Post an Wagner - Di Lorenzo, der Musterdemokrat

Die Schelmenkolumne. Unser Autor Alberich lehrt Wagner und die deutsche Seele das Fürchten. Immer montags und immer böse 

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Franziska Daxer

Autoreninfo

Alberich ist Autor der Schelmenkolumne "Post an Wagner". Er ist politischer Feuilletonist, Publizist und Wüterich. Nachdem Alberichs schier end- und erfolgloses Werben um die Rheintöchter bekannt wurde, zog er sich aus der Öffentlichkeit komplett zurück und schrieb die wohl längsten Haikus der Neuzeit. Zuletzt ist sein Empörungsroman "Funktionskleidung gehört abgeschafft, Jack Wolfskin erschossen" im Mariamierscheid-Gedächtnisverlag erschienen.

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Lieber Wagner,

Europa hat gewählt!

Der Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sogar zwei Mal.

Bei Günter Jauch räumte der Doppelpass-Inhaber ein, sowohl in Deutschland als auch in Italien seine Stimme abgegeben zu haben.

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Gut so, denn Europa geht es so schlecht, dass es nun wirklich jede Stimme brauchen kann. Denn, dank eines solchen Fallbeispiels musterdemokratischen Überengagements hat Europa gerade so die Kurve gekriegt.

Zweitstimmenkampagne mal anders. Gelebtes Zensuswahlrecht durch die doppelpassdemokratische Hintertür. Bravo, Don Giovanni! Da hat jemand Demokratie aber mal so richtig verstanden! Und den Doppelpassbefürwortern einen kräftigen Tritt verpasst.

Überhaupt, lieber Wagner, immer dieses Gejammer über die niedrige Wahlbeteiligung. Für mich als leibigen Feierabenddemokraten und wutmächtigen Individualisten ist sie ein Segen, die Nichtwahl. Warum? Weil meine Stimme dann (proportional gesehen) mehr Gewicht hat. Achtung! Umgekehrte Lorenzo-Logik.

Rettung von Tyrannenketten, Großmut auch dem Bösewicht. Jammern heißt es auch bei  der mondänen Bierzelt-Schwester der CDU. Der CSU in Bayern. Erstaunlich, wie sie gemäß ihrer bis zur Unkenntlichkeit ausbalancierten Doppelzungenstrategie dem Bonmot des Monaco Franze zu huldigen suchte und ihr A-Bisserl-wos-geht-immer-Kalkül im Zweifrontenmodus organisierte: Europafreundlich oder doch europakritisch? Ein bisserl dagegen. Ein bisserl dafür. Na! Ein bisserl zu viel. Sprach der bayerische Wähler. Der hat‘s nämlich nicht so mit Dialektik und vergab nur magere 40 Prozent. Immerhin, aber in Bayern ist man derart verwöhnt vom Wähler, dass das ausreicht, um von einer historischen Niederlage zu sprechen.

Die SPD hingegen, die doch eigentlich Demos-Partei sein will, ist so weit weg von dieser 40, dass schlappe 27 Prozent ausreichten, um aus dem Jubel schlicht nicht mehr herauszukommen. Demut in SPD-Kreisen? Ein wahrlich seltenes Gut.

Ja, lieber Wagner, so zeigt sich die europäische Vielfalt, der gelebte Pluralismus, gerade in der Bewertung von Wahlergebnissen. Auch der AfD-Lucke jauchzt bereits von Volkspartei. Ja nee, is klar Bernd. Kann man schon mal machen – bei sieben Prozent.

Und mal ehrlich, lieber Wagner, womöglich dachten all jene, die da zur Wahl gingen, an William Faulkner: Wenn ich die Wahl habe zwischen dem Nichts und dem Schmerz, dann wähle ich den Schmerz.  Den hat Lorenzo immerhin zweimal ertragen.

So gesehen haben die meisten Europäer das Nichts gewählt. Weil das so ist, haben den Schmerz mal wieder die anderen: Lucke und Henkel zum Beispiel, die müssen jetzt da hin, wo‘s wirklich weh tut. Nach Europa. Den Schmerz teilen sie mit den vielen echten EU-Parlamentariern, die die Antieuro-Soße jetzt serviert bekommen. Na dann: Guten Hunger!

Schmerzlichst,

Ihr Alberich

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