Fisch ohne Gesicht - Der Wiederkehrer

Kolumne: Morgens um halb sechs. Vor der Küste Australiens ist ein Fisch ohne Gesicht gefunden worden. Ein seltsames, hässliches Wesen, von dem man sich wenig abgucken mag. Oder könnte es in unsicheren Zeiten zum Überlebensmodell werden?

Das vom Museum Victoria zur Verfügung gestellte Bild zeigt einen sogenannten «Fisch ohne Gesicht». Der Fisch ist in der Nähe der Jarvis-Bucht in etwa 4000 Metern Tiefe entdeckt worden.
Der Fisch ohne Eigenschaften / picture alliance

Autoreninfo

Sabine Bergk ist Schriftstellerin. Sie studierte Lettres Modernes in Orléans, Theater- und Wirtschaftswissenschaften in Berlin sowie am Lee Strasberg Institute in New York. Ihr Prosadebüt „Gilsbrod“ erschien 2012 im Dittrich Verlag, 2014 „Ichi oder der Traum vom Roman“.

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Da ist ein Fisch aufgetaucht, ohne Gesicht. Pünktlich zur ersten UN-Ozeankonferenz hat man ihn gefangen. In der Jarvis Bucht, vor der Küste Australiens, ist er Forschern in 4000 Metern Tiefe ins Netz gegangen. Zuletzt wurde der Typhlonus nasus vor 140 Jahren gesichtet. Wie ein Wiedergänger taucht er auf, um der Welt ab und zu sein konturloses Gesicht zu zeigen. Er hat etwas Mahnendes, wie ein Knüppel. Dann wieder gleicht er einem im Ozean verlorengegangenen Geschlechtsteil. Dabei besteht ein Viertel seiner Körperlänge aus Kopf nur hängt an diesem Kopf nichts. Kein Auge, keine Nase, kein farbenfrohes Fischmuster. 

Das perfekte Sparmodell

Dieser Fisch ist die reine Funktion. Er ist ein Fisch ohne Eigenschaften, ein barometrisches Minimum der Ozeane. Und doch ist ihm eine wesentliche Eigenschaft geblieben: das Fressen. An der Unterseite seines vierzig Zentimeter langen Fettleibes hängt sein schlabbriges Maul. Ein paar Zähnchen hat er auch, um Krebse zu knacken.

Der Fisch ohne Gesicht könnte einen Red-Dot-Design Award gewinnen oder in Wolfgang Schäubles Wohnzimmer einziehen. Er ist das perfekte Sparmodell und dabei äußerst überlebensfähig. Er sieht nichts, hört nichts, riecht nicht, lässt sich nicht irritieren. Ein paar Jahrhunderte sind vergangen? Das prallt an ihm ab. Maul auf, Maul zu. Auf diese Weise überlebt es sich am besten.

In Zeiten der Gesichtserkennung kann man sich von dem Fisch ohne Gesicht etwas abgucken. Die Gesichtslosigkeit, als Tarnfunktion, könnte der einzige Ausweg aus einer perfekt überwachten Welt sein. Die einzige Überlebenslösung macht uns der Fisch ohne Gesicht konsequent vor: schlucken.

Während sich 5000 zusammengekommene Ozeankonferenzler auf 1000 freiwillige Maßnahmen einigen und die große, immerhin fünf Tage währende Sitzung zur Rettung der Weltmeere in ein Goodwill-Finale mündet, geistert das Bild des gesichtslosen Fischs durchs digitale Netz. Als hässlichstes Tier der Welt wird er bezeichnet, als Doppelarsch-Fisch, als seltsame Kreatur, als handelte es sich bei ihm um das Ungeheuer von Loch Ness. Doch selbst wenn er das mitbekäme, würde es ihn auch nicht kümmern. Wer nichts sieht, muss weder sich selbst noch die Reaktion Anderer mitbekommen. Der Fisch ohne Gesicht ist ein von diesen Dingen vollkommen befreites, entspanntes Wesen. 

Kampf gegen Verschmutzung der Meere

Auf den Weltmeeren sieht es dagegen weniger entspannt aus. Nicht nur die Plastikverschmutzung, auch die Folgen gekenterter Öltanker und, ganz unbeachtet, all der gezündeten Atombomben, sind nicht einschätzbar. Eine dieser Bomben, freundlicherweise von den Amerikanern „Bravo“ genannt, war tausend Mal stärker als Hiroshima. Sie wurde, neben vielen anderen Bomben, in den fünfziger Jahren einfach aus Potenzprotz gezündet. Wer der größte Fisch ist – das galt es zu beweisen. Wie viel Leben damit vernichtet werden würde, war irrelevant. Wäre der Fisch ohne Gesicht nicht bereits unter Forschern bekannt, könnte man ihn für einen Mutanten aus dem Bikini Atoll oder aus Mururoa halten. Wie aber wird die Zukunft der Meere aussehen, wenn bei steigenden technischen Möglichkeiten jede Schutzmaßnahme ein freiwilliges Unterfangen bleibt? Die Zeit der Unterschriftenaktionen dürfte längst vorbei sein. Wenn nicht bald massive Schadensersatzzahlungen durchgesetzt werden, verenden die Nahrungsquellen.

Die Seerechtlerin und Publizistin Elisabeth Mann Borgese ist leider nicht mehr unter uns. Sie widmete den Meeren ihr Leben und brachte als Gründungsmitglied des Club of Rome seit den siebziger Jahren viele Ideen auf den Weg. Zahlreiche Schutzinstitutionen und Regelungskommissionen, wie etwa das Internationale Ozean Institut in Malta und der Internationale Seegerichtshof in Hamburg sind auf ihr Engagement zurückzuführen. Wie zäh dringende Veränderungen in einer sonst überschnellen Welt vorankommen, ist eine tragische Angelegenheit. Im Grunde müsste täglich eine Konferenz abgehalten werden – bis alle Teilnehmer so konferenzmüde sind, dass sie gähnend einlenken. Jeder Mensch besteht aus 71 Prozent Salzwasser und genau 71 Prozent der Erde ist von Ozeanen bedeckt. Eine stärkere Verbindung, als die Natur bereits geschaffen hat, lässt sich nicht erfinden. 

„Die Menschheit kehrt zum Meer zurück“, wünschte sich Elisabeth Mann Borgese. Bislang kehrt nur der Fisch ohne Gesicht alle anderthalb Jahrhunderte zurück und starrt uns augenlos an.

Michaela Diederichs | So, 18. Juni 2017 - 21:50

Wunderschön und doch so bitterböse dieser Artikel. Ganz starker Beitrag. Eben Cicero. Danke.

Torsten Knecht | So, 18. Juni 2017 - 23:28

... schon wieder Kampfmodus.

Der Mensch sollte mal selber sein Handeln überdenken, als ständig gegen die Folgen seines vorherigen Handeln "zu kämpfen".

Fazit ist, das der westl. Lebensstil als globale Leitkultur weder nachhaltig noch umweltfreundlich ist. Das Problem an der Wurzel packen u. dieses System "bekämpfen" will keiner der Ozeanspezialisten. Begnügen sich mit dem Meer, ist schließlich schon groß genug.

ingrid Dietz | Mo, 19. Juni 2017 - 01:29

Der Vergleich mit Schäubles Wohnzimmer war perfekt !
Danke und mfg

Dr. Lothar Sukstorf | Mo, 19. Juni 2017 - 09:59

...morgens, um halb sechs...ist die Welt immer noch nicht in Ordnung...ein Fisch namens Wanda...er möge sich trösten, bei uns laufen so viele gesichtslose Politiker rum, daß ein Tiefseefisch sich nicht grämen sollte.

Ulli Ramps | Mo, 19. Juni 2017 - 11:48

Sorry, aber bin ich der Einzige, der diesen Beitrag bestenfalls "ganz nett" findet ...? Arg auf Lückenfüller gemacht und nur von dem Fisch-Foto lebend?
Er eiert hin und her, die Pointen sind doch recht gewollt, hier und da ein Schmunzeln, ja, aber ein roter Faden, Kernaussage, was wollen mir diese Worte sagen, mich womit überraschen ...?

"Ganz nett", mehr leider nicht.

Übrigens, als Evolutionsbiologe muss ich noch widersprechen - der Kopf ist mit Sensoren bestückt, die ihm das Auffinden von Beute ermöglichen.
Und als Tiefseefisch braucht er dann auch keine Augen, das kommt häufiger vor.

Willy Ehrlich | Mo, 19. Juni 2017 - 14:57

Es ist diesem Planeten völlig egal, was wir mit ihm machen. Wenn wir uns aussterben, sterben wir uns eben aus.

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