So viel Geld für fünf Kilo Butter?

Manchmal bewerkstelligen Kunstwerke auch etwas, wenn sie zerstört werden: Wie die berühmte Fettecke von Joseph Beuys der Öffentlichkeit die Augen für zeitgenössische Kunst öffnete.

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Als er im Frühjahr 1982 auf eine Leiter stieg und fünf Kilogramm Butter in eine Ecke seines Ateliers im Raum 3 der Düsseldorfer Kunstakademie klebte, schuf Joseph Beuys sein bekanntestes Kunstwerk: In fünf Meter Höhe schmiegte sich „Die Fettecke“ an den Putz der Wände. Aber nicht für immer. Richtig bekannt wurde die Arbeit erst durch ihre Zerstörung wenige Monate nach Beuys’ Tod 1986. Ein Hausmeister der Kunstakademie entfernte den schon lange ranzig gewordenen Brotaufstrich und Beuys’ langjähriger Atelierleiter Johannes Stüttgen, dem der Künstler das Werk vermacht hatte, klagte, weil er sein Eigentum verletzt sah. Der Prozess endete in zweiter Instanz mit einem Vergleich, und das Land Nordrhein-Westfalen, unter dessen Hoheit die Kunstakademie steht, zahlte Stüttgen 40 000 D-Mark Schadenersatz. So viel Geld für fünf Kilo Butter? Vielen erschien das damals als eine geradezu absurde Verschwendung von Steuergeldern. Heute gehört es zum Allgemeinwissen, dass Fett eine besondere Rolle im Schaffen von Joseph Beuys spielt. Sein Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg in einem Schneesturm über der Krim wurde zum Mythos. Hätten Tataren ihn nicht mit Fett eingerieben und in Filz eingewickelt, dann hätte der Schwerverletzte nicht überlebt. Fett und Filz wurden so zum festen Bestandteil seines symbolträchtigen Vokabulars. Der schätzte das Fett insbesondere für „seine absolute Flexibilität“ und „seine Anfälligkeit gegenüber Temperaturschwankungen“, denn Kälte und Wärme waren ihm wichtig als Prinzipien in der Plastik. Fett könne man „mit Wärme bearbeiten“, erklärte er, „dann verfließt es sozusagen völlig. Dann kann man es aber wieder erkalten lassen und in eine Form bringen.“ Man könne es einfach in einen Raum hineinwerfen oder aus seiner „chaotisch zerstreuten, energieungerichteten Form“ eine „Nike von Samothrake modellieren“. Fettecken hatte Beuys schon zuvor geschaffen, etwa 1969 im sogenannten Luzerner Fettraum. Schon lange ist zeitgenössische Kunst der Zerstörung durch Ignoranz ausgesetzt: Marcel Duchamps originales Readymade „Fountain“, ein fabrikneues Urinal, das er 1917 signierte und zu einer New Yorker Ausstellung einschickte, ist wahrscheinlich einfach auf dem Sperrmüll gelandet. Im Jahr 2007 entfernte die Kasseler Stadtreinigung ein Kunstwerk der chilenischen Künstlerin Lotty Rosenfeld, die anlässlich der Documenta „Eine Meile aus Kreuzen auf dem Asphalt“ geschaffen hatte. Ausgerechnet die Zerstörung eines Kunstwerks war es auch, die Beuys schon 1973 ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rückte. Damals befand sich eine von ihm bearbeitete Babybadewanne aus der Sammlung des Verlegers Lothar Schirmer im Schloss Mors­broich. Die Ausstellung war noch nicht aufgebaut, als der SPD-Ortsverein Leverkusen-Alkenrath im Schloss ein Fest feierte. Dabei wurde die mit Pflastern, Fett und Mullbinden versehene Badewanne nicht als Kunst erkannt, sondern als praktisches, aber schmutziges Gefäß zum Geschirrspülen. „Och, dat alte Ding“, hieß es da, „dat kön wer doch schön saubermachen“, und dann wurde kräftig geschrubbt. Schirmer wurden ebenfalls 40 000 DMark Schadenersatz zugesprochen, und Beuys erhielt die Badewanne zurück, um sie neu zu bearbeiten. So bedauerlich die Zerstörung der Fettecke war, so hat sie doch immerhin der Öffentlichkeit die – vielleicht ungläubigen – Augen dafür geöffnet, dass Kunst nicht in Marmor gemeißelt auf einem Sockel stehen muss, sondern ebenso als verletzlicher Klumpen in einer Zimmerecke hängen kann.

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