Die letzten 24 Stunden - Die Angst vor dem Loslassen

Peter Zadek verglich ihn einst mit Laurence Olivier. Heute dürfen junge Schauspieler sich freuen, wenn sie mit ihm verglichen werden: Gert Voss, Jahrgang 1941 und seit mehr als 25 Jahren am Wiener Burgtheater, gilt als Legende. Seine fiktiven letzten 24 Stunden beschreibt er hier

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() Schauspieler Gert Voss bei der Aufführung von „Wallenstein“ in Wien

Mir vorzustellen, ich hätte nur noch 24 Stunden zu leben: Entsetzlich! Ich fühle mich sofort wie ein zum Tode Verurteilter, der erfährt: „Morgen um fünf Uhr wirst du hingerichtet, verbring jetzt deinen Tag. Du kannst machen, was du willst.“ Wie grauenhaft. Wie kann man da überhaupt noch mit Freude entscheiden, was man gerne machen würde? Ich wäre bestimmt gelähmt vor lauter Todesangst. Wahrscheinlich würde ich nur versuchen, in dieser Zeit die Menschen, die meiner Seele am nächsten sind, unentwegt bei mir zu haben. Meine Frau, meine Tochter und mein Enkelkind. Ansonsten wäre mir selbst für die Henkersmahlzeit der Appetit vergangen.

Für mich ist das Leben immer dann am schönsten, wenn man die größte Freiheit hat, die größte Unbegrenztheit. Sobald sich Grenzen zeigen, fühle ich mich beengt. Das war schon in der Schule so, wenn ich wusste, diese Klassenarbeit muss ich in einer Stunde abliefern. Dann fiel mir nichts mehr ein. Kopfblockade. Auch beim Theater gibt es Grenzen, etwa das Ende der Proben, und manchmal läuft einem die Zeit davon wie in einem Taxi das Taxameter. Das ist zum Wahnsinnigwerden. Aber selbst da hat man immer noch die Möglichkeit, zur Not die Premiere zu verschieben oder eine Vorstellung nicht zu spielen.

Wenn der Tod kommt, gilt das alles nicht. Ich glaube, ich möchte deshalb auch nicht wissen, wann es so weit ist. Und wenn ich die Nachricht erhielte, würde sie mich vermutlich verändern. Wahrscheinlich würde ich völlig neue Seiten an mir kennenlernen. Für jeden Menschen wären solche Zwänge einschneidend, buchstäblich wesensverändernd. Auch deshalb ist es fast unmöglich, mir diese letzten 24 Stunden auszumalen. Ich kann doch jetzt nicht darüber befinden, ob ich dann in heller Panik wäre oder – wer weiß? – womöglich sogar gelöst.

Als ich mit dem österreichischen Regisseur Axel Corti Anfang der neunziger Jahre den Fernsehfilm „Radetzkymarsch“ gedreht habe, wusste ich nicht, dass er bereits vom Tod gezeichnet war. Er war an Leukämie erkrankt, verdrängte es aber radikal, weil er den Film, von dem er sein ganzes Leben lang geträumt hatte, unbedingt fertigstellen wollte. Tatsächlich wurde er für ihn zur Tortur. Allerdings nicht der Krankheit wegen. Die Proben waren wie verhext.

Corti arbeitete, als hätte er alle Zeit der Welt. Er war unglaublich genau und wiederholte alles so lange, bis er es perfekt fand. Den Produzenten war das aber zu teuer, und so setzten sie ihm einen Aufpasser an den Drehort, der die Arbeitszeit für jede Szene kontrollierte. So lief die Zeit doppelt ab: am Set und in Cortis Leben. Kurz vor Drehschluss brach er zusammen; die letzten Szenen beendete sein Kameramann Gernot Roll. Ich kochte noch einmal für Corti, an diesem Abend schmiedeten wir alle möglichen Pläne, aber als ich mich von ihm mit einer Umarmung verabschiedete, sah ich Tränen in den Augen seiner Frau. Zwei Tage später war er tot. Seine Frau erzählte später, dass es ihm unglaublich schwergefallen sei zu sterben, weil er einfach nicht loslassen konnte.

Genau das frage ich mich: Werde ich die Fähigkeit haben, gleichmütig zu werden, loszulassen? Ganz ehrlich: Ich glaube nicht. 

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