Österreich - Der neue Haider

Am Sonntag wählen die Österreicher ihr Parlament. Aus dem breiten rechtskonservativen Milieu ragt eine schillernde Person hervor, die sogar Ambitionen auf die Kanzlerschaft hegt: Der umstrittene Politstar HC Strache, Erbe des Rechtspopulisten Jörg Haider

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Vinzenz Greiner hat Slawistik und Politikwissenschaften in Passau und Bratislava studiert und danach bei Cicero volontiert. 2013 ist sein Buch „Politische Kultur: Tschechien und Slowakei im Vergleich“ im Münchener AVM-Verlag erschienen.

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Die Halle ist in Rot-Weiß-Rot getränkt, überall Österreich-Fähnchen, als die Menge in einen dumpfen, rhythmischen Sprechchor verfällt: „HC, HC, HC“. Auf den Bierbänken sitzen junge, modisch gekleidete Österreicherinnen, daneben Männer – mal mit blauen Kapuzenpullis, mal in Tracht, mal ganz gewöhnlich. Vorne dampft künstlicher Nebel, aus einem Loch im Bühnenboden fährt ein sportlicher Mann im dunkelblauen Anzug nach oben. Sein Gesicht ist glatt rasiert, er lächelt und schwenkt ebenfalls eine Österreich-Fahne.

Obwohl das ein Wahlkampfauftritt der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) in Linz Ende August ist, geht es nicht um die Partei, sondern nur um ihn: Heinz-Christian Strache. Als „HC Strache“ kandidiert er für das Amt des österreichischen Bundeskanzlers.

„Ich war deppert, naiv und jung“

Er ist mehr als Parteichef und Spitzenkandidat. HC Strache ist eine Figur, die sich Heinz-Christian Strache geschaffen hat, um Österreich nach seiner Vorstellung zu verändern.

1969 kommt Heinz-Christian Strache als Sohn einer sudetendeutschen Drogistin und eines Künstlers zur Welt. Er wächst in der österreichischen Hauptstadt auf. Vom „roten Wien“ wird er wie ein gleichnamiger Pol abgestoßen und tritt der schlagenden Schüler-Burschenschaft Vandalia bei. Nach einer Ausbildung zum Zahntechniker entschließt er sich 1990, Geschichte zu studieren, bricht aber einige Monate später das Studium ab.

In dieser unruhigen Phase, da Strache durch verschiedene Lebenswelten schlingert, treibt er weiter nach rechts. Ein Foto von 1989 zeigt ihn in voller Burschenschaftsmontur, Daumen, Zeige- und Mittelfinger gespreizt. Mit diesem so genannten Kühnengruß umgehen Neonazis den geächteten Hitlergruß. Als das Foto auftaucht, kontert Strache, er habe nur drei Bier bestellt. Bilder, die ihn auf einer Wehrsportübung zeigen sollen, erklärt er öffentlich als Fotos eines Paintball-Spiels.

Die Verbindungen zum deutschen Rechtsextremismus fallen auch in diese Zeit. 1989  verlobt er sich mit der Tochter des NPD-Gründers Norbert Burger, beendet aber später die Liaison. Im selben Jahr feiert er Silvester mit Mitgliedern der später verbotenen Wiking-Jugend in Deutschland. Heute spielt HC Strache die Phase herunter: „Ich war deppert, naiv und jung.“

Steiler Aufstieg zum FPÖ-Chef

1991: Strache ist jetzt 21. Noch immer jung. Aber seine Naivität ist politischem Pragmatismus und realistischem Denken gewichen. Er startet als jüngster Bezirksrat Wiens seine ambitionierte Karriere in der FPÖ. Er dient sich, während er als selbstständiger Zahntechniker arbeitet, in der Partei nach oben: Vom Bezirksparteiobmann der FPÖ Wien/Landstraße zum Mitglied des Landesparteivorstandes der Wiener FPÖ. Zwei Jahre führt er die Geschäfte der FPÖ-Jugendorganisation Ring Freiheitlicher Jugend in Wien. Der Aufstieg geht weiter – in einer Partei, die unter Jörg Haider wächst.

Bis heute leugnet Strache, dass Haider, dem man laut Gerichtsbeschluss „Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut“ öffentlich nachsagen darf, sein Mäzen oder Mentor gewesen sei. Gegenteiliges ist wahrscheinlich. Denn trotz seines Rückzugs vom Amt des Parteivorsitzenden im Jahr 2000 bleibt Haider der Strippenzieher in der FPÖ: Er vermag es sogar, seine Nachfolgerin und Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer zu Fall zu bringen. In dieser von Intrigen und Verwerfungen durchzogenen Zeit kann nur der in den innersten Kreis der Macht vorrücken, der Haiders Gunst genießt. Strache wird 2004 stellvertretender Bundesvorsitzender.

 

Nach Verlusten der FPÖ bei den Landtagswahlen 2005 greift Strache schließlich selbst nach der Macht. Er überwirft sich mit seinem politischen Ziehvater, der mit einer Handvoll Mitstreitern das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) gründet. Während Haider im bürgerlich-liberalen Lager zu wildern beginnt, baut Strache die FPÖ langsam nach der Methode auf, die sein Mentor jahrelang erfolgreich praktiziert hatte: Er wird zum programmatisch-personellen Zentrum einer FPÖ, die hinter seiner Person verschwimmt.

Möchte man www.fpoe.at besuchen, landet man direkt auf HC Straches Website. Nur hier gibt es das Parteiprogramm nachzulesen. Wer möchte, bekommt die Inhalte in Videos erklärt. In Denkerpose sitzt HC Strache in einem Sessel, die stahlblauen Augen nach oben gerichtet. Seine Stimme aus dem Off spricht von den Österreichern als Opfer. Er inszeniert sich, mag das Pathos. In dem Comic-Heftchen „Der blaue Planet“ kämpft er als Superheld mit Adonis-Körper gegen ein gieriges Schwein aus Brüssel.

Selbsternannter„William Wallace Österreichs“

Er macht genau das, was er seinem einstigen und 2008 bei einem Unfall verstorbenen Mentor nach der Parteispaltung vorwirft. Er sieht die Politik durch „die selbstverliebte Brille des Narzissmus“. Der Unterschied ist: Strache betont und liebt das Heroische – Braveheart ist sein Lieblingsfilm. Er will ein William Wallace für Österreich sein.

HC Strache, der von sich gerne in der dritten Person spricht, wird daher zum Schwamm, zur größtmöglichen Absorptionsfläche österreichischer Hoffnungen und Wünsche, von Ängsten und Politikverdrossenheit. Ein Mann für alle Österreicher. Für die Älteren kämpft er für höhere Renten, den Erhalt der Familie und für die christliche Tradition seines Vaterlandes. Für sie lässt er in seine Reden dosiert Mundartliches einfließen. Die Jungen mögen den agilen Politiker, weil er sich „gerne modisch kleidet“, clubben geht, die Leute duzt. 2012 hätten 17 Prozent der Unter-29-Jährigen FPÖ gewählt – 4,5 Prozent mehr als die Grünen.

Schweizer Minarett-Entscheid als Vorbild

Amöbenartig greift Strache auch ins linke Milieu über. Den monatlichen Mindestlohn der Grünen überbietet er um 150 Euro. Er wettert gegen „die Großkapitalisten“, nennt sich in Anspielung an den kommunistischen Guerillakämpfer Guevara im eigenen Comic Stra-Che. Als Kanzler will er „Politik für die Ärmsten der Armen“ machen, die Bezahlungsunterschiede zwischen Männern und Frauen nivellieren und die direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild einführen.

Strache hat dabei das Schweizer Minarett-Verbot im Hinterkopf, für das 2009 eine Mehrheit der Bevölkerung gestimmt hatte und das bei dem Österreicher auf große Anerkennung stieß. Um die Rechten für sich zu gewinnen, geht er jedoch noch weiter: Er verunglimpft die Bildungspolitik des „rot-schwarzen Machtkartells“ als „marxistisch“. Er küsst der rechtsextremen Marine Le Pen aus Frankreich die Hand, pflegt Kontakte zur islamophoben Bürgerinitiative Pro Köln.

Kriminelle Ausländer will Strache sofort ausweisen lassen, in seinem Österreich haben „Asylbetrüger“, bulgarische und rumänische Arbeitsmigranten keinen Platz. Genauso wenig wie Kopftücher, die er in einem Atemzug mit Islamismus nennt.  Auch „Zwangsbeschneidung hat in der Gesellschaft nichts verloren“, wenn es nach Strache geht – ein antisemitischer Ausrutscher, den er sich selten leistet. Die politische Konkurrenz reduziert er nicht selten auf ihre ethnische Herkunft.

Konkurrenz vom Magna-Milliardär

Die FPÖ hat sich unter Strache als „soziale Heimatpartei“ positioniert – auch außerhalb des deutschnationalen „Dritten Lagers“, aus dem sich der freiheitliche Parteikader rekrutiert. Der Wahlkampf zu den Nationalratswahlen 2013 läuft unter dem Motto „Liebe deinen Nächsten. Und das sind für mich unsere Österreicher“, sagt Strache frank. Seine Partei ist sozial, und sie ist nationalistisch.

Wahlkampfstrategisch befindet sich die FPÖ eigentlich in einer günstigen Situation. Gegen die steif wirkenden Spitzenkandidaten der anderen Parteien, wie die Grüne Eva Glawischnig oder Michael Spindelegger von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und den Noch-Kanzler Werner Faymann von Sozialdemokraten, entwirft er sich als schneidiger, perfekt gestylter Gegner mit Chuzpe, der mit Witzchen zündelt, bis der Gegner explodiert.

Sozialdemokraten und Konservative sind durch ihre Große Koalition inhaltlich kaum unterscheidbar – die SPÖler nehmen das Wort Gerechtigkeit etwas häufiger in den Mund. Die liberalen NEOS, die sich als „Sprachrohr der Jugend“ sehen, und das rechtspopulistische BZÖ kratzen an der Vier-Prozent-Hürde, während Strache darum kämpft, zweitstärkste Partei hinter der SPÖ zu werden. Das Rennen mit der ÖVP ist noch offen – beide werden sicher gut über 20 Prozent einfahren. Die Grünen stagnieren seit Monaten bei etwa 13 Prozent – ihr Wahlkampf zur Korruptionsbekämpfung verfängt nicht.

Aber da gibt es noch den skurrilen Frank Stronach. Der 81-Jährige ist der Gründer des Weltkonzerns Magna, der Autoteile zuliefert. Nach knapp 60 Jahren in Kanada ist Stronach nach Österreich zurückgekommen, um mit nordamerikanischem Akzent Politik zu machen. Hier hat er sich eine Partei zusammengekauft – das Team Stronach – und macht mit „neuen Werten für Österreich“ Druck auf die FPÖ. Jeder siebte FPÖ-Wähler wechselte bei den Landtagswahlen in Salzburg, Kärnten und Niederösterreich zum Team Stronach. In vielen Bereichen stimmen die Einpersonenparteien überein: Kampf gegen EU und Euro, Verklärung des christlichen Erbes, Keifen gegen die Politikerkaste. In den Umfragen befindet sich Stronach zwar im Sinkflug – womöglich aufgrund seiner Befürwortung der Todesstrafe und den schrägen Kampfansagen an die Kaste der „Berufskiller“. Acht Prozent könnten für die Partei am Wahltag aber trotzdem herausspringen.

Die Erinnerung an 1938

Zwei Tage vor den Wahlen hat HC Strache seinen letzten großen Auftritt. Beim Wahlkampfauftakt vor vier Wochen hatte HC Strache die Veranstaltung noch als „Marsch auf Wien“ bezeichnet und sich damit dem rechten Rand angebiedert. Heute spricht er beim großen Finale der „Nächstenliebe“-Tour 2013 auf dem Wiener Stephansplatz vor 15.000 Menschen, wenn man den FPÖ-Angaben glaubt. Er begeistert wieder die Massen, er inszeniert sie wie Ende August in Linz.

Dort endete Straches Rede mit Jubel. Seine Anhänger sprangen auf und stürmten mit wehenden Fahnen bis an die Bühne. HC Strache ist eine Figur, in der sich jene, die mehr Nationalismus wollen, genauso wiederfinden wie jene, die ein sozialeres Österreich fordern. „Es ist so gigantisch“, rief HC Strache strahlend in die Menge.

Diese Wahlkampfauftritte erinnern einige Österreicher an einen ganz bestimmten Mann, der vor etwa 90 Jahren mit einer Mischung aus Sozialem und Nationalistischem die Massen zu begeistern wusste. Während eines Strache-Auftritts in Graz halten linke Demonstranten ein Plakat in die Luft. „1938 Gründe gegen Strache“ steht darauf. 1938 holte Adolf Hitler die Österreicher „heim ins Reich“.

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