Post an Wagner - Die mutigen Jungs der AfD

Die Schelmenkolumne: Unser Autor Alberich lehrt Wagner und die deutsche Seele das Fürchten. Diesmal: die mutigen Männer der AfD 

Post an Wagner
Franziska Daxer

Autoreninfo

Alberich ist Autor der Schelmenkolumne "Post an Wagner". Er ist politischer Feuilletonist, Publizist und Wüterich. Nachdem Alberichs schier end- und erfolgloses Werben um die Rheintöchter bekannt wurde, zog er sich aus der Öffentlichkeit komplett zurück und schrieb die wohl längsten Haikus der Neuzeit. Zuletzt ist sein Empörungsroman "Funktionskleidung gehört abgeschafft, Jack Wolfskin erschossen" im Mariamierscheid-Gedächtnisverlag erschienen.

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Lieber Wagner,

beglückwünschen Sie doch mal die mutigen Jungs von der AfD!

Deutschland nimmt Kurs auf Europa. Allen voran die Partei, die keine sein will. Die Nichtpartei der Nichtpolitiker mit dem Nichtprogramm. Die Stimme der Vernunft im Einheitsbrei des zentralrepublikanischen Parteienkartells. Um mal in der Sprache der AfD zu bleiben.

Eben noch die Ausfahrt Bundestag verpasst. Dann: schütteln, hochschalten, rechts überholen und schnell noch mit Hans-Olaf Henkel das Großkapital ins Boot geholt. Europa aufgewacht. Es kommen: Die Geradeausdenker. Die Ungutmenschen. Die Partei der Parteilosen. Vorwärts, nun also.

Die Vorzeichen stimmen: Ein schneller Parteitag von oben. Ein Lucke. Ein Henkel. Ein Gauland. Applaus. Ein Leitspruch, der das Nichtparteivolk eint. Ein patriotischer Seufzer in einer national entgrenzten Wirklichkeit. Kurzum: „Mut zu Deutschland!“

Meine Herren von der AfD! So viel Chuzpe hätten wir den Nichtpartei-Strategen der Nichtpartei gar nicht zugetraut: Mit einem Pro-Deutschland-Slogan in den Europawahlkampf ziehen. Darauf muss man erst mal kommen! Alleinstellungsmerkmal gesichert.

Ein Motto wie die Partei selbst: Aussage null, Anschlussfähigkeit hoch. Inhaltlich auf dem Niveau von „Zukunft ist für alle gut“, „Mehr Demokratie für Demokraten“, oder „Mut zu Dieselmotoren“. Wie immer also. Ein Irgendwas mit ein bisschen Irgendwie. Ein Fünkchen Nationalstolz in die Luft geschossen, das dann schon die Richtigen entzünden wird. Hauptsache die Aussage bleibt eines: bauchgefühlkompatibel.

Ja, Mut beweisen sie seit langem. Die Alternativen. Mut zu besonders feinsinniger Rhetorik. Kaum ein AfD-Pamphlet, das nicht ohne possierliche Wortgirlanden wie „Blockparteien“, „Gleichschaltung“, „Politbüro der EU“ oder „Planwirtschaft“ auskommt. Es brilliert die Phalanx der Nichtkorrekten gegen das Establishment, gegen die Hegemonie der politisch Korrekten, gegen die Herrschaft der linksliberalen Mainstreammedien (Springer, Burda und co.). Pfui.

Seit langem auch besticht die AfD durch Mut zur Heterogenität: Erstaunlich, wie sie ihn aushält, diesen Spagat zwischen Hörsaal und Stammtisch. Oben Elite und unten Abgehängte. Oben liberal und unten reaktionär. Oben der mahnende Zeigefinger und unten die Keule.

Doch ihr größter Coup heißt: Mut zur Lücke. Gefüllt mit Lucke. Denn: Für ein Programm reicht es wieder nicht. So eine innerparteiliche Debatte ist ja auch viel zu anstrengend. Wer braucht schon einen demokratischen Diskurs, wo Vernunft, Wahrheit und gesunder Menschenverstand am Werke sind?

Völlig überbewertet. So ein Programm. Nein, nein. Lieber Projektion bleiben – für alles und nichts.

Wir fassen zusammen: AfD, eine Nichtpartei mit Nichtprogramm, die sich aufmacht, jene Institutionen Europas zu entern, die sie doch eigentlich verachtet.

Das nennt man dann wohl gelebte Dialektik.

Adorno wäre stolz auf sie – die Jungs von der AfD.

Schmerzlichst

Ihr

Alberich

 

 

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