Katar-Krise - „Die Saudis bewegen sich auf dünnem Eis“

Katar hat auf den Forderungskatalog von Saudi-Arabien reagiert. Wie genau, ist noch nicht bekannt. Bei einer Zurückweisung könnten die Golfstaaten die Sanktionen gegen Katar verstärken. Robert Baer, ehemaliger Mitarbeiter der CIA, erläutert die aktuellen Entwicklungen in der Region

Die Skyline Dohas ist vom Hafen aus zu sehen.
Die USA beteiligen sich an der Isolierung Katars, obwohl sie dort ihren größten Militärstützpunkt in der Region haben / picture alliance

Autoreninfo

Ramon Schack ist Journalist und Buchautor mit Sitz in Berlin. Zuletzt erschienen seine Bücher „Neukölln ist nirgendwo“ und „Begegnungen mit Peter Scholl-Latour“.

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Herr Baer, die Region des Persischen Golfs ist in einer neuen Krise, die am 5. Juni mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Katar begonnen hatte. Steht dieser diplomatische Eklat mit dem Besuch Donald Trumps in Saudi-Arabien in Verbindung? 
Natürlich. Bei dem Gipfeltreffen am 21. Mai in Riad, bei dem mit Ausnahme Irans alle 56 Mitgliedstaaten der Organisation für islamische Zusammenarbeit vertreten waren, durfte Trump eine Rede halten. Er schloss mit den Worten: „Bis das iranische Regime bereit ist, Partner für den Frieden zu werden, müssen alle Nationen, die ein Gewissen haben, zusammenwirken, um den Iran zu isolieren, es an der Finanzierung des Terrorismus hindern, und beten, dass das iranische Volk eines Tages die gerechte Regierung hat, die es verdient.“ Die Saudis trauen sich nicht an den Iran heran, deshalb kommt zunächst einmal Katar ins Visier.

Nur einen Tag nach dem Beginn der saudischen Aktion gegen Katar twitterte der US-Präsident: Es ist so schön zu sehen, dass sich der Besuch in Saudi-Arabien mit dem König und 50 Ländern bereits auszahlt. Sie sagten, sie würden eine harte Linie gegen das Finanzieren von Terrorismus einschlagen und alles wies auf Katar hin. Vielleicht wird das der Anfang vom Ende des Schreckens des Terrorismus!
Was wieder einmal bestätigt, wie wenig Trump von der Thematik versteht. Die USA haben in Katar eine große Militärbasis, weshalb Außenminister Rex Tillerson wieder einmal um Schadensbegrenzung bemüht war. Der militärstrategische Wert Katars für die USA ist nicht zu leugnen. Dort befindet sich der größte Stützpunkt der USA in der Region, der für die Luftangriffe gegen Ziele in Afghanistan, in Syrien und im Irak spielt er eine zentrale Rolle. 10.000 US-Soldaten sind dort stationiert. Die Kosten für den Bau hat Katar alleine getragen, weil es diesen Stützpunkt als Existenzsicherung gegen mögliche Ansprüche der Saudis sieht. Die USA haben damals Katars Angebot für den Standort des Stützpunkts gerne angenommen, weil sie von den Saudis gedrängt wurden, ihre umfangreichen Militäranlagen aus Saudi-Arabien abzuziehen. Die Saudis hatten damit auf die starke innenpolitische Kritik an ihrer engen Zusammenarbeit mit den USA reagiert. Das verdeutlicht, was für einen unsicheren Alliierten sich Washington dort heranzüchtet.

Wieso begeht Trump diese außenpolitischen Fehler in Bezug auf den Iran?
Weil er – wie gesagt – keine Ahnung hat. Wenn er von Terrorpaten faselt, dann soll er sich bitte einmal genauer seine saudischen Freunde anschauen, die mit Waffen überschwemmt werden. Mit dieser Politik werden die Sicherheitsinteressen der USA und ihrer Bürger massiv verletzt, von der Sicherheit der Menschen in der Region ganz zu schweigen.

In Ihrem Buch The Devil we know Dealing with the New Iranian Superpower bezeichnen Sie den Iran als zukünftige Supermacht.
Ja, und im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten ist der Iran geradezu eine Insel der Stabilität. Es ist eine Nation mit gewaltigem Potenzial, das bisher aber nicht ausgeschöpft wurde: natürliche Grenzen, ein stabiler Staatsaufbau und eine starke Armee. Der Iran leistet einen großen Beitrag bei der Bekämpfung des IS, einer Organisation, die sich aus saudischen Geldern speiste. Saudi-Arabien und Pakistan sind wieder keine zuverlässigen Partner. Die USA benötigen Verbündete mit Durchsetzungskraft, nicht irgendwelche Stämme, die sich langfristig kaum an der Macht halten. Die USA und der Iran haben einen gemeinsamen Feind – die sunnitischen Extremisten um den IS.

Der Iran und die Türkei stehen an Katars Seite.
Richtig. Die Beziehungen Katars zur Türkei sind schon seit Langem gut. Mit dem Beginn des sogenannten „arabischen Frühlings“ wurden sie noch enger, denn beide Staaten unterstützen die Muslimbruderschaft, deren nationale Ableger die ersten demokratischen Wahlen in Tunesien und in Ägypten gewannen. Drei Jahre später wurde die Einrichtung eines türkischen Militärstützpunkts in Katar vereinbart. Nach variierenden Berichten zufolge soll dieser bis zu 3.000 türkische Soldaten beherbergen können. Derzeit befinden sich dort circa 110 Mann. Das wäre im Fall eines Angriffs selbstverständlich irrelevant. Für die Saudis stellt das aber eine Warnung dar, sich nicht mit der Türkei anzulegen.

Und die Beziehungen zwischen Katar und dem Iran?
Die waren bis vor Kurzem weniger gut. Allerdings hat Katar nie zu einem antischiitischen Kreuzzug aufgerufen, wie es Saudi-Arabien tut. Hintergrund ist hier auch sicherlich, dass der Iran und Katar sich das größte Erdgasfeld der Welt teilen und schon deshalb nicht um Kooperation herumkommen.

Als Ergebnis der Sanktionen gegen Katar könnten die Stellung und die Einflussmöglichkeiten der beiden nicht-arabischen Staaten in der Region, die Türkei und der Iran, gestärkt werden. Was halten Sie von dieser These?
Diese These halte ich für stichhaltig. Die Saudis sind im jemenitischen Sumpf versunken, geraten an ihrer südlichen Grenze in einen verlustreichen Stellungskrieg und schaffen sich durch das Katar-Abenteuer eine neue Krise an der westlichen Grenze. Von den innenpolitischen Krisen im eigenen Land mal ganz zu schweigen. Außerdem ist durch das harte Vorgehen die weitere Existenz des Golfkooperationsrats GCC in Frage gestellt. Eine Reduzierung des Staatenbundes auf Saudi-Arabien, die Emirate und Bahrain wäre ein Problem für Riad. Das absehbare Scheitern des Kräftemessens mit Katar würde die Konflikte zwischen Riad und Abu Dhabi verschärfen. Die Saudis bewegen sich auf dünnem Eis. Wenn das Königshaus kippt, wer gelangt dann an die westlichen Waffen? Bestimmt nicht irgendwelche pro-westlichen Demokraten.

Spielen wirtschaftliche Interessen eine Rolle?
Ja, beim Waffendeal mit den Saudis gibt es eigene Regeln. Es ist ein geschäftlicher Teilbereich für sich. Die Amerikaner kaufen Öl von den Saudis, raffinieren es und füllen es in die Tanks unserer Autos. Ein kleiner Prozentsatz von dem, was wir für dieses Öl bezahlt haben, geht an Terroristen und wird von diesen genutzt, um Anschläge gegen US-amerikanische Institutionen in den Staaten oder weltweit auszuüben.

Das hört sich verrückt an!
Wenn man das alles begriffen hat, dann ist man bei dem wahnsinnigen Stand der westlichen Beziehungen zu Saudi-Arabien angelangt.

Lassen Sie uns bitte noch einmal über die CIA sprechen, über den sogenannten „schwarzen Prinzen“.
Der „schwarze Prinz“, auch als „Ayathollah Mike“ bekannt, ist der berüchtigte Michael D‘Andrea, welcher heute einen starken Einfluss ausübt.

Wer ist das?
Ich bin ihm nie persönlich begegnet, jeder im Umfeld des CIA weiß aber, was es mit ihm auf sich hat. Michael D‘Andrea leitete das CIA Counterterrorism Center von 2006 bis 2015. Er entwickelte Strategien zur Liquidierung von Terroristen und zur Tötung von Verdächtigen durch Drohnen, speziell in Afghanistan, Pakistan und im Jemen. Die CIA hat seine Identität niemals bestätigt. Er wurde aber 2015 in einem Zeitungsbericht der New York Times genannt.

Wie wirkt sich der Einfluss dieses Mannes auf die Iran-Politik Washingtons aus?
Das was wir gerade erleben: eine Konfrontation!

Halten Sie einen Krieg zwischen den USA und dem Iran für möglich?
Krieg mit Teheran liegt zur Zeit als Option auf dem Tisch des Präsidenten. Ich gehe aber davon aus, dass in der Amtszeit Trumps ein ganz anderes Szenario denkbar wäre.

Welches?
Wenn das saudische Königshaus von einem salafistischen Putsch abgeschafft wird, dann müssten amerikanische Truppen gegen Rebellen mit jenen amerikanischen Waffen ankämpfen, die Trump und seine Vorgänger dem Königshaus vorher geliefert haben. Und gegen alle jene Piloten und Infanterieoffiziere, die vom US-Militär ausgebildet wurden. 

Wobei Präsident Trump sich auf die Seite der Saudis geschlagen und somit gegen Katar gestellt hat  trotz der dortigen US-Militärbasis.
Richtig und ich wiederhole das, was ich zu Beginn des Gespräches sagte: Donald Trump hat weder Ahnung von der Region im Speziellen noch von Geopolitik im Allgemeinen.

 

Robert Baer hat mehrere Bücher über seine Erfahrungen im Nahen und Mittleren Osten geschrieben. „See No Evil“ und „Sleeping with the Devil” lieferten die Vorlage für den 2005 fertiggestellten Film „Syriana“. Die Figur des Bob Barnes, gespielt von George Clooney, wurde Robert Baer nachempfunden.

Robert Müller | Mi, 5. Juli 2017 - 17:48

Ich weiß nicht. Nach dem Lesen dieses Textes erscheint Katar als völlig harmlos. Dabei gibt es durchaus problematische Handlungen, die hier im Text aber nicht angesprochen werden. Überhaupt fehlt hier vieles an Info, was ich für wichtig halte. Übrigens: Was soll der jementische Sumpf sein, in dem angeblich Saudi-Arabien steckt? Ich bezweifele, dass auch nur ein Saudi seinen Fuss in den Jemen gesetzt hat. So wie ich das einschätze, lässt Saudi-Arabien dort kämpfen, wobei ich vermute, dass SA selber nur Kampfflugzeuge mit Saudi-Piloten einsetzt, sonst dürften es Söldner sein, etwa aus Pakistan. Die anderen Staaten dürften das ähnlich halten, vielleicht mit Ausnahme Ägypten. Übrigens, ich habe einen Bericht gelesen, wonach der 300Mrd Waffendeal zwischen USA und SA fake news sein soll, weil da keine neuen Verträge abgeschlossen wurden, nur schon bestehende noch einmal benannt werden und Pläne für neue gemacht wurden. Bei den miesen SA-Staatsfinanzen auch kein Wunder.

Anna Fleischer | Mi, 5. Juli 2017 - 18:30

Iran soll seit Frühling das Öl nicht in Petrodollar abrechnen, und Katar soll sich das Gas in Yuan bezahlen lassen.
Das ist natürlich pöhse, und hat schon Saddam und Ghaddafi unter die Erde gebracht.

Joachim Walter | Mi, 5. Juli 2017 - 22:54

... ein altes Arabisches Sprichwort.

Zusammengefasst entnehme ich diesem Artikel, das im Nahen Osten jeder, jedem Mißtraut, und diejenigen die heute oder am Ort X die großen Freunde sind, morgen am Ort Y sich schon wieder als erbitterte Feinde gegenüberstehen können.

Meine Empfehlung: raushalten, versuchen die Abhängigkeiten von solchen unsicheren Kantonisten verringern, und darauf achten, das wir hier im eigenen Land nicht durch weitere unkontrollierte Einwanderung eine nachhaltige Instabilität importieren.

Winfried Sautter | Do, 6. Juli 2017 - 01:48

So richtig schlau geworden bin ich aus dem Interview nicht - ist Herr Baer nun Verschwörungstheoretiker, Paranoiker, oder einfach nur verpeilt ?!

Dieter Erkelenz | Do, 6. Juli 2017 - 09:35

Für mich ein "Wenn" -Artikel und in Teilen nicht nachvollziehbar. Iran nicht nur als Retter der arabischen Welt??

Christop Kuhlmann | Fr, 7. Juli 2017 - 06:40

finanzieren Terrorgruppen. Insofern hat da jeder Dreck am Stecken. Aber der Konflikt macht sich gut in der Presse. Wie der Dieb, der haltet den Dieb ruft, um von sich abzulenken. Der Westen sollte auf solche Verbündete verzichten und diese keineswegs hochrüsten.

Juliana Keppelen | Fr, 7. Juli 2017 - 13:24

gegenüber den Golfstaaten offenbart die Bigotterie, Verlogenheit und unterirdische Heuchelei der Wertegemeinschaft.

Dr. Lothar Sukstorf | Mi, 12. Juli 2017 - 13:30

..."Mr. Lawrence, was schätzen Sie so an der Wüste?" "Die Reinheit, die Reinheit".
Die Saudis wandeln nicht auf dünnem Eis, sie schlittern allenfalls auf einem dicken, fetten Ölfilm...

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