Alan Hollinghurst - Autor legendärer Sex-Szenen

Alan Hollinghurst erhielt bereits 2004 den Booker Preis für The Line of Beauty. Dem Universitätsdozenten und gefeierten Chronisten der schwul-lesbischen Szene gelingt, das schönste Englisch der Welt zu schreiben

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(BBC Promo-Bild) Verfilmung des Romans The Line of Beauty

„Es sind immer die heterosexuellen Kritiker, die sich um ihre Dosis schwulen Sex betrogen fühlen“, amüsiert sich Alan Hollinghurst. Den festen Bariton seiner Stimme würde man eher bei einem Wagner-Sänger vermuten als bei einem Autor von mittlerweile fünf gespenstisch fein geschliffenen Romanen, die ihm den Ruf eingebracht haben, von allen lebenden Schriftstellern das schönste Englisch zu schreiben – und eben aufsehenerregende schwule Sexszenen, für die sich selbst Frauenhelden wie John Updike begeistern konnten.

An Letzterem schien es James Wood, dem Literaturkritiker des New Yorker, beim neuen Roman „Des Fremden Kind“ etwas zu mangeln. Im Vergleich zu Hollinghursts vorherigen „atemberaubend fleischlichen“ Büchern, schrieb er in seiner mehrseitigen Kritik, falle ihm das neue „etwas zu zahm“ aus.

Wir befinden uns in Hollinghursts eher schlicht eingerichtetem Townhouse im Londoner Stadtteil Hampstead Heath, einem viktorianischen Jahrhundertwendetraum aus Backstein, weißen Giebeln und ausladenden Fuchsien. Kate Moss wohnt ein paar Straßen weiter.

Im Treppenhaus liegen Hunderte von Ausgaben der Übersetzungen seiner Bücher. Er weiß nicht, wohin mit ihnen. Die meisten davon sind Exemplare der „Schönheitslinie“, seinem vor sieben Jahren erschienenen Booker-Prize-gekrönten Weltbestseller, in dem er ein von Geld, Kokain und Sex getränktes Sittengemälde der Thatcher-Ära zeichnete.

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58 ist Hollinghurst jetzt; nach den recht wild durchfeierten achtziger und neunziger Jahren und einigen längeren Beziehungen lebt er allein. „Als ich mit dem Schreiben begonnen habe, war es noch relativ neu, etwas explizit Schwules zu machen“, sagt er. „Es hat sich dringend angefühlt.“

In Oxford besuchte er das gleiche College wie Oscar Wilde, seine Magisterarbeit schrieb er über Ronald Firbank und E. M. Forster. Auch in seiner Arbeit als stellvertretender Chefredakteur des Times Literary Supplement setzte er sich für schwule Autoren ein. „In ‚Des Fremden Kind‘ aber ging es mir eher um etwas Verstecktes“, sagt er, „darum, wie manche schwule Beziehungsgeflechte erst im Laufe der Zeit, manchmal erst nach Jahrzehnten, zutage treten.“

Gravitationszentrum des knapp 690 Seiten langen Romans ist Cecil Valance, ein charismatischer Lyriker, der eine Affäre mit seinem Cambridge-Kommilitonen George Sawle hat, bevor er im Ersten Weltkrieg ums Leben kommt. Ein Teil der Figur ist dem bisexuellen britischen Dichter Rupert Brooke nachempfunden, den William Butler Yeats einmal als „den schönsten Mann Englands“ bezeichnete. Wie Brooke hat auch Valance egomanische Tendenzen und ein gepeinigtes Privatleben – Frauen wie Männer verlieben sich viel zu einfach in ihn. Auch er schreibt charmante, aber nicht wirklich gute Lyrik. Und wie bei Brooke wird auch eines von Valances Gedichten durch einen adelnden Kommentar von Winston Churchill zum emblematischen Text für das seine Söhne verlierende Weltkriegsengland.

Seite 2: Romane mit elegantem, evokationsfreudigen Ton

Hollinghurst holt ein Buch mit Briefen und Fotos von Brooke aus seinem Arbeitszimmer, das seiner Mutter gehört hatte. Wie viele war auch er mit dessen Lyrik aufgewachsen. „Es ist faszinierend, wie lange es gedauert hat, dass die ganze komplizierte Wahrheit über ihn ans Tageslicht kam.“

In fünf Kapiteln, deren Handlung sich über ein Jahrhundert erstreckt, rekonstruiert Hollinghurst die posthume Heiligsprechung und das literarische Nachleben seines Brooke’schen Helden Cecil Valance. Quasi en passant entstehen dabei ein Panorama des postimperialen Verfalls des britischen Weltreichs zu einem prosaischen Kleinbürgerstaat – und eine Geschichte der wandelnden sozialen Einstellungen zur Homosexualität, ihrer Verleugnung und psychologischen Verdrängung. Das Ende des Romans taucht in eine schwule Welt ein, die zumindest auf der Oberfläche so selbstverständlich daherkommt, als hätte es die lange Geschichte des Sich-Verstecken-Wollens und -Müssens nie gegeben.

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Nicht nur die Atmosphäre des Romans und sein eleganter, evokationsfreudiger Ton erinnern dabei an die großen englischen Autoren, an Henry James, E. M. Forster oder Evelyn Waugh, die neben zeitgenössischen Schriftstellern wie Alice Munro, Colm Tóibín und Tessa Hadley in den vielen Bücherregalen in Hollinghursts Townhouse stehen. Was einem beim Lesen von „Des Fremden Kind“ vor allem das seltsame Gefühl gibt, einen Klassiker in der Hand zu halten, ist Hollinghursts mildes und humoreskes Auge für die Sittenkomödie, die das Leben ist: sein Gespür für die moralischen Komplexitäten des Alltags, die unter den Gesprächen anwesenden Spannungen, sein Wissen darum, auf welch fadenscheiniger Grundlage die meisten von uns Entscheidungen treffen, die unser ganzes Leben bestimmen werden.

„Wissen Sie, ich schätze das Alleinsein sehr“, sagt Hollinghurst zum Ende unseres Gesprächs. „Es ist nicht einfach, eine Beziehung mit mir zu führen, besonders wenn ich schreibe.“ Wenn er arbeitet, zieht er sich für vier bis fünf Wochen an den Schreibtisch zurück und bricht jeden Kontakt zur Außenwelt ab. Dann trinkt er nicht, spricht mit kaum jemandem, geht allerhöchstens kurz zum Einkaufen aus dem Haus. Vielleicht kann man die Welt, wie sie ist, nur so klar erkennen, wenn man sich zumindest für eine Zeit ganz von ihr verabschiedet. Das Opfer lohnt sich in jedem Fall. „Wenn das Schreiben gut geht“, sagt er, „bringt es mir ungeheuer viel. Dann ist es die beste Sache der Welt.“

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