Landidylle - Aber bitte mit Autobahnanschluss und Supermarkt

Kolumne Stadt, Land, Flucht: „Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße.“ Was Kurt Tucholsky 1927 als „Ideal“ beschrieb, lässt die Menschen bis heute nicht los

Ein Traum vom Landleben
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Vergangenen Sonntag, Tag des offenen Hofes im niedersächsischen Salzhausen. Im Schatten des Heuschwaders predigt Pastor Michael Danne vor den Besuchern. Er betet, wie nur unter Bauern gebetet wird: „Herr, wecke die Bereitschaft bei den Verbrauchern, angemessene Preise für die Lebensmittel zu bezahlen." Übertönt wird das „Amen“ der Gäste nur durch ein kraftvolles „Muh“ aus dem Kuhstall hinter ihnen.

An diesem Tag folgten, so der Bauernverband, bundesweit 2, 5 Millionen Besucher der Einladung deutscher Bauernhöfe, um Kühe an Melkmaschinen oder Schweine in ihren Koben zu bestaunen. Es ist der Versuch, den romantisierten Bullerbü-Blick der Verbraucher mit der hochtechnisierten Bauernhofstruktur zu versöhnen.

Aber wer will das eigentlich? Die Menschen wollen aufs Land, heißt es in der aktuellen Studie der Sparda-Banken zum „Wohnen in Deutschland“. Jeder dritte Deutsche wünscht sich, auf dem Land zu leben (29 Prozent), nur jeder fünfte dagegen denkt, dass ein Leben in der Großstadt zu seinem persönlichen Glück gehört (19 Prozent). Fragt man beim Statistischen Bundesamt nach, leben aber ganze 30,8 Prozent aller Deutschen in Großstädten.

Grob gerechnet sind da also zehn Prozent der Deutschen, rund 8 Millionen Menschen, die sich eigentlich in die Natur träumen. Und was bedeutet das? Dass sie einen Acker bestellen, im Dreck wühlen wollen? Nein. Sie wollen das Land, die Wiesen und die Weite aber keinen dunklen Wald vor der Tür. Sie wünschen sich Vogelgezwitscher, aber nicht um vier Uhr morgens. Shabbyschicke Bauerntruhen, aber keine Abdrücke von matschigen Stiefeln in der Küche.

Es ist viel Idee dabei: von Ruhe, Wahrhaftigkeit, von mehr Zeit und weniger Allergien, von gesünderem Leben und nachhaltigem Essen. Dabei gibt es auch hier auf dem Land den Aldi, Autostaus und Überstunden. Und die Zecken übertragen Borreliose. Auf der anderen Seite existiert tatsächlich die Bauernfamilie, bei denen das einzige Telefon an einer Schnur in der zugigen Eingangsdiele hängt, der Bauer kein Handy besitzt und noch Tage später stolz berichtet: „Ich war im Internet “. Und zum Dorffest laden „Conny und Uwe“ stilecht zu „100 Litern Freibier“ im Feuerwehrzelt.

 

Das ist eben auch Land. Und sicher auch ein Grund dafür, dass sich viele Städter mit einem Abonnement der Landlust und einem Abstecher in die Berliner Prinzessinnengärten, dem Gemüsegarten für Großstädter, begnügen, anstatt wirklich in die deutschen Steppen zu ziehen.

Der Garten habe immer dann „Konjunktur, wenn ein Zeitenwandel Hand in Hand mit Wohlstand geht. Wenn die großen Utopien an ihre Grenzen geraten oder zu zerbrechen drohen“, schreibt Karl Čapek in „Das Jahr des Gärtners“. So versuche man dann, die Welt im Kleinen zu retten, resümierte kürzlich Daniel Schreiber in Deutschlandradio Kultur. Viele Landutopisten wollen Gärtner sein, keine Bauern. Und sie wünschen sich auch kein echtes Landleben, sondern ein Landleben light, mit allen Annehmlichkeiten in der Stadt. Deswegen träumen sie vom Land, erschrecken aber bei dem Gedanken an den echten Umzug.

Im Baumarkt fragte ich vor einiger Zeit nach diesen klebrigen Fliegenrollen, wie ich sie von bekannten Bauernhöfen aus der Kindheit kannte. Was ich in die Hand gedrückt bekam, waren durchsichtige Fensterfolien, fein und fast unsichtbar. Die Fliegen aber, die daran hängen bleiben, sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Derweil summen die dicken schwarzen Brummer weiter durch die Küche. Der gleiche Verkäufer versicherte mir auf die Frage nach einem handelsüblichen Besen, so etwas werde nicht mehr nachgefragt.

Die Sehnsucht nach Land mit Supermarkt

Man sauge doch heute eigentlich überall. Dass ich einem Staubsauger den matschigen Dreck  aus der Bauernküche nicht antun kann, war hier unerheblich. Das alles würde mich nicht wundern, kaufte ich noch immer in einem Baumarkt im Prenzlauer Berg ein. Tue ich aber nicht. Ich spreche von einem Baumarkt inmitten von Rapsfeldern, in Niedersachsen, dem selbsternannten „Agrarland Nummer eins“ immerhin, wie unser Landwirtschaftsminister Christian Meyer immer wieder betont.

Es hat etwas Kindliches, diese Sehnsucht nach dem Land – „aber bitte mit Supermarkt“ (Stern). In ihr kulminiert die ganze quälende Bandbreite möglicher Lebensentwürfe. Wir fliegen ins All, klonen Geschöpfe, reisen in ein paar Stunden um die Welt und bauen Roboter. Da muss es doch wohl möglich sein, an einem Ort zu leben, der Zerstreuung, Party, Shopping, Ruhe und Landleben gleichermaßen vereint.

Meine vierjährige Tochter wünscht sich nach einem Besuch in ihrer Geburtsstadt Berlin, unser neues Leben auf dem Bauernhof in ihr alteingesessenes Viertel in die deutsche Hauptstadt zu verpflanzen. Dann könne sie weiterhin ihre alten Freundinnen treffen und das wäre doch schön. Leider, musste ich ihr sagen, geht das nicht. Und es tat nicht nur ihr ein bisschen weh, das zu begreifen.

 

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