Laber-Philosophie - Konsumkritik ist Freiheitsverachtung

Konsumkritik ist ein beliebter Zeitvertreib von Salon-Linken: Die Philosophin Renata Salecl hält ein breites Warenangebot etwa für eine „Tyrannei der Wahl“. Solche Feststellungen sind nicht nur dumm, sondern auch gefährlich

Schaufenster eines Lampenladens in Rostock 1989
Siegfried Wittenburg

Autoreninfo

Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

So erreichen Sie Alexander Marguier:

Kapitalismuskritik geht immer, sie ist aber wegen ihrer notorischen Theorielastigkeit oft schwer verständlich. Für den Alltagsgebrauch empfehlen wir deshalb lieber deren kleine Schwester, die Konsumkritik.

Gediegene Konsumkritik erinnert ein bisschen an die Krimiserie „Derrick“: Die Handlung blieb mehr oder weniger die gleiche, und das Böse wohnte praktisch ausnahmslos in einer feinen Münchener Villengegend – trat jedoch von Folge zu Folge in unterschiedlicher Gestalt auf. Also mal als reiche Baroness, dann wieder als schmieriger Unternehmer oder zur Abwechslung auch mal als verwöhnter Chefarztsohn. Auf Oberinspektor Stephan Derricks physiognomische Unveränderlichkeit konnte sich der Zuschauer hingegen so fest verlassen wie auf die Herkunft von Konsumkritikern aus dem linken Universitätsmilieu. Manche Professoren der Geistes- und Sozialwissenschaften scheinen unter dem permanenten Konsumdruck irgendwie besonders schwer zu leiden. Oder sie haben einfach mehr Zeit, ihn kritisch zu reflektieren. Beispielsweise beim Besuch der Sandwich-Kette „Subway“, die in einem Interview von Spiegel Online mit der Philosophin Renata Salecl die Rolle des Derrick-Serienschurken einnehmen durfte.

[gallery:20 Gründe, warum Ökobürger nerven!]

Der Name Renata Salecls war mir bisher zwar völlig unbekannt, aber dass es sich bei der slowenischen Philosophieprofessorin um eine bemitleidenswerte Person handeln muss, steht nunmehr fest. Und zwar weniger, weil sie einst mit dem Philosophieprofessorenkollegen Slavoj Žižek verheiratet war, bevor der mit einem argentinischen Unterwäsche-Model durchbrannte.

Sondern eben wegen der Sache mit dem Sandwich-Laden. Dort muss man nämlich, um an seine Stulle zu kommen, zwischen diversen Brötchensorten und Belägen auswählen. Was natürlich der blanke Horror ist, denn welchem unverdorbenen Menschen ist schon die Entscheidung zwischen „Turkey & Ham“ auf einem Ciabatta-Brötchen und „Roasted Chicken Breast“ auf normalem Weißbrot zuzumuten? So zeigt der Konsumismus seine hässliche Fratze eben auch zwischen Gewürzgürkchen und einer Extraportion Senf. Zum Glück weist uns Frau Salecl in ihrem Interview einen Ausweg aus dieser Hölle der Wahlmöglichkeiten: „Ich versuche, Orte wie Subway zu meiden. Und wenn ich doch mal dort bin, bestelle ich immer dasselbe.“ Scharf gedacht!

Wer jetzt glaubt, der Professorin könnte vielleicht geholfen sein, indem sie sich morgens vor den eigenen Kühlschrank stellt und ihr Pausenbrot einfach selbst schmiert, der irrt aber gewaltig. Denn irgendwie muss dieser Kühlschrank ja vorher auch gefüllt werden, zum Beispiel mit Butter, Wurst oder Käse. Und da beginnt das Drama natürlich wieder ganz von vorne, weil die Supermärkte unverschämterweise von allem gleich mehrere Sorten vorrätig halten. Und mal ehrlich, kennt denn nicht jeder dieses Gefühl der Ohnmacht, das uns überkommt, wenn wir an der Kühltheke zwischen Du-Darfst-Margarine und der guten Butter von Weihenstephan auswählen müssen?

„Selbst die Wahl des Kaffees“, so Renata Salecl, „will gut überlegt sein. Das ist äußerst schädlich.“ Warum? „Weil wir uns ständig gestresst fühlen. Überfordert. Und schuldig.“ Es sind die Schuldgefühle des Kaffeekäufers, der ahnt, dass eine andere Sorte womöglich noch besser, noch magenschonender, noch koffeinfreier hätte sein können. Jetzt wird auch mir klar, warum ich immer so niedergeschlagen aus der örtlichen „Kaisers“-Filiale heraustorkele. Nicht, weil dieser Supermarkt so saublöd eingerichtet und lieblos sortiert ist (wie ich immer dachte). Sondern wegen der fünf bis acht verfügbaren Kaffeemarken.

Wie schön war es doch früher, als wir in Europa noch gar keinen Kaffee kannten und uns deshalb auch nicht den Kopf darüber zerbrechen mussten. Und wie glücklich waren erst die Bewohner der DDR mit ihrer geliebten Einheitssorte „Kaffee-Mix“ (ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an den lustigen Spruch „Sollen Völkerstämme enden, musst du Kaffee-Mix verwenden“). Eine große Errungenschaft der Ostzone war ja bekanntlich auch ein Fahrzeug namens „Trabant“, welches sich in Ermangelung von Konkurrenzmodellen sogar Ende der achtziger Jahre noch auf dem technischen Stand der Vorkriegszeit befand.

[[nid:53856]]

Bedrückend dämlich wirkt Konsumkritik nach der Art von Renata Salecl vor allem aus einem Grund: dass sie ganz offensichtlich keinen einzigen Gedanken darauf verschwendet, wie denn ein alternatives System aussehen könnte. Soll vielleicht der Staat eine Obergrenze für Kaffeesorten festsetzen, um der Bevölkerung die Qual der Wahl zu ersparen? Dürfen die Betreiber der Subway-Läden künftig nur noch Gouda-Sandwiches anbieten, damit sich sensible Philosophieprofessorinnen in der Mittagspause vom Angebot nicht so gestresst fühlen? Oder gehören Frauenzeitschriften verboten, weil die ihren Leserinnen nach Salecls Meinung „vorschreiben, was uns glücklich macht“?

Die Larmoyanz wohlstandsverwöhnter Konsumkritiker ist nicht nur deshalb so hässlich, weil sie die eigene Befindlichkeit für allgemeinverbindlich erklärt. Sondern wegen ihrer flagranten Freiheitsverachtung, die sich im Zweifelsfall ziemlich sicher nicht nur auf die bunte Warenwelt bezieht.

Paula Zubinski | Di, 13. Juni 2017 - 08:22

Herr Marguier hat einen einzigen (!) Punkt der Konsumkritik herausgegriffen. Den Umfang des Warenangebots. Er beschwert sich, dass die Konsumkritiker angeblich keine Alternativen fordern. Die scheinbar einzig für ihn vorstellbare Alternative stellt er deshalb gleich selbst vor: die DDR. Schade, dass die Konsumkritiker das nicht selbst so fordern. Dann wäre es NOCH einfacher, deren Thesen als Zitat "dämlich", "hässlich" und "dumm" darzustellen.

Mir ist auch schleiherhaft, warum Herr Marguier die Kapitalismuskritikerin als "bemitleidenswerte Person" bezeichnet und dabei ihr Privatleben ins Rampenlicht zieht.

Kann man aus der einseitigen Kritik an der Kritik darauf schließen, dass der Autor den kompletten "Rest" (95 % der Konsumkritik) also für durchaus berechtigt hält, weil er sie nämlich überhaupt nicht anspricht?

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Wir danken für Ihr Verständnis.