Kinder, Kirche und Karrieren

Katholische Schulen und Internate geben sich gern als Eliteanstalten. Derlei gesellschaftlicher Ehrgeiz korrumpiert bisweilen die pädagogische Ernsthaftigkeit und Achtsamkeit.

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Vor etlichen Jahren in Berlin, ungefähr zu der Zeit, als in dem von Jesuiten geleiteten Gymnasium am Tiergarten die sexuellen Übergriffe geschahen, die jetzt, erst jetzt, die Öffentlichkeit beschäftigten, begab sich im benachbarten Stadtteil Wilmersdorf Unerfreuliches. Schüler eben jenes Jesuitenkollegs, das nach dem Heiligen Petrus Canisius benannt ist, einem gebürtigen Holländer, verwüsteten eine soziale Einrichtung der katholischen Kirche und versuchten, einen Brand zu legen. Die jungen Leute waren als heftige Trinker in den Kneipen der Umgebung wohlbekannt, aber eine Strafverfolgung wegen Randalierens blieb aus. Solche Exzesse von Cliquen im Jugendalter sind nichts Besonderes. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verbuchte man das unter Rowdytum von Halbstarken. Das Besondere an der Wilmersdorfer Aktion – und deshalb ist sie dort bei einigen bis heute unvergessen – lag in dem Umstand, dass allzu einsichtig war, weshalb jegliche Ahndung der Missetat unterblieb. Die Eltern der Knaben wussten sie zu unterbinden. Wenn heute intensiv über sexuelle Übergriffe am Berliner Canisius-Kolleg vor dreißig Jahren und über ähnliche Vorfälle an anderen Schulen der katholischen Kirche in Deutschland – und anderswo – gesprochen wird, gerät unweigerlich der Zeitfaktor ins Zentrum der Fragen. Warum werden diese Fälle erst mit solcher Verspätung bekannt? Und müssen vielleicht wieder erst dreißig Jahre vergehen, ehe die Opfer von heute sich melden? Im Unterschied zu manchem Rowdytum von Jugendlichen geht das kriminelle Tun von Lehrern gegenüber Schutzbefohlenen eindeutig von den Erwachsenen aus, die eine Nähe ausnutzen, wie sie während des Schulunterrichts entstehen kann. Man spricht nicht zufällig vom pädagogischen Eros, der hervorragende Lehrer begeistere, sich hingebungsvoll ihren Schülern zu widmen. Dass der pädagogische Eros gar nichts zu tun hat mit pädophilen Übergriffen, sollte sich von selbst verstehen. Pädophile Lehrer gibt es nicht nur an katholischen Schulen, aber wenn sie dort auffällig werden, wenn gar diese Kriminellen Geistliche sind, ist der Skandal besonders groß. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Prediger gegen die Sündhaftigkeit der Welt ihre Lehren auch leben sollten, und zum anderen, dass die Autorität der Kirche selbst von denen ungern bezweifelt wird, die nicht an sie glauben. Denn ohne Instanzen mit Autorität geht es nicht in der Welt. Als die Jesuiten im Zuge der Gegenreformation in Deutschland mit der Gründung von Schulen dem Bildungsehrgeiz der Protestanten nacheiferten, taten sie dies auch in der Absicht, über die Kinder Zugang zu den dankbaren Eltern zu finden – und über diese wieder gesellschaftlichen Einfluss zu erlangen. Die Liste der Fälle, in denen ihnen das gelang, ist nicht kurz. Nach 1945 erwarben ihre Gymnasien, aber auch andere kirchliche Internate, sich rasch den Ruf, heimliche Eliteschmieden zu sein. Wer bei den besseren Leuten dazugehören wollte, schickte seine Kinder, wenn möglich, auf eine solche Schule. Das taten bald auch Protestanten. Bei der auch für die B-Prominenz bald gravierenden Doppelbelastung durch Beruf und gesellschaftliche Präsenz hoffte man so auch einen guten Teil der Erziehungsarbeit auf die kirchliche Einrichtung übertragen zu haben. So war in ihrem Umkreis früh zu beobachten, was man später Wohlstandsverwahrlosung nennen sollte. Während die katholische Kirche die derberen Einrichtungen zur Beschaffung des geistlichen Nachwuchses, die Konvikte, deren Zöglinge öffentliche Gymnasien besuchten, bald schloss, weil die Zahl der daraus hervorgehenden Priester ihren Erwartungen nicht mehr entsprach, hielt sie an ihren – dem Rufe nach – Eliteschulen fest, weil sie bei den Eltern Leute von gesellschaftlichem und politischem Gewicht vertreten wusste. Sexueller Missbrauch von Kindern, von Schutzbefohlenen zumal, ist ein Delikt, über das präzise das Strafgesetzbuch Auskunft gibt. Aber in den Fällen, in denen davon geredet wird, hat man auch schon von Lügen gehört, und nicht immer sind es die Beschuldigten, die lügen. Gewiss könnte und sollte man die Entscheidung darüber staatsanwaltlichen Ermittlungen überlassen, aber das bedeutet dann zunächst mit Sicherheit eine Ausweitung des Geredes, und die hat Prominenz nicht gern. Manch ein Schüler, der von hässlichen Dingen erfuhr oder sie gar erlebte, wird seine Eltern ungern davon in Kenntnis gesetzt haben, weil er wusste, dass seine Eltern ungern darauf reagieren würden – die spätere Karriere im Blick. In gewisser Hinsicht sind Kinder, die auf solche ostentativen Eliteschulen geschickt werden, mit ihresgleichen und den Lehrern so sehr allein gelassen, wie es an einer normalen, staatlichen Schule nicht möglich wäre. Eine kritische Öffentlichkeit ist schwer herstellbar. Der Anspruch der Kirche ist akzeptiert, denn niemand muss seine Kinder dorthin schicken. Das Leistungsprinzip scheint ausweislich der Schulabschlüsse anerkannt zu sein. Aber wie sieht das von den heranwachsenden Schülern her aus? Sie werden dort gute Lehrer erleben und solche, mit denen sie weniger glücklich sind. Wie andere anderswo auch. Aber in einer prononciert kirchlichen Schule mit gesellschaftlichem Ehrgeiz werden sie auch erleben, dass es dort um sie gar nicht geht. Der Mensch, sagt Kant, soll immer Zweck, darf niemals nur Mittel sein. Das ist auch bei Bildung und Erziehung zu beachten. Religion verträgt sich damit sehr wohl, gesellschaftlicher Ehrgeiz dagegen eher schlecht. Die Vermischung von beidem aber ist vollends verderblich.

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