Alice Schwarzer über Kardinal Meisner - Der Erzbischof und die Feministin

Alice Schwarzer verabschiedet sich von Kardinal Meisner, dem sie freundschaftlich verbunden war – trotz tiefer Kontroversen. Ihre Wege haben sich über fast drei Jahrzehnte immer wieder gekreuzt. Und einmal konnte sie ihn sogar zum Umdenken bewegen

Alice Schwarzer und Kardinal Meisner 1995 auf dem FrauenMediaTurm
Alice Schwarzer und Kardinal Meisner 1995 auf dem FrauenMediaTurm / Foto: privat

Autoreninfo

Alice Schwarzer gründete 1977 die Zeitschrift Emma und ist bis heute deren Herausgeberin. Zuletzt erschien von ihr „Der Schock – die Silvesternacht von Köln“.

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Ja, ich mochte ihn. Diesen schroffen, wortgewaltigen Schlesier im rheinischen Köln, wo er so deplatziert war. Am meisten beeindruckt hat mich seine Menschlichkeit und sein fast kindlicher Glaube.

Zum ersten Mal war ich Kardinal Meisner im Flugzeug begegnet. Das war im Jahr 1988, und er war noch Bischof in Berlin. Beim Aussteigen in Köln sprach er mich an: „Ich habe Sie gestern im Fernsehen gesehen und war beeindruckt von Ihrem Mut und entsetzt über die Kälte Ihrer Gegnerin. Ich habe Sie darum in mein Gebet eingeschlossen.“ Ich antwortete: „Das ist sehr lieb. Ich kann es gebrauchen.“

Der erwartete Eklat blieb aus

Ich kann es immer irgendwie gebrauchen. Damals ging es um meinen, um Emmas Kampf gegen Pornografie. Ich hatte am Vorabend im Fernsehen mit einer als links ausgewiesenen Soziologie-Professorin ein Streitgespräch über Pornografie gehabt. Meine Gegnerin argumentierte vehement pro Porno, was in dem Satz gipfelte: „Ich finde Pornos geil.“

Die zweite Begegnung war 1994 bei einem Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Köln. Ich war eine von nur zwei Frauen in einem Meer von schwarzgewandeten Herren. Verleger Alfred Neven DuMont fragte mich, ob er mich dem Kardinal vorstellen solle. Ich sagte: „Ich kenne ihn schon, aber dennoch immer wieder gerne.“

Als Kardinal Meisner und ich aufeinandertrafen, scharrten sich umgehend ganz viele Männer um uns herum. Man erwartete offensichtlich einen Eklat. Wir aber lächelten uns nur wissend an – und sprachen sodann über schöne Kleider (Das Thema hatte er angefangen).

Er stellte Fragen

Die dritte Begegnung war im Bayenturm. Ich hatte Kardinal Meisner, wie alle Honoratioren der Stadt, zum Eröffnungsfest des FrauenMediaTurm im August 1994 eingeladen. Er war verhindert und kam ein Jahr später, in Begleitung von Kaplan Woelki (heute als Kardinal von Köln der Nachfolger von Meisner). Ich zeigte beiden den Turm, erklärte den Sinn und Zweck eines Frauenarchivs, wir stiegen bis hinter die Zinnen und warfen einen Blick zum Dom. Sodann setzten wir uns zu zweit in eine der Nischen zum Gespräch.

Es wurde ein sehr persönliches Gespräch. Ich fragte Joachim Meisner nach seiner Mutter, die ihn und die Geschwister in Schlesien allein aufgezogen hatte, und nach seinen Geschwistern, die sich mit ihrer Hände Arbeit ernähren. „Nehmen die Ihren Beruf überhaupt ernst?“ sagte ich. „Bei so gepflegten Händen und so schönen Ringen.“ Da musste er laut lachen. Und dann stellte er mir Fragen nach meinem Leben. Das erlebe ich selten, dass zurückgefragt wird.

Einigung bei der Pille danach

Die vierte Begegnung war virtuell. In Köln hatte ein katholisches Krankenhaus Anfang 2013 einer vergewaltigten Frau die „Pille danach“ verweigert. Das schlug hohe Wellen. Und ich bezichtigte auf Emma online Kardinal Meisner, der diese Weigerung befürwortet hatte, der „Scheinheiligkeit“.

Acht Tage später veröffentlichte der Kardinal eine Erklärung, die etliche in seinen Kreisen irritierte – aber viele Menschen, vor allem Katholikinnen, freute. Darin hieß es unter anderem: „Die Ärzte in katholischen Einrichtungen sind aufgefordert, sich rückhaltlos der Not vergewaltigter Frauen anzunehmen. (...) Wenn nach einer Vergewaltigung ein Präparat, dessen Wirkprinzip die Verhinderung einer Zeugung ist, mit der Absicht eingesetzt wird, die Befruchtung zu verhindern, dann ist das aus meiner Sicht vertretbar.“

Ausgerechnet der Kardinal, der in der Vergangenheit die Abtreibung auch schon mal als „Babyholocaust“ bezeichnet hatte, ausgerechnet er machte also nun einen Schritt auf uns zu und plädierte für die „Pille danach“ bei Vergewaltigung. Immerhin.

Also schrieb ich am 1. Februar 2013 einen Offenen Brief an den Kardinal: „Sie haben in der Debatte um die ‚Pille danach‘ die Menschlichkeit sprechen lassen.“ Übrigens: Über Abtreibung habe ich nie mit ihm gesprochen. Uns war beiden klar, dass unsere in diesem Punkt so gegensätzlichen Meinungen unveräußerlich sind.

Zum Abschied ein Gebet

Zum letzten Mal habe ich ihn vor rund einem Jahr gesehen. Er hatte mich in seinen Alterssitz in der Dompropstei zum Kaffee eingeladen. Auf seinem Schreibtisch stand noch das gerahmte Foto seiner Mutter. Und wie immer war es ein recht persönliches Gespräch. Wir hatten es beide gerade nicht leicht.

Da holte er aus seiner Bibel einen Zettel, pappte auf die Rückseite einen gelben Aufkleber und schrieb darauf in seiner etwas altmodischen, präzisen Schrift: „Gebetszettel aus meinem Brevier für Sie!“ Auf dem Zettel stand in Druckbuchstaben ein Gedicht der Heiligen Teresa von Avila, Meisners „Lieblingsheilige“. Es beginnt mit den Worten: „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe.“ Tröstlich. Wir versprachen, uns in nicht allzu großer Ferne wiederzusehen.

Dieser Text erschien zuerst auf der Seite von Alice Schwarzer. Copyright: www.emma.de

Christa Maria Wallau | Do, 6. Juli 2017 - 11:33

Kein Wunder, daß Alice Schwarzer, die unerschrockene Frauenrechtlerin, und der Kardinal und frühere Erzbischof von Köln, Joachim Meisner,
sich schätzten - trotz konträrster Ansichten in vielen Fragen.

Beide haben sich n i e dem wandelnden
Zeitgeist angedient, sondern i m m e r an ihren
Grundüberzeugungen festgehalten.
Derartig kernige Persönlichkeiten gibt es in unserer Zeit kaum noch, weder in der Politik noch in den Medien. Und sie werden doch so d r i n g e n d gebraucht für die geistige Wachheit und Wahrhaftigkeit in einer durch dauernden, offenen Diskurs zu einer Mehrheit gelangenden Gesellschaft in einem demokratischen Staat, der sich nicht nur so nennt, sondern wirklich so i s t .

Margrit Sterer | Fr, 7. Juli 2017 - 13:36

In reply to by Christa Maria Wallau

Da haben Sie völlig Recht. Das haben Sie gut gesagt

Peter Rosenstein | Do, 6. Juli 2017 - 14:39

Man kann sowohl Meisners als auch Schwarzers Festhalten an bestimmten Positionen als Standhaftigkeit verstehen ebenso wie als Gedankenstarre. Was mich an Schwarzers Reminiszenz an Meisner nicht wundert: Ideologen, gleich welchen Lagern sie angehören, verstehen einander. Das liegt in der Natur der Ideologie selbst begründet, denn "Ideologien mögen sich noch so sehr unterscheiden, ein wenig Idiotlogik ist ihnen allen nicht fremd." (Martin Reisenberg)

Anne Müller | Do, 6. Juli 2017 - 15:08

Alice Schwarzer ist eine der mutigsten Frauen unserer Zeit. Jemanden wir sie brauchen wir noch sehr sehr lange.
Vielen Dank Frau Schwarzer.

Johannes Schneider | Do, 6. Juli 2017 - 16:28

Frau Schwarzers öffentlicher Abschied von Kardinal Meisner ist versöhnlich und liebevoll. Meisner war kein Ideologe, sondern ein Glaubender.

Günter Schaumburg | Do, 6. Juli 2017 - 17:54

Ich lernte Kardinal Meisner 1976 im katholischen
Kindergarten, in welchen mein Sohn so gerne ging, der Ursulinerinnen in Erfurt kennen. Er war
als Weihbischof wegen seines ehrlichen Zugehens
auf die Menschen sehr geschätzt und beliebt. Ein
Genuss waren auch seine Predigten, in denen er
regelmäßig gegen den sozialistischen Stachel löckte. Und niemals, ich betone: Niemals! hätte er
wie Kardinal Marx seinen Glauben durch das Ab-
legen des Kreuzes verraten. Eine große Persönlich-
keit! Die Erde sei seiner Asche nicht schwer.

Ingbert Jüdt | Do, 6. Juli 2017 - 18:00

Wirklich überraschend ist diese Nähe ja nicht. Autoritär, päpstlich unfehlbar, sexfeindlich (zumindest, wenn es um den Sex der Männer geht) und inquisitorisch (konnten wir zuerst hinsichtlich Esther Vilar und zuletzt hinsichtlich Jörg Kachelmann beobachten) war Alice Schwarzer schon immer.

Und wie ein anderer Kommentator bereits anmerkte: Starrsinn und Standhaftigkeit sind sich manchmal zum Verwechseln ähnlich, nur dass ersterer die geringere Leistung darstellt, weil er nicht gegen eigene Zweifel kämpfen muss.

Insofern stehen die Chancen nicht schlecht, dass auch Schwarzer dereinst in denselben Himmel wie Meisner eingeht.

Axel Kreissl | Do, 6. Juli 2017 - 20:16

Anläßlich des Todes von Kardinal Meissner habe ich seine Hauptstandpunke nochmal nachgelesen und muss sagen: Er sagt die Wahrheit. Einer der wenigen Aufrechten hat uns verlassen. Für den Kardinal wie für Frau Schwarzer gilt wohl das Bibelwort: Sei heiß oder kalt, aber das Laue werde ich ausspeien.

Es gibt viele "Wahrheiten". Welche Wahrheit sagte bzw. verkündete der verstorbene Kölner Kardinal?
Es war erkennbar díejenige Wahrheit, die ihm von Kindheit an eingeimpft worden ist, nämlich die kirchliche Wahrheit.
Die christlichen Religionen behaupten, ihre "Heilige Schrift" (Bibel, Neues Testament) und auch die islamischen Religionen sind davon überzeugt, daß ihre "Heilige Schrift" (Koran) von Allah stammt und dem Propheten Mohammed übermittelt worden sei.
Es gibt viele andere "religiöse Wahrheiten", die allerdings allesamt nicht beweisbar sind.
Deshalb ist und bleibt auch die christliche Botschaft (Bibel, Neues Testament) eine Legende, deren Wahrheitsbeweis auch den intelligentesten Theologen nicht gelingen dürfte, so wie wir vermutlich nie erfahren werden, warum es unser Universum gibt und warum wir Menschen auf diesem winzigen Planeten Erde entwickeln konnten.
Wenn es doch wenigstens einen Gott gäbe, der sich uns offenbart. Zu schön, um wahr zu sein!

Ich weiss nicht, welche Wahrheiten man dem Kardinal als Kind eingeimpft hat, mir hat man typisch deutsche Leitsätze eingeimpft und ich mußte zuerst erfahren, daß diese nicht die Wahrheit sind und jene, die ihnen folgen, die Deutschen, deshalb von einer Katastrophe in die nächste rauschen, unterbrochen von längeren Aufbauphasen. Nach sechs Jahrzehnten sage ich heute, daß der Kardinal die Wahrheit sagt. Und in Bezug auf die göttliche Offenbarung: Er hat es bereits getan, aber sein Weg war nicht sehr bequem. Deshalb wrd er verworfen. Aber beweisen kann ich es nicht und begreifen können wir es nicht. Dabei hilft die Theologie, also die Wissenschaft, auch nicht weiter. Das Problem bei der Theologie ist der Theologe. Vielleicht hilft Ihnen die Empfehlung eines anderen Aufrechten, Kardinal Ratzinger oder Papst Benedikt XVI.: "Leben Sie mal drei Monate so, als ob es Gott gäbe!"

Lieber Herr Kreissl, ich lebe Tag für Tag so, als ob es einen Gott gäbe. Sie erliegen dem Irrtum, als seien Atheistinnen und Atheisten so etwas wie Anarchisten.
Weit gefehlt.
Gerade weil es keinen Gott gibt, der das Universum und damit auch unsere kleine Welt beobachtet oder steuert, müssen wir Menschen alles tun, um diesen Planeten zu erhalten und das menschliche Zusammenleben gerecht zu gestalten.
Während also Gottgläubige die Ungläubigen vielfach mißachten und ignorieren, sollten sie eimal kritisch über ihre Gottgläubigkeit nachdenken.
Vielleicht gelangen sie dann zu neuen Erkenntnissen und aus dem "Glauben" an einen Gott wird gleichsam Luft.
Dieser "Glaube" drückt nicht länger auf das eigene Gewissen, ohne Sinn und Verstand.
Eine gute Aussicht, eine neue Weitsicht, oder?

Martin Wald | Do, 6. Juli 2017 - 21:57

Zwei Personen - beide auf unterschiedliche Art und Weise fern dem politischen Mainstream - schätzen einander trotz großer Differenzen: Ein exzellentes Beispiel für einen Austausch außerhalb von Twitter, fake news und dem weit verbreiteten Streben, als Erste/r politisch korrekte "news" zu verbreiten. Mehr davon wäre hilfreich in den jetzigen Zeiten! Ketzerische Frage: Brauchen wir minütlich aktuelle news? M. E. wären ehrliche, auch konträre Diskurse, die nicht "minutenaktuell" sein müssten, wesentlich hilfreicher.

Ines Schulte | Do, 6. Juli 2017 - 23:36

... Werden/würden sich wohl fragen: Was ist aus dem Feminismus und was aus der Kirche geworden? Danke jedenfalls an beide so unterschiedliche Personen. Der einen für die gesellschaftliche Veränderung , dem anderen das Bewahren derselben.

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