Geld oder Liebe? - Stiftung Hurentest

Zum Jahreswechsel zeigen wir Ihnen noch einmal die erfolgreichsten Artikel aus dem Jahr 2012. Im April:

Es gibt Portale, auf denen werden Konsumprodukte bewertet. Es gibt sogar Seiten, auf denen Männer ihre Treffen mit Escortdamen bewerten. Ein Marktforscher, eine Literaturwissenschaftlerin und ein Sexualtherapeut haben sich die Testberichte genauer angeschaut. Teil 3 der Serie "Geld oder Liebe"

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(picture alliance) Escortdamen als Konsumprodukt? Die Stiftung Hurentest machts möglich

„Face: hübsch, Brust: mäßig, Haut: sehr gut, Beweglichkeit: sehr gut, Haptik: sehr gut; Arsch: leichtes Polster, Zugänglichkeit: null“
- Peter4

Auf den Seiten von Lusthaus.cc (Zugang nur für zahlende Mitglieder) können Männer Bewertungen über ihre Treffen mit Escortdamen verfassen. In Tabellenform beschreibt hier Peter4 die „Fuckten“, wie er das nennt. Streng vergibt er Punkte für „Wärme“, „Funke“ und „persönliche Hygiene“. Tatsächlich. Auf den ersten Blick unterscheiden sich diese Reviews kaum von denen, die sich mit Zahnpasta, Pudding oder Staubsaugern beschäftigen.

„Dialog: Was möchtest du? Ich: 1. 2. 3. 4. Sie: Kann ich, mach ich, krieg ich hin. Da kommt doch schon mal richtig gute Stimmung auf!“
-
windhund

„Anstelle des Fussballspiels Deutschland-Ecuador bin ich gerade mal in die Meglinger Str. gefahren. Eigentlich wollte ich zu meiner Alice. Also wieder geklingelt ...“
- Supermann27

Stephan Grünewald ist Psychologe und Mitbegründer des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold. Und ihm kommt angesichts dieser Bewertungen spontan erst mal der Begriff „Vorlust“ in den Sinn. Einem Autokauf zum Beispiel, sagt der Marktforscher, gingen manchmal Jahre akribischer Recherchen voraus. „In der Flirtphase holt sich der Mann in solchen Produktberichten Appetit auf mehr“, erklärt er.  Langsam nähere sich der Frischverliebte dann dem Objekt seiner Begierde. Wenn er den Wagen das erste Mal „besteigt“, würde er sich häufig wünschen, dabei ungestört zu bleiben.

„Sie bat mich dann in ihr Schlafzimmer, ging selbst ins Bad und kam dann nach kurzer Zeit splitterfasernackt rein, nur mit Overnees an ihren hübschen Beinen.
Also ihr Anblick verschlägt einem schon die Sprache, sie hat wirklich einen makellosen Körper, mit ein paar tollen Brüsten. Sie sind natürlich gemacht, aber das sehr gut!“
- Likker666

Und damit enden laut Grünewald die Parallelen zum Liebesspiel noch lange nicht: „Die ganze Suche vor dem Kauf ist oft verheißungsvoller als der eigentliche Kaufakt“, sagt der gelernte Psychologe. Danach käme bei den Männern fast so etwas wie eine „postkoitale Depression“ auf. Das Gute an den Foren: Hier können sie beim Schreiben der Bewertung das ganze Vergnügen noch einmal Revue passieren lassen.

Geiz ist Geil

„Ich hab sie gefragt, ob für 50 EUR auch ZK dabei ist... und sie meinte ja (ich war voll erstaunt, da ich das für diesen Preis noch nie erlebt hatte) war mir auch nicht ganz sicher, ob sie richtig verstanden hatte.
–Supermann27

Ob Zahnpasta oder Digitalkameras: Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist ein Dauerthema, natürlich auch im Lusthaus. Die Männer warnen vor falschen Versprechungen und zeigen sich gern als Connaisseure. Jedes technische Detail wird kommentiert, mit Fachbegriffen und Abkürzungen nur so um sich geworfen.

„Angebot: 60=90; ZK+10, FT+20, AV+50“
– Peter4

Da wünschte man sich ein Glossar am Rande. Und die „Fuckten“? Die werden natürlich kritisch nachgeprüft. Stimmen Größe, Maße, Alter und Gewicht? Kleinlich gleichen die Männer die Angaben auf der Website ab, notieren, ob die Damen auch alles ordentlich saubergewischt haben und die Zeiten korrekt eingehalten wurden. Der Ton liegt dabei irgendwo zwischen pedantisch, gernegroß oder verächtlich. Auf jeden Fall gilt: zu mäkeln gibt es eigentlich immer etwas.

„Das machte sie ganz gut, allerdings war es ohne große Raffinesse - mir etwas zu eintönig.“
-vino

„Nach allem, was man so liest, kann man bei Escorts in der Preisklasse nichts anderes erwarten als junge Muttis, die versuchen, ihre Stunde schadlos, aber korrekt über die Runden zu bringen.“
– Peter4

„Es begann ein längeres gegenseitiges Streicheln und Küssen, dabei zeigt Stella keinerlei Berührungsängste, die ZK (Zungenküsse) sind eher zärtlich als leidenschaftlich und man merkt leicht, dass Stella Raucherin ist.“
- vino

„Polly ist wirklich sehr zierlich. Aber sie sieht deutlich älter aus. Ich hätte sie auf 25-28 geschätzt. Sie ist wirklich süß, aber eher passiv, und war zumindest an dem Abend nicht wirklich leidenschaftlich.“
- jaegameista

 

Seite 2: Konsumieren in der Wegwerfgesellschaft

Konsumieren in der Wegwerfgesellschaft

Die Massenkonsumgesellschaft, so lautet eine bekannte Klage, habe dem modernen Menschen beigebracht, auch seine Nächsten immer mehr wie Konsumprodukte zu behandeln. Die Testberichte lesen sich tatsächlich wie ein perfekter Beleg für diese These. So sieht sie aus, die wahre Konsumentensouveränität. Ab jetzt wird nicht mehr gemogelt, meine Damen! Die Männer sitzen – dem Internet sei es gedankt – endlich auch hier am längeren Hebel.

„Man darf sich nicht von der warenförmigen Rhetorik blenden lassen, mit der hier sexuelle Dienstleistungen beurteilt und weitergegeben werden“, sagt Clement Ulrich. Er ist Paartherapeut und Professor für Psychologie in Heidelberg. Die Rhetorik habe sogar eine gewisse Berechtigung. „Schließlich wird hier ein Service gemietet und nicht um eine romantische Begegnung geworben.“

Auch Grünewald sieht die Deals weitaus gelassener, als es die „übliche intellektuelle Konsumkritik“ vielleicht nahe legen würde. „Der Mensch ist ja ein Mängelwesen“, erklärt er. „Ständig bekommt er vorgeführt, wie unvollkommen er ist, wie zerbrechlich alles ist und unberechenbar. Ganz besonders, wenn ein anderer Mensch beteiligt ist.“ Gute Produkte funktionierten daher wie Prothesen, oder wie Fluchtmöglichkeiten vor den ständigen Demütigungen des Alltags. Ein schnelles Auto hilft, die Potenz zu steigern. Ein iPad vermittelt das Gefühl, mit einem Fingerzeig die Welt zu beherrschen. Und eine professionelle Escortdame? „Die will zumindest keine Beziehungsgespräche führen und hat auch nie Migräne.“

Illusion zu verkaufen

So taucht in den Beschreibungen immer wieder ein Begriff auf: GFS. Gemeint ist: Girlfriendsex. Die Escortdamen geben den Männern für die bezahlten Stunden nicht nur Sex nach Wunsch, sondern zugleich auch das Gefühl, ein perfektes Date zu erleben. Die Frauen sollen leidenschaftlich küssen, lieb lächeln und alles genau so machen, wie es sich der Kunde vorstellt.            

„Beim 2. Mal werde ich mit intensiven Küssen begrüßt, sie weiß noch Details vom ersten Mal, es ist wie zuhause bei der Geliebten aufschlagen, Wahnsinn, so was gibt's auch noch in diesem Gewerbe.“
-
windhund

„Die Konsumgesellschaft setzt Umstrukturierungen in der Psyche in Gang, denen man nicht mit moralischen Anforderungen entgegentreten kann“, klagte der bekannte Liebesexperte Wolfgang Schmidbauer in einem Interview mit dem ZEITmagazin. Und die Konzentration aufs Geld lasse wichtige soziale Fähigkeiten verkümmern. Doch wer allzu reflexartig auf das Wort „Konsum“ reagiere, der denke zu kurz. Das findet zumindest die Frankfurter Literaturwissenschaftlerin Annemarie Opp. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich mit der Literatur rund um „Liebe und Konsum“. Und sie verweist auf eine interessante Parallele: So wie heute das Einkaufen verpönt sei, so habe man früher auch über Paare gedacht, die zusammen gelesen hätten. „Romane sind verderblich!“, warnten im 18. Jahrhundert die Mediziner. Und heute mache man eben gerne den Konsum dafür verantwortlich, dass es im Zwischenmenschlichen so oft Probleme gebe. Bewiesen habe diese Zusammenhänge aber noch niemand. „Dafür ist das doch auch viel zu komplex“, sagt sie.

Opp hat auch eine Erklärung dafür, warum das romantische Liebesideal so voller Konkurrenzgefühle auf das Thema Geld und Konsum reagiere. „In der romantischen Liebe geht es um Exklusivität, den geliebten Anderen, und sonst gar nichts.“ Konsum hingegen impliziere, dass man sich sein Glück auch kaufen könne. Er stünde zugleich für eine ständige Ersetzbarkeit. Was nicht mehr gefällt, wird eben weggeworfen.

Opp findet zudem, dass Liebe und Konsum viel verwandter seien, als man auf den ersten Blick denken würde. „Wie die romantische Liebe ist der Konsum oft schwärmerisch, fetischisierend, sprengt gerne Grenzen.“ Sie verweist auf eine Studie amerikanischer Wissenschaftler. Sie haben Menschen ins Gehirn geguckt, die von sich behaupteten, dass sie ihr iPhone lieben. „Bei ihnen waren die gleichen Hirnregionen aktiviert wie bei Menschen, die in ein Wesen aus Fleisch und Blut verliebt sind.“ Und Grünewald sagt: „Den Begriff Auto-Erotik dürfen Sie auch gerne einmal wortwörtlich nehmen.“

 

Seite 3: Hausmannsprosa

Hausmannsprosa

Auch sprachlich haben die Testberichte allerhand interessante Muster aufzuweisen. Viele Männer ufern regelrecht aus in ihrer Urteilsprosa. Man fragt sich fast, ob die Frauen nur besucht werden, um später lang und breit davon berichten zu dürfen.

„Einen kleinen Moment noch, komme gleich“ antwortet mir eine sanfte, ruhig und bedächtig wirkende weibliche Stimme. Julia, „aus dem schönen Osten Deutschlands“, spricht akzent- und nahezu dialektfrei und scheint ihre Worte mit Bedacht zu wählen. Bedachtsamkeit, Gewissenhaftigkeit, Besonnenheit, Gelassenheit."
– strizel44

Dabei tauchen immer wieder die gleichen Erzählmuster auf, fast im Stile einer Heldenreise: Wie sich der Mann auf fremdes Terrain hervorwagt, wie dann die Tür geöffnet wird und er die Frau das erste Mal betrachtet, wie er es dann schafft, die Frau zu „knacken“ und vielleicht noch ein zweites Mal herauszuschlagen, bis hin zum abschließenden Kuscheln und Verabschieden. Die Literaturwissenschaftlerin will lieber nicht von einer eigenen Textform sprechen. Für Opp drängt sich eher ein anderer Vergleich auf. „Das ist Erlebnistourismus“, sagt sie. „Da wird vor allem eine Fantasie verkauft.“

Verborgene Gefühle

„Das Hauptprogramm (OV, GV) war guter Durchschnitt, was mein Erlebnis mit Stella trotzdem zu etwas besonderem werden ließ, war ihr Verhalten, ihre Zärtlichkeit, die Nähe, die sie mich spüren ließ, vor zwischen und nach dem eigentlichen Akt.“
– vino

„Nach Abschluss fragt sie mich, ob ich sie denn wieder besuche, wenn sie wieder in München ist? Ungefragt meint sie doch glatt, es hätte ihr mit mir sehr gut gefallen. Jetzt bin ich aber buff. Schade dass ich davon nichts gemerkt habe.“
– strizel44

„Wir quatschten noch ein bißchen und sie machte mich nochmal sauber. Dabei erzählte sie mir, dass ich sie fast zum Höhepunkt gebracht hätte.“
-tivoglio

Bei vielen Männern schwingt die Hoffnung mit, dass die Frau sie insgeheim ja doch gemocht hätte, dass es ausgerechnet mit ihnen etwas Besonderes gewesen sei. Wie bei einer echten Freundin eben.

Auch Clement Ulrich entdeckt unter der Oberfläche der Käuflichkeit noch eine ganz andere Dynamik. „Mit der scheinbar selbstbewussten Verbraucherhaltung werden auch bedürftige Gefühle verborgen: der Wunsch, angenommen zu werden, eine freundliche Resonanz auf das eigene  Begehren zu bekommen, für die körperliche Zuwendung nichts beweisen zu müssen.“ Ulrich findet das sehr menschlich. 

„Als ich dann fertig war dachte ich schon ich müsse mich jetzt anziehen, und das wars schon... sie fragte „Schon fertig?“ Ich: „Ich ähhm nein“ und dann gab es noch eine exczelente Kuschel und Knutschrunde mit ihre.... sowas von lieb und geil die Kleine.“
-Supermann27

Grünewald erinnert sich an eine Studie, die sein Institut einmal zu Tamagotchis gemacht hat: Diese Spielzeugtierchen, die vorgaben, echte Lebewesen zu sein und  liebevoll gepflegt werden wollten. Damals waren die Eltern regelrecht entsetzt, dass ihre Kinder die Viecher gnadenlos verhungern ließen. „Dabei haben die Kinder einfach viel besser verstanden als sie, dass die Tiere nicht echt waren, und es reizte sie eben, die Logik der Maschine zu kapieren“, sagt Grünewald.

Wie bei den Kindern dürfte man umgekehrt auch bei den Männern davon ausgehen, dass sie wissen, dass es sich bei den Frauen nicht um Maschinen handelt. Und dass dieser Kaufakt nur eine Ersatzhandlung ist – eine „Prothese“, wie Grünwald sagen würde – für etwas, was eigentlich auch da sein könnte, aber aus dem einen oder anderen Grunde gerade nicht verfügbar ist. Vielleicht nennt man es nicht gleich Liebe, aber zumindest – Zuneigung?

„Interessant ist vor allem, dass der virtuelle Dialog nicht mit den Frauen stattfindet, sondern dass sich hier ein Mann an Männer wendet“, sagt Ulrich Clement. „Die Frau wird kommunikativ weitergegeben, und so wird das, was möglicherweise an emotionaler Berührung und Kontakt mit der eigenen Bedürftigkeit stattgefunden haben könnte, abgeschlossen, indem es veröffentlicht wird.“

Geld oder Liebe. In den nächsten Wochen widmet sich Cicero Online in einer kleine Serie dem  Zusammenhang von Geld und Liebe. Tina Klopp geht dabei unter anderem der Frage nach, welche Rolle Geld bei der Liebe in anderen Kulturen spielt, was die Marktforschung über das Konsumverhalten von Paaren herausgefunden hat oder wie die Chancen für reiche Frauen stehen, sich im Internet einen schönen, jungen Mann zu angeln. Geld oder Liebe? Es ist ein vertracktes Verhältnis, die Zusammenhänge sind viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint!

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