Verbale Verwahrlosung - Wer von „Krieg“ spricht, hilft dem Terror

In der Debatte über den Terrorismus verselbstständigen sich die Begriffe. Wer verharmlosend von „Kämpfern des Dschihad“, von „Gotteskriegern“ oder „Soldaten des Kalifats“ spricht, betreibt das blutige Geschäft des sogenannten IS. Ein Zwischenruf

Wir dürfen nicht das Geschäft der Terroristen und Selbstmordattentäter betreibenWir dürfen nicht das Geschäft der Terroristen und Selbstmordattentäter betreiben
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Hartmut Palmer ist politischer Autor und Journalist. Er lebt und arbeitet in Bonn und in Berlin.

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Das immerhin haben die feigen Verbrecher des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) bereits geschafft: Wir behandeln sie verbal wie Kombattanten, und damit wie Personen, die nach den Regeln der Genfer Konvention „unabhängig von der Rechtmäßigkeit des Konflikts zu Kriegshandlungen berechtigt sind“.

Wir Journalisten reden und schreiben (hoffentlich nur) gedankenlos von „IS-Kämpfern“ und „Gotteskriegern“. Hochmögende Terrorismusexperten sprechen im Rundfunk und im Fernsehen wie selbstverständlich von „Auslandskämpfern des Dschihad“ die gegen uns Krieg führen, und die Begriffe verselbstständigen sich.

Das ist kein „Krieg“


Millionenfach tauchen sie in den gedruckten, den elektronischen und den sozialen Medien auf, man muss sie nur in die Suchmaschine Google eingeben, um das ganze Ausmaß der verbalen Verwahrlosung zu erfassen. „Krieger für Allah“ listet mit einem Klick blitzschnell 23.200.000, „IS-Kämpfer“ 6.730.000, „Auslandskämpfer“ 335.000 Einträge auf. Und jeden Tag werden es mehr.

Die BILD-Zeitung erklärt einen Tag nach den Anschlägen in Brüssel: „Wir sind im Krieg“. Und die Online-Ausgabe des Blattes erklärt uns, „warum das Krieg ist“. Die BILD übernimmt damit die Wortwahl des IS, der in einer Stellungnahme mitteilte, mehrere – so wörtlich – „Soldaten des Kalifats“ hätten mit Sprengstoffgürteln und Sprengkörpern den „Kreuzfahrerstaat Belgien“ angegriffen. Nicht nur Blogger, die ganz nebenbei gegen Flüchtlinge hetzen, übernehmen die kriegerische Sprache, sondern auch seriöse Medien wie die ZEIT oder die FAZ. Und jeder, der so denkt, schreibt und redet, betreibt mit dieser Wortwahl – wahrscheinlich ungewollt und unbewusst – das Geschäft der Terroristen und Selbstmordattentäter von Paris, London und Brüssel.

Der IS ist kein Staat, sondern ein Gangster-Syndikat


Denn genau das ist es, was sie mit ihren blutigen Taten erreichen wollen: ihre Beachtung und Anerkennung als Konfliktpartei.

Ein Mensch, der sich einen Sprengstoffgürtel umlegt und Hunderte unschuldige Menschen in den Tod reißt, ist kein „Kämpfer“, sondern ein feiger Mörder. Ein Dschihadist, der mitten in Paris um sich schießt, ist kein „Soldat des Kalifats“, sondern ein gemeiner Verbrecher. Und der sogenannte „Islamische Staat“ ist kein Staat, sondern ein Gangster-Syndikat.

Schon vergessen? 2001 nach dem Terror in New York hatte der Begriff „Gotteskrieger“ Hochkonjunktur. Er wurde Anfang 2002 zum „Unwort des Jahres 2001“ erklärt. Die Wissenschaftler begründeten ihre Entscheidung damit, dass „kein Glaube an einen Gott gleich welcher Religion einen Krieg oder gar Terroranschlag rechtfertigen“ könne.

„Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten…“ So belehrt Goethes Mephisto im Faust den fahrenden Schüler.

Wir sind gerade wieder einmal dabei, mit unseren Worten ein System zu schaffen und aufzuwerten, das nur Verachtung und Abscheu verdient. Es ist an der Zeit, verbal abzurüsten. 

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