Massendemos - Warum Proteste weltweit gären

Aufstände in der Ukraine, in Thailand, Venezuela oder der Türkei: Weltweit proben Menschen den Widerstand. Ist das ein Trend oder nur unsere Wahrnehmung? Fachleute sind sich sicher, dass man Protestwellen voraussagen kann

Protest als Mittel der Politik: Eine Aktivistin demonstriert in Istanbul (Türkei) gegen die Politik von Erdogan
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Jan Vollmer ist freier Journalist in Berlin.

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Über den arabischen Frühling heißt es, er sei ausgebrochen, weil der tunesische Gemüsehändler Mohammed Bouazizi sich 2010 selbst verbrannte. Ursprung der Straßenschlachten in Istanbul war Erdogans neues Einkaufszentrum. Die Kiewer Proteste entzündeten sich an der Weigerung der ukrainischen Regierung, ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterschreiben. Auslöser für die Massenproteste in Thailand unter dem Motto „Shut Down Bangkok“ war der Entwurf für ein neues Amnestiegesetz. Die aktuellen Unruhen in Venezuela begannen mit der versuchten Vergewaltigung einer jungen Frau.

Die Gründe, warum ein Proteststurm durch ein Land fegt, sind vielfältig. Klar ist aber auch, dass nicht allein ein neuer Shopping-Tempel in Istanbul die schwersten Krawalle seit Jahren verursachen kann. Genauso wie – so traurig das ist – eine versuchte Vergewaltigung in Südamerika normalerweise kein Grund für einen Aufstand ist.

Hinter der aktuellen Protestwelle – allein 2014 waren es jetzt schon die Ukraine, Venezuela, Thailand und wieder die Türkei – tauchen zwei Fragen auf. Erstens, sind Proteste einfach häufiger geworden? Und zweitens, unabhängig davon, ob es nun nur eine Protestwelle oder ein Protest-Trend ist: Was ist der Grund für das aktuelle Unruhe-Phänomen?

Mehr Proteste oder mehr Berichterstattung?
 


Die Weltkarte, die der amerikanische Politikwissenschaftler John Beieler programmiert hat, zeigt jede größere bekannte Unruhe der letzten 35 Jahre. Während die Monate und Jahre im Zeitraffer vorbeiziehen, leuchtet für jeden Protest ein gelber Punkt auf. Die polnischen Proteste in den 80ern flackern auf, die Demonstrationen gegen die Apartheid in Südafrika, der Fall der Berliner Mauer, der G8-Gipfel, Occupy und irgendwann das Lichtermeer des arabischen Frühlings.

Aber da beginnt auch schon das Problem: Die Karte basiert auf einer Datenbank von Medienberichten – der Global Database of Events, Language and Tone (GDELT) – und damit auf dem, was wir in der westlichen Welt an Protesten zur Kenntnis genommen haben. Wo nichts berichtet wurde, flackert auch nichts auf. „Es ist klar, dass jetzt mehr über Proteste auf der Welt gesprochen wird. Die Frage ist nur, ob das daran liegt, dass es jetzt mehr Protest gibt oder mehr Berichterstattung?“, fragt Kalev Leeratu, der Kommunikationswissenschaftler, der für die Georgetown University die GDELT-Datenbank verwaltet. „Vor 200 Jahren hätte die Öffentlichkeit wohl wenig vom syrischen Bürgerkrieg mitbekommen. Heute sehen wir die Bilder und Videos des Krieges quasi live.“

Obwohl es so aussieht, lässt sich anhand der immer stärker flackernden Karte keine Zunahme von Protest feststellen. „Wenn man die Zahl der Proteste mit der absoluten Menge an Medienberichten über einen Zeitraum in Relation setzt,“ so der Wissenschaftler und Programmierer der Karte, John Beieler, „lässt sich kein deutlicher Anstieg erkennen. Dafür gibt es aber Spitzen im prozentualen Anteil der Proteste an Medienberichten.“ Das deutet doch eher auf Protestwellen als auf einen Protest-Trend hin.

Nahrungsmittelpreis genau am Siedepunkt


Für diese statistischen Spitzen aber hat Yaneer Bar-Yam, Gründer des New England Complex Systems Institute, die einfachste aller Erklärungen gefunden: Hunger. Um die ökonomischen Zusammenhänge der Proteste zu verstehen, hat er den Lebensmittelpreis-Index der Vereinten Nationen mit Protestdaten der letzten zehn Jahre abgeglichen. „Unsere Analyse legt nahe, dass Aufruhr sehr viel wahrscheinlicher wird, sobald der Lebensmittelpreis-Index der UN 210 Zähler überschreitet,“ erklärt Yaneer Bar-Yam. Dieser Index misst die Preise eines Korbes international gehandelter Agrarrohstoffe.

„Lebensmittel werden bei 210 Punkten zu einem wichtigen, wenn auch nicht dem einzigen, Faktor sozialer Unruhen. Wenn der Index diese Zahl allerdings bei weitem übersteigt, spielen andere Faktoren kaum noch eine Rolle.“ Während der letzten 18 Monate lag der Index immer in der Nähe dieser 210 Punkte. „Genau am Siedepunkt“ , sagt der Wissenschaftler. Auch wenn Lebensmittelspekulanten und die Mais-zu Ethanol-Industrie in linken Kreisen nicht sehr beliebt sind – nach Yaneer Bar-Yam sind sie die tatkräftigsten Unterstützer der Umstürze und Unruhen in diesem Zeitraum.

Anhand von Bar-Yams Statistiken lassen sich sogar Aussagen über die nächsten möglichen Proteste treffen: „Seit letztem Sommer haben die Preise von Mais und Weizen abgenommen, auch wenn sich das noch nicht in den allgemeinen Lebensmittelpreisen niedergeschlagen hat. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Mais-zu Ethanol-Verwertung abnimmt und sich die Märkte stabilisieren. Falls nicht, erwarten wir den nächsten Höhepunkt der Lebensmittelpreise in rund einem Jahr,“ sagt Bar-Yam.

Auch wenn es dafür bisher keine statistischen Anzeichen gibt: Die Dynamik der Proteste scheint sich in den letzten Jahren verändert zu haben. Professor Dieter Rucht, der in Berlin gerade an der Humboldt Universität ein neues Institut für Protest- und Bewegungsforschung aufbaut, nennt diese Dynamik „Neigung“.

Er sieht dafür vor allem drei Gründe. Erstens ein steigendes Bildungsniveau: „Durch Bildung steigt das Selbstbewusstsein der Menschen dem Staat gegenüber.“ Die protestierenden Gruppen würden zudem immer professioneller. Sie wüssten, wie sie Presseerklärungen abgeben können, wie sie die entsprechenden Bilder produzieren und neue Medien nutzen, erklärt der Forscher.

Protestkultur bei den Privilegierten angekommen


Durch diese neue Techniken hat sich auch das Risiko der Protestierenden verringert. Repressionsmaßnahmen, wie beispielsweise Verhaftungen, werden unmittelbar bekannt. „Früher waren diese Informationen nur der lokalen Öffentlichkeit verfügbar. Heute sind sie weltweit abrufbar,“ erklärt Rucht. Dafür muss es nicht einmal zu Verhaftungen kommen – allein das Bild des New Yorker Polizisten, der einer passiven Demonstrantin Pfefferspray ins Gesicht sprüht, verbreitete sich im Netz wie ein Lauffeuer.

Als dritten Grund nennt der Forscher Imitationseffekte und Transfers, die sich aus der besseren Kommunikation ergeben: „Proteste vervielfältigen sich heute schneller. Die Occupy-Bewegung in New York basierte auf der Besetzung des Tahrir-Platzes und führte selbst zu einer Welle von Protesten in westlichen Ländern.“ Der Widerstand habe sich mittlerweile aber auch als Interessenvertretung normalisiert, sagt Dieter Rucht. „Protest ist jetzt kein Aufreger mehr, Demonstranten werden nicht mehr als uninformierte Systemveränderer wahrgenommen.“ Auch privilegierte Gruppen wie Zahnärzte, Staatsanwälte und Polizisten würden jetzt auf die Straße gehen.

Natürlich befeuern sich Ruchts drei Gründe – Bildung, Kommunikation und Imitation – gegenseitig. Es sind nämlich nicht nur diese Bilder, die den Protest anheizen, sondern auch der gelernte Umgang mit ihnen.

Geschäftsmodell: Meta-Aktivismus


In den letzten Jahren haben sich neben den Aktivisten, die die Proteste vor Ort organisieren und vorantreiben, auch Gruppen gegründet, die, so wie Rucht, Protest erforschen oder grundsätzlich unterstützen. Maya Indira Ganesh arbeitet für eine solche Gruppe – die in Berlin ansässige Tactical Technology Collective. Zusammen mit rund 30 anderen hauptberuflichen Meta-Aktivisten berät sie Kampagnenführer: Wie setze ich Bilder richtig ein, um meine Ziele zu erreichen? Wie vermittle ich die Botschaften der Bewegung nach außen, wie kommuniziere ich sicher und verschlüsselt nach innen?

Auf die Frage, wie Proteste sich in den letzten Jahren verändert haben, antwortet Ganesh: „Stellen wir uns doch mal vor, die französische Revolution hätte einen Twitter-Account gehabt.“ Die neuen Medien seien ein mächtiger Faktor für die Proteste, aber nicht deren Grund: In Ägypten sei es der Aufruf einer jungen Frau über soziale Medien gewesen, der die ersten Demonstranten auf den Tahrir-Platz rief. Als der ehemalige Präsident Mubarak dann aber gerade dieses vermeintlich umstürzlerische Instrument Internet abschaltete, kamen die Massen erst wirklich ins Rollen. Um einfach nur zu gucken, was da passierte, oder um zu demonstrieren – das Betätigen des Internet-Ausknopfes brachte in Kairo weitere Menschen auf die Straße.

Die Selbstverbrennung des Lebensmittelhändlers Mohammed Boazizi mag als Auslöser für eine der folgenreichsten Protestwellen der arabischen Welt zwar willkürlich wirken. Doch darin stecken fast alle Aspekte, die man braucht, um die Unruhen zwischen Kairo und dem Euromaidan zu erklären: Hunger, ein neues Selbstverständnis einer jungen Generation, neue Kommunikationsmittel und Imitationseffekte.

 

 

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