Peter Handke - Meister der Provokation

Als Schimpfen noch geholfen hat – Friedrich Christian Delius erzählt von dem verrücktesten Moment in der deutschen Literaturgeschichte der Nachkriegszeit, einem Lesevormittag der Gruppe 47 in Princton

Peter Handke, Gruppe 47, Friedrich Christian Delius, Princton
(picture alliance) Peter Handke zog mit seinen streng nach vorn gekämmten Haaren die Blicke auf sich

Der junge Mann, den ich für jünger hielt als mich, fiel mir auf, als er in seinem Manuskript herumkorrigierte. Was für ein Anfänger, dachte ich, wie kann man kurz vor einer Lesung vor dem erlauchten Gremium der Gruppe, vor so vielen kundigen Leuten, vor der höchsten literarischen Instanz, in der allerletzten Minute noch mit dem Kugelschreiber an seinem Text bosseln – wenn der schlecht ist, wird er jetzt auch nicht mehr besser, und wenn er gut ist, wird er eher schlechter beim nervösen Umformulieren kurz vor der Mutprobe.

Er saß zwei, drei Meter entfernt auf der nächsten Bank, der junge Österreicher, ganz auf seine getippten Blätter konzentriert. Ich sah ihn von der Seite und hörte dabei einem Gespräch zweier Freunde neben mir zu, um uns herum Rhododendronbüsche. Mittagspause nach dem ersten Lesevormittag der Gruppe 47 in Princeton, wir hatten gegessen und konnten noch eine halbe Stunde in frischer Luft zubringen, ein Frühlingstag im amerikanischen April in einer kleinen Parkanlage neben dem Mensagebäude. Ich überlegte einen Moment, ob ich mich zu ihm setzen und ihn über die Torheit seiner Korrekturpanik aufklären sollte, doch dieser Impuls verschwand sofort wieder.

Ich hatte weder ein Recht noch einen Grund, ihn zu unterbrechen, außerdem hätte ich mich nicht getraut, die beiden Freunde abrupt zu verlassen und den Fremden zu belästigen. Wir hatten uns zwei Tage vorher, beim ersten Abend in der Blue Bar des Hotel Algonquin in New York, kurz begrüßt, ich hatte seinen Namen behalten, obwohl wir, beide Randfiguren, kaum miteinander gesprochen hatten. Er war ein stiller Beobachter, und ich war ein stiller Beobachter, er aber mit einem deutlicheren Ausdruck von Unnahbarkeit im Gesicht, während ich dankbar für jeden war, der sich näherte und mich eines kurzen Gesprächs würdigte. Ich wollte mit Kleidung nicht auffallen, er zog mit seiner Mütze und den streng nach vorn gekämmten Haaren die Blicke auf sich, und es schien so, als hätte er es darauf abgesehen.

Am nächsten Tag las Peter Handke einen sonderbar starren Prosatext, „Der Hausierer“, mit überkonstruierten, gestelzten, reiz- und humorlosen Hauptsätzen. Bei der Kritik fand er Fürsprecher und Gegner, und ich dachte: Die kleinen Korrekturen auf der Rhododendronbank haben auch nichts genützt. Vorher, bei der Lesung von Walter Höllerer, hatte er sich als Erster gemeldet und den Professor-Autor-Kritiker abzufertigen versucht mit: Das sei alles geistlos, öde, langweilig. Auch ich hatte Schwierigkeiten mit den hochkomplexen Texten, aber solche Pauschaleinwände wirkten dümmlich. Diese Prosa war eher zu raffiniert als „geistlos“. Noch mehr aber, muss ich zugeben, störte mich die nölende österreichische Stimme, der Mäkelton, in dem ich den hochnäsigen Schmäh des Besserwissers vermutete, der sich nicht im Geringsten geniert, als Besserwisser aufzutreten.

Wieder eine Überraschung, als er am Nachmittag des letzten Lesetags, bei der Debatte über einen Text von Hermann Peter Piwitt, als Erster aufstand, direkt in der Reihe vor mir, und zu sprechen anfing. Er sagte nichts zu dem vorgelesenen Text, kein Zitat, kein Beispiel, er warf Reizwörter in die allgemeine Müdigkeit und Lustlosigkeit des Nachmittags, Wörter wie läppisch, unschöpferisch, billig und Beschreibungsimpotenz. Die Zuhörer erschraken, solches Abfertigungsvokabular war neu, vor allem das Wort Impotenz schien einen empfindlichen Punkt getroffen zu haben. Jedenfalls wirkte die Frechheit des Behauptens und Imponierens: Wer andere öffentlich impotent nennt, prahlt ja vor allem mit seiner Potenz. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf den jungen Mann, der nun erst richtig in Fahrt kam und nicht nur Piwitts Text, sondern die ganze gegenwärtige deutsche Prosa läppisch und idiotisch nannte, kein Autor habe mehr schöpferische Potenz zu irgendeiner Literatur, rief er laut. Es herrsche eine neue Sachlichkeit, Bilderbuch-Duden-Beschreibung, alles sei fürchterlich konventionell, die Gestik dieser Sprache sei völlig öde und läppisch und idiotisch.

Es gab Gemurmel, Gelächter und vereinzelten Applaus, und das stachelte ihn zum Höhepunkt seiner Philippika an, die Kritik sei ebenso läppisch wie die Literatur. So ließ er, in merkwürdig steifer Haltung, seine Beschwerde ab, und meine Aversion richtete sich wieder gegen seine Stimme, gegen den sich hinschleppenden, leicht beleidigt klingenden österreichischen Singsang, nicht nur gegen seine Sätze. Was er sagte, war verwirrend, der Ausbruch seines Unmuts wirkte übertrieben, künstlich. Entweder, dachte ich, habe ich schlecht zugehört oder der.

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Denn mit ausführlicher Beschreibung von Einzelheiten, mit neuer Sachlichkeit, mit allen Negativbegriffen, die der mutige Junge in den Saal streute, hatte der vorgelesene Text nichts zu tun und auch die meisten anderen Texte nicht, die vorher zu hören gewesen waren. Nur einer hatte am Tag zuvor einen besonders langweiligen, in Beschreibungen, in konventionellen Aussagesätzen sich erschöpfenden Text vorgelesen, dieser junge Autor selbst – wenn von Beschreibungsimpotenz die Rede sein sollte und wenn dies Geschimpfe einen sachlichen Kern haben sollte, dann müsste er doch zuerst auf seine eigene Literatur zielen, dachte ich, nachdem der erste Schrecken über die Wörter Impotenz, läppisch, idiotisch gewichen war. Er experimentiert mit verödeter Sprache, gut, aber warum kreidet er den anderen Autoren, allen anderen, genau solche Ödnis an? Er liefert krampfhafte Beschreibungen und schimpft auf Beschreibungsimpotenz? Ich verstand plötzlich nichts mehr und hätte doch nicht sagen können, was ich nicht verstand, und ich weiß nicht, ob ich mich in diesen Sekunden schon fragte: Will der uns foppen? Warum beschimpft er sich selbst?

Immer mehr Unruhe im Saal, Hans Werner Richter wollte keine Grundsatzdebatte, wollte keine Seminardiskussion, wie er sagte. Trotz des Unmuts, den er auslöste, durfte der Störer, der höflich darum bat, ausreden zu dürfen, noch
einige Sätze sagen und hörte erst auf, als er zum fünften oder sechsten Mal das Wort läppisch in Richtung Lesesessel geschleudert hatte. Endlich setzte er sich wieder, und einen Moment lang war Stille. Ich hoffte, jetzt werde einer aufstehen und sagen: Genial, junger Mann, mit welchem Furor Sie Ihre eigene Literatur in Grund und Boden kritisiert haben und die scharfe Kritik gleich selbst übernommen haben, das war ein schöner Nachtrag zum gestrigen Nachmittag, nun lassen Sie uns zur eben gehörten und aus den und den Gründen keineswegs läppischen Literatur zurückkehren.

Aber niemand sagte das. Einige schienen ganz zufrieden, dass dieser junge Mann so starke, freche, erfrischende Worte gefunden und das Unbehagen der drei Tage auf eine Formel gebracht hatte. Wie sollte man auf die groben Geschosse mit dem standesüblichen Florett antworten? Günter Grass, vom Wort Langeweile provoziert, versuchte mühsam, aus den pauschalen Angriffen brauchbare Argumente zu machen. Hans Mayer lobte den jungen Mann, vereinnahmte, umarmte ihn fast, „was Handke meint, ist Folgendes“. Ich wunderte mich: Hat der geschlafen? Hat denn gestern niemand zugehört? Waren die gestrigen Lesungen schon vergessen? Das kuriose Eigentor hatte noch niemand bemerkt oder verstanden, weil es nicht zu verstehen war, dass einer, gegen alle polemisierend, vor allem sich selbst angriff, das verwirrte die staunenden Zuhörer, das verwirrte auch mich. Ironie oder Humor waren offenbar nicht im Spiel, dafür war die Rede zu schülerhaft, ehrgeizig, verschwitzt. Alle schienen eingeschüchtert von den Angriffen.

Nun wurde mehr über die Schimpfrede als über den gelesenen Text diskutiert. Ich lehnte mich zurück, war dankbar für jeden Redebeitrag, der nun folgte. Wenn diese Debatte nur lang genug dauerte, schwand die Gefahr, als Letzter oder einer der Letzten nach vorn gerufen zu werden mit dem missglückten Text, den ich in der Jackentasche trug. Nach diesem Happening, wie man in den Tagen danach sagte, war es völlig unmöglich, noch differenzierte Urteile zu erwarten, das wäre meine Hinrichtung geworden. So schielte ich auf die Uhr, während die anderen über das Langweilige oder angeblich Langweilige, das Läppische oder angeblich Läppische stritten, und je länger sich das Gefecht hinzog, desto mehr spürte ich die Erleichterung: Der hat mich gerettet, dieser komische Österreicher, er hat mich gerettet vor dem Schafott oder dem elektrischen Stuhl, ich werde ihm immer dankbar sein. Weg mit den Angstträumen, die Hinrichtung fällt aus, ist auf unbestimmte Zeit ausgesetzt!

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Als alles vorbei war, fiel mir die Szene auf der Rhododendronbank wieder ein, der Autor mit Kugelschreiber in einem Typoskript korrigierend. Erst jetzt, nach dem Auftritt als Beschimpfer des Läppischen, verstand ich, was der andere korrigiert hatte: Es war nicht sein Manuskript gewesen, es waren die Stichworte für seine Schimpfrede, die er in der Hand gehalten hatte. Ich glaubte mich zu erinnern, dass er nur an wenigen Schreibmaschinenseiten herumkorrigiert hatte, nicht an zehn oder 15. Der hatte diese getippten Seiten offenbar fertig mitgebracht aus Graz und hier nur noch etwas aktualisiert! Und dann mehr oder weniger auswendig vorgetragen! Daher die Wiederholungen, daher der pauschale Abfertigungston, die schamlosen Verallgemeinerungen, deswegen nichts Konkretes, keine Silbe zum Vorgelesenen, kein Beispiel, kein Zitat, kein Name. Was so spontan gewirkt hatte, war genau kalkuliert, war ohne Kenntnis der hier vorgelesenen Texte vorfabriziert, war sehr geschickt inszeniert gewesen!

Warum aber, fragt man mich heute, konnte die Rede eine solche Wirkung finden, so viel Zustimmung, so viel Beachtung? Sie sprengte alle Regeln, zuerst die der Fairness: nur das zu kritisieren, was man gelesen oder mit eigenen Ohren gehört hat. Sicher, Handke hatte Mut und dazu den Mut des Einschüchterers. Vielleicht eine Art privater Generalprobe der „Publikumsbeschimpfung“ (sechs Wochen später war die Uraufführung). Vor allem konnte man sich gegen die Anwürfe nicht wehren. Wer geantwortet hätte: Das ist nicht läppisch, hätte sich damit schon auf das unterste Argumentationsniveau begeben, und das hätte nicht einmal der schwächste der kritischen Rhetoriker gewollt. Ebenso hätte einer, der sich mit Verve gegen das Wort impotent verwahrt hätte, sogleich den Verdacht auf sich gezogen: Der hat’s nötig. Es blieb also gar keine Wahl: umarmen oder rausschmeißen. Und Handke hatte den Vorteil, vielleicht sogar die Witterung des Jägers, die Gruppe genau in ihrem allerschwächsten Moment zu treffen.

Es war der letzte Nachmittag einer Tagung, mit der niemand zufrieden war, jeder sehnte das Ende herbei. Klaus Stiller, ebenfalls Ohrenzeuge, schrieb danach von „Handkes in ein vorbereitetes Vakuum entlassenen Luftballon“. Drei Tage lang hatte man es ausgehalten in der Kopie eines griechischen Tempels mit Säulen und Imponiertreppen, in einem kaltweißen quadratischen Raum mit zwei winzigen Fenstern, an den Seiten Ölbilder strenger Präsidenten, und vorne, unweit des Lesesessels und des Sessels von Richter, die amerikanische Fahne. Immer war sie präsent, bei jedem Gedicht, bei jeder witzigen Formulierung, bei der Lesung eines Stückes über Rosa Luxemburg.

Außerdem hatten sich einige Fremde eingeschlichen, Zuhörer, die Hans Werner Richter aus diplomatischen Gründen nicht hinauswerfen konnte, man war nicht unter sich wie bei den Tagungen zuvor. Selbst ich, der Schweiger von Princeton, fühlte mich beobachtet, als säße ich in einem kalten, weißen Laborkäfig unter den Augen der Literaturforscher. Als hätte man einer akademischen Ordnung und der respektgebietenden Fahne zu gehorchen und nicht der geregelten Anarchie der Kunst. Sogar die routinierten Kritiker in der ersten Reihe fanden ihren souveränen, quirligen Ton nicht. Und die über den Atlantik geflogenen Autoren litten immer noch unter dem Jetlag, unter den Folgen ungewohnter Drogen oder gewohnten Alkohols, doch am meisten lähmte sie der Zwiespalt, Luxusgäste in einem Land zu sein, das in einem anderen Teil der Welt einen Vernichtungskrieg führte. Schließlich hatte es zu wenige literarische Höhepunkte gegeben, so wuchs die allgemeine Unzufriedenheit zu einem spezifischen Unbehagen an der aktuellen Literatur.

Für diesen hochgrotesken, verrücktesten Moment der deutschen Literaturgeschichte der Nachkriegszeit sind also vor allem außerliterarische Faktoren bestimmend gewesen. Hier wollte einer, auf Teufel komm raus, Avantgarde sein. Es war ja kein Zufall, dass er seinen ersten Angriff, das kurze Lamento über das Öde und Langweilige, gegen den bekanntesten Förderer der Avantgarde in der Gruppe, den heftigsten Kritiker des Konventionellen, den literarischen Transatlantiker Höllerer gerichtet hatte. Es wäre eine Geschichte für sich, diese Tagung und ihre Atmosphäre zu schildern, in der ein knäbischer Westernheld mit vier Kugeln im Magazin (öd, läppisch, langweilig, impotent) den Saloon betritt und nicht einmal schreien muss: Hände hoch! – und alle schreckstarr gehorchen.

Die Wörter läppisch und so weiter trafen also nicht die Literatur, sondern die Atmosphäre, sie trafen sie so gut, dass nach dem Ende des Lesetages alle Presseleute sich sogleich auf den Österreicher stürzten. Er verließ als einziger Sieger das Schlachtfeld von Princeton, rief sich, in den Tagen danach in New York, auf dem Empire State Building vor Fernsehkameras, wie mir Freunde versicherten und Reinhard Baumgart bezeugt, als den neuen Kafka aus und kanzelte die deutsche Literatur ab, inklusive Grass als „den besseren Ganghofer“. Und nun war er es, ausgerechnet, der den Journalisten erklärte, was die Gruppe 47 sei.

Ein Meister der Provokation, der den Medien wie gerufen kam. Ein Popkünstler, sein eigener Marketingstratege, in wenigen Stunden zum Star geworden, auch weil unter den Literaten noch niemand wusste, was ein Popkünstler, ein
Marketingstratege ist. Erst Jahre später habe ich ihn als Autor hoher Wahrnehmungskraft zu respektieren begonnen. Doch die Erinnerung an den starken Auftritt vom April 1966 bleibt: So schnell habe ich, außer im Kino, nie wieder das Bubenstück der Einschüchterung funktionieren sehen. 

Der Text stammt aus Friedrich Christian Delius’ Essaysammlung „Als die Bücher noch geholfen haben: Biografische Skizzen“. Es ist im März bei Rowohlt Berlin erschienen und kostet 18,95 Euro
 

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