Politische Bildung - Jugendliche verkommen zu politischen Analphabeten

Politisches Interesse ist bei den Erziehungszielen nicht gerade hoch im Kurs. In der Schule werden politische Themen vernachlässigt und die Politik konkurriert mit einer Schar von YouTube- und Soap-Sternchen um die Aufmerksamkeit der Jugendlichen 

Kanzlerin Merkel besucht eine Schule
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Sebastian Gallander leitet den bildungspolitischen Thinktank der Vodafone Stiftung Deutschland.

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Nur ein Viertel der Eltern in Deutschland findet, dass Kinder zu Hause das Interesse für Politik lernen sollten. In einer gerade veröffentlichten Allensbach-Umfrage wurden Eltern nach den Erziehungszielen für ihre Kinder gefragt. Fast 90 Prozent von ihnen waren sich einig: Erziehungsziel Nummer eins sind demnach Höflichkeit und gutes Benehmen. Im Mittelfeld liegt der sparsame Umgang mit Geld. Das Interesse für Politik landet dagegen weit abgeschlagen, fast auf dem letzten Platz, wobei es bei Eltern aus schwächeren sozialen Schichten besonders gering ist. In dieser Deutlichkeit ist das mehr als beunruhigend – gerade angesichts der aktuellen Lage.

Die lokalen Pegida-Erdbeben sind zwar etwas abgeklungen, aber die Erschütterungen waren überall im Land zu spüren und haben deutlich gezeigt, welche Verwerfungen es unter der gesellschaftlichen Oberfläche gibt. Selbst in einer so weltläufigen Stadt wie Hamburg zieht die AfD ins Parlament ein. In Sachsen-Anhalt treiben rechtsradikale Demonstranten einen Bürgermeister aus dem Amt. Währenddessen verlieren die traditionellen Parteien massiv an Zulauf und die Wahlbeteiligung ist teilweise extrem gering – insbesondere unter jüngeren Menschen. Dabei müsste es genau andersherum sein. Von der Energiewende über den Datenschutz bis hin zu Deutschlands Rolle in der Welt, geht es um aktuelle Fragen, bei denen die Politik das Leben der Bürger beeinflusst.

Blidungsstandards bei der Demokratieerziehung
 

Mitbestimmung der Bürger erfordert natürlich eine gewisse politische Bildung, wofür die Grundlage in der Jugend gelegt wird. Jedoch scheint das nicht immer zu gelingen. Zuletzt hatte eine groß angelegte Studie der Freien Universität Berlin für Aufsehen gesorgt, die zeigte, dass das politisch-historische Wissen vieler Schüler so gering ist, dass sie den NS-Staat und die DDR nicht für eine Diktatur hielten und das wiedervereinigte Deutschland nicht für eine Demokratie. Dies kann man nicht den Eltern zum Vorwurf machen. Aber wenn sie die Demokratie-Aufklärung der Kinder nicht übernehmen, wer sollte es dann tun?

Es gibt wohl kaum einen anderen Ort, an dem man alle Jugendlichen erreichen kann, wie die Schule, und es gibt wohl kaum ein anderes Unterrichtsthema, das man so packend gestalten kann, wie Politik – aktuelle Nachrichten diskutieren, Planspiele organisieren, Exkursionen unternehmen, lokale Politiker einladen, sich im Stadtteil engagieren, eine Zeitung machen und vieles mehr. Viele Lehrer tun bereits ihr Bestes, um ihre Schüler für das Fach Politik oder Sozialkunde zu begeistern, doch verbindliche Vorgaben für den Unterricht variieren je nach Bundesland. Es gibt zwar kurze, sehr allgemein gehaltene Empfehlungen zur Demokratieerziehung, aber keine einheitlichen Bildungsstandards – anders als für den Mittleren Schulabschluss in den Fächern Deutsch, Mathematik, erste Fremdsprache, Biologie, Chemie und Physik.

Für Politik oder Sozialkunde gibt es keine entsprechenden Beschlüsse der Kultusministerkonferenz der Länder – außer zur Abiturprüfung. Wer nicht gerade in der gymnasialen Oberstufe ist und einen entsprechenden Kurs wählt, hat nur sehr wenige Unterrichtsstunden in diesem Fach – deutlich weniger als in vielen anderen Fächern. Dabei werden immer mehr Schulen zu Ganztagsschulen, sodass mehr Raum für interessante Angebote entstehen dürfte. Zugleich drängen jedoch starke Kräfte auf mehr ökonomische Bildung. Dies mag sicher auch wichtig sein, aber ein Staat, in dem sich die Bürger nicht für Politik interessieren, ist wie eine Volkswirtschaft, in der die Kunden nichts kaufen wollen.

Man darf diese Aufgabe nicht allein der Schule überlassen. Auch die Regierung muss alles daran setzen, junge Menschen an die drängenden gesellschaftlichen Fragen heranzuführen. Das ist natürlich keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt wie viele Unternehmen bereits um die knappe Aufmerksamkeit der Jugendlichen konkurrieren und welche Sturmflut aus Soap-Operas und Youtube-Filmchen täglich tosend über sie hereinbricht. Deshalb gibt es ja eigens die Bundeszentrale für politische Bildung, die unter anderem jugendgemäße Medien und Kampagnen erstellen soll – mit einem Jahresetat von derzeit rund 40 Millionen Euro. Das klingt zunächst viel, relativiert sich aber schnell.

Vermittlung von Vernunft
 

Doch der beste Sozialkunde-Unterricht und die schönste Kampagne werden die politische Bildung nicht stemmen können. Die Parteien selbst müssen sich stärker fragen, warum sich so viele Menschen von ihnen abwenden – und was sie dagegen tun können.

Wer nur auf die Politiker schimpft, ist kein gutes Vorbild. Vielmehr sind wir alle gefragt, bei der nachwachsenden Generation das politische Interesse zu wecken – nicht nur als Eltern, sondern auch als Onkel, Tanten, Großeltern und Freunde. Gerade wenn sich die Stürme der großen Politik zusammenbrauen, ziehen wir uns gern ins Private zurück. Erich Kästner hat einmal geschrieben: „Draußen wackeln die Konzerne. Und es wackelt schon der Staat! Doch Ihr schweift nicht in die Ferne. Ihr drescht Skat.“ Das war 1930. Der Rest ist Geschichte.

In wenigen Wochen begehen wir den 70. Jahrestag des Endes der Nazi-Herrschaft in Deutschland.

Wenn wir aus dieser Vergangenheit eines gelernt haben, dann dass es wichtig ist, politische Entwicklungen kritisch zu verfolgen und sich einzumischen, bevor es zu spät ist. Schule, Regierung, Parteien und Bürger müssen diese Einsicht den jungen Menschen stets aufs Neue vermitteln. Denn sie kommt nicht von allein. Gerade in einer Zeit, in der alles immer schneller und unübersichtlicher wird, sieht man leicht das Fremde als bedrohlich an und folgt den politischen Stimmen, die einfache Lösungen versprechen. Doch gegen die Dunkelheit der Ignoranz hilft nur das Licht der Vernunft. Das müssen wir allen Jugendlichen mit auf ihren Weg in die Zukunft geben.

Sebastian Gallander leitet den bildungspolitischen Thinktank der Vodafone Stiftung Deutschland.

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