Kein Guggenheim Lab für Berlin - Artenschutz für Kiez-Faschisten

Berlin, der Nabel der Welt. Und so perfekt für Image-Veranstaltungen. Oder? Nicht ganz. Denn wer wie BMW in Kreuzberg ein temporäres Stadtplanungslaboratorium eröffnen will, hat seine Rechnung ohne die lieben Linksfaschisten gemacht

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(picture alliance) Ein Entwurf des BMW Guggenheim Labs für Berlin-Kreuzberg – es hätte so schön werden können

Berlin liegt so ziemlich genau auf halber Stecke zwischen New York und Bombay, weshalb die Stadt allen Grund dazu hat, sich als Nabel der Welt zu fühlen. Oder auch als mittlerer sozialer Brennpunkt. Vielleicht sogar als Metropole der Mittelmäßigkeit, was zugegebenermaßen als touristische Werbebotschaft nicht ganz überzeugend klingt, aber nüchtern betrachtet durchaus reizvoll ist – immerhin herrscht ja in Deutschland (und damit gefälligst auch im Rest der Welt) eine tiefe Sehnsucht nach Maß und Mitte.

Gemäßigte Mieten für mäßig erfolgreiche Künstler sind mithin das Maß aller Dinge, wenn es darum geht, den Standort Berlin im Bewusstsein der kreativen Subkultur-Elite (süddeutsche Hausbesetzer, hessische Gentrifizierungs-Philosophen sowie Vertreter ähnlicher Stilrichtungen) fest zu verankern.

Epizentrum dieser weltoffenen, vor Fantasie nur so sprühenden Haste-mal-nen-Euro-Urbanität ist bekanntlich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, und genau dort, auf einer Freifläche an der Spree, sollte dieser Tage ein temporäres Stadtplanungslaboratorium eröffnen, das zuvor in New York seinen Standort hatte und später nach Bombay weiterziehen wird. Das Ganze nennt sich „BMW Guggenheim Lab“, wobei dem Projekt jetzt insbesondere die ersten drei Buchstaben zum Verhängnis wurden. Denn hinter dem Akronym verbirgt sich der Sponsor der Aktion, und zwar bedauerlicherweise nicht in Form der „Berliner Miethai- und Wohnungswuchergegner“, sondern der Bayerischen Motorenwerke.

Mit einem heiligen Eifer, den man sonst nur noch von Anhängern endzeitlicher Sekten kennt, machte die bewährte Verhinderungs-Phalanx aus örtlichen Kiez-Kommunisten und ultraspießigen Milieu-Autonomen Front gegen die Pläne eines temporären Workshops. Wer sich vom argumentativen Niveau der Lab-Gegner ein Bild machen möchte, dem sei auf Youtube der Beitrag „1. BMW-Guggenheim-Veranstaltung – erste Proteste“ empfohlen, auf dem zu sehen ist, wie ein Guggenheim-Mitarbeiter vom wütenden Mob niedergeschrien wird.

Der Mann hatte bei dieser Gelegenheit übrigens nichts anderes im Sinn, als der Nachbarschaft die Pläne für das Projekt zu präsentieren. Der einzige Teilnehmer im Publikum, der bereit scheint, sich auf eine Diskussion einzulassen, wird lauthals von einer Frau mit den Worten angeherrscht: „Hier passiert Verdrängung! Und dann bist auch du weg, du als Künstler mit deinem Atelier, wofür du jetzt noch wenig bezahlst.“

Die sich selbst als „undogmatisch“ bezeichnende Online-Zeitung „Scharf links“ kommentiert das Vorhaben ganz weltläufig wie folgt: „Das sogenannte Lab, eine miese Image-Veranstaltung des konservativen BMW-Konzerns, bedeutet für den Kiez noch weiter steigende Mieten sowie die faktische Privatisierung des Grundstückes und wurde natürlich ohne jede Beteiligung der AnwohnerInnen geplant.“

Dazu sollte vielleicht festgehalten werden, dass das Forschungslabor auf Durchreise, an dessen Mitarbeit die Anwohner ausdrücklich eingeladen waren, keineswegs in einem öffentlichen Park errichtet werden sollte, sondern auf einem brachliegenden Privatareal, das dem Guggenheim-Projekt mit Unterstützung der Stadt zur Verfügung gestellt worden war, weil diese sich neue Impulse und eine Resonanz weit über Landesgrenzen hinaus erhofft hatte; zur Eröffnung des Labs in New York war im vergangenen Sommer sogar eigens die damalige Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, angereist.

Aber so ist das eben im Kreuzberg von Christian Ströbele, dem Sonnenkönig der sozialen (Selbst-)Gerechtigkeit: Wenn es um Artenschutz geht, hat der Rechtsstaat allemal das Nachsehen. Nachdem nun das Landeskriminalamt vor Vandalismus und Angriffen auf das Lab-Bauwerk warnte, zogen die Guggenheim-Leute es vor, das Weite zu suchen. „Diese Entscheidung wurde in Folge von Drohungen gegen das Projekt getroffen. Die Solomon R. Guggenheim Foundation bedauert, diesen Entschluss treffen zu müssen, da es insbesondere ein erklärtes Ziel des BMW Guggenheim Lab ist, eine Plattform für öffentliche Diskussionen zu entwickeln, im Rahmen derer unterschiedlichste Standpunkte Platz finden. Wir befürworten eine lebhafte Diskussionskultur, können aber das Risiko gewalttätiger Übergriffe nicht eingehen, wie sie von einer kleinen Minderheit angedroht wurden“, heißt es in einer Mitteilung der Initiatoren.

Immerhin ist auch das ein interessantes Forschungsergebnis für die Macher des Stadtplanungs-Labors: Wer in Kreuzberg etwas verändern will (oder auch nur wagt, daran zu denken), kann sich auf den erbitterten Widerstand von ein paar Linksautonomen gefasst machen, die ihre Form von Besitzstandswahrung auf Kosten der Allgemeinheit und gerne auch mal mit Gewalt durchsetzen.

Wie schreibt Christian Ströbele auf seiner Homepage doch so schön über Kreuzberg: „Einer der spannendsten Orte der Republik! Hier findet alljährlich die revolutionäre Erste-Mai-Demo statt, gibt es die besten Dönerläden der Welt und noch echte Punks.“ Vor allem aber gibt es die borniertesten Linksfaschisten im ganzen Land.

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