Fünf Jahre Arabischer Frühling - Tunesien erstickt am Terror

Vor fünf Jahren verbrannte sich ein tunesischer Gemüsehändler – und löste den „Arabischen Frühling“ aus. Seitdem droht das Musterland der Region zu scheitern. Anschläge destabilisieren die junge Demokratie, der Tourismus ist kurz vor dem Sterben

Bürger in Tunis protestieren gegen den Terror. Am 24. November sprengte ein Attentäter einen Bus der Präsidentengarde in die Luft
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Elisabeth Lehmann ist freie Journalistin in Kairo.

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Sidi Bouzid ist eine nichtssagende Kleinstadt in Zentral-Tunesien. Eine Hauptstraße, rechts und links davon Cafés, in denen schon am Morgen junge Männer sitzen, Tee trinken und rauchen. Die Stadt hat nichts, das in Erinnerung bleibt – außer den 17. Dezember 2010. An diesem Tag ist Sidi Bouzid in die Geschichte eingegangen.

Daran erinnert heute nur noch ein Denkmal vor der Stadtverwaltung. Eine Gemüsekarre aus Stein. Am Verwaltungsgebäude selbst flattert ein riesiges Plakat mit dem Porträt von Mohammed Bouazizi, dem Besitzer der Gemüsekarre. Er hat sich am 17. Dezember vor fünf Jahren an diesem Ort angezündet, weil die Behörden seinen Stand beschlagnahmt hatten. Er hat mit seinem Protest einen Flächenbrand in der ganzen Region entfacht.

Die vergessene Region

Khaled Aouainia hat von seiner Kanzlei aus einen direkten Blick auf das Denkmal und das Plakat, das mittlerweile nur noch an zwei Fäden hängt. „Nur, dass das klar ist: Das Denkmal wurde nicht von den Behörden oder vom Staat aufgestellt. Das war ein Bürger, der daran erinnern wollte, welche Bedeutung Sidi Bouzid für die arabischen Revolutionen hatte.“

Aouainia ist Anwalt. Er war es, der zusammen mit ein paar Freunden die Proteste nach Bouazizis Tat gestartet hat. Fünf Jahre ist das nun her. Geändert habe sich seitdem nichts, sagt Aouainia. „Die Regierung hat diese Region vergessen. Wir haben sie gebeten, eine medizinische Fakultät bei uns zu bauen. Sie haben abgelehnt. Am Ende wurde sie in einem Küstenort eröffnet. Mal wieder. Aber was sollen die Jugendlichen denn hier machen?“

Durch seinen Beruf sieht Aouainia jeden Tag, wohin Langeweile und Perspektivlosigkeit die Jugend treiben. Er vertritt viele, die „abgedriftet“ sind, wie er es nennt. Doch etwas anderes macht ihm viel größere Sorgen: „Ich kenne Leute, die sich islamistischen Terrorvereinigungen angeschlossen haben, obwohl sie keinen Bezug zu Religion hatten. Sie sind diesen Weg nur aus Rache und Hoffnungslosigkeit gegangen.“

Tausende Tunesier kämpfen beim IS

3000 junge Tunesier, so die Schätzungen, haben sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ und anderen Radikalen in Syrien und in Libyen angeschlossen. Wie viele genau, weiß niemand.

Mohammed Iqbal Ben Rejeb hat einem Treffen in einer Hotel-Lobby im Zentrum von Tunis zugestimmt. Viel Zeit hat er nicht. Er muss zu Gericht, sein Bruder Hamsa sei mal wieder verhaftet worden.

Hamsa Iqbal Ben Rejeb hat sich 2013 auf den Weg nach Syrien gemacht. Er ist IT-Experte. Er wollte den Milizen des IS vor Ort in Social-Media-Fragen helfen. Doch weit ist er nicht gekommen. Als sie gesehen haben, dass Hamsa im Rollstuhl sitzt, haben sie ihn umgehend zurückgeschickt. Seitdem haben die tunesischen Sicherheitsbehörden ihn auf dem Schirm – obwohl er sich vom IS abgewendet habe, versichert sein Bruder Mohammed. Hamsa selbst zu fragen, lehnt Mohammed Iqbal ab. Er hält einen Zettel in die Luft und zeigt auf ein Symbol: eine grüne Taube, die einen Zweig im Schnabel hält. In der Mitte eine stilisierte Landkarte Tunesiens samt Flagge. Das Logo von Mohammed Iqbals Organisation „Assoziation zur Rettung im Ausland gefangener Tunesier“, kurz RATTA. Hamsa habe es entworfen.

Rückkehrer sind meist radikaler als zuvor

Als sein Bruder sich plötzlich dem IS anschloss, ist Iqbal aufgeschreckt. „Die jungen Männer werden einer Gehirnwäsche unterzogen. Und der Staat tut nichts dagegen.“ Er wollte selbst aktiv werden und hat den Verein RATTA gegründet. Rund 150 Familien haben sich schon an ihn gewendet mit der Bitte, ihre Söhne aus Syrien oder Libyen zurückzuholen.

Es sind nicht nur die Armen, Benachteiligten, die ausreisen. „Es werden vor allem Naturwissenschaftler rekrutiert. Ich kenne einen Fall von einem Jungen, der im letzten Jahr seines Studiums zum Flugzeugingenieur war.“ Viel kann Iqbal nicht machen. „Wir können nur versuchen, sie zu überzeugen, dass sie wieder nach Hause kommen.“  

Und dann? Viele sind nach ihrer Rückkehr radikaler als je zuvor. Im Juni etwa richtete ein 23-jähriger Tunesier am Strand des Badeortes Sousse 38 Menschen hin. Vor allem Briten. Er war zuvor vermutlich in Libyen ausgebildet worden. Nach dem Anschlag twitterte der IS ein Foto vom „Soldaten des Kalifats“. Auch die Angreifer, die im März 20 Touristen im Bardo-Museum erschossen, hatten sich zum IS bekannt. Ebenso der Attentäter, der sich im November in einem Bus der Präsidentengarde in die Luft sprengte. 12 Sicherheitskräfte starben.

Die tunesischen Behörden versuchen Stärke zu beweisen – und sind im Grunde vollkommen machtlos. Seit März herrscht fast durchgehend der Ausnahmezustand in dem kleinen Land. Nach dem Anschlag im November wurde eine Ausgangssperre für die Abende verhängt. Moscheen, die nicht unter Regierungskontrolle stehen, werden geschlossen, genauso wie die Grenze zu Libyen.

Tourismus ist quasi tot

Die Terroristen hingegen erreichen ihr Ziel. Die Wirtschaft Tunesiens leidet massiv unter den Anschlägen, denn der Tourismus, der 6,5 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, ist nahezu tot. Erst die Revolution von 2010, dann die Anschläge: In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Übernachtungen um 50 Prozent zurückgegangen.

„Früher hatten wir 100, 150 Autos am Tag. Heute kommen, wenn wir Glück haben, fünf. Dabei ist doch bei uns nie etwas passiert.“ Salem Ben Said ist wütend. Der alte Mann ist Souvenirhändler in Onq Jmel im äußersten Südwesten Tunesiens. Hier wurde das Fantasy-Epos „Star Wars“ gedreht. Im Film heißt der Ort „Mos Espa“. Früher war er ein Touristen-Magnet. Doch seit viele europäische Regierungen Reisewarnungen für ganz Tunesien ausgegeben haben, traut sich niemand mehr in diese abgelegene Region – auch wenn sie mehr als 400 Kilometer von Sousse und Tunis entfernt liegt.

François Boisson und seine Frau Yvonne sind die einzigen Gäste heute. Sie haben sich nicht abschrecken lassen: „Es gab Anschläge in Spanien, Großbritannien, Frankreich. Aber niemand hat gesagt, die Leute sollen nicht mehr hinfahren. Sie fahren nach wie vor nach London oder Paris. Warum sollte denn ausgerechnet Tunesien unter dem Terrorismus leiden“, fragt François Boisson und gibt eines zu bedenken: je schwächer die Wirtschaft, desto stärker der Terrorismus. So scheitere die junge Demokratie sicherlich schon am Anfang.

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