßgeschäft von unschätzbarem Wert ist, zumal wenn sie seit einem Vierteljahrhundert hält. Solche Freundschaften sind rar in der Politik, die muss man pflegen. Schon deswegen, weil hier deutlich mehr Disziplin herrscht als im verquatschten Berlin. Auch oder gerade weil es keinen geschriebenen Kodex gibt, befolgen die meisten Mitglieder meistens die ungeschriebenen Regeln. Bis heute halten sie sich etwa an den damals getanen Schwur, sich gegenseitig nicht anzugreifen und auch nicht gegeneinander zu kandidieren. So werden Kontrahenten gezwungen, sich schon vor Gremiensitzungen zu einigen, um hässliche Kampfkandidaturen zu vermeiden. Natürlich gibt es Sieger, aber zumindest keine dramatischen Verlierer. Münteferings Nahles-Desaster wäre mit einem Andenpakt jedenfalls nicht passiert. Sollte es eines Tages allerdings so weit kommen, dass für mehr als einen der Paktierer das Kanzleramt in Griffweite gerät, wird die Loyalität erstmals unter Extrembedingungen getestet – Ausgang ungewiss. Der Pacto Andino ist in seiner beeindruckenden Ansammlung prominenter und erfolgreicher Politiker konkurrenzlos (siehe Kasten). Denn mit den Jahren wuchs die Zahl und Bedeutung der Paktbrüder auf Bundesregierungsstärke: Die Ministerpräsidenten Christian Wulff, Roland Koch, Peter Müller, Günther Oettinger, Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust, der designierte Minister Franz Josef Jung, die Ex-Minister Volker Bouffier und Matthias Wissmann, die Großparlamentarier Friedrich Merz, Elmar Brok, Friedbert Pflüger, Joachim Herrmann von der CSU, die Schöngeister Wulf Schönbohm und Christoph Böhr, der Privatfernseh-Mann Jürgen Doetz, Anwalt Bernd Huck und der bodenständige Bremer Kommunalpolitiker und Kaufmann Bernd Sumbel, der Versicherer Claus Vogt, die Sparkassen-Größe Heinrich Haasis. Ökonomisch hilfreich war von Anfang an der weltweit buddelnde Torfmogul Helmut Aurenz, den Wissmann aus seinem Heimatwahlkreis Ludwigsburg kannte. Der reiche Unternehmer spendierte schon mal was, „besonders dem Wulff, der hatte ja am wenigsten Geld von allen“. Auf seinem Heidehof in Lührsbockel kamen die Andenpaktler nach ihrer Südamerika-Reise erstmals wieder zusammen. Aurenz spendierte auch ein Wochenende in einem feinen Hotel in Isny im Allgäu. Da konnten die Jungs üben, wie es ist, mondän zu sein. Bis heute sind sie um die 20, fast alle haben Karriere gemacht, ihr ausgeprägtes Elitebewusstsein verfeinert und ausgebaut. Sie verstehen sich als Herz der CDU, männlich, westlich, vorwiegend katholisch, CDU pur eben. Bis zum Jahr 2000 waren sie überzeugt, dass aus ihren Reihen eines Tages CDU-Chef, Fraktionsvorsitzender, Kanzler und der Rest der Regierung hervorgehen würden. Kohls Liebling Koch wurden die besten Chancen zugemessen. Doch dann kamen die Spenden in Berlin und Wiesbaden ans Licht. Schäuble fiel. Angela Merkel stieg auf. Sie würde eine vorübergehende Erscheinung sein, redeten sich die Männer ein. Schließlich war sie im Kulturkreis der CDU weder kulturell noch historisch verankert. Im Andenpakt schon gar nicht. Vom ersten und einzigen Treffen vor drei Jahren haben die Teilnehmer nur die frostige Atmosphäre in Erinnerung. Am härtesten erwischte der Spendenhammer die schlauen Hessen. Denn die hatten die Machtübernahme in Bund und Land seit Jahrzehnten, absichtlich oder instinktiv, vorbereitet. Es waren die hessischen Jung-Unionisten Jung und Bouffier, die schon vor einem Vierteljahrhundert besonderen Spaß am Geheimbündeln mit Perspektive fanden. Kurz nach Gründung des Andenpaktes entstand gleich eine zweite vertraute Runde, als die hessische JU schwer zerstritten war. Anfang der achtziger Jahre fand auf der Autobahnraststätte Wetterau, wenn man die A 5 von Frankfurt nach Norden fährt, ein bedeutsamer Friedensschluss statt, in einem eigens gemieteten Separee. Die Raststätte lag logistisch günstig für Karlheinz Weimar, der aus Westhessen anreiste, und den Mittelhessen Bouffier, der mit Clemens Reif, Bernd Siebert und Volker Hoff gleich ein paar Kombattanten mitgebracht hatte. Dabei waren auch der Südhesse Jung, die Darmstädterin Karin Wolff und Jürgen Banzer. Im wenig heimeligen Ambiente wurde eine weitere Bande geboren, nach dem Ort ihrer Gründungsversammlung „Tankstelle“ genannt. Den Begriff hatte der junge Konservative Christean Wagner geprägt, als despektierliche Chiffre für den Klüngelkub, der viel zu liberal war für die stählerne CDU der Dreggers und Kanthers. Doch „Tankstelle“ wurde nicht zum Schimpfwort, sondern zum Markenzeichen junger hessischer Politik. Beim zweiten Treffen wenig später im Keller der Familie Koch in Eschborn wurde der Bund mit Bier und Cola besiegelt. Rüdiger Moog und Gotthard Brandt kamen hinzu. Der hessische Arm des Andenpakts war erschaffen. Was trieb das Hessen-Terzett Jung, Bouffier und Koch? Es war nicht weniger als eine Mission. „Wir wollten das Land erobern. Das hielt uns zusammen und trieb uns an“, sagt Bouffier: „‚Entweder man wird behandelt oder man handelt‘, das war so ein Spruch von uns. Wir waren die moderne Partei, wir hatten die Ideen, die Energie, die Leidenschaft, an einem großen Werk mitzuarbeiten. Das klingt pathetisch, war aber so.“ Vorbild war der Kraftprotz Helmut Kohl, der im benachbarten Rheinland-Pfalz vorgemacht hatte, wie man mit einer kleinen jungen starken Truppe erst die Altvorderen vertreibt, dann das Bundesland und schließlich die Bundesregierung einnimmt. Das wollten sie mit Hilfe von Tankstelle und Andenpakt auch hinbekommen. Der Feind, klare Sache: Achtundsechzig. „Buffi“ Bouffier war unumstrittener Anführer. Er lud zu den geheimen Sitzungen des „Revolutionsrats“ ein. Neuaufnahmen waren eher selten. „Alles, was gemacht wurde, hat Bouffier gemacht“, sagt Koch, „wir haben uns gar nicht so oft getroffen, manchmal nur einmal im Jahr. Aber es ging auch weniger um Inhalte, sondern mehr darum, dass wir uns nicht vereinzelten. Da entstand einfach eine langfristige Verlässlichkeit.“ Eben diese Verlässlichkeit macht auch den Wert des Andenpakts bis heute aus. Die Gruppe entdeckte bald, wie sie Stück für Stück in die Hierarchie eindringen konnte. Den Beweis ihrer Stabilität erbrachte die Tankstellen-Connection insbesondere bei der Kür des Spitzenkandidaten zur Landtagswahl 1999, die in keinem Gremium, sondern im vertrauten Kreis entschieden wurde. Obwohl Buffi die älteren Rechte hatte, ließ er dem jüngeren Koch ritterlich den Vortritt, weil er ihm bessere Chancen einräumte. Seither dürfte klar sein, wer Koch als Ministerpräsident beerbt, sollte es ihn tatsächlich einmal aus Wiesbaden anderswo hinziehen. Die härteste Probe für den hessischen Kern von Pacto Andino und Tankstelle stand drei Jahre später an. Bis Mitte 2000 sickerten immer weitere Details aus der hessischen Spendenaffäre durch. Die Rolle des Paktbruders Jung als mutmaßlichem Mitwisser wurde durch mehrere Briefe nahe gelegt. Schließlich musste er seinen Rücktritt als Europaminister und Chef der Staatskanzlei erklären. „Er war mein Freund seit 24 Jahren und wird es bleiben“, sagt Koch. An diesem Septembertag kommt es zu einer bewegenden Szene. Als Koch in der Fraktion den Rücktritt des Paktbruders bekannt gibt, kann er die Tränen nicht aufhalten. Der Eiserne zeigt Gefühle. Schluchzend verlässt er das Sitzungszimmer durch eine Hintertür. „Manchmal ist eben alles zu viel“, stammelt er. Dieser Moment rührt selbst seine Widersacher. Derlei dramatische Prüfungen hat der Pacto Andino bislang nicht erlebt. Hier ging es anfangs weniger um Posten, mehr um den Gewinn an bundesweiter Popularität. Erstmals machte der Pakt Anfang 1997 mit einer konzertierten Aktion von sich reden. Kanzler Kohl hatte seinerzeit seine liebe Not mit einer mäßig populären Mannschaft in Bonn. Arbeitsminister Blüm drohte mit Rücktritt, Wolfgang Schäuble wollte endlich Kanzler werden, Finanzminister Waigel war am Ende. Nervosität in der Union, der ideale Zeitpunkt also für die Jungen, auch mal mitzuspielen. Angeführt von Koch und Wulff mischten sich plötzlich die Nachwuchskräfte aus der Provinz in die Bonner Debatte ein. Ihre Parole: Eine echte Steuerreform statt des von Kassenwart Waigel vorgelegten Flickwerks. Zusammen mit Hamburgs Ole von Beust, Oettinger, dem Saarländer Peter Müller mobbten Wulff, Koch, Merz und Böhr als „Junge Wilde“ fröhlich gegen den Finanzminister aus Bayern, tapfer forderte Wulff sogar dessen Rücktritt. Ebenso unerhört wie schlau, denn so blieb Kanzler Kohl unbeschädigt. Und ein bisschen Druck auf die CSU hatte einem CDU-Kanzler noch nie missfallen. So gelangten die „Provinz-Zwerge“, wie der Spiegel sie nannte, erstmals zu bundesweiter Popularität, wenn auch zuweilen als „Junge Milde“ verspottet. Fakt war: Die Maßnahme wurde im Andenpakt ausgeheckt. Und sie fiel nicht nur durch professionelle Orchestrierung auf, sondern auch durch die wohltuende Abwesenheit von Rivalität. Dass die Anführerfrage offenbar keine Rolle spielte, machte den Erfolg der Jungen Wilden aus. Da war keiner, der den Boss gab. Ihre Stärke lag in der Gemeinsamkeit – stilistisch eine wohltuende Distanz zum Patriarchen Kohl. Sie hatten schnell gemerkt, dass genug Mikrofone und Kameras für alle da waren und ihre Namen und Telefonnummern in den Redaktionen die Runde machten. Man redete über sie. So sollte es sein. Die Zweckgemeinschaft funktionierte. Die ganze Stärke des Andenpakts zeigt sich erstmals bei der Bundestagswahl 2002. Demoskopen melden hoffnungsvolle Zahlen. Im Winter 2001, ein Dreivierteljahr vor der Wahl, berichtet der Berliner Tagesspiegel, dass es einen Geheimplan gebe in der Männerriege der CDU. Einige Ministerpräsidenten und andere Parteifürsten wollten der Vorsitzenden die Kandidatur ausreden. „Die Angst vor mir muss groß sein“, sagt Angela Merkel, und es soll spöttisch klingen. Doch sie ahnt, dass sich etwas zusammenbraut, als der Rheinland-Pfälzer Christoph Böhr anruft. Andere folgen, selbst Christian Wulff. Die Liste der Anrufer deckt sich weitgehend mit der Mitgliederliste des Andenpakts. Lord Huck hatte die Runde tatsächlich Anfang Dezember zusammengerufen. Einziger Tagesordnungspunkt: Kanzlerkandidatur. Schnell wird klar, dass die Mehrheit für Stoiber ist, wobei die Entscheidung nicht eindeutig ausfiel. Der Bayer ist der erfolgreiche Macher, gut für Wirtschaft, Konservative, Senioren, Westmänner südlich des Mains. Liberale, Städter, Frauen, Ossis und Norddeutsche dagegen würde der Weißwurst-Technokrat kaum begeistern können. Ist es schlauer, möglichst viele Stammwähler zu mobilisieren, oder sollte man Wechselwähler hinzugewinnen? „Es ging um Millimeter“, sagt Roland Koch, der kurz erwog, sich ebenfalls aufs Karussell zu schwingen. Die Männer sind nervös, sie fürchten ein Solo Angela Merkels. Sitzt die Dame erst im Kanzleramt, wird es schwer, sie von dort wieder zu vertreiben. Der deutlich ältere Stoiber dagegen wäre ein Regierungschef, dessen Amtszeit man abwarten könnte. Die Vorsitzende lässt trotz des Telefonterrors wissen, dass sie bereit sei zur Kandidatur. In der Parteizentrale wird bereits an einer Kampagne gebastelt mit dem Titel: „Eine Frau muss Kanzler werden“. Wenig elegant, aber wirkungsvoll lassen Koch und Wulff verschiedene Tageszeitungen berichten, dass es keine Mission geben werde, sie zum Verzicht zu überreden. Das blanke Gegenteil ist die Wahrheit. Die Botschaft, das weiß auch die Vorsitzende, heißt: Rückzug jetzt, Chefin! Die Zweifel unter den Paktbrüdern wachsen, ob die CDU-Vorsitzende die Signale überhaupt sehen will. Sie braucht offenbar eine klare Ansage. Roland Koch muss ran. Die Ordensbrüder bestürmen ihn, nur er könne die Frau bremsen. Am 9. Januar führt Koch eines der wenigen Telefonate in seinem Leben, die deutlich über Zimmerlautstärke hinausgehen. Mit wachsender Fonzahl teilt er einer zunehmend bockigen Vorsitzenden mit, dass sie keinen Rückhalt, keine Chance, keine Berechtigung auf die Kandidatur habe. Merkel brüllt zurück, aber sie gibt sich geschlagen. Gegen das Anden-Pack hat sie keine Chance, das sieht sie ein. Sie bucht ein Privatflugzeug nach München. Frühstück in Wolfratshausen. Stoiber triumphiert. Und mit ihm der Pakt. Sie hatten ihre Kandidatur verhindert. Die Vorsitzende hat in wenigen Tagen tief reichende Erkenntnisse über die Funktionsweise ihrer Partei gewonnen und dabei einen wichtigen Entschluss gefasst: Diese Bruderschaft muss zerschlagen werden. „Ich habe den Andenpakt unterschätzt“, sagt sie später. Bereits fünf Wochen nach der Bundestagwahl 2002 ist es so weit. Am Abend des 20. Oktober klettert Angela Merkel aus ihrem Dienstwagen und betritt die Berliner Zentrale des TV-Senders Sat1. Geschäftsführer Jürgen Doetz wartet schon. Doetz war früher Chefredakteur der JU-Postille Entscheidung. Angela Merkel kennt den Pakt nur aus Wulffs und Wissmanns Erzählungen. „Schön, dass es in der CDU eine Gruppe gibt, die nicht alles sofort ausquatscht“, soll sie spöttisch gesagt haben. In Wirklichkeit ist ihr klar, dass diese Bande von Guerilleros in Zweireihern ihre Zukunft verbarrikadieren kann. Mögen sie sich auch über Einwanderung oder den EU-Beitritt der Türkei streiten, so sind sie doch in einem Punkt garantiert einig: gegen Merkel. Sie hat durch ihr Erscheinen 1989 einige Lebensplanungen zu viel durchkreuzt. Im vierten Stock warten bereits die Gefährten. Alle geben sich Mühe, das Treffen wie eine normale Plauderrunde aussehen zu lassen. Merkel trinkt Weißwein und will besprechen, wer Volker Rühe auf dem Posten des stellvertretenden Parteichefs beerben soll. Die Runde wiegelt ab. Erst als sie verschwunden ist, wird Böhr zum Kandidaten für den Vizevorsitz ernannt. Angela Merkel kennt den Kontrollraum ihrer Feinde nun, der mysteriöse Männerbund hat für sie an Bedrohung verloren. Sie kann sich künftig zusammenreimen, wer mit wem telefoniert hat, sie weiß, was sie tun muss, um die Herren gegeneinander aufzuhetzen. Die Stärke des Andenpaktes war seine Vertraulichkeit. Die ist vorerst dahin. „Er hat seinen Zweck erfüllt“, stellt Frau Merkel nach dem skurrilen Treffen unter Vertrauten fest. Damit auch nichts schief geht, sorgt ihr Team dafür, dass die Story vom Männerbund in gebührendem Abstand in die Öffentlichkeit getragen wird. Der Spiegel stellte den Andenpakt im folgenden Sommerloch groß vor und damit bloß. Die Männer halten still. Sie stellen sich tot. Sollen doch alle glauben, dass der Pacto Andino wie die Tankstelle nur noch für Historiker interessant sei. Still organisiert Lord Huck weiterhin die Reisen, nicht ohne abenteuerliche Zwischenfälle. Auf einem Trip nach Caracas wurde etwa Frau Jung auf offener Straße die Handtasche entrissen. Während Gatte Franz Josef die Verfolgung unter lautstarken hessischen Verwünschungen, aber letztlich erfolglos aufnahm, schlug sich der diplomatisch versierte Pflüger in die Büsche. Seitdem heißt er im Pakt „der Verteidigungsbeauftragte“. Dass der Pakt weiter existiert, ist allein an der unsichtbaren kulturellen Mauer zu spüren, die diese „boy group“ und Merkels „girls camp“ trennt. So hielten sich die Paktbrüder vor dieser Bundestagswahl auffällig mit ihren Berliner Ambitionen zurück. Nicht auszuschließen, dass es vor der Wahl informelle Absprachen gab, einer Merkel-Regierung fern zu bleiben. Lediglich Gründungsmitglied Jung mag ins Kabinett. Kochs Freund wird in Berlin als Späher und Fernmelder des Paktes betrachtet. Fünf Wochen nach der Bundestagswahl, mitten in den Koalitionsverhandlungen, versammelte sich der mächtige Männerbund zum Jahrestreffen ganz kühn in Berlin. Offiziell wurde Friedrich Merz aufgenommen, der dem Kreis bereits seit Jahren freundschaftlich verbunden war. Jetzt seien alle wichtigen CDUler im Pacto organisiert, höhnt jemand – außer einer. Jegliche Putschgelüste gegen die Vorsitzende wurden auf dem Treffen jedoch gebremst. Es gebe vorerst nur eine strategische Linie, lautete die mehrheitliche Meinung: unbedingte Loyalität mit Angela Merkel. Im Falle einer Revolution würde die Partei durchdrehen und es verlören alle. Ober-Hesse Koch ist von vorbildlicher Loyalität. Wie ein Vertrauter Merkels führte er für die CDU die Finanzverhandlungen der Koalitionäre. Ein Vorstoß Pflügers, die Parteivorsitzende mal wieder einzuladen, wurde allerdings mehrheitlich abgelehnt. Der Wert ihrer Gruppe, da sind sich die Wortführer einig, besteht in ihrer sagenumwobenen Nichtexistenz. Erst wenn in der geschwätzigen Hauptstadt über etwas nicht geredet wird, ist es wirklich wichtig. Also lächeln die Mitglieder nur, wenn sie auf das Bündnis angesprochen werden, machen eine wegwerfende Handbewegung oder erklären Wissbegierige zu Gespenstersehern. Das Verwirrspiel um den Andenpakt beherrschen auch die Neuen, Friedrich Merz zum Beispiel. Der lange Sauerländer, gemeinhin nicht von Begriffsstutzigkeit geplagt, kann sich beim besten Willen kaum erinnern, dieses Wort, wie war es gleich noch,… Andenpakt…, jemals überhaupt gehört zu haben. „Da mache ich doch schon lange nicht mehr mit“, erklärt auch Christian Wulff gelegentlich und müht sich um einen ernsten Blick. Eine eigentümliche Gedächtnisschwäche. Schließlich berichten Mitglieder, der Andenpakt sei im Begriff, sich darauf zu einigen, dass Wulff ihr gemeinsamer Kandidat für das Kanzleramt sei. Hajo Schumacher ist freier Journalist in Berlin. Er beendet gerade seine Promotion. Thema: „Machtphysik – die Führungsstrategien der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel“

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