21.12. - „Untergangs-Drohungen führen zum Trotz-Reflex“

Das „Fuchteln mit dem apokalyptischen Hammer“ führe nicht wirklich zu Veränderungen, sagt der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. Im Cicero-Online-Interview erklärt er, was populistische Phrasen in der Politik anrichten können und warum wir so empfänglich für radikale „End-Lösungen“ sind

Matthias_Horx,Zukunftsforscher
(picture alliance) Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx glaubt nicht an Weltuntergangs-Prophezeiungen, kann aber erklären, warum wir sie brauchen

Schon Pläne für das Wochenende?
Ja. Kekse backen und Spaziergänge mit dem Hund. Dazu viele Bücher lesen und das Eine oder Andere schreiben.

Aber Freitag geht doch die Welt unter.
Oha. Schon wieder? Glaube ich eher nicht...

Warum zelebrieren das dann Tausende andere auf der ganzen Welt?
Wir sind einfach empfänglich für Bilder des Untergangs. Unsere mentalen Muster haben eine Tendenz, so etwas zu glauben, weil wir als evolutionäre Wesen auf Angst gebaut sind. Zigtausende von Jahren haben unsere Vorfahren ja tatsächlich ständig in existentiellen Gefahren gelebt, die sie hätten ausrotten können. Die Angst fungierte als „Aktivator“, damit wir flüchten oder kämpfen. Heute ist die Angst oft diffus und neigt zu Halluzinationen. Risikoforscher Peter Sandmann hat einmal gesagt: „Die Menschen regen sich nicht auf, weil etwas gefährlich ist; sie denken, dass etwas gefährlich ist, weil sie sich aufregen.“

Hat Angela Merkel diese innere, evolutionäre Angst mit ihrer Drohungen „Scheitert der Euro, scheitert Europa“ zu ihren Gunsten ausgenutzt?
Ich habe das nicht so sehr als Untergangsdrohung im eigentlichen Sinne verstanden. Sondern als Hinweis darauf, dass dieses Projekt Europa, das 1950 begann und 1989 einen Schub bekam, und dann noch einmal mit der Einführung des Euro, dann zu Ende ist. Das ist wahr. Wie ich Angela Merkel kenne, neigt sie aber als Physikerin nicht zu apokalyptischen Übersteigerungen. Auch wenn dieses Europa scheitert, würde es noch ein Europa geben, dann müsste man ein neues Projekt beginnen.

Ob es als Untergangsdrohung gedacht war oder nicht – scheinbar war ihre Aussage Einschüchterung genug, denn Europa folgt ihrem Kurs. Das hat schon im Mittelalter funktioniert, als die kirchlich geschürte Furcht vor der Apokalypse zu einer Blüte des Ablasshandels führte. Warum funktioniert das „Droher-Follower“-Prinzip gemeinhin so gut?
Weil die „Droher“ meist clevere Menschenfänger sind, die ein bestimmtes Macht- und Einflussmodell durchsetzen. Autoritäre Charaktere eben. Die „Follower“ sind oft Menschen mit schwacher Individualität, die an einen großen Verschwörungszusammenhang glauben wollen. Man nennt diesen Effekt in der Kognitionspsychologie auch „cognitive-ease“-Effekt. Wenn man finstere Kräfte ausmacht, die die Menschheit ins Verderben reißt, macht man sich die Welt eben auch ein Stückchen einfacher.

Nimmt die aktuelle Politik diese „Droher“-Rolle ein?
Nein. Die Politik ist ja eher verunsichert. Sie ist pragmatischer geworden, fragender, komplexer und arbeitet eher durch Navigieren und „Kreuzen gegen den Wind“.

Es lässt sich kein Trend hin zu einer Instrumentalisierung des Untergangs als probates Mittel zum Zweck seitens der Politik erkennen?
Generell kann man sagen, dass sich die Politik eher ent-ideologisiert. Selbst in Griechenland sind ja eher Pragmatiker gewählt worden, nicht die lauten Schreier.

Und was ist etwa mit Thilo Sarrazin und seinem Buch, für das er den provokanten Titel „Deutschland schafft sich ab“ wählte?
Sarrazin funktionalisiert reale Probleme, wie eben die Bildungsprobleme von Emigranten in den Großstädten. Er analysiert ein reales Problem und pumpt es apokalyptisch auf. Das ist ja gerade das Perfide am Populismus. Man braucht ja nur das Grölen auf jeder Veranstaltung anzuhören und weiß sofort, dass hier tiefe kollektive Aggressionen angesprochen und herausgelockt werden. Es zielt direkt auf den Unterleib und noch tiefer, in unsere genetische Angst vor dem Aussterben des eigenen „Stammes“. Es gibt in Europa insgesamt aber nur einige neu-nationalistische Politiker, die mit dem Motiv „Man will uns ausrotten und demütigen – wir sind aber die Größten“ arbeiten.

[gallery:To be continued - Verpasste Weltuntergänge]

Was wollen die und alle anderen, die den Untergang prophezeien, bezwecken?
Meistens geht es darum, Macht auszuüben durch eine Androhung. Damit arbeiten alle totalitären Sekten und auch viele Ideologien. Die Marx´sche Idee vom finalen Zusammenbruch des Kapitalismus, den man nur durch die proletarische Revolution aufhalten kann – auch dahinter steht ja die Dialektik von Himmelreich und Apokalypse-Drohung.
Es geht auch um die Wiederherstellung alter Rollenmuster. Die „Collapsionists“, die in Amerika heute Armageddon erwarten und sich in Milizen bewaffnen, spielen dabei ja auch ein altes, bewährtes Macho-Spiel: Familie beschützen gegen die Zombies, die nach der Apokalypse plündern kommen. Die männliche Ehre wird so wieder hergestellt.

Als Ersatz für die Mammuts und Säbelzahntiger, gegen die die Männer in der Steinzeit gekämpft haben?
Ja, in einer komplexen Welt haben wir das Problem, dass es meistens keinen Säbelzahntiger oder fremden Stamm zum Kämpfen gibt. Es fällt uns jedoch schwer, eine Welt zu verstehen, die so sicher ist wie nie. Wir trauen einfach dem Fortschritt nicht. Deshalb kommen wir immer wieder zu den alten Mythen zurück: Die Schlange frisst den Mond, und Ströme von Blut überschwemmen die Erde... Mit diesem Mythos haben die Maya ihren eigenen Untergang illustriert. Sie haben einfach so fest daran geglaubt, dass sie ihren Untergang selbst hergestellt haben – durch immer bizarrere Rituale und mörderischere Kriege. Das ist die Gefahr: Dass wir wirklich so sehr daran glauben, dass wir den Untergang selbst herstellen. Dass die vernünftige und sinnvolle Angst sich zur Hysterie steigert.

Seite 2: Warum die Weltuntergangs-Hysterie unsere Demokratie gefährdet

Glauben Sie, das wäre im 21. Jahrhundert möglich?
Nun ja: Hitler war Apokalyptiker, der den Untergang der deutschen Rasse prophezeite – und damit tatsächlich einen Weltenbrand auslösen konnte. Die Kirche redete den Leuten ein, dass sie alle im Höllenfeuer braten würden – wenn man nicht Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrennen würde. Unmöglich ist es nicht. Amerika befindet sich teilweise schon am Rand einer Hysterie, denn Menschen sind immer empfänglich für radikale „End-Lösungen“.

Wir stürzen uns also irgendwann eigenhändig in den Abgrund, wenn uns Apokalyptiker das Ende lang genug eingeredet haben?
Nicht unbedingt: Nachdem Emmerich seinen Untergangsfilm zur Klimakatastrophe, „The Day after Tomorrow“  herausgebracht hat, ist die Anzahl derjenigen, die den Klima-Experten glaubten, gesunken. Übertreibungen führen irgendwann eben auch zum Gegenteil: Man glaubt überhaupt nichts mehr. Das ist aber das eigentliche Problem: Das Weltuntergangs-Getöse verharmlost auf Dauer die realen Gefahren, denen wir uns stellen müssen.

Und damit wären dann wieder unsere soziale Ordnung und unser Rechtsstaat in Gefahr…
Ja, denn immer, wenn sich solche extremen Wenn-Dann-Ideologien durchsetzen, zerstört das das Gemeinwesen, das ja auf Abwägung, Kompromiss und Moderation basiert. Das ist für unsere heutige Demokratie gefährlich, die ja immer aus Versuch und Irrtum besteht.

Aber warum neigen wir trotz der Gefahren zu maximalistischen Bildern? Brauchen wir Drohungen, um überhaupt zu handeln?
Menschen, denen man droht, handeln vielleicht kurzfristig, aber sie verstehen es nicht und verändern sich nicht dabei. Der Effekt ist immer oberflächlich. Deshalb führt das Fuchteln mit dem apokalyptischen Hammer ja auch in Sachen Umwelt, Ernährung und Energie nicht wirklich zu Veränderungen. Das gilt auch für die Politik. Wenn man Lungenkrebs-Bilder auf Zigarettenpackungen druckt, wird vielmehr ein Trotz-Reflex ausgelöst. Wenn aber ein Atomreaktor explodiert, wie in Fukushima, dann kann das durchaus zu einem Systemwechsel führen, siehe Energiewende. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass wir in Sachen CO2-Reduzierung schnell vorankämen, wenn das Benzin fünf Euro pro Liter kosten würde, wie es einst die Grünen androhten. Die ganzen Untergangs-Schreiereien sind in Wirklichkeit Übungen zum Überleben. Die Menschheit auszurotten wird einfach nicht gelingen. Wir, beziehungsweise unsere Vorfahren, haben nämlich schon eine Menge schrecklicher Ereignisse hinter uns, wie den Vulkanausbruch von Toba, der vor 72.000 Jahren einen Klimawandel brachte, der den Homo sapiens an den Rand der Ausrottung brachte. Der „Witz“ ist ja, dass Katastrophen und Krisen immer die Kreativität der Menschen beschleunigen. Evolution funktioniert durch Stress.

Theoretisch könnte die Politik Ziele also schneller erreichen, wenn sie auf die apokalyptische Drohschiene setzt – solange sie es nicht übertreibt?
Die Menschen bei notwendigen Wandlungsprozessen mitnehmen, ist die hohe politische Kunst. Auch in Sachen Europa ist das möglich. Selbst wenn Angela Merkel nicht unbedingt die begnadedste Rhetorikerin ist, hat sie doch ganz gut die Balance zwischen „Ernst der Lage“ und „Sinn des Schmerzes“ gehalten. Deshalb wird ja auch Europa nicht auseinanderfliegen, wie uns noch vor einem Jahr eine ganze Horde hysterisierter Experten weisgemacht haben.

Matthias Horx gründete 2000 das „Zukunftsinstitut” und ist seit 2007 Dozent für Prognostik und Früherkennung an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Er gilt als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Seine Bücher wie „Anleitung zum Zukunftsoptimismus” oder „Das Buch des Wandels” wurden Bestseller.

Das Interview führte Jana Illhardt.

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