Die Ästhetik des Aufschwungs

Der globale Wirtschaftsboom verändert das Gesicht der Welt. Mit dramatischer Wucht baut sich das 21. Jahrhundert seine Formen. Ein kalter Funktionalismus erobert alle Erdteile, an den Bruchstellen der Moderne tritt er schrill zutage. Der Fotograf Peter Bialobrzeski hat dem Phänomen in den Stunden der Dämmerung nachgespürt

Kräne in der Dämmerung „Lost in Transition“ nennt der deutsche Fotograf Peter Bialobrzeski seine Serie über entstehende Großbauten. Auf vier Kontinenten, in 14 Ländern und 27 Städten fotografierte er Bauprojekte, die auf Äckern, Brachflächen oder in ehemaligen Industriehäfen entstehen. Immer in der Abenddämmerung und stets menschenleer. Bialobrzeski verrät nicht, wo die einzelnen Bilder entstanden. Bitterfeld oder Kuala Lumpur, Dubai oder Danzig? Das individuelle Gesicht der Städte ist nicht zu erkennen. Dafür sticht das Gemeinsame hervor: die Ästhetik des Unfertigen, das Versprechen auf den Wohlstand oder sogar den Luxus von morgen. Uniformierter Ausdruck eines globalen Wirtschaftsaufschwunges, der nun schon einige Jahre anhält und tagtäglich Tausende die Schwelle von existenzieller Armut zu einem bescheidenen Wohlstand überschreiten lässt. Aus der Perspektive eines Menschen, dessen Vater und Großvater lebenslänglich hinter einem Wasserbüffel durch Reisfelder wateten, entstehen auf diesen Baustellen Traumpaläste. Wer heute schon im Wohlstand lebt, dem sticht die funktionale Kälte moderner Wohn- und Bürokomplexe ins Auge. Der ungeheure Sprung von der Hütte ins Hochhaus wird spürbar, den in asiatischen Schwellenländern Millionen Menschen vollziehen. Ohne dass es dazwischen eine Epoche der schmucken Bauernhäuschen und gut bürgerlichen Stadthäuser gab. Können solche transitorischen Räume einmal zur Heimat werden? In der Hoffnung auf ein komfortableres Leben schwingt die Angst vor Fremdheit und Einsamkeit mit. Bialobrzeski hat Orte der Schwebe, der Unschärfe fotografiert: Un-Orte. Manche davon wirken so irritierend, dass der Betrachter zweifelt, ob er sie hässlich oder schön finden soll. Was vollbringen diese Kräne und Bagger? Wohlstand für alle oder Käfighaltung für Menschen? Oder ist das eine ohne das andere nicht zu haben? Werfen wir einen zweiten Blick auf die unfertige Szenerie, können wir die Menschen ahnen, die dort leben und arbeiten werden: Restaurants, Werbeplakate, Autos, Fahrräder, Bänke im Schatten der Bäume, die heute noch als dünne Stängel aus dem Beton sprießen. Bialobrzeski macht Erwartung sichtbar. Ob wir darin den Terror der globalen Ökonomie erblicken oder die Morgendämmerung des Fortschritts, bleibt uns überlassen. Es wäre spannend, diese Orte später einmal im fertigen Zustand zu sehen, bewohnt und genutzt von Menschen – aber fertige Zustände gibt es nicht: Leben ist „Transition“. mm Im September erscheint im Verlag Hatje-Cantz „Lost in Transition“, der neue Bildband von Peter Bialobrzeski

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