Nir Baram im Bibliotheksporträt - Gegen den Strich gelesen

Nir Baram ist angetreten, um die israelischen Starintellektuellen Amos Oz und David Grossman zu beerben. Sein jüngster Roman „Gute Leute“ tut genau das – mit einem Paukenschlag. Zu Besuch in Tel Aviv

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() In Israel kennt jeder politisch interessierte Radiohörer und Fernsehzuschauer seine kristalline Adoleszentenstimme: Nir Baram, zu Hause in Tel Aviv

Und das soll eine Bibliothek sein – ein paar metallicgraue Baumarktregale wie in einer Studenten-WG? Dazu ein Hausherr, der sich in Jeans und ausgeleiertem T-Shirt irgendwann aus der Sofaecke eines weiträumigen, leer wirkenden Tel Aviver Wohnzimmers schält und barfuß über den Fliesenboden schlurft. „Dann darf ich also die vielen Bücher zeigen …“, sagt Nir Baram mit jener merkwürdig kristallinen Adoleszentenstimme, die in Israel jeder literarisch und politisch interessierte Radiohörer oder Fernsehzuschauer seit langem kennt. Macht er womöglich Witze? Mehr oder minder schmale, windschief dastehende oder übereinandergestapelte Exemplare mit hebräischen Lettern. Vielleicht handelt es sich dabei ja um Anleitungsbüchlein für den Bau von Regalen.

„Ich würde eher von Dekonstruktion sprechen. Etwa da drüben, bei Nikolai Gogols ‚Mantel‘. Ich war 14, es war der Jom- Kippur-Gedenktag 1991, und als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an meinen damaligen Schock: Verdammt, der Erzähler sagt ja gar nicht immer die Wahrheit, sondern spielt mit dem Leser.“ Weil es ohnehin keine Wahrheit gibt und nur Nuancen des mehr oder minder Fiktionalen? „Von wegen“, entgegnet der preisgekrönte Romancier, dessen Zweiter-Weltkriegs-Roman „Gute Leute“ in diesem Monat in deutscher Übersetzung im Hanser-Verlag erscheint. „Einfache Wahrheiten gibt es nicht, doch umso dringender stellt sich eine Frage. Wie in seiner Zeit leben ohne Lügen, trotz aller Masken und Projektionen? F. Scott Fitzgerald jagt seine Helden auf diese Erkundungstour, und der ‚Große Gatsby‘ ist tatsächlich der Größte von ihnen – eine Art Geistesbruder von Ulrich.“ Welcher Ulrich denn?

Nir Baram kneift die dunkelbraunen, in tiefen Höhlen liegenden Augen spöttisch zusammen, legt den Kopf schief und wuselt sich in gespielter Verzweiflung das Haar. „Könnte sein, dass gerade von Robert Musils ‚Mann ohne Eigenschaften‘ die Rede ist …“ Der lakonische Fitzgerald und der kunstvoll mäandernde Musil als prägende Einflüsse für einen 35‑jährigen Tel Aviver Schriftsteller, dem sein älterer Kollege Amos Oz erst kürzlich bescheinigt hat, er öffne der israelischen Literatur neue Wege? „Aber klar doch, der Intellektuelle Ulrich! Wobei es übrigens weniger um den Stil geht als um die Aneignung von Sujets, den Blick auf Mentalitäten.“ Aber weshalb ist dann Musils Wälzer vor uns im Regal so dünn, als sei er geschrumpft? Statt einer Antwort zieht Baram ein weiteres, eher handliches Buch heraus und öffnet es von hinten – quadratische schwarze Buchstaben, am unteren Rand die arabische Ziffer 1 und wenige Hundert Seiten weiter, von rechts nach links geblättert: „Natürlich ‚Schuld und Sühne‘!“ Das Hebräische ist einfach kompakter als andere Sprachen, also benötigt es gedruckt auch weniger Raum. Den Fjodor-Dostojewski-Roman hat übrigens irgendjemand aus dem Polen vor dem Krieg hierher gerettet, es gehörte Nir Barams vor ein paar Jahren verstorbenen Mutter, die es geradezu verschlungen hat, wie auch die Bücher von Iwan Turgenjew und Lew Tolstoi und selbst die der sozialistischen Realisten Michail Scholochow und Maxim Gorki, die in den fünfziger und sechziger Jahren im israelischen Gewerkschaftsverlag erschienen sind.

Die Mutter las aus Liebe zur Literatur, aber auch zur Festigung der eigenen Identität, erzählt Baram. Sie hatte ägyptisch-spanische Vorfahren, die Eltern seines Vaters kamen aus Polen und Syrien, und um beim damals den Ton angebenden, vor allem aus Osteuropa stammenden aschkenasischen Establishment akzeptiert zu werden, las sie all die Russen.

Seite 2: Alles andere als ein Außenseiterspross

Wobei – und auch das weiß im überschaubaren Israel ein jeder – Nir Baram alles andere als ein Außenseiterspross ist. Sowohl sein Großvater als auch sein Vater hatten in den Regierungen von Ben Gurion und Jitzchak Rabin Ministerämter inne, unkorrumpierbare linksliberale Zionisten, deren dennoch zwiespältiges Erbe Baram in seinem 2009 erschienenen Roman „Der Wiederträumer“ geradezu apokalyptisch fiktionalisiert hat: Am Schluss geht das sich stets als emanzipatorisches Eiland verstehende Tel Aviv in einem Hurrikan unter. Folgt man den öffentlichen Einsprüchen und Reden, die Baram als eine Art eloquenter Nachfolger von Amos Oz und David Grossman auf Buchmessen und bei den Demonstrationen der israelischen Friedensbewegung hält, ist seine Sorge nicht gering, der demokratische Judenstaat könnte irgendwann auch in der Realität untergehen. Bedroht von außen, vor allem aber unterminiert von den ultrarechten und fundamental- religiösen Kräften im Inneren.

„Aber stopp mal, palavern wir etwa wieder über den ewigen Nahostkonflikt, oder geht’s um die Bibliothek?“ Nir Barams Lächeln wird unverschämt breit; gleich wird die helle Stimme Provozierendes verkünden. „Fehlen also hier in den Regalen die entsprechenden Bücher über den Unabhängigkeits- und den Sechstagekrieg, und könnte außer dem Standardwerk von Raul Hilberg nicht auch die Holocaust-Literatur umfangreicher vertreten sein? Das ist es doch, was man im Ausland von einem schreibenden Israeli erwartet: In seinen Romanen hat er über die Besatzung oder über Terroranschläge zu schreiben, nicht zu vergessen diese Familiengeschichten über die Schoah.“

Stattdessen: Der von Nir Baram geradezu kultisch verehrte Roberto Bolaño, dazu Jorge Luis Borges, Louis-Ferdinand Céline, Marcel Proust und Salman Rushdie, auch sie alle in einer vermeintlich „schmalen“ hebräischen Ausgabe, die Amerikaner von Dos Passos und Norman Mailer bis Saul Bellow, William Gaddis und Thomas Pynchon. Man ahnt die postmoderne Präferenz und wundert sich dann zum ersten Mal nicht, als nebenan – obwohl ebenso anarchisch gestapelt – die üblichen Universitätsverdächtigen auftauchen: Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Michel Foucault, Jean Baudrillard oder Maurice Blanchot. „Meine Studentenlektüren, denen ich viel verdanke“, sagt Baram. „Was kein Widerspruch ist: Theorielektüre muss das Fabulieren ja nicht notwendigerweise zerstören, im Gegenteil: Flexibel und gegen den Strich gelesen, wappnet sie gegen unnütze Psychologisierungen und Bedeutungshuberei.“

Nun hat der längst erwachsene Sohn einer russische Literatur verschlingenden Mutter jedoch diesen neuen, in Israel lebhaft diskutierten Roman „Gute Leute“ geschrieben, der im Vorkriegs-Berlin und in Stalins Sowjetunion spielt, dessen Protagonistin Alexandra sich mit dem Geheimdienst NKWD einlässt, während der Deutsche Thomas als apolitischer Individualist in der mittleren Ebene der Nazi-Administration den geplanten Massenverbrechen zuarbeitet – und dies bereits vor dem berüchtigten „Plan Barbarossa“. Ein diktaturvergleichendes Aufarbeitungsepos also?

„Gehen wir mal ins Arbeitszimmer!“ Vorbei an den DVD- und CD-Stapeln im Flur – ein kurzes Hallo ins Schlafzimmer, wo Barams Freundin für ein Universitätsexamen büffelt – und dann in einem kleinen Raum mit Schreibtisch und PC linker Hand erneut ein Baumarktregal, bis obenhin gefüllt. Nicht ohne die Überraschung des Besuchers auszukosten, liest Nir Baram die Namen: Joachim Fest, Karl Dietrich Bracher, Christopher Browning, Ian Kershaw, Nadeshda Mandelstam, Warlam Schalamow. „And here we go: All die Bücher, die ich lesen musste, ehe ich ‚Gute Leute‘ schreiben konnte. Vor allem, um die Täter nicht als Monster ästhetisieren zu müssen, wie es Jonathan Littell so effektvoll in den ‚Wohlgesinnten‘ getan hat.“ Und wieder ist da dieses Nesteln am T-Shirt und das teenagerhafte Lächeln. Vermutlich ist es Nir Barams Art, auch im Alltagsgestus Zuschreibungen und Erwartungen zu unterlaufen. Ganz zu schweigen von seinen Büchern.

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