Politik und Poesie - Tucholskys trügerische Harmonie

In seinem Gedicht "Park Monceau" zeichnet Kurt Tucholsky die Begeisterung für die französische Lebensweise nach, die ihm einen wohltuenden Kontrast zur deutschen Mentalität gewährt. Doch die Harmonie trügt.

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(picture alliance) Kurt Tucholsky verstand sich als linker Demokrat.

Kurt Tucholsky: Park Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890?1935) verstand sich als linker Demokrat, Sozialist und Pazifist. Die Anfangsjahre der Weimarer Republik hat er kritisch und „mit hellsichtiger Bosheit“ begleitet, wie Golo Mann einmal schrieb. Schon früh warnte er vor rechten Tendenzen in Politik, Militär und Justiz. Im Frühjahr 1924 ging Tucholsky als Korrespondent der Zeitschrift Die Weltbühne nach Paris. Wie sein Vorbild Heinrich Heine verbrachte er von da an die meiste Zeit im Ausland und kehrte nur noch sporadisch nach Deutschland zurück.

Dieses Gedicht, kurz nach seiner Ankunft in Frankreich geschrieben, veröffentlichte er unter dem Pseudonym Theobald Tiger. Es atmet die Begeisterung für die französische Lebensweise. Der idyllische Park Monceau, im achten Arrondissement gelegen, unweit der Anwesen reicher jüdischer Familien wie der Ephrussi oder der Camonto, bietet ihm einen wohltuenden Kontrast zur deutschen Mentalität. Es gibt keine Verbote, er kann „links gehn“, hier ist er „nicht nur Zivilist“. Die Bezeichnung wurde damals abwertend gebraucht, für einen, der keinen Militärdienst geleistet hat und die preußischen Ideale nicht hochhält.

In der dritten Strophe geht mit Tucholsky noch einmal der Satiriker durch. Er mokiert sich über die Oberflächlichkeit der amerikanischen Touristinnen, die unfähig sind, die Schönheit des Parks wahrzunehmen. Er hingegen lässt sich von der Sonne „bescheinen“ und genießt die Distanz zum anstrengenden, einengenden Vaterland.

Vor dem Hintergrund dessen, was ein paar Jahre später in Deutschland geschehen sollte, bekommt dieses vom Grundduktus her heitere Gedicht für den Leser einen dunkel verschatteten Sinn. Die Harmonie im Park Monceau ist trügerisch. Jenseits des Rheins herrschen undemokratische Verhältnisse, und die Nationalsozialisten bereiten schon ihren Aufstieg vor. 

Gedicht aus: Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke, Rowohlt, Reinbek 1960

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