SPD - Gerhard Schröders Muskelspiel

Zum 50. Geburtstag der nordrhein-westfälischen SPD-Landesgruppe sprach auch Altkanzler Gerhard Schröder. Da hat man mal wieder gesehen, warum heute niemand mehr Machtmenschen möchte

Schröder Kanzler, Gabriel Vize – eine wirklich schauerliche Vision / picture alliance

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Hartmut Palmer ist politischer Autor und Journalist. Er lebt und arbeitet in Bonn und in Berlin.

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Politiker sind immer auch Rivalen. Und auch wenn sie fröhlich miteinander feiern, lassen sie selten die Gelegenheit aus, ihre Muskeln spielen zu lassen, ihre Kräfte zu messen und sich gegenseitig zu frotzeln – in aller Freundschaft, versteht sich.

Am Mittwochabend war wieder mal so eine Gelegenheit. Die SPD-Bundestagsabgeordneten aus Nordrhein-Westfalen feierten den 50. Geburtstag der 1966 in Bonn gegründeten NRW-Landesgruppe. Da diese Landesgruppe zahlenmäßig immer noch die stärkste in der SPD-Fraktion ist, begegnet man ihr mit Respekt.

Hannelore Kraft: kämpferisch


Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, gratulierte mit einer kämpferischen, politischen Rede. Auch Thomas Oppermann wusste, was sich gehört und machte artig die Honneurs. Es folgten Sigmar Gabriel und Gerhard Schröder. Und wenn diese beiden führenden Niedersachsen aufeinander treffen, geht es nie ohne Sticheleien ab.

Als erstes merkte Gabriel (durchaus noch heiter gestimmt) an, er sei ja wohl der einzige wirkliche „Ausländer“ (sic!), der beim Geburtstag der NRW-Landesgruppe der SPD-Bundestagsfraktion sprechen dürfe. Alle anderen Redner oder Ehrengäste – Fraktionschef Thomas Oppermann und Gerhard Schröder – seien ja in Nordrhein-Westfalen zur Welt gekommen.

Sigmar Gabriel: heiter


Leider müsse er gleich zum „Koalitionsausschuss“, fügte der Vizekanzler an. Und leider müsse man immer noch mit der CDU/CSU nächtelang über Dinge diskutieren, die von einem SPD-Kanzler längst entschieden worden wären. Aber die schwarz-rote Koalition habe auch ihr Gutes: „Stellt euch mal vor, Schröder wäre Kanzler und ich sein Vize, das würdet ihr doch alle im Kopf nicht aushalten.“

Heiteres Gelächter. Schröder Kanzler, Gabriel Vize – eine wirklich schauerliche Vision.

Dann war Schröder an der Reihe. Er hatte sich als „Überraschungsgast“ angesagt und vermutlich selbst auf die Rednerliste gesetzt – jedenfalls erstarb, als er auf die Bühne trat, sofort jedes Gespräch. Es war mucksmäuschenstill, als der ehemalige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zu reden begann.

Er habe, begann Schröder, in seinem Leben zwei Lektionen gelernt – und die wolle er den Genossen der NRW-Landesgruppe unbedingt mit auf den Weg geben. „Erstens: Man muss die Macht wirklich wollen, wenn man als Kandidat antritt. Die Leute merken es, wenn das nicht so ist. Wer den Eindruck erweckt, er müsse zum Jagen getragen werden – den wählen die Leute nicht.“

Gerhard Schröder: brachial


Rumms! Die Genossen klatschten. Auch Gabriel klatschte fröhlich, obwohl die Leviten, die Schröder gerade gelesen hatte, natürlich ihm galten.

Und die zweite Lektion? Die SPD werde verlieren, sagte der Ex-Kanzler, wenn sich die Genossen in schwierigen Zeiten nicht geschlossen hinter ihren Vorsitzenden stellten. Eine Binse. Aber auch eine Anklage in eigener Sache: Schröder nimmt es den Genossen immer noch übel, dass sie nicht geschlossen hinter ihm standen und applaudierten, als er Hartz IV erfand.

Nun kann man lange darüber grübeln, was Schröder wohl geritten hat, dem Vorsitzenden Gabriel in aller Freundschaft eins auszuwischen. Warum musste ausgerechnet er, den man nie zum Jagen hat tragen müssen, dem (noch) zögernden Parteichef auf diese wenig charmante Art beibringen, dass er als Kanzlerkandidat vermutlich eine Fehlbesetzung wäre?

Die Antwort ist wahrscheinlich so banal wie naheliegend: Es musste sein, weil Schröder nach Ansicht Schröders schon immer der Größte war. Dem Machtmenschen Schröder wäre es nie in den Sinn gekommen, sich auch nur vorzustellen, in einer Regierung die zweite Geige zu spielen.

Seine Machtfantasien aber werden weder der SPD noch ihrem Vorsitzenden Gabriel nützen. Die Zeiten, in denen man mit politischen Muskelspielchen Eindruck beim Wähler machen konnte, sind vorbei. Zum Glück.

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