Ludwig Poullain - Zeit für einen Schlussstrich bei der Eurorettung

Zum Jahreswechsel zeigen wir Ihnen noch einmal die erfolgreichsten Artikel aus dem Jahr 2012. Im Oktober:

Einst Kritiker der eigenen Zunft, knöpft sich der ehemalige WestLB-Chef Ludwig Poullain jetzt die Kanzlerin vor: ihr Krisenmanagement hält er für falsch – und plädiert für einen Austritt aus der Euro-Zone: Das geflossene Geld sei weg, der bisherige Rettungsversuch ein Fiasko

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(picture alliance) Die Sache mit der Euro — ist gescheitert

Zu meinem langen Leben gehört auch die zwölf Jahre währende Phase, in der mir von den Nazis eigenständiges Denken untersagt war. Nach deren Vertreibung habe ich die Befreiung von dieser Zensur als die beste aller damaligen Errungenschaften empfunden. Danach habe ich eine längere Zeit gebraucht, bis es mir dämmerte, dass auch gewählte Regierende einer demokratischen Republik dazu neigen, ihren Untertanen vorzugeben, was und in welche Richtung sie zu denken haben und was zu denken sie vermeiden sollen, um es dafür lieber ihnen, den Oberen, zu überlassen.

Nicht zuletzt hierauf führe ich es zurück, dass in unserem Land die Debattenkultur erstorben ist. Diskussionen, die per Definition ein Austausch von Intelligenz sein sollen, sind verpönt. Falls sich einer der Wortführer der Politik einmal eine eigene Meinung gebildet haben sollte, so wird sie kein noch so überzeugendes Argument jemals ändern können.

Erst etwa ein Jahr nach ihrem Amtsantritt ist mir die Art der Bundeskanzlerin Merkel, durch Verschweigen ihrer Absichten und durch verstecktes Tun zu herrschen, aufgestoßen. Wenn sie es für unumgänglich hält, die Meinungsbildung der Bürger in eine ihr genehme Richtung zu lenken, so geschieht dies nicht etwa durch eine klare Vorgabe und die Darlegung der Gründe. Vielmehr pflegt sie uns nur etwa kurz zu verkünden, die Energieerzeugung sei auf den Kopf zu stellen, oder auch, dem notleidenden Griechenland sei Hilfe zu gewähren, um dann, anstelle einer fälligen Begründung, den Nachsatz anzuhängen, dies sei alternativlos.

Mit diesem Hinweis errichtet sie offenkundig Verbotsschilder für Andersdenkende. Nachdem mir dieses Taktieren bewusst geworden ist, lehne ich mich dagegen auf und zwinge mich dazu, das mir von ihr Vorgesetzte nicht mehr als gegeben hinzunehmen und das von ihr zum Tabu Erklärte besonders sorgfältig durch meine Hirnwindungen zu drehen.

Das gilt aktuell natürlich besonders in Bezug auf die von ihr gewählte Methode, unsere Gemeinschaftswährung zu retten. Ich glaube beobachten zu können, dass sie sich bei der Pflege dieses Homunkulus namens Euro mittlerweile keine Mühe mehr gibt, uns Bürgern vorzugaukeln, sie bedächte hierbei irgendetwas. Mit ihrem Finanzminister macht sie das, was sie glaubt, aus dem Diktat der Märkte folgern zu müssen. Denn diese allein lenken ihr Tun. Wenn sie mit dem, was sie anrichten, wenigstens das Ende bedenken würden! Doch die schiere Automatik ihrer Handlungen lässt mich argwöhnen, dass sie davon ausgehen, diese vermeintlichen Rettungstaten bis zum jüngsten Tag fortsetzen zu können.

Just die Folgen eines solchen Gebarens bis zu seinem Ende zu bedenken, dies habe ich versucht. Das Ergebnis dieses abenteuerlichen Unterfangens ist hier zu lesen. Der Niederschrift schicke ich die Aufklärung voraus, dass ich hierbei von meinen Erfahrungen als Vorstand der zu seiner Zeit noch wohlfunktionierenden WestLB sowie als (nebenamtlicher) Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands gezehrt habe.

Anders als die in dieser Zeit im Amt des Sparkassenpräsidenten Agierenden, die sich als Cheflobbyisten der deutschen Sparkassen verstehen, habe ich in den siebziger Jahren die Sparer zum Dreh- und Angelpunkt meines Handelns gemacht, als es galt, das von ihnen mühsam Erarbeitete vor der Gefahr einer importierten Inflation zu bewahren. Den meisten der damals arbeitenden Bürger war das mit ihnen im Jahre 1948 Geschehene noch allzu gegenwärtig, als durch die Währungsreform über Nacht 100 Mark auf 7,50 Mark reduziert wurden. Ich bin mir sicher, dass Frau Merkel jener Generation ihre groß angelegte Schuldenvermehrung mit dem ihm innewohnenden riesigen Inflationspotenzial nicht hätte oktroyieren können. Sie hätten ihr bei der nächsten Wahl ihre Stimmen entzogen.

Seite 2: Was hätte die Kanzlerin in dieser Euroschuldenkrise anders machen sollen?

Was die Kanzlerin in dieser Euroschuldenkrise hätte anders machen sollen? Ganz einfach: bereits beim ersten Hilfeschrei der Griechen bei dem „Nein“, das sie in der allerersten Reaktion von sich gegeben hatte, zu verharren und standhaft zu bleiben bis zum heutigen Tag. Um wie vieles besser erginge es heute den Hellenen, wenn sie den von den Geberländern zugeteilten Schuldenberg nicht mit sich herumschleppen müssten, stattdessen zur Drachme zurückgekehrt wären und sich dann ihrer Lieblingsbeschäftigung hätten hingeben können, ihre eigene Währung nach eigenem Belieben abzuwerten. Auf der Geberseite verfügten alle Staaten, die den Griechen glaubten, zur Hilfe eilen zu müssen, auch heute noch über ihre Moneten. Und mangels Präzendenzfalls hätten sich folgende, durch eigenes Verschulden in Not geratene Länder nicht auf Griechenland berufen können.

Wenn die Überweisungen wenigstens etwas Positives bewirkt hätten! Dies vermochten sie allein schon deswegen nicht, weil sie für die Behebung der Schäden, die die Griechen durch den Missbrauch des billigen Euro sich selbst zugefügt hatten, ungeeignet waren. Nicht einmal die Symptome konnten sie lindern, wie hätten sie gar den Grund des Übels wirksam bekämpfen können? Dieser lag nämlich nicht in der bloßen Anhäufung von Schulden, sondern in der mangelnden Leistungsfähigkeit ihrer Volkswirtschaft.

Die aus all diesen Hilfsmaßnahmen rührenden furchteinflößenden Verpflichtungen unseres Staates in Höhe von zurzeit etwa 310 Milliarden Euro können darum also auch nur als ein Zwischenstand betrachtet werden. Ich bin mir sicher, dass die auf zustimmendes Kopfnicken getrimmten Mitglieder des Deutschen Bundestags diesem Schuldenbetrag ein stetes Wachstum garantieren.

Dass die Regierungen der sich in Zahlungsschwierigkeiten manövrierten Länder die einfachsten Gebote der Sittsamkeit missachten, also dreist den Beistand der ordentlich Wirtschaftenden fordern, anstatt höflich um Beistand zu bitten, wundert mich nicht. Ich habe schon als junger Kreditsachbearbeiter einer Sparkasse genau dieses Verhalten bei Kreditsuchenden beobachtet. Kunden mit einwandfreier Bonität pflegten ihre Anliegen artig vorzutragen, während die andere Sorte frech auf ihren vermeintlichen Rechtsanspruch pochte, auch ohne Offenlegung ihrer miesen wirtschaftlichen Verhältnisse jeden Kredit zu erhalten. Heute weiß ich, dass eine solche Haltung für Hochverschuldete, die ihren Zustand selbst herbeigeführt haben, systemimmanent ist.

Zusammengefasst lautet das erste Ergebnis meines ungebührlichen Denkens: Alle bisherigen Hilfsmaßnahmen waren nutzlos, und sie werden es fürderhin sein. Das geflossene Geld ist weg, die Eurorettung ein einziges Fiasko. Nicht nur Griechenland und Portugal kranken an der mangelhaften Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft, Spanien und Italien plagen dieselben Symptome, und ganz offensichtlich leidet auch Europas sogenannter Industriestaat Nummer zwei, Frankreich, hieran.

Seite 3: Nicht Griechenland, sondern Frankreich, Italien und Spanien sind die schwierigsten Fälle

Und darum ist Griechenland für mich nicht das Problem. Diese Sache wird sich nahezu automatisch regeln. Es liegt vielmehr bei den drei großen, sich immer noch als bedeutende Industrienationen gebärdenden Ländern Frankreich, Italien und Spanien, von denen unser Nachbarland der schwierigste und auch schwerwiegendste Fall ist. Gewiss, noch sind die Märkte ruhig – sie haben aktuellere Fälle vor ihren Flinten. Jedoch werden sie sich, wenn die noch unter der Oberfläche schlummernden gravierenden Strukturschwächen Frankreichs offenkundig werden, dieses Landes mit besonderer Inbrunst annehmen.

Mit der Einführung der Gemeinschaftswährung haben diese drei Länder die Pflege ihrer Industrielandschaft bewusst vernachlässigt. Anstelle einer anstrengenden Industriegesellschaft haben sie sich für die bequemere der Dienstleistungen entschieden. Diese Strukturänderung hat zu einer endgültigen Vernichtung von Millionen von Industriearbeitsplätzen geführt. Sie sind durch kein Wachstumsprogramm neu zu schaffen. Diese Lücken gehören nunmehr endgültig auch zur Struktur dieser Länder. Sie bedingen Arbeitslosenquoten, die über Jahrzehnte auf einem Sockel im zweistelligen Prozentbereich verharren werden. Als weitere Folge dieser Deindustrialisierung wird das Bruttosozialprodukt dieser Staaten in Zukunft kein erwähnenswertes Wachstum erfahren können, und deswegen wird sich auch die Staatsverschuldung weiterhin zwangsweise erhöhen. An dieser Konsequenz werden alle Fiskalpakte dieser Welt nichts ändern können.

Der nach meinen Beobachtungen bereits vor einigen Jahrzehnten begonnene Prozess der Deindustrialisierung ist während der Vor-Euro-Epoche durch laufende Abwertungen der Francs, Lira und Peseten absorbiert worden und hat sich deshalb auf die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie dieser Länder nicht ausgewirkt. Ich war erschreckt, als ich mir deutlich gemacht habe, wie weit sich der Wert des französischen Franc in der Zeit von 1950 bis zur Einführung des Euro von dem der Deutschen Mark entfernt hat: Durch Abwertungen ist er in jedem Jahrzehnt um durchschnittlich 30 Prozent gesunken.

Der Kern aller Gründe für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder liegt in der mangelnden Flexibilität. Frankreich, ebenso Italien wie auch Spanien, hätten, wenn es ihnen denn möglich gewesen wäre, auch in jüngerer Zeit mehrfach abgewertet. Doch das System lässt solches nun einmal nicht zu. Der Euro liegt wie ein Leichentuch über diesen Ländern.

Zwar gibt es, rein theoretisch, noch ein weiteres Regulativ, auf das aber schon mangels politischer Umsetzbarkeit nicht zurückgegriffen werden kann: eine der unterbliebenen Abwertungsquote entsprechende Kürzung der sozialen Leistungen. Die Griechen und nunmehr auch die Spanier demonstrieren, dass ein solch grundsätzlich probates Mittel in der Praxis immer am militanten Widerstand der Betroffenen scheitern muss.

Die aus den herrschenden Verzerrungen herrührenden Spannungen belasten nicht nur die Finanzmärkte, sie haben auch schon längst die Gemüter der Bürger erfasst. Neben der Wut über die verhängten Einschränkungen haben sich Neid und Missgunst der Völker des Südens bemächtigt, derweil die Nordländer, die vermeintlichen Tresorverwalter, sich schwarz darüber ärgern, dass jede ihrer Überweisungen nur mit einem lauten Schrei nach mehr quittiert wird.

Komme mir nur jetzt keiner mit der These, der Euro habe die Völker vor einem neuen Krieg bewahrt, oder ärger noch: Nur sein Bestand vermöge in Zukunft einen Krieg zu verhindern. Auch ohne Euro wird in Europa niemals mehr aufeinander geschossen werden. Abgesehen von der Generalklausel der Verfechter des Euro, dass ein jeder, der sich gegen ihn als Währungsmittel wendet, ein Verräter am vereinigten Europa ist, gibt es eine weitere Unterstellung, die nicht beweisbar, aber weitverbreitet ist: Kein Land habe vom Euro so profitiert wie Deutschland, bei einem Verlassen der Gemeinschaftswährung werde sich das ins Gegenteil verkehren.

Seite 4: Die Grundlage der Leistungsfähigkeit unserer Industrie

Meine Wahrnehmungen und Erfahrungen der vergangenen sieben Jahrzehnte als Bankier und Beobachter der Weltwirtschaft lassen mich zu dem Schluss kommen, dass das Gegenteil richtig ist: Die Grundlage der Leistungsfähigkeit unserer Industrie ist während der Zeit der Deutschen Mark gelegt worden. Wie sich heutige Lobbyisten gegen jedwede Änderungen wehren, so stemmten sich während der Herrschaft der festen Wechselkurse des Bretton-Woods-Systems die vorgeschobenen Interessenwahrer der deutschen Industrie gegen jedwede Aufwertung der Deutschen Mark gegenüber dem Dollar. Auch damals schon waren es die bösen Spekulanten, die, wenn die Ungleichgewichte der beiden Währungen auf den Märkten Wirkung zeigten, durch Anhäufungen der Dollars auf den Konten der Deutschen Bundesbank die Politik auf Trab brachten. Wenn man denn den beschwörenden Worten der Bewahrer hätte Glauben schenken können, drohte mit jeder Aufwertung der Mark der Weltuntergang, hätte sie doch Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zerstört und damit die Exporte zum Erliegen gebracht.

Doch, oh Wunder, stets trat das genaue Gegenteil ein, verzeichnete doch das Statistische Bundesamt nach jeder Aufwertung weitere kräftige Zunahmen der Exportaufträge. Die Gründe für diese Erscheinung liegen auf der Hand: Eine jede Aufwertung zwang die deutsche Industrie, ihre Produkte zu verbessern und die Produktivität zu erhöhen. In dicken Lettern schreibe ich es nieder: Mit jeder Aufwertung der Deutschen Mark ist die deutsche Industrie leistungsfähiger geworden. Die Grundlage ihres heutigen hohen Standards ist in jener Zeit gelegt worden. Als Ergebnis dieser Prozesse halte ich fest, dass nicht der Preis eines Produkts allein das entscheidende Kriterium für eine Auftragserteilung ist; vielmehr sind seine Qualität und die Zuverlässigkeit von Lieferung und Leistung von ausschlaggebender Bedeutung.

Schwankenden Wechselkursen und damit der Gefahr fallender Erlöse aufgrund sich verteuernder Euros unterliegt unsere Exportindustrie auch heute auf den Märkten außerhalb des Euroraums. Allerdings erleichtert der infolge der Eurokrise niedrige Kurs des Euro gegenüber dem Dollar zurzeit die Geschäfte. Ich gehe davon aus, dass dieser Umstand ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Herren der großen deutschen Industriekonzerne so leidenschaftlich für den Erhalt des Euro votieren.

Dass sich auch der Verband der deutschen Banken zu diesen Befürwortern gesellt, gehört zur Wahrung der Interessen seiner Mitglieder, verspricht doch der weitere Bestand der Gemeinschaftswährung eine fortwährende wundersame Geldvermehrung durch die Europäische Zentralbank (EZB). Deren Präsident Mario Draghi muss ich zumindest ob der Unbekümmertheit, mit der er seinem Herkunftsland durch die von ihm geleitete Institution Beihilfe zur Zinssenkung für Staatsanleihen gewährt, fast schon so etwas wie stille Bewunderung zollen.

Die deutsche Industrie, die, dies sei an dieser Stelle angemerkt, die Trägerin des Fortschritts und des Wohlstands und auch der Finanzier unseres Sozialstaats ist, hat in Zukunft weltweit wachsende Märkte zu erwarten. Entwicklungsländer werden zu Schwellenländern, und Schwellenländer wachsen zu Industrienationen heran – alle aufnahmefähig für deutsche Produkte.

Seite 5: Die Strukturprobleme werden Spanien, Italien und Frankreich an die Wand drücken

Die Initiatoren des Euro waren der Wahnvorstellung unterlegen, die Gemeinschaftswährung würde die ihr angehörenden Länder zu einer mächtigen Wirtschaftsmacht zusammenfügen, die den beiden anderen Monolithen, den USA und China, Paroli bieten würde. Doch der Homunkulus Euro hat das genaue Gegenteil bewirkt. Er hat die Wettbewerbsfähigkeit der Schwächeren weiterhin eingeschränkt und damit eine Machtblockbildung unmöglich gemacht. Von den vermeintlichen Industrienationen Frankreich, Italien und Spanien im globalen Wettbewerb im Stich gelassen, tummelt sich Deutschland allein auf den globalen Märkten.

Trifft ihn die Ironie der Geschichte, oder wird er von der Strafe der Götter heimgesucht, der ehemalige Präsident der Republik Frankreich, François Mitterrand, weil das Mittel, der Euro, den er erkor, die Wirtschaftskraft der Deutschen zu schwächen, nicht diese, sondern sein eigenes Land getroffen hat? Erzählt uns die griechische Mythologie nicht auch schon von Krösus, der sein eigenes Imperium zerstörte, nachdem er die Einflüsterungen der Pythia, er würde, wenn er denn seinen Feind angreife, ein großes Reich zerstören, falsch deutete?

Was also folgere ich aus dem bislang in diesem Beitrag Aufgereihten? Die Strukturprobleme werden Spanien, Italien und Frankreich, eines nach dem anderen, an die Wand drücken. Sie werden, wahrscheinlich in dieser Reihenfolge, Hilfe erbitten müssen. Frau Merkel mit ihren blinden Terrakottasoldaten im Gefolge nicht nur aus ihrer Partei wird sie so lange gewähren lassen, bis Deutschland selbst am Ende sein wird. Und welche andere Rettungsstation bliebe uns dann wohl noch außer China?

Doch gemach! So weit wird es nicht kommen. Noch bevor es eine Rettungsaktion für Italien gibt, werden wir einen gewaltigen Knall, so etwas wie einen währungspolitischen Urknall erleben, mit dem das Eurokartenhaus in sich zusammenfällt. Doch zur großen Verwunderung aller wird sich bei der Sichtung der Reste ergeben, dass die im Tresor gelagerten Werte und Substanzen erhalten sind und dass sich aus ihnen gesundes Neues gestalten lässt.

Aus dieser Erkenntnis schöpfend entwickle ich den verwegen klingenden Vorschlag, dass das nach Größe und Struktur am besten ausgestattete Land, und das ist in Europa nun einmal Deutschland, nicht länger auf Godot, also darauf warten sollte, bis sich Griechenland und dann, peu à peu, auch weitere Staaten aus dem Euro verabschieden müssen. Stattdessen sollten wir uns selbst aus dem Gewürge lösen, eine neue Währung kreieren und hierzu die Staaten und Völker gleicher Struktur und Gesinnung einladen. Zu diesen zähle ich die skandinavischen Länder, die Niederlande, Österreich selbstredend, aber auch die Schweiz würde unter diesen Umständen daran Gefallen finden, sich solch einem Gebilde anzuschließen, denken und handeln doch die alten Eidgenossen ebenso stabilitätsorientiert und industriepolitisch wie wir und bewegen sich dabei auf höchstem Niveau. Ja, und die Franzosen, bitte schön, auch, aber nur dann, wenn sie sich den stringenten Regeln der neuen Gemeinschaft unterwerfen.

Um Deutschland ist mir dabei nicht bange. Eine neue Währung, wie immer sie auch aussehen oder heißen mag, wird zwar die während der Euroherrschaft unterbliebene Aufwertung gegenüber den anderen, im Euroverbund verbleibenden Ländern nachholen müssen. In dieser Phase wird die deutsche Industrie hart zu kämpfen haben, doch sie wird sich durchbeißen und diese Belastung, wie weiland zu Bretton-Woods-Zeiten, auch als Chance nutzen, ihre Produkte zu modernisieren, ihre Qualität zu verbessern und dabei gleichzeitig ihre Produktivität zu erhöhen. Ein solcher Gang würde auch nicht nationaler Überheblichkeit entsprießen, sondern wäre zunächst ohnehin nur ein Notausstieg.

Seite 6: Das Europa der Wunsch- und Wahnvorstellungen

Das sogenannte „vereinte“ Europa oder gar die Vereinigten Staaten von Europa blieben dabei auf der Strecke. Aber was für ein Europa wäre ein solches Gebilde überhaupt? Das Europa der Brüsseler Technokraten, die aus einem Gewirr endloser Knäuel ein Europa hunderttausendfacher Reglements stricken? Oder das Europa, dessen Interessen von den in erster Linie auf die Wahrung nationaler Belange bedachten Regierungschefs immer erst dann in Betracht gezogen werden, nachdem sie sich gegenseitig über den Tisch gezogen haben? Oder das Europa der Wunsch- und Wahnvorstellungen, die sich in den Köpfen der Bürger nach den Feiertagsreden der Berufseuropäer gebildet haben?

Wie ich begonnen habe, so beende ich diese Gedanken mit einer persönlichen Anmerkung. Im Jahre 1930, also drei Jahre vor dem Machtantritt Hitlers, wurde ich damals als zehnjähriger Sextaner in ein Gymnasium eingeschult, das das Französische als erste Fremdsprache lehrte. Mein Lehrer, Frontsoldat des Ersten Weltkriegs, bläute uns Knaben ein, diese Sprache mit Eifer zu lernen, weil wir sie später als Soldaten im Revanchekrieg gegen Frankreich bei der Besetzung dieses Landes gut verwenden könnten. Wir Jungen fanden an dieser Rede nichts Anstößiges, galt doch Frankreich damals im ganzen Land als unser Erbfeind. Als Ergebnis dieser Lehre habe ich mich 1939 als 19-Jähriger freiwillig zur Truppe gemeldet und dann im Verlauf des Krieges vier Jahre lang in Russland als Sturmgeschützler meinen Teil dazu beigetragen, Europa zu zerstören.

1945, kurz nach Ende des Krieges, habe ich im Kreis der wenigen mir verbliebenen Klassenkameraden den Schwur getan, nie wieder in unserem Leben auf andere zu schießen. Damals wähnten wir uns als die ersten Europäer. Die Euphorie, mit der wir Gleichgesinnten nach dem Krieg Europa anstrebten, entsprang dem Bedürfnis, nach der Welt des Mordens zukünftig auf einem Kontinent des Friedens zu leben.

Um dies sicherzustellen, erschien auch mir in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende der Weg, die Grenzen zwischen den Völkern verschwinden zu lassen, als der logische. Damals habe ich nicht bedacht, wie viel andersartig sie doch alle sind, die Griechen und Norweger, die Italiener und Finnen, die Spanier, Serben, Holländer, Balten und die Deutschen. Europa ist nun einmal von seiner Geschichte, seinen Völkern und ihren Kulturen als Ansammlung von Nationalstaaten geprägt. Das sollten auch die Einigungsfetischisten respektieren und es dabei belassen.

Kehren wir also zur EWG, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, zurück. Das war die richtige Einrichtung, weil sie es den einzelnen Ländern ermöglichte, freien und friedlichen Handel miteinander zu treiben und ein jedes Volk nach seiner Fasson glücklich werden zu lassen. Und dies jeweils auf eigene Kosten.

Ist das, was ich mir zusammengedacht habe, nur ein Hirngespinst? Sicherlich ist der Gedanke insoweit eine Utopie, unsere Regierung vermöchte die Initiative entwickeln und die Tatkraft aufbringen, eine solche Lösung aktiv anzustreben. Darum also wird das Spektakel – so wie bislang geübt, aber noch zusätzlich durch wachsende feindselige Emotionen angeheizt – weitergehen, bis es zu dem von mir genannten Knall kommt. Das sich hiernach entwickelnde Gebilde wird zwar eher von Zufälligkeiten gestaltet sein, aber es wird um ein Vielfaches besser werden, als das vom unglückseligen Homunkulus Euro geprägte jemals werden kann.

Der Autor: Der 92‑jährige Poullain hat als ehemaliger Chef der WestLB und Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands das deutsche Bankwesen geprägt. Selbst während seiner Zeit bei der WestLB in einen Skandal um einen Beratervertrag verstrickt, hat er sich nach seinem Abschied aus der Welt der Banker zu deren schärfsten Kritiker entwickelt. Berühmt geworden ist seine „Ungehaltene Rede“ über den Sittenverfall im deutschen Bankwesen, geschrieben 2004 für die Verabschiedung des NordLB‑Chefs Manfred Bodin. Der Vortrag wurde aufgrund seines kritischen Inhalts kurzfristig abgesagt, erschien dann aber wenig später in voller Länge in der FAZ

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