Die Krawatte - Accessoire für Individualisten

Die Krawatte hat einen bemerkenswerten Weg an die Spitze der Herrenmode hingelegt. Doch die lange Erfolgsgeschichte könnte nun zu einem Ende gelangen und die Krawatte als Massenphänomen aussterben. Schuld daran haben auch Politiker

Rose Hemd mit einer gestreiften Krawatte, die gelockert wird
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Vor Kurzem erschien sein Buch „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ beim Claudius Verlag München.

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Alexander Grau

Was haben Willy Brandt, Roy Black, Günther Jauch, Michel Friedmann und Hape Kerkeling gemeinsam? – Sie alle waren mal „Krawattenmann des Jahres“.

Der erste „Krawattenmann des Jahres“ hieß Hans-Joachim Kulenkampff. Das war 1965. Damals war die Krawattenwelt scheinbar noch in Ordnung. Man betrachte nur Bilder von Straßenszenen jener Jahre. Mit Ausnahme derjenigen, die einer körperlichen Arbeit nachgingen, trug jeder Mann Krawatte. Das wurde auch so erwartet: im Büro, in der Schule, im Geschäft, an der Universität. Noch auf den ersten Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg trugen die Studenten selbstverständlich Anzug und Schlips.

Doch das änderte sich bald.

Kennedy im Polohemd: Emanzipation von bürgerlichen Konventionen


Schon die Kampagne um den Krawattenmann war letztlich der Ausdruck einer Verunsicherung. Immerhin waren die 60er Jahre das Jahrzehnt der Emanzipation von bürgerlichen Konventionen und damit der Anfang vom Ende der Krawatte – lange vor „68“. Bezeichnend etwa, dass sich Kennedy auf Cape Cod im Polohemd ablichten ließ, was bei seinem Amtvorgänger Eisenhower noch undenkbar gewesen wäre.

Die Geschichte der Krawatte ist weit weniger alt, als in manchen Publikation zu lesen ist. Na klar, wenn man das Halstuch als Vorläufer des modernen Binders versteht, dann gibt es die Krawatte vermutlich seit Menschengedenken. Aber diese Herleitung ist wenig sinnvoll.

Wo, wann oder wie genau er erste Schlips getragen wurde, ist schwer zu rekonstruieren. Sicher ist nur, dass es Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sein muss. Und vieles spricht dafür, dass er eine Erfindung des angelsächsischen Kulturraumes ist. Vielleicht waren es dann tatsächlich – wie häufig kolportiert – Oxforder Studenten, die den modernen Schlips erfanden, als sie sich die bunten Collegebänder ihrer Strohhüte um den Hals knoteten und die Idee so großartig fanden, dass sie sofort beim nächsten Schneider entsprechende Seidenstreifen bestellten. Im Laufe der 1880er Jahre entstand dann der direkte Vorläufer unseres heutigen Binders, der „Macclesfield tie“, benannt nach dem Zentrum für Rohseideverarbeitung in England.

Angelsächsische Clubkultur: Wiege der Krawatte


Den letzten Evolutionsschritt tat der Langbinder schließlich 1925. Da kam der New Yorker Schneider Jesse Langsdorf auf die Idee, die Krawatten nicht einfach irgendwie aus dem Stoff zu schnippeln, sondern diagonal gegen die Laufrichtung. Das ermöglichte eine bessere Verarbeitung, einen schöneren Knoten und längere Haltbarkeit. Möglicherweise liegt hier auch die Ursache für das seltsame Phänomen, dass europäische Krawattenstreifen von links unten nach rechts oben verlaufen, amerikanische aber häufig umgekehrt, also von unten rechts nach links oben: offensichtlich werden in den Staaten die Seidenstoffe „von links“ zugeschnitten, was dann zu dem beschriebenen Effekt führt.

Wie dem auch sei: Das gute alte Streifenmuster erinnert daran, dass die Krawatte ihren Ursprung in der angelsächsischen Clubkultur hat. Immerhin hält der größte Hersteller solcher Krawatten, die Firma P.L. Sells, über 10.000 Muster bereit.

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Doch nicht nur die Briten haben eine große Krawattentradition. Traditionsbewusste und berühmte Zentren der Krawattenkultur liegen in Paris, Rom, Neapel und – Krefeld. Schließlich entwickelte sich sie Stadt am Niederrhein im 18. Jahrhundert zu einem Zentrum der Seidenproduktion. Nebenbei: Die Familie, die dafür wesentlich verantwortlich war und zeitweise sogar das Seidenmonopol innehatte waren die von der Leyens.

Hochgehalten wird die Krefelder Schal- und Krawattentradition heute noch durch Unternehmen wie „Ascot“ oder „J. Ploenes“, die beide äußerst hochwertige Kollektionen verantworten.

Wenn es ein Land gibt, das für Schönheit, Eleganz und modischen Esprit steht, dann ist das wohl Italien. Kein Wunder, dass dort Krawattenhersteller beheimatet sind, die als die besten der Welt gelten. Allen voran das Unternehmen „Marinella“ aus Neapel, dessen Kundenliste sich wie ein „Who’s Who“ der internationalen Polit-, Wirtschafts- und Showprominenz liest.

Stolze Tradition von Frankreich bis Italien


Weniger glamourös, aber dennoch sehr hochwertig und mit ebenso geschmackvollen wie innovativen Designs kommen Unternehmen wie „Tino Cosma“ oder der noch junge Hersteller wie „Cavalieri“ daher. Letzterer etwa tritt den Beweis an, dass Streifen nicht notwendiger Weise diagonal verlauf müssen und kommt so zu äußerst modischen und zugleich stilsicheren Mustern.

Mindestens ebenso stolz wie die italienische ist selbstverständlich auch die französische Krawattentradition – immerhin ist schon das Wort „Krawatte“ dem Französischen entlehnt. Am Place Vendôme in Paris findet man den Tempel gallischer Binderkultur: das Haus „Charvet“. Hier kulminiert alles: Stoffauswahl, Verarbeitungsqualität, Tradition, Würde, Exklusivität.

Für den etwas weniger distinguierten Herren bietet Paris allerdings auch das Pendant am Hals zu der dicken Rolex am Handgelenk: Schlipse von „Hermès“. Doch alles Lästern hilft nichts: die Krawatten aus der Rue du Faubourg Saint-Honoré gehören immer noch zu dem Besten und mitunter sogar Geschmackvollsten, was man so kaufen kann.

Das vielleicht britischste aller britischen Traditionshäuser stammt aparter Weise aus Irland: „Atkinsons“. Modisches Tamtam wird man hier vergeblich finden, stattdessen die klassischen Regimentals. Und selbstredend kauft der Prince of Wales hier.

Einen Kontrapunkt zu „Atkinsons“ bietet „Drake’s“, mein heimlicher Favorit. Insbesondere die Modelle aus Cashmere sind schon rein optisch zum niederknien – und eine aparte Alternative zur Seidenkrawatte. Aber auch in diesem Segment bietet „Drake’s“ eine wunderbar ausgewogene Kollektion, dezent modisch, mit der Tradition spielend und dabei hoch modern. Dass „Drake’s“ zudem die Stangenware für „Marinella“ produziert, sollte für sich sprechen.

Die Zukunft der Krawatte


Fein, könnte man an dieser Stelle sagen. Aber sind Krawatten denn überhaupt noch modern? Keine Frage, was immer die Branche äußern mag: die Krawatte ist auf dem Rückzug, spätestens seit die Politikergeneration Clinton, Blair und Schröder meinte, der Oben-ohne-Look strahle irgendwie Progressivität und Jugendlichkeit aus. Auch der berüchtigte Casual Friday und der Wegfall von Kleidungskonventionen in der „New Economy“ machen wenig Hoffnung.

Nein, die Zeichen der Zeit stehen auf Bequemlichkeit, Schlichtheit und Sportlichkeit. Und Krawatten sind all das genau nicht. In hundert Jahren, wage ich zu prognostizieren, wird die Krawatte genau so fern sein, wie uns heute die gepuderte Perücke.

Doch bis dahin haben wir ja noch ein bisschen Zeit. Und die sollte Mann nutzen. Offene Hemdkragen zum Anzug sehen nicht jugendlich aus, sondern trostlos. Eine Krawatte hingegen bietet auf einfache Art zahllose Möglichkeiten, die eigene Persönlichkeit und jeweilige Stimmung zum Ausdruck zu bringen. Kunstwerke wie die von „Ascot“, „Marinella“, „Charvet“ oder „Drake’s“ sind Schmuckstücke, die dem Mann mehr Haltung, mehr Format und ja: mehr Männlichkeit verleihen.

Wichtig ist allerdings, dass man die Krawatte nicht aus Zwang trägt, weil es sich so gehört oder so verlangt wird. Männern, die Schlipse nur aus Pflichtbewusstsein oder Konvention tragen, sieht man das schnell an. Doch genau hier liegt vielleicht doch die Zukunft der Krawatte: Nicht als Uniformstück für die Masse, sondern als Accessoire für Individualisten.

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