„Good Luck Finding Yourself“ - Eine Suche gegen den Krebs

Der Dokumentarfilm „Good Luck – finding yourself“ nimmt den Zuschauer mit auf eine existenzielle Reise. Jutta Winkelmann wird sterben, sie hat einen unheilbaren Knochenkrebs. Mit ihrem Partner Rainer Langhans fährt sie nach Indien – auf eine Suche nach sich selbst

In dem Dokumentarfilm „Good Luck – finding yourself“ gehört die Bühne ganz Jutta Winkelmann
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Alexander Wallasch ist Schriftsteller. Zuletzt erschienen von ihm die Romane „Pferdefleisch und Plastikblumen: Geschichten und Kolumnen aus der Schattenwirtschaft“ und „Deutscher Sohn“.

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„Ich dachte ja, wir werden alle schön alt zusammen, und es wird alles noch einmal wieder gut“, spricht Jutta Winkelmann anrührend und mit flüchtigem Lächeln. Und fast entschuldigend ergänzt sie – oder besser: übersetzt sie – hinüber zum neben ihr ruhenden Rainer Langhans: „Das Ego will ja nicht sterben.“ Der aber bleibt stumm. Geschlossene Augen. Ganz weit weg.

Die Szene passiert irgendwo am Strand von Kovalam im südwestindischen Bundesstaat Kerala. Jutta und Rainer lehnen scheinbar sorglos und entspannt an einem dieser glattpolierten Felsen wie man sie aus Hochglanzprospekten von den Malediven kennt.

Der Dokumentarfilm „Good Luck – finding yourself“, der am 23. Oktober in die Kinos kommt, hat allerdings wenig von einem unbeschwert luxuriösen Urlaubstrip. Jutta Winkelmann hat Knochenkrebs mit Metastasen. Ihre Indienfahrt versteht sie als finale Pilgerreise. Eine exotische Prozession rund um ihren Krebs, den „König aller Krankheiten“, wie ihn der in Neu-Delhi geborene Arzt Siddhartha Mukherjee in seiner Pulitzer-Preis-ausgezeichneten Krebs-Biografie nennt. Rainer Langhans wird sich auf ihn beziehen, wenn er sich während einer Autopanne mit Jutta Winkelmann etwas abseits der Hektik der Straße bewegt und man wenige Meter weiter in eine ländliche Stille versinkt – ein indischer Time-Tunnel.

[video:Good Luck Finding Yourself: Trailer]

Juttas Sohn ist Regisseur. Eine komplizierte Mutter-Sohn-Geschichte


Ein uralter Mann sitzt auf einem klapprigen Bettgestell. Starr und ausdruckslos schaut er durch eine dickglasige Brille. Hat sich Weisheit angesammelt in diesem gelebten Leben an der Schwelle zum Tod? Oder wenigstens eine Botschaft? Die Kamera scheint darüber nachzudenken, verweilt ein paar Sekunden. Aber die Fragen bleiben offen. Ein schneller Schnitt. Brutal laut rasen Autos vorbei. Indien in Bewegung.

Severin Winzenburg fängt starke Szenen ein. Er ist nicht nur irgendein junger, ambitionierter Doku-Filmer, sondern Juttas Sohn. Aber nein, die finale Mutter-Sohn-Konfrontation ist Winzenburgs Sache nicht. Nur ein, zwei Sätze überschreiten die unsichtbare Schranke zwischen Kamera und Motiv. „Jutta lernte Rainer 1974 kennen, zu der Zeit war Rainers indischer Lehrer Kirpal Singh gerade verstorben. Seitdem sucht sie etwas Eigenes, einen Nachfolger,“ kommentiert er aus dem Off. Also kein familientherapeutischer Ansatz. Keine Aufarbeitung. Aus Erfahrung klug? Immerhin begleitete der heute 36-jährige 2008 einen Familienangehörigen mit der Kamera: „My American Cousin“ meint Balthazar Getty, Sohn seiner Tante Gisela, Jutta Winkelmanns Zwillingsschwester. Der Schauspieler Balthazar Getty, der auch Musiker ist, liefert nun einen Teil der Filmmusik.

Severin geht weit zurück. Unsichtbar hinter seiner Kamera. Eine Annäherung also aus der unnatürlichsten Perspektive einer Mutter gegenüber: als neutraler Beobachter. Der Konflikt ist durch alle Sequenzen hindurch spürbar. Der Sohn schaut der Mutter noch durch einen winzigen Spalt beim Weinen, beim Jammern und beim Medikamente Einnehmen zu. Die Bühne gehört ganz Jutta Winkelmann.

„Good Luck – finding yourself“ ist nicht nur eine Dokumentation. Es ist auch ein Roadmovie quer durch Indien, mit dem Boot, dem Auto, Rikschas, Flugzeugen und immer wieder Eisenbahnen. Die Protagonisten sind auf der Suche: das traditionelle Motiv der westlich-kapitalistischen Sinnsucher im spirituellen Indien.

Die unendliche Guru-Strecke


„The search is nice!“, so antwortet Jutta Winkelmann, als sie von einem europäischen Indienreisenden gefragt wird, warum sie überhaupt auf der Suche sei. Dann ein Schnitt zurück nach München: „Ein Jahr zuvor“. Jutta und ihre Tochter liegen sich im Bett in den Armen. Die erwachsene Tochter sagt unter Tränen: „Ich will einfach, dass alles so bleibt, wie es ist. Ich will, dass meine Mama da ist!“ Jutta streicht mechanisch über die lockigen Haare der Tochter. Ihre Hand hat erstaunlich wenig Falten für eine 65-Jährige.

Hände sind auch ein Schlüsselmotiv des Films. Streichelnde, fassende, suchende, bittende, wundervolle alte Hände. Dürerhände. Einmal reicht Langhans Jutta die Hand. Nicht einfach so, er schaut ihr dabei von der Seite auf eine ernste Weise zärtlich aufs traurige Gesicht.

Die atemberaubende Indien-Kulisse macht aus solchen einfühlsamen Kammerspielszenen großes Kino. Auf dem Kumbh Mela, dem größten religiösen – und hinduistischen – Fest der Welt, gehen Jutta und Rainer eine breite, unbefestigte, baumlose Straße entlang. Es ist Abend, das Licht staubig. Rechts und links stehen Buden und Zelte. Hier wetteifern Sekten, Religionsgemeinschaften und Gurus um Gläubige. Hier wird nichts weiter feilgeboten als wieder die nächste Erleuchtungsalternative. Ein großer Nirwana-Jahrmarkt mit Anreißern wie auf der Reeperbahn: Ballonverkäufer, Kerzenhändler, grellbunte Prozessionen.

Rainer und Jutta wandern ziellos die unendliche Guru-Strecke ab. Sie sind orientierungslos. Sie sind Symbole für diese nervenaufreibende, jahrzehntelange Suche im heimischen München. Wo soll man nun schauen, wo verweilen? Alles ist sinnlos. Menschen huschen vorbei wie Schatten. Ja doch, in diesem Moment befindet sich die Dokumentation „Good Luck“ auf ihrem emotionalen Höhepunkt. Die Endzeit ist angebrochen. Krebszeit. Ein großartiges filmisches Requiem auf das Leben.

„Good Luck – finding yourself“ (89 Minuten) kommt am 23. Oktober in die Kinos. Autor, Regie und Kamera: Severin Winzenburg

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