Islam-Gemeinde lädt zum Anti-Terror-Frühstück - „Distanzierungen sind fast eine Art Nötigung“

Hat der Terror etwas mit dem Islam zu tun? Und warum distanzieren sich die muslimischen Verbände nicht deutlicher? Die Chefs der größten deutschen Islamgemeinde, der Ahmadiyya Muslim Jamaat, luden Journalisten in eine Berliner Moschee – und ließen sich schon beim Frühstück grillen

Abdullah Wagishauser (l, Bundesvorsitzender der Ahmadiyya Muslim Jamaat, AMJ, Deutschland) und Said Arif Ahmad (Imam Khadija Moschee) posieren im Rahmen eines Pressefrühstücks am 18.11.2015 in der Khadija Moschee in Berlin-Pankow
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Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Eigentlich galt die Einladung der Berliner Khadija-Moschee nur einer Handvoll Journalisten. Es sollte um Flüchtlinge gehen, sagt Pressesprecher Muhammad Asif Sadiq. Wahrscheinlich wäre auch das Interesse nur mäßig gewesen.

Jetzt sind fast drei Dutzend Journalisten zu dem Pressefrühstück in den Bezirk Pankow gekommen. Es gibt Frankophiles – Croissants und Weintrauben –, aber auch Fernöstliches – Paratha, gebratenes Kartoffelbrot, Halwa, Kokosnuss-Griesbrei und Purja, eine Art Omelett – und die deutschen Vertreter der „Ahmadiyya Muslim Jamaat“-Gemeinde müssen sich für etwas rechtfertigen, was sie selbst als „barbarisch“ ablehnen: die Terroranschläge in Paris. Noch aktueller ist das Thema, weil am Dienstagabend wegen einer „konkreten Terrorgefahr“ das Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover abgesagt wurde.

Die Forderungen, sich vom Terrorismus zu distanzieren, hält Sadiq „fast für eine Art Nötigung“ und für eine „Farce“: „Wir identifizieren uns ja nicht mit den Wertvorstellungen solcher kranken Mörder.“ Diese handelten im Widerspruch zu Allah. „Wieso sollten wir uns von etwas distanzieren, was wir ablehnen?“

Bislang einzige Moschee in Ostdeutschland


Trotzdem verschickten noch am Tag nach dem Massaker alle Gemeinden eine Presserklärung zu den Terroranschlägen von Paris. Nicht nur der Kalif der Ahmadiyyas, Hadhrat Mirza Masroor Ahmad, hat diese als „konträr zu den wahren Lehren des Islam“ abgelehnt. Auch die Ditib, die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e.V., zeigte sich „zutiefst getroffen von den niederträchtigen Mordtaten“. Und der Zentralrat der Muslime sprach von einem „Krieg gegen die Menschlichkeit und damit auch direkt gegen den Islam“.

In der Khadija-Moschee lädt die Gemeinde nach dem Frühstück noch in die Gebetsräume. Das Gotteshaus der Ahmadiyyas ist bislang die erste Moschee – mit Kuppel und Minarett – in Ostdeutschland. Sadiq sagt, man habe den Widerstand, den es beim Bau anfänglich vonseiten der Bevölkerung gegeben habe, schnell überwinden können. Heute beten die Männer im Erd-, die Frauen im Obergeschoss. „Die haben es da oben sogar ein bisschen schöner“, sagt Uwe Wagishauser, der extra für die Pressekonferenz aus Frankfurt angereist ist.

Wagishauser, der in eine christliche Bonner Beamtenfamilie geboren ist, konvertierte in den 1970er Jahren zum Islam. Seit 1984 wurde er immer wieder zum Vorsitzenden der Ahmadiyyas in Deutschland gewählt. Er ist Abdullah und Emir.

Die Ahmadiyyas an Schulen und Unis


Die Ahmadiyya Muslim Jamaat ist in Deutschland mit 40.000 Mitgliedern der größte aller Islamverbände. Sie unterhält 45 Moscheen und 225 Gemeinden. Als bislang einzige muslimische Gemeinde ist sie auch als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt. Seit zwei Jahren bietet sie in Hessen den ersten Islamunterricht an Grundschulen an, und ihr „Institut für islamische Theologie“ ermöglicht eine Hochschulausbildung. Im Sommer dieses Jahres haben die ersten Imame ihr Studium abgeschlossen.

Der Imam der Pankower Moschee, Said Ahmad Arif, sieht Bildung auch als Weg, um der Radikalisierung vorzubeugen – analog des Kampfes gegen Rechtsextremismus. Er kündigt eine bundesweite Aufklärungskampagne an – unter dem Motto „Muslime gegen Gewalt“. Neben dem Logo von Sichel, Mond und Friedenstaube finden sich darunter Koranverse, die Mord ablehnen. Etwa aus Sure 5,33: „Wenn jemand einen Menschen tötet, ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet.“

Auf den Einwand einer Journalistin, dass diese Verse doch ständig aus dem Kontext gerissen würden, sagt Arif: „Man muss das ganze Buch anschauen. Der Koran lehrt keine Gewalt.“ Es „schmerze“ ihn, wenn die Verantwortung für Terrorakte auf Muslime „abgewälzt“ werde: „Wie kann man so klein denken und glauben, dass eine Religion daran Schuld hat?“

Unter 50 Flüchtlingen auch ein Extremist?


Trotzdem die Nachfrage: Hat der Terror mit dem Islam zu tun? Arif sagt: „Nur in dem Sinne, in dem er im Namen des Islam verübt wird.“

Er verweist auf die Tatsache, „dass die islamische Welt in Aufruhr ist“. Die meisten Toten seien Muslime. „Und die Waffen kommen aus dem Westen.“ In Pakistan, wo der theologische Einfluss Saudi-Arabiens immens sei, würden die Ahmadiyyas sogar verfolgt.

Womit die Gemeinde doch wieder bei ihrem Thema ist, den Flüchtlingen. Uwe Wagishauser, der deutsche Emir, warnt nochmals vor einer „Stigmatisierung“ dieser Menschen.

In seiner Erklärung, die der Pressesprecher auch als Ausdruck an die Journalisten verteilt, findet sich aber noch etwas. Der weltweite Kalif Ahmad warnt darin vor „einem oberflächlichen Umgang mit Sicherheitskontrollen“. Denn: „Ein IS-Sprecher hat bereits behauptet, dass in einer Gruppe von 50 Flüchtlingen ein Extremist zu finden sei. Es ist die Aufgabe der Sicherheitsbehörden, diesen zu entlarven und zu beobachten.“

„Der Islam ist sehr wohl mit Demokratie vereinbar“
 

Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt bislang aber vor allem vor den Aktivitäten von Salafisten und Islamisten in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften. Es gebe bereits mehr als 100 Fälle gezielter Kontaktaufnahme, sagte Behördenchef Hans-Georg Maaßen der Berliner Morgenpost.

Ahmadiyya-Emir Wagishauser empfiehlt dagegen eine „offenere Kommunikation“ zwischen Flüchtlingen und Mitarbeitern von Notunterkünften. Insgesamt sieht er Deutschland bei der Integration von Muslimen deutlich besser aufgestellt als etwa Belgien oder Frankreich. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat, die nach eigenen Angaben seit ihrer Gründung 1889 in Indien noch keinen einzigen Terroristen weltweit hervorgebracht hat, zeige in Deutschland, „dass Glauben und Rechtsstaat vereinbar sind und der Islam sehr wohl mit Demokratie in Einklang gebracht werden kann“, sagt Wagishauser.

Erste islamische Ökumene in Deutschland


Er lobt aber auch die Zusammenarbeit mit den anderen sunnitischen Gemeinden und den Schiiten. Wagishauser spricht von einer „richtigen Aufbruchsstimmung“ und einem „zarten Pflänzchen der Ökumene“ in Deutschland.

Am Ausgang verteilten Helfer noch Jutebeutel an alle Journalisten. „Liebe für alle, Hass für keinen“, steht auf dem Täschchen, verziert mit orientalisch anmutenden Ornamenten.

Während sie sich ihre Schuhe wieder anzieht, lobt eine Reporterin: „Da ist schon viel passiert in den vergangenen zwei Jahren. Was jetzt noch fehlt, ist, dass die Muslime mit ihrer Religion strenger ins Gericht gehen.“

Ein älterer Mann dagegen verzieht das Gesicht: „Saudi-Arabien und der Westen sind also an allem Schuld: Das ist ja mal wieder typisch.“

Ihre Gesprächsrunde zum Thema Asyl und Flüchtlinge in Berlin hat die Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland auf Donnerstag, den 19.11., um 18.30 Uhr verlegt. Informationen hier.

Update um 15:58: In einer früheren Version dieses Beitrags wurde der Kalif Ahmad wie folgt zitiert: „In einer Gruppe von je 50 Flüchtlingen finden Sie einen Extremisten, der entlarvt und beobachtet werden muss.“ Die Khadija-Moschee hatte an die Journalisten jedoch einen falschen Vordruck verteilt und verschickte nachträglich eine korrigierte Fassung. Korrekt lautet das Zitat: „Ein IS-Sprecher hat bereits behauptet, dass in einer Gruppe von 50 Flüchtlingen ein Extremist zu finden sei. Es ist die Aufgabe der Sicherheitsbehörden, diesen zu entlarven und zu beobachten.“

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