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Presse-Rundschau vom 13.03.2010

Mit Kommentaren zum Besuch des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Zollitzsch, bei Papst Benedikt dem Sechzehnten in Rom. Ein weiteres Thema sind die zunehmenden Vorwürfe gegen Außenminister Westerwelle, Amts- und Privatinteressen zu vermengen.

DIE WELT
Erzbischof Zollitsch hat mit dem Papst die zahlreichen Fälle von sexuellem Missbrauch in katholischen Einrichtungen in Deutschland erörtert. Dazu schreibt die Zeitung DIE WELT:
"Die Audienz ergab zwar keine grundstürzenden neuen Erkenntnisse über den Umgang mit sexuellen Missetätern im Klerikergewand, gleichwohl kann der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gestärkt zurückkehren. Anders als in den gravierenden Fällen, die die Kirche in den USA und in Irland bis ins Mark trafen, greift der Vatikan nicht direkt in die Aufklärung ein. Der Papst gibt den Bischöfen seines Heimatlandes zu verstehen, dass er genug Vertrauen in ihre Fähigkeit besitzt, die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Nun müssen die deutschen Bischöfe aber auch Ernst machen mit ihrer Ankündigung, noch bestehende Lücken in den Richtlinien zu füllen und Missverständnisse über das Nebeneinander von kirchlichen Strafverfahren und staatlicher Strafverfolgung auszuräumen", fordert die Zeitung DIE WELT.

MANNHEIMER MORGEN
Der MANNHEIMER MORGEN kritisiert die Äußerungen Zollitschs nach dem Treffen:
"Und wieder fällt dieser unglückselige Satz: Missbrauchsfälle seien kein spezielles Problem der Kirche, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, gestern nach seinem Rapport bei Papst Benedikt dem Sechzehnten. Das stimmt, und dafür gibt es aktuell leider genug Beweise, siehe Odenwaldschule. Doch macht es die Untaten weniger entsetzlich, weil sie auch unter den Dächern anderer Institutionen geschehen sind? Wohl kaum. Viel eher ist es doch so, dass sie dort als besonders schlimm empfunden werden, wo sie am wenigsten zu erwarten sind, nämlich im Schoß der Kirche. Einer Instanz, die Moral, Nächstenliebe und Barmherzigkeit als zentrale Momente ihres Handelns begreift."
Das war der MANNHEIMER MORGEN.

WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU, DORTMUND
Aus Sicht der WESTFÄLISCHEN RUNDSCHAU hat der Papst die Gelegenheit zu einer deutlichen Geste der Entschuldigung verpasst:
"Es war erneut ein schweres Versäumnis. Eine Respektlosigkeit. Dass Papst Benedikt der Sechzehnte nach seinem Gespräch mit Erzbischof Robert Zollitsch über den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz ausrichten ließ, er sei angesichts der zahllosen Fälle von sexuellem Missbrauch durch katholische Geistliche 'tief erschüttert', reicht nicht. Gestern, spätestens, hätte sich der Papst persönlich bei den Opfern entschuldigen müssen. Manches in der Debatte über Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen gibt Anlass zu Sorge. Dass Zollitsch einen Runden Tisch zwar begrüßt, ein solches Gremium speziell für die Vorgänge in der katholischen Kirche hingegen ablehnt. Dass der Augsburger Bischof Walter Mixa die Missbrauchsfälle auf die 'zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft' schiebt und so ablenkt von der schweren Schuld vieler Priester. Dass Papst Benedikt den offenen Umgang mit Sexualität eine 'Mode' nennt, der die Kirche sich nicht unterwerfen dürfe. An der Erkenntnis, dass es vor allem katholische Geistliche sind, die sich an Kindern vergehen, kommt aber auch der Papst nicht vorbei. Die Kirche wird sich einer ernsthaften Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Zölibats nicht endlos entziehen können. Sie kommt - wenn nicht unter diesem Papst, dann unter dem nächsten", gibt die WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU aus Dortmund zu bedenken.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Nach Auffassung der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG hat sich die katholische Kirche selbst in die derzeitige Lage gebracht:
"Die sexuellen Übergriffe und körperlichen Misshandlungen, die jetzt öffentlich verhandelt werden, liegen offenkundig Jahrzehnte zurück. Sie hätten also schon vor Jahren namhaft gemacht werden können. Dass dies damals nicht geschah, hat sich die Kirche auch selbst zuzuschreiben. Die hinter einem Dickicht von Zuständigkeiten verborgene Scheu vor einem ehrlichen Blick zurück verhinderte, dass die Bischöfe außer den damals beschlossenen "Leitlinien" auch ein Verfahren zur Aufklärung zurückliegender Fälle etablierten. Nur so hätte man das scham- und schuldbesetzte Tabu abscheulicher Verbrechen an Kindern und Jugendlichen auch rückwirkend - und somit vorbeugend - brechen können. Dieses Versäumnis hat die Kirche jetzt mit derselben Brutalität eingeholt, mit der sie lange Zeit jede Verantwortung von sich wies", konstatiert die F.A.Z.

WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG, ESSEN
Die WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG setzt sich kritisch mit dem Argument von katholischer Seite auseinander, wonach der Missbrauch auch auf die sexuelle Revolution zurückzuführen sei:
"Natürlich sind die 68er nicht mitverantwortlich für die Untaten von Priestern. Das würde unterstellen, vor 1968 gab es das nicht. Doch auch die allzu frei ausgelebte Sexualmoral der 68er-Jahrgänge richtete Schaden an, 'wir haben im Überschwang auch Fehler gemacht', räumte Daniel Cohn-Bendit ein. Aber ohne das vielleicht zu radikale Aufbäumen der damaligen Jugend würde an katholischen Gymnasien wohl immer noch geschlagen, müsste sexuelle Selbstbestimmung immer noch erkämpft werden. Die dogmatische Sexualmoral der Kirche aber blieb von der 'Sexuellen Revolution' weitgehend unberührt. Auch deshalb findet man dort noch die alten Verklemmtheiten, die nicht mehr in die Zeit passen", erläutert die in Essen erscheinende WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG.

FREIE PRESSE, CHEMNITZ
Für Kommentare sorgt weiterhin auch Außenminister Westerwelle. Nahezu alle Zeitungen kritisieren die Auswahl seiner Gäste bei Dienstreisen. In der Chemnitzer Zeitung FREIE PRESSE etwa heißt es:
"Gewiss, bislang gibt es keinerlei Beweise dafür, dass Westerwelle sein Amt zur Vetternwirtschaft missbraucht hat. Was aber ein geschickter Diplomat ist, der weiß schon den Anflug eines solchen Eindrucks zu vermeiden. Westerwelle hätte noch nicht einmal den Anschein erwecken dürfen, dass es einen Interessenkonflikt geben könnte und dass er möglicherweise Familienmitglieder, den Lebensgefährten, Freunde oder Bekannte begünstigt. Der politische Instinkt hätte Westerwelle signalisieren müssen, dass es höchst problematisch ist, als Minister den Geschäftspartner des eigenen Bruders auf Dienstreise mitzunehmen. Und dass er sich eindeutig angreifbar macht, wenn er sich von seinem Lebenspartner, der privat Sport-Eventmanager ist, offiziell in das Gastland der Fußball-WM und der Olympischen Spiele begleiten lässt. Wer das nicht von alleine merkt, hat eigentlich nicht das Zeug zum Regieren", findet die FREIE PRESSE.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG bezeichnet Westerwelles Reaktion auf die Vorwürfe als "mimosenhaft". Dort heißt es:
"Eine von vielen Gefahren für einen Regierenden besteht darin, dass er dem Glauben verfällt, mit der politischen Macht auch die Definitionshoheit über politischen Stil errungen zu haben. Dann betrachtet er, wie jetzt Guido Westerwelle, Fragen nach schwerverständlichen Vorgängen als den Versuch parteipolitischer Kampagnen oder verleumderischer Manöver. Dann sieht er sich umstellt von Übelmeinenden und aktiviert seine Unterstützer. Einer von denen ist der Generalsekretär der FDP, Christian Lindner. Er nimmt seinen Parteichef als das Opfer einer Diffamierungskampagne in Schutz, die sogar die Demokratie gefährde. Das allerdings hat mit gutem oder schlechtem Stil nichts mehr zu tun. Es ist einfach nur dummes Geschwätz", unterstreicht die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.

SCHWERINER VOLKSZEITUNG
Die SCHWERINER VOLKSZEITUNG geht auf eine weitere Reaktion von FDP-Politikern ein:
"Die Liberalen sollten aufhören, Kritik am Außenminister als schwulenfeindlichen Reflex abzutun. Westerwelle ist kein Opfer einer Schmutzkampagne. Wer diesen Vorwurf erhebt, kann ihn immer wieder vortragen, in jeder politischen Debatte. Westerwelle werden genau jene Fragen gestellt, die ein Minister beantworten muss, wenn er den Partner mit auf Dienstreise nimmt - und dieser Partner obendrein als Manager arbeitet. Partner oder Partnerin? Vollkommen unerheblich", betont die SCHWERINER VOLKSZEITUNG.

WESTFALEN-BLATT, BIELEFELD
Unterstützung erhält Westerwelle vom WESTFALEN-BLATT aus Bielefeld:
"Das Ziel scheint klar: Dem Mann, der sich mit seiner Hartz-IV-Kampagne aus dem Fenster gelehnt hat, der selbst Glaubwürdigkeit und Konsequenz einfordert, dem muss doch beizukommen sein. Die Zwischenbilanz des medialen Abklopfens fällt aber mager aus: Im Hinblick auf einen womöglich erhofften Vorwurf von Amtsmissbrauch liegt nichts auf dem Tisch. Der Rest der Aufregung ist getrieben von wahlweise Ablehnung gegenüber dem Menschen Westerwelle oder politischem Kalkül", urteilt das WESTFALEN-BLATT, mit dem wir die Presseschau beenden.

Die Presserundschau liefert der Deutschlandfunk für Cicero Online.

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