Sasa Stanisic - Ein Vertreter der Migrationskultur erfindet sich neu

Sasa Stanisic erhält den renommierten Leipziger Belletristik-Preis. Der in Bosnien geborene Autor entdeckt in seinem neuen Roman "Vor dem Fest" die Uckermark als mythisches Gelände

Saša Stanišić
© Katja Sämann

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Magenau, Jörg

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Dieser Text ist eine Kostprobe aus der Literaturenbeilage der Märzausgabe des Cicero. Das Magazin für politische Kultur ist in unserem Online-Shop erhältlich.

 

 

 

 

Die Uckermärker selbst kämen wohl nicht auf die Idee, die karge Schönheit ihres eher herben Landstrichs mit der Toskana zu vergleichen – mal abgesehen davon, dass sie die Toskana vermutlich gar nicht kennen. Denn wer hier weggeht, der kommt nicht wieder, und wer bleibt, den beißen die Hunde. Es gibt viele Alte und nur wenige Kinder in dieser am dünnsten besiedelten Region Deutschlands. Man kennt sie ein bisschen aus den Büchern von Botho Strauß, der sich hierher zurückgezogen hat, um einsam über die Felder zu streifen und über das Sein und die Zeit nachzudenken. Dafür ist die Gegend wirklich sehr gut geeignet. Eine literarische Landschaft ist sie deshalb noch nicht. Saša Stanišićs Uckermark‑Roman «Vor dem Fest» könnte das ändern.

Die Zeit verläuft hier anders, sie läuft langsamer. Und manchmal läuft sie auch gar nicht, sondern bleibt einfach stehen und macht es sich bequem. Ein Nachmittag, eine Nacht und noch ein angebrochener Tag: So viel reicht Stanišić als zeitlicher Rahmen, um ganze Jahrhunderte da­rin aufzuheben. Alles, was einmal gewesen ist, ist ja noch da für einen Erzähler, der den Dingen und den Zeiten auf den Grund gehen will.

Stanišić selbst lässt sich auch Zeit, er lässt sich nicht drängen. Acht Jahre sind vergangen seit seinem völlig zu Recht hoch gelobten Debütroman «Wie der Soldat das Grammofon repariert». Da erzählte er von einer jugoslawischen Kindheit in Višegrad, vom Krieg, in dem das Land und die Nachbarschaft in Freund und Feind zerfielen, von der Flucht der Familie nach Deutschland und der Erinnerung an eine Welt, die eben noch vertraut war und die es nun nicht mehr gab. Es war ein Buch voller Geschichten und Legenden, erfundenen und aufgefundenen, in denen die Geschichte selbst lebendig wurde. Der Unterschied zwischen Fiktion und Geschichtsschreibung ist für Stanišić nicht relevant; Phantasie, Neugier, Witz und Realitätssinn halten sich bei ihm die Waage.

1978 in Višegrad geboren, gilt er seit seinem Debüt als Vertreter der sogenannten Migrationsliteratur, die die deutsche Sprache bereichert und die deutsche Erzähllandschaft erweitert hat. Er ist einer der vielen zugewanderten Autoren, die auf Deutsch denken und auf Deutsch schreiben, obwohl das nicht ihre Muttersprache gewesen ist. Mit 14 kam er hierher, machte in Heidelberg das Abitur, studierte zunächst Deutsch und Slawistik, bevor er nach Leipzig ins Literaturinstitut wechselte und sich zum Schriftsteller ausbilden ließ. Auch das hat ihm nicht geschadet. Die Erneuerung von außen tut der deutschen Literatur ähnlich gut wie der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Die Migrationsschublade schließen


Es sieht nun aber so aus, als wolle er diese Klischees unterlaufen und die Migrationsschublade, in die er gesteckt wird, ein für alle mal schließen. «Vor dem Fest» ist ein tief schürfender ostdeutscher Heimatroman, filigrane Archäologie eines Dorfes oder Städtchens, liebevolles Porträt seiner Bewohner. Vielleicht braucht es dafür aber gerade den Blick des mehrfach Fremden, des Großstädters (Stanišić lebte lange in Berlin und wohnt heute in Hamburg), des gebürtigen Bosniers, des Zugezogenen, um all das, was hier der Fall ist und das Leben ausmacht, in seiner Eigentümlichkeit zu erkennen. Denn selbstverständlich ist das Selbstverständliche ja nur denen, die es nie von außen betrachtet haben. Auch Heimat wird erst begreifbar, wenn man sie erzählerisch aus den gewachsenen Zusammenhängen he­rausdreht. Heimat hat immer auch etwas mit Fremdheit und mit Verlust zu tun. Einer wie Saša Stanišić besitzt dafür ein gutes Gespür und registriert sehr genau, wie die Einheimischen mit denen umgehen, die sie für Fremde halten. Auch das ist ein Thema seines Romans.

Das fiktive Fürstenfelde hat Stanišić aus den Orten Fürstenwerder und Fürstenwalde, Prenzlau und Kraatz zusammengesetzt. Andere geografische und historische Besonderheiten wie den Raketenstützpunkt Weggun, der im Roman Wegnitz heißt, hat er bei Bedarf in der Landschaft platziert. Formal und inhaltlich ähnelt Fürstenfelde dem Višegrad seines Debüts. Das liegt am erzählerischen Verfahren, das Bild der Heimat aus vielen Einzelbildern zusammenzusetzen – und mehr noch an der hier wie dort wirksamen, grenzenlosen Lust am Erfinden und Erzählen. War es im «Grammofon»‑Roman der Fluss Drina, deren Strömung den Geschichtsverlauf bestimmte, so sind es nun die beiden Seen, zwischen denen er sein Fürstenfelde ansiedelt. Erneut ist es das Wasser, aus dem er seine Geschichten hervorholt, Wasser zur Taufe, Wasser aber auch als mythisches Element, das wie der Fluss Styx den Übergang zwischen Leben und Totenreich markiert.

«Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot. Zwei Seen, kein Fährmann. Zu den Inseln gelangst du jetzt, wenn du ein Boot hast. Oder wenn du ein Boot bist. Oder du schwimmst. Aber schwimm mal, wenn die Eisbrocken in den Wellen klacken wie ein Windspiel mit tausend Stäben.» So poetisch beginnt das Buch, so meldet sich die kollektive Erzählerstimme des Dorfes zu Wort, weil ein Dorf, das ist klar, nur als Chor zur Sprache kommen kann. Jede Einzelstimme geht darin auf, fügt sich entweder ein oder verstummt. Das «Wir», das da spricht (man kennt es auch aus Peter Kurzecks Dorfroman «Kein Frühling»), ist stets verständnis‑, ja, sogar humorvoll. Und doch hat es zugleich etwas Gnadenloses, Ausschließliches. Jedes «Wir» setzt eine natürliche Grenze; die Frage der Zugehörigkeit, in der Heimat Gestalt annimmt, ist darin immer schon entschieden.

Immer wieder zieht es die Figuren auf unorthodoxe Weise zum Wasser, zum See. Lada, ein junger Mann mit kurzgeschorenem Haar, der so heißt, weil er als 13‑Jähriger mit dem Lada seines Großvaters nach Dänemark gefahren ist, kachelt in seinem Golf mit Vollgas und wohl schon zum wiederholten Mal in den See. Der stumme Suzi und Johann, der Glöcknerlehrling, sitzen am Ufer, müssen ihn aber nicht retten. Lada taucht von allein wieder auf, nachdem er erst noch seine Musik zu Ende gehört hat, die Kippe zwischen den Lippen. Frau Kranz, die 90 Jahre alte Malerin, macht sich in der Nacht auf zum See, um ein Nachtbild zu malen. Bis zu den Knien steht sie mit ihrer Staffelei im Wasser; das Bild will ihr aber nicht gelingen. Natürlich wird schließlich auch das Anna‑Fest am Seeufer gefeiert, auch wenn den Dorfbewohnern nicht so recht klar zu sein scheint, warum und weshalb sie es jedes Jahr und schon seit Jahrhunderten feiern. Dass die meisten Frauen in der Gegend Anna heißen, dass offenbar einmal eine Anna als Hexe hier verbrannt worden ist, eine andere mit ihrer Armbrust marodierende Söldner im Dreißigjährigen Krieg in die Flucht schlug, kann nicht die wahre Ursache gewesen sein, denn das Fest ist älter als alle Geschichten.

Die Tankstelle gibt es nicht mehr. Auch die Stadtrechte, die Fürstenfelde einmal besaß, gingen verloren. Die Kirchenglocken aber, die viel zu erzählen haben, stehen plötzlich am Seeufer, wo sie nun wahrlich nicht hingehören. Doch es gibt eine Garage, die, seit das Gasthaus geschlossen wurde, als Bar und Männertreffpunkt fungiert, und immer noch gibt es die Bäckerei und einen Zigarettenautomaten, der aber nicht so funktioniert, wie er soll. Der Pfarrer ist noch da, und einen Tischler gibt es auch, der ist allerdings gerade gestorben. Und was hat es eigentlich mit der Füchsin auf sich, die sich auf der Suche nach Hühnern und Eiern der Menschensiedlung nähert und die ihre ganz eigenen Sorgen hat?

Mittelpunkt des Romans ist der Kellerraum im Heimatmuseum


Mittelpunkt des Dorfes und aller Geschichten ist jedoch das Heimatmuseum mit seinem geheimen Kellerraum, in dem die Chroniken wie in einem Banksafe hinter Schloss und Riegel verwahrt werden. Die sehr dicke und leicht psychotische Frau Schwermuth bewacht diesen Ort, und es bedarf schon eines Einbrechers – oder eines Schriftstellers –, um das Verborgene ans Licht zu holen. Was da zu Tage tritt, sind ziemlich blutige Legenden von Krieg, Pest, Aberglauben und Vernichtungswut, wie diejenige vom Ferkel mit dem Menschenkopf, das im See ertränkt wurde, oder die vom Fährmann, zu dem der Teufel ins Boot steigt, und dem seine Last immer schwerer geworden ist.

Stanišić hat in alten Chroniken und Kirchenbüchern recherchiert und aus den manchmal nur wenige Zeilen umfassenden Einträgen seine Geschichten entwickelt. Aus einem dokumentarischen Ansatz ist ein literarisches Verfahren geworden. Als Archäologe gräbt er in den Tiefenschichten unterm Asphalt. Als Soziologe nähert er sich der Gegenwart (so wie dies Moritz von Uslar in «Deutschboden» mit dem Städtchen Zehdenick gemacht hat, allerdings in einem Sachbuch). Mit seinem Blick auf die Menschen und vor allem mit seiner poetischen Sprache verwandelt und verzaubert er diese Welt.

Was sich in «Vor dem Fest» ereignet, ist eine Gesamtverschönerung der Heimat. Selbst der Neonazi, den es natürlich auch geben muss, wird da nahezu sympathisch – und auf diese Weise unschädlich gemacht durch die Kraft der Poesie oder der Kunst, wie in dem Bild, das die alte Frau Kranz von ihm gemalt hat und das den Titel trägt «Der Neonazi schläft». Er erscheint wie ein Traumbild, einer, der selbst nicht weiß, warum er so ist, wie er ist. Vielleicht müsste man ihn nur wecken, und der Spuk wäre vorbei.

Dabei spart Stanišić Aggressionen und Gewalt keineswegs aus, wenn er schildert, wie Lada den Adidas‑Mann, von dem niemand weiß, woher er kommt, vor der Bäckerei anrempelt und umstößt, oder wenn er protokolliert, was bei Ulli in der Garage so gesprochen und gedacht wird. Oder wenn er zeigt, wie das Dorf mit Ditzsche umgeht, der mal Briefträger war und für die Stasi gearbeitet haben soll. Und doch ist das Wunder dieses Buches, dass all die martialischen Gestalten, mit denen man in Wahrheit vielleicht nicht unbedingt befreundet sein möchte, hier ihr Recht, ihre Existenz und erzählerische Zuneigung erfahren. Und mehr wollen sie in Wahrheit ja auch gar nicht. Fürstenfelde ist, alles in allem, ein glücklicher Ort.

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