Islam-Debatte - Multikulti ist seit langem Realität

Mit seiner Antrittsrede hat Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) die Islam-Debatte neu entfacht. Der Islam gehört nicht zur deutschen Kultur, meint der Innenminister. Er begründet das mit der deutschen Geschichte. Wo aber beginnt sie? Ein Kommentar.

Muss Deutschland Angst vor Überfremdung haben?
(picture alliance) Muss Deutschland Angst vor Überfremdung haben?

Ist der Islam Teil der Deutschen Kultur? Der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich verneint und stellt sich damit gegen die Aussage von Bundespräsident Christian Wulff. Im Oktober hatte Wulff erklärt, neben dem Christentum und dem Judentum gehöre auch der Islam inzwischen zu Deutschland. Das sieht Friedrich nirgends in der deutschen Historie belegt. Ein Blick auf die Nachkriegszeit hätte gereicht. Oder gehört sie nicht zur deutschen Geschichte? Hat nach Ankunft des ersten türkischen Gastarbeiters die deutsche Kultur aufgehört sich zu entwickeln?

Dass die hier lebenden Muslime zur deutschen Gesellschaft gehören, kann selbst der konservative CSU-Mann nicht leugnen. Er tut es auch nicht. Aber gestalten Gesellschaften ihre Kultur nicht selbst, indem sie ihre Werte an die nächste Generation weitergeben und so Traditionen pflegen? Wo beginnt die deutsche Tradition? Beginnt sie bei Karl dem Großen oder Kaiser Otto? Die Schwelle zur modernen Staatlichkeit hat die deutsche Kulturnation zumindest erst mit Otto von Bismarck 1871 überschritten. Erst seitdem existiert ein deutscher Nationalstaat. War die Kultur von Bismarck aber auch die von Kaiser Karl? Vermutlich nicht. Die Herrschaften hätten schon Schwierigkeiten gehabt, eine gemeinsame Sprache zu finden. Der eiserne Kanzler hätte den dem mittelalterlichen Kaiser vermutlich wie einen Fremden betrachtet. Kultur verändert sich – mit Blick auf die Nazizeit muss man sagen: Zum Glück auch die deutsche.

Aus dem Orient stammendes Wissen hat das christliche Abendland wie selbstverständlich in die eigene Kultur aufgesogen: Wir trinken Kaffee, rechnen mit arabischen Zahlen oder studieren die Werke griechischer Philosophen. Dem Islam hat sich der Okzident aber schon damals verschlossen. Er stand in Konkurrenz zum Christentum und damit zur Kirche, die das Monopol auf Religion erfolgreich für sich beanspruchte. Eine Koexistenz von Islam und Christentum war mit ihr nicht vereinbar. Gleiches galt damals aber auch für die Wissenschaft. Schon die nüchterne Erkenntnis, dass die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt, bedeutete damals einen Angriff auf die Kirche. Heute undenkbar, gehörte die Verfolgung von Ketzern im Mittelalter ebenso zur abendländischen Gesellschaft, wie der mörderische Rassismus in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts Teil deutscher Leitkultur war.

Gerne sprechen wir von einer christlich-jüdischen Kultur des Abendlands. Im gleichen Atemzug müssten wir bekennen, dass Menschen, die sich meist zum Christentum bekannten, Juden seit dem Mittelalter in Europa verfolgt haben. Betrachtet man Kultur – so auch die deutsche – als Ergebnis gelebter Tradition, entdecken wir unvermeidlich Widersprüche. Wir müssen die schuldvolle Erfahrung der Nazizeit in der deutschen Kulturgeschichte unterbringen. Wir tun das, indem wir das Dritte Reich als Zäsur betrachten, und die Zeit sühnend aufarbeiten. Die Gründung der Bundesrepublik 1949 war die Wiedergeburt Deutschlands mit Chance auf Rehabilitation. Nur 12 Jahre später kamen die ersten türkischen Gastarbeiter ins Land. Sie blieben – und damit auch der Islam.

Vielleicht hat Hans-Peter Friedrich auch Recht. Möglicherweise ist der Islam noch nicht in der deutschen Kultur angekommen. Seine Anhänger jedoch sind seit Generationen hier. Sie leben unter uns und mit uns. Wie der Innenminister einräumt, sind sie Teil unserer Gesellschaft. Sie werden bleiben und die Kultur dieses Landes mitgestalten, zusammen mit Christen, Juden, Buddhisten, Hinduisten , Agnostikern, Taoisten und vor allem mit den vielen Atheisten. Multikulti ist kein politisches Konzept. Es ist seit langem Realität.

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