Sprache im Wandel - Die Verheißung des Unerprobten

Energiewende, Agrarwende, Mobilitätswende: Diese Metaphern sind sprachlich im Alltag verankert. Sie suggerieren die Realität, dass erst im Gegenteil alles besser wird. Dabei brauchen wir neue und durchdachte Begriffe für den technischen Wandel

Die aufgehende Sonne steht am 22.08.2017 hinter dem Steinkohlekraftwerk Mehrum bei Hohenhameln (Niedersachsen).
Begriffe wie „Energiewende“ suggerieren, dass es einen Masterplan für CO2-freie Stromproduktion gibt / picture alliance

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Andreas Möller ist Historiker und leitet die Kommunikation des Maschinenbauers Trumpf.

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Selten waren Attribute wie Stabilität und Kontinuität in Deutschland offenbar so wichtig wie heute. Nordkorea, Russland, die Türkei: Je unsicherer sich die Welt entwickelt, desto mehr kommt es den Deutschen auf politische Erfahrung und Besonnenheit an. Nicht zufällig spielen Themen der Wirtschaft in diesem Wahlkampf eine marginale Rolle – mit Ausnahme des Verbrennungsmotors, der synonym für hunderttausende Arbeitsplätze steht.

Wende-Metaphern sind omnipräsent

Erstmals seit den neunziger Jahren kann man von einer „Rückkehr der Geschichte“ im Sinne der Dominanz der Außen- und Sicherheitspolitik sprechen. Auch im TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz gab es keinen Raum für die Perspektiven des Hightech-Standorts, Überlegungen zu Bildung, Forschung und Entwicklung. Einzig die Kanzlerin erwähnte den digitalen Wandel als die vielleicht größte Herausforderung.

Was für den emotionalen Zustand der Gesellschaft gilt, findet sich paradoxerweise nicht in den Debatten über die Wirtschaft wieder. Es hat im Gegenteil den Anschein, als solle das stärker werdende Bedürfnis nach Sicherheit durch die Sprache in einer ökonomischen Umkehr kompensiert werden – die Verheißung des Unerprobten, aber moralisch Gebotenen. Ob Energie, Landwirtschaft oder Verkehr: Wende-Metaphern sind omnipräsent und suggerieren, dass das Bestehende nicht nur überkommen, sondern an sich falsch sei. Und dass es einen Masterplan für eine CO2-freie Stromproduktion oder den Güterverkehr auch zu Land und zu Wasser gäbe, den man nur zur Umsetzung bringen müsste.

Die Sprache kümmert’s wenig

Keine Frage: Utopien und ehrgeizige Antworten auf technologische Veränderungen, Ressourcenprobleme oder die Weltpolitik sind überlebenswichtig. Der Historiker Joachim Radkau hat in seiner „Geschichte der Zukunft“ gezeigt, wie Prognosen und Visionen die Zeit nach 1945 kontinuierlich durchziehen. Es ist dabei ein wenig wie mit dem Pfeifen im Walde: Je größer die Verunsicherung, desto mutiger scheint der Griff nach den Sternen.

Indes gibt es heute realen Handlungsbedarf. Dies wird etwa im Bereich der industriellen Produktion unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ deutlich, die Hand in Hand geht mit einer digitalen Transformation der Wirtschaft im Ganzen. Ziel ist eine kluge Veränderung des Bestehenden, auf das man aufsetzt – im vollen Bewusstsein dessen, worin die Stärken der heimischen Unternehmen liegen.

Die Fürsprecher des schnellen Wandels unterschlagen hingegen, dass jede neue Technologie anschlussfähig an die vorangegangene sein muss. Zumindest dann, wenn es keinen Flurschaden am Produktionsstandort geben soll. Und dass es Verbraucher gibt, die ihnen folgen müssen. Doch die Sprache kümmert’s wenig: Forderungen nach einem schnellen Ausstieg oder Umstieg sind populär, da sie das Neue zumindest virtuell vorwegnehmen. Sie können sich zudem in großen Gesten erschöpfen, weil sie den Beweis ihrer Praxistauglichkeit nicht erbringen müssen.

Gerade die Energiewende ist dabei ein Beispiel für das lineare Verständnis von Geschichte und Technik – und weniger für eine Utopie, als die sie gehandelt wird. Denn sie lebt nicht von Sprüngen und der Erwartung erst kommender Technologien, sondern von der schnellen und tausendfachen Reproduktion des Bestehenden.

Industrielle Generalkritik

Sprache schafft bekanntlich Wirklichkeit, im Bereich des Politischen wird das neudeutsch „Framing“ genannt. Dessen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima ließen sich im US-Präsidentschaftswahlkampf studieren. So sensibel die Öffentlichkeit auch hierzulande auf sprachliche Verfehlungen achtet, so wenig Sorgfalt herrscht bei jüngsten Skandalen wie „Diesel-Gate“. Anstatt im Zusammenhang mit der Abgasaffäre trennscharf auf den Betrugsvorwurf innerhalb des großen und heterogenen Gebildes Wirtschaft zu reagieren, scheint sich für manchen wie im Energie- oder im Landwirtschaftsbereich die Chance zur einen industriellen Generalkritik zu ergeben.

Es geht bei den vielen begrifflichen Wenden der vergangen Jahre deshalb möglicherweise um mehr als das Ringen um die besten Technologien. Im Schatten aktueller Betrugsvorwürfe blüht auch die alte Kritik am Wachstum und dem bestehenden Wirtschaftsmodell. Man könnte auch sagen: die Skepsis gegenüber einer Zukunft, die sich aus einer erprobten Gegenwart heraus entwickelt. Die trotz mancher Veränderung in deren Tradition steht.

helmut armbruster | Di, 5. September 2017 - 11:39

eine steile Behauptung!
Bei jeder Kommunikation mittels Sprache besteht immer die Möglichkeit missverstanden zu werden, nämlich immer dann, wenn
- Sender und Empfänger nicht auf der gleichen Frequenz "funken" können oder wollen
- Zwei verschiedene Emotionslagen aufeinander treffen
- Worte und Begriffe unterschiedlich interpretiert werden, eine jeweils andere Bedeutung haben
- die Vorstellungswelt von Sender und Empfänger wenig oder keine Übereinstimmung hat
- der Intelligenzunterschied zwischen Sender u. Empfänger zu groß ist.
Effektiv kommunizieren zu können, so dass möglichst jeder versteht, was gemeint ist, halte ich für eine wertvollsten Begabungen überhaupt.

Bernhard Jasper | Di, 5. September 2017 - 11:51

Herr Möller, ein ausgezeichneter Beitrag!

Nehmen wir das Beispiel „Verkehr“. Galt er einmal als „Stadt gestaltende“ Größe, so wie bestimmte Verkehrsmittel in der Moderne allgemein als Metaphern für Fortschritt und Zukunftshoffnungen galten. Immer waren Investitionen in Verkehr, als technische Voraussetzung für Funktion unserer Volkswirtschaft wichtig (quasi als Zirkulation, wie in einem Organismus). Und auch der in die Schlagzeilen geratene Individualverkehr wird auch in Zukunft weiterhin eine Größe darstellen müssen, sind doch periphere Bereiche unseres Landes ohne Auto gar nicht zu nutzen. Flexibel im Verkehr – als System betrachtet – ist nun mal der Individualverkehr mit der bedeutungsvollen Einschränkung, dass er Straßen braucht. Deren punktuelle oder strangweise Überbelastung ist das eigentliche Problem. Es sind nicht so sehr die Antriebsaggregate.

„Maschinenstürmer“ gab es zu allen Zeiten, dabei ist das einzig Beständige der Wandel - auch für die Industrie 4.0.

Willy Ehrlich | Di, 5. September 2017 - 15:06

Welche Begriffe sind positiv, welche negativ belegt? Populär wurde die "Wende" - lassen wir den Schwimmsport mal außen vor - durch das Verhalten der FDP, sowohl 1969 als auch 1982. Das wurde naturgemäß - je nach politischer Richtung - so oder so gesehen. Ab 1989 wurde die Wende eindeutig positiv, aber es ging mit der Bewertung über die Jahre peu a peu abwärts. Und jetzt stehen wir vor (oder hinter) den im Artikel angesprochenen Wenden.

Heutzutage sollten Demoskopen untersuchen, ob die Wende in der öffentlichen u/o der veröffentlichten Meinung mehrheitlich positiv oder negativ belegt ist.

Das Gleiche gilt für den Wandel, der auch teils so und teils so gedeutet und gewertet werden kann.

Fazit: Wer (sich) an der Wende festhält, bekommt leicht einen Drehwurm.

Bernhard Jasper | Di, 5. September 2017 - 17:43

Wir bauen nach wie vor die besten Autos und die besten Maschinen und haben unzählige technische Patente. Und in einer aktuellen Untersuchung sollen deutsche Dieselfahrzeuge alles andere als schlecht abschneiden (da gibt es ganz andere). Auf der Langstrecke z.Z. auch kaum zu schlagen. Die Industrie kann doch nur die Entscheidung dem Einzelnen überlassen, liefert ihm Varianten aber keine eindeutigen Präferenzen, da fehlende Infrastruktur. Das ist doch einfach so.

P.S.: Herr Ehrlich, im rohstoffarmen Deutschland schneiden wir uns in Zukunft alle gegenseitig die Haare, dann haben wir das utopische Wirtschaftmodell erreicht, wovon einige träumen- die Welt als Biotop (Ironie aus).

Dr. Lothar Sukstorf | Do, 7. September 2017 - 12:14

wer einmal die Sprache - das Deutsch - des 19. Jhdts. ,z.B. bei Fontane - sinnlich erfahren hat, weiß, was der Begriff, SCHADE, bedeutet. In der jüngsten Vergangenheit kann ich mich nur an Prof. Hans Maier erinnern, der über einen ähnlichen Wortschatz und die sprachliche Gewandtheit eines Voltaire verfügte. Im Übrigen, ist Höflichkeit/Sprachgewandheit die stärkste Waffe eines Gentleman!

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