Öffentliche Anteilnahme - Die Mär vom geteilten Leid

Kolumne: Grauzone. Nach einem tragischen öffentlichen Ereignis ist jede Form von Anteilnahme problematisch. Denn hinter dem Entsetzen verbirgt sich nicht selten der unschöne Gedanke, Glück gehabt zu haben

Die Fahnen wehen vor dem Reichstag still schweigend auf Halbmast.
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Oktober erscheint sein Buch „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ beim Claudius Verlag München.

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Alexander Grau

Es ist das vielleicht persönlich Grauenvollste und Fürchterlichste, was man sich vorstellen kann als Eltern, als Kind oder Freund: Am Flughafen auf einen geliebten Menschen zu warten, erwartungsfroh und sehnsüchtig und dann die Nachricht zu erhalten, dass er tot ist, dass die Maschine, in der er saß, zerschellt ist an einem Berg, auf einem Ozean oder wo auch immer.

Ab diesem Moment versagt die Vorstellung. Filmriss. Hier geht es nicht weiter, hier versagt die Fantasie, hier verweigert das Gehirn seinen Dienst. Da ist nur noch blankes Entsetzen, ein tiefer, schwarzer Abgrund.

Es ist dieser Abgrund, der die Trauernden trennt von den Unbeteiligten. Denn keine Anteilnahme, keine Empathie, kein Mitgefühl kann die Kluft  überbrücken, die sich von einer Sekunde auf die andere zwischen den Hinterbliebenen und dem Rest der Welt auftut.

Trauer – das radikalste Gefühl
 

Das liegt vor allem daran, dass Gefühle privat sind. Man kann sie nicht teilen, auch wenn von Seelsorgern und Schlagersängern mitunter das Gegenteil behauptet wird. Je intensiver ein Gefühl ist, desto schlechter lässt es sich kommunizieren. Das radikalste und härteste aller Gefühle ist die Trauer, der Schmerz des Verlustes. Sie entzieht sich jeder Sprache, jeder Kommunikation. Hier versagen unsere Worte. Im Grunde bleibt nur das Schweigen.

Trauer isoliert. Das gehört auch zu ihrer tragischen Wahrheit. Deshalb wirkt selbst die wohlgemeinteste Anteilnahme immer unbeholfen und linkisch. Sie läuft ins Leere. Zur Brutalität der Trauer gehört auch, dass sie eine undurchdringliche Mauer aufrichtet, zwischen denen, die einen Verlust erlitten haben und denen da draußen.

Da der Mensch nun einmal ein Mensch ist und kein Übermensch, mischt sich unter das Entsetzen auch der böse Gedanke, Glück gehabt zu haben, nicht betroffen zu sein, auch wenn das moralische Über-Ich diesen Gedanken umgehend zu eliminieren versucht.

Aber das klappt natürlich nicht. Und so weiden wir uns, ebenso entsetzt wie klammheimlich erleichtert, an der medialen Berichterstattung, klicken uns von Nachrichtenseite zu Nachrichtenseite, durchforsten die Internetdienste und verfolgen die Liveticker, auf dass wir das neueste Bild, den neuesten Clip und die allerneueste News nicht verpassen.

Vom Mangel der Ehrfurcht
 

Das schlechte Gewissen verlässt uns nicht. Im Gegenteil: Unser medialer Voyeurismus macht die Sache nur noch schlimmer. Denn natürlich wissen wir, dass man so etwas nicht tut, dass man nicht hinschaut, wenn andere leiden, dass man wegsieht, aus Gründen der Pietät. Schließlich bedeutet Pietät (lat. pietas) Ehrfurcht, aber auch Pflicht.

Ehrfurcht aber haben wir nicht, von Pflichtgefühl ganz zu schweigen. Um die Opfer und deren Angehörige geht es uns in diesen Minuten schon lange nicht mehr, sondern um unsere Ängste und Sorgen, unser Leben und unsere Lieben.

Schon der antike Philosoph Lukrez weist in seinem wunderbaren Lehrgedicht „Von der Natur“ darauf hin, wie wonnevoll es ist, einem Unglück beizuwohnen, „nicht als ob es uns freute, wenn jemand Leiden erduldet, sondern aus Wonnegefühl, dass man selber vom Leiden befreit ist“.

Sätze, die weh tun, weil sie uns im Kern unseres humanistischen und christlichen Selbstverständnisses treffen. Und so tritt zu der Sprachlosigkeit, zu der uns die Trauer der Anderen im Grunde verdammt, die Beklommenheit, die uns überfällt, wenn wir ehrlich in den Spiegel schauen.

Unfähigkeit zur Stille
 

Da diese Beklemmung aber kaum auszuhalten ist, entfachen wir aus Verlegenheit einen Orkan des Geplappers, einen Sturm der Phrasendrescherei. Da ist dann immer alles „unfassbar“, „unbegreiflich“ und „geht über jedes Vorstellungsvermögen hinaus“.

Das ist natürlich Unsinn. Selbstmorde, Morde, Katastrophen sind sehr leicht zu begreifen. Und wer die Geschichte der Menschheit betrachtet, der kann sich jede Grausamkeit und jede Abartigkeit mit größter Leichtigkeit vorstellen.

Doch die hohe Rhetorik vom Unvorstellbaren und Unfasslichen, die wir von unseren Repräsentanten in solchen Situationen erwarten, schützt uns vor der unerträglichen Einsicht in die Alltäglichkeit der Ereignisse. Sie stiftet Sinn, indem sie sie verrätselt.

Und so sind wir hin- und hergerissen zwischen der Einsicht, dass wir angesichts des Schmerzes der Hinterbliebenen verstummen müssten, und unserer Unfähigkeit zur Stille. Denn diese würde uns auf brutale Art mit uns selbst konfrontieren, unserer moralischen Durchschnittlichkeit, unseren Ängsten und Zweifeln. Das überdrehte Dauergeplapper angesichts der Katastrophe bewahrt uns davor, schonungslos ehrlich gegenüber uns selbst zu sein. Auch deshalb sind Schweigeminuten eben nur Schweigeminuten: länger hält die Stille keiner aus.

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