Stadtflucht - Warum treibt es uns aufs Land?

Das Landleben ist voller Entbehrungen. Trotzdem meinen einige Städter, sich ausgerechnet dort besonders gut erholen zu können. Warum nur? Weil die Provinz in der postmodernen Gesellschaft eine neue Qualität hinzugewonnen hat: Unerreichbarkeit

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(picture alliance) Das Landleben verschafft dem modernen Menschen eine neue Qualität: Unerreichbarkeit

Draußen, weit entfernt von Lärm und Dreck, da wo Butterblumen blühen und Kühe ihre Haufen auf selbigen absetzen, liegt der Sehnsuchtsort aller stadtgeplagten Menschen. Ruhe, Beschaulichkeit, Ursprünglichkeit – das Bedürfnis danach lungert ein ganzes hartes Arbeitsjahr hindurch im Stadtmenschen, bis es sich eruptiv im Sommer Bahn bricht und ihn hinaus auf das Land treibt. Nur raus, raus schreit die eingesperrte, von schlechter Luft und entfremdeter Arbeit geplagte Seele und sie schwingt sich auf, die niedersächsische Steppe auf dem Rücken der Pferde zu durchstreifen oder im Allgäu Hand an ein Rindereuter zu legen. Sei es beim zweiwöchigen Rückzug in eine einsame Waldhütte ohne Strom und Wasser oder beim Herstellen des eigenen Bioweins auf einem pfälzischen Gut: Urlaub auf dem Land, im Einklang mit der Natur  gilt als attraktive Alternative zum Massentourismus in den voll ausgebuchten Hotelburgen.

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Jedem Städter, der einmal Landluft geatmet hat, scheint dieses Bedürfnis vollkommen verständlich, ja geradezu naturgegeben zu sein. Dabei weiß jeder, der sein Dasein tatsächlich in der Peripherie fristen muss, dass das Landleben etliche Bürden bereit hält. Meist gibt es dort nämlich nichts, was den Alltag einfach und bequem macht: keinen Kiosk, der bis spät in die Nacht geöffnet hat, keine Zugverbindungen, keine Bar und manchmal noch nicht mal Handyempfang, geschweige denn Internet. Stattdessen: Ödnis, wohin das Auge blickt, stechende Mücken, quakende Frösche. Was hat es, dieses ländliche Leben, dass einige meinen, sich in dieser anstrengenden Umgebung angemessen entspannen zu können?

Die Antwort lautet: Genau das!

Seit Beginn der Industrialisierung suchten die Menschen in der Abgeschiedenheit der Natur immer wieder Ruhe und Entspannung. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden so die Lebensreformbewegungen als Gegenentwurf zur Urbanisierung, die den Menschen zu sich selbst, zum „Natürlichen“ zurückführen wollten. Vegetarismus und Freikörperkultur haben hier ihren Ursprung.

Anders als früher muss heute zwar niemand mehr vor qualmenden Fabrikschloten oder vergifteten Flüssen fliehen. Das Landleben, und sei es nur auf Zeit, hat heute dafür eine neue Qualität hinzugewonnen, die dem Menschen in der postindustriellen Gesellschaft ungekannte Erholung verschafft: Unerreichbarkeit.

In unserer vernetzten Arbeitswelt, in der ständig Mails aufpoppen, Facebook- und Twittercommunities auf Antworten warten, das Handy sowieso rund um die Uhr an ist und abends noch kurz mit Übersee gechattet wird, ist sie die größtmögliche Belohnung für getane Arbeit. Der Begriff „mal so richtig abschalten“ ist bei einem Urlaub auf dem Land also mehr als nur ein Werbespruch auf bunten Plakaten. Er gilt buchstäblich auch für all die elektronischen Geräte, die uns jeden Tag begleiten und zum Kommunizieren auffordern. Das Handy funkt nicht und von DSL hat der Bürgermeister noch nie etwas gehört? Was für eine Erleichterung, welch Luxus!

Die Flucht aus der Stadt ist mehr als nur der Ausbruch aus dem Gewohnten

Überfordert vom täglichen Informationsüberfluss und genervt vom technischen Fortschritt begibt sich der Stadtflüchtige in die Einöde und entdeckt erst dort sein eigentliches Menschsein wieder. Die Rückbesinnung auf das Wesentliche, die Wiederbelebung der Kräfte, das Spüren der eigenen Bedürfnisse – wo ginge das besser als in einer naturbelassenen Umgebung, in der einen nichts von der Beschäftigung mit sich selbst ablenkt? Dort, wo es statt Facebook und Blackberry nur Wald, Wiesen, Kräuter und Uhus gibt, lässt sich gut in sich hineinhorchen. Kein Wellnesshotel, kein Fontana di Trevi, noch nicht mal ein Mittelmeerstrand kann das bieten.

Die Flucht aus der Stadt ist darüber hinaus mehr als nur der Ausbruch aus dem Gewohnten, so wie es jede Reise auf ihre Art ist. Die Sehnsucht der Menschen, die auf dem Bauernhof oder in der Einöde urlauben, geht meist tiefer. Es ist dieselbe Sehnsucht nach dem Echten, dem Ursprünglichen, die weite Teile der gut verdienenden Stadtbevölkerung jeden Monat an den Kiosk treibt und dort Hefte wie „Landlust“ kaufen lässt. Manche gehen so weit, dass sie sogar aus der Stadt wegziehen, um sich ihr Leben ganz auf dem Dorf einzurichten. Es ist eine romantische Vorstellung von einer Welt, wie sie ohne übermäßigen Konsum und Entfremdung sein könnte. Eine Welt, in der man mit den eigenen Händen für die Grundbedürfnisse des Überlebens sorgt. Somit bedeutet Urlaub auf dem Land gar nicht zwingenderweise, dass man nicht arbeitet. Es geht stattdessen um eine produktive, körperliche und schöpferische Arbeit als Gegenentwurf zur meist rein kopflastigen und abstrakten, weil allein auf Gelderwerb ausgerichteten, städtischen Arbeit. Übersättigte Stadtmenschen finden sich dann plötzlich im hauseigenen Gemüsegarten, beim Brotbacken, Holzhacken oder gar beim Kühemelken wieder.

Ein Massenphänomen, wie uns zahlreiche Lifestyleberichte glauben machen wollen, ist diese Rückbesinnung auf das Ländliche allerdings bisher nicht. Zu mühsam und voll von Entbehrungen ist so ein Leben in der Uckermark, in der Lüneburger Heide oder im bayerischen Bergland letztendlich.  Autor Axel Brüggemann, der sich aufmachte, um das echte Leben dort draußen kennenzulernen, kehrte resigniert zurück und verarbeitete den Schock in seinem Buch „Landfrust“ – vermutlich ist er nicht der Einzige.

Und auch der Landtourismus ist von einem Boom weit entfernt. Zwar urlauben die Deutschen am liebsten im eigenen Land, an erster Stelle stehen dabei aber die Touristenhochburgen an der Ostsee. „Der Deutschlandtourismus boomt – doch die ländlichen Regionen in unserem Land sind in den vergangenen Jahren hinter dem Wachstum zurückgeblieben“, heißt es beim Deutschen Reiseverband.

Zum Glück, muss man sagen. Denn vermutlich wäre mit einer Massenbewegung in die Provinz all das verdorben, was sie ausmacht.

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