Meistgelesene Artikel 2016 - Das Schmähgedicht im Wortlaut

Im Frühjahr 2016 verklagte der türkische Präsident Erdogan den ZDF-Moderator Jan Böhmermann wegen eines Schmähgedichts. Daraufhin diskutierte ganz Deutschland über die Grenzen der Satire. Das ZDF und zahlreiche Mediendienste haben sich dabei nicht mit Ruhm bekleckert

Jan Böhmermann und der Schweinefurz
Jan Böhmermann und der Schweinefurz / ZDF Neo, Bild.de

Autoreninfo

Petra Sorge ist freie Journalistin und lebt derzeit in Indien. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Erschienen am 01.04.2016:

Ist das jetzt echt oder Satire? Jan Böhmermann, das ist der mit dem Stinkefinger, der mit den Rollenspielen, mit Varoufake und Varoufakefake und Vaoroufakefakefake. Man muss also vorsichtig sein, wenn da das Handy piepst und eine Eilmeldung von Spiegel Online einläuft: „Neo Magazin Royale – ZDF löscht Böhmermann-Gedicht auf Erdogan“.

Und dann noch an so einem Tag! Frage ans ZDF: „Ist das ein Aprilscherz?“ Antwort: „Die Parodie im „Neo Magazin Royale“ vom 31. März zum Umgang des türkischen Präsidenten mit Satire entspricht nicht den Ansprüchen, die das ZDF an die Qualität von Satiresendungen stellt. Aus diesem Grund wurde die Passage aus der Sendung entfernt.“

Schenkelklopfer!!

Anruf ans ZDF. Wie war das war jetzt noch mal richtig? Die Frau am Telefon wirkt genervt, den ganzen Nachmittag über erhält sie pausenlos Anrufe. „Das ist kein Aprilscherz, das kann ich Ihnen definitiv sagen.“ – „Also jetzt wirklich nicht? Ich meine, dann veröffentliche ich das und morgen sagt das ZDF: ‚April, April‘?“ – „Nein. Sie sind auch nicht die Erste, die hier anruft.“ – „Und?“ – „Sie haben gefragt und eine ernst gemeinte Antwort bekommen.“

Ist das Teil von noch besserer Satire, um die Ecke gedachter Satire? Oder hat das ZDF einfach wirklich keinen Humor? Rückfrage ans ZDF: Was sind denn das für Ansprüche an Satiresendungen?

Solange schnell mal nach dem Böhmermann-Video googeln. Aber wo man guckt: Sendepause. Nicht mal die Branchendienste trauen sich, das Video zu zeigen. Bei kress.de: keine Meldung. Bei turi2: Ne Minimeldung. Bei Meedia.de: Schwarzes Flimmern.

Aber das ist doch jetzt auch ein Dokument der Zeitgeschichte?! Ein journalistischer Vorgang!?

Dann, doch: Bild.de zeigt das Video – in voller Länge. Bild als Vorkämpfer der Pressefreiheit: Na, wer hätte das gedacht.

Hier das Transkript:

 „Sackdoof, feige und verklemmt,

ist Erdogan, der Präsident

Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner,

selbst ein Schweinefurz riecht schöner.

Er ist der Mann, der Mädchen schlägt

und dabei Gummimasken trägt.

Am liebsten mag er Ziegen ficken

und Minderheiten unterdrücken. 

Kurden treten, Christen hauen

und dabei Kinderpornos schauen.

Und selbst abends heißt‘s statt schlafen

Fellatio mit 100 Schafen.

Ja, Erdogan ist voll und ganz

ein Präsident mit kleinem Schwanz.

Jeden Türken hört man flöten,

die dumme Sau hat Schrumpelklöten.

Von Ankara bis Istanbul

weiß jeder Mann,

dieser Mann ist schwul, pervers, verlaust und zoophil,

Recep, Fritzl, Priklopil.

Sein Kopf so leer wie seine Eier,

der Star auf jeder Gangbangfeier,

bis der Schwanz beim Pinkeln brennt.

Das ist Recep Erdogan, der türkische Präsident.

Oh. Lustig ist das nicht. Eher ein peinlicher, abgeschmackter Versuch, die grandiose „extra 3“-Satire über Erdogan „Erdowie, Erdowo, Erdowan“  zu übertreffen. Die ursprüngliche Satire ist inzwischen ein Youtube-Hit; mehr als fünf Millionen Mal wurde das Zwei-Minuten-Filmchen geklickt.

Und die hat weltweit für Beachtung gesorgt. CNN-Journalistin Christiane Amanpour hat Erdogan in einem sehenswerten Interview gefragt, warum er so auf die Satire reagiert habe. Erdogan sagte, Satire dürfe nicht „zu Desinformation führen“. Wenn jemand behaupte, der demokratische Präsident eines Landes sei ein Terrorist, dann werde er sich wehren, so Erdogan. Auf Nachfrage ergänzte er, er habe nie etwas getan, um die Medienfreiheit in der Türkei einzuschränken.

Aber DAS ist jetzt ein Aprilscherz! Nein?

Inzwischen erklärt sich auch ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler zu der Böhmermann-Affäre: „Wir sind bekannt dafür, dass wir bei unseren Satire-Formaten breite Schultern haben und den Protagonisten große Freiräume geben. Aber es gibt auch Grenzen der Ironie und der Satire. In diesem Fall wurden sie klar überschritten. Deswegen haben wir in Absprache mit Jan Böhmermann beschlossen, die Passage aus der Sendung herauszunehmen. Das betrifft das Sendungsvideo in der Mediathek, Clips auf Youtube sowie Wiederholungen.“

Woran Himmler nicht gedacht hat: Dass das Video damit erst recht Aufmerksamkeit erregen wird. Kein Scherz.

Svenja Gerwing | Do, 5. Januar 2017 - 15:45

Böhmermann fügt sich lückenlos in das Team ZDF ein: Alle Slomkas, Klebers und Welkes dieser Republik vereinigt euch! Mit ausgeprägtem Narzissmus wird die eigene Meinung öffentlich-rechtlich glorifiziert: "Wir gut, ihr Hetzer" in bester Tradition des Schwarzen Kanals. Hey Leute, Karl-Eduard von Schnitzler hats erfunden!

Michaela Diederichs | Do, 5. Januar 2017 - 23:24

Also ich finde Herrn Böhmermann deutlich überwertet. Verzeihen Sie, aber warum geben Sie diesem Mann überhaupt Zeit, Raum und Aufmerksamkeit? Das erschließt sich mir nicht. Solche um Beachtung heischenden Charaktere sollte man ignorieren. Das ist für sie Höchststrafe. Dieses Gedicht ist weder schön, noch erwähnenswert, noch satirisch. Es ist einfach nur geschmack- und niveaulos. Aber das Niveau sinkt halt - auch in Sachen Satire.

Chris Lock | Fr, 6. Januar 2017 - 09:48

...stellt sich für mich die Frage, was nun der Unterschied zwischen "hatespeech" und diesem "Gedicht" sein soll.

Das Ding ist eine Beleidigung übelster Art und Erdogan tut recht daran, Böhmermann im Wege der Privatklage zu belangen.

Reinhard Czempik | Fr, 6. Januar 2017 - 12:24

Die Würde eines jeden Menschen auf diesem Planeten ist unantastbar! Das "Gedicht" ist und bleibt einfach ekelhaft, bei aller berechtigten Kritik an der Politik des mir persönlich unsympathischen Erdogan.
Dagegen musste ich bei der extra 3-Erdogan-Satire vergnüglich schmunzeln.

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