Internationale Presseschau - „Frankreich bekommt einen republikanischen Monarchen“

In der ersten Runde der französischen Parlamentswahlen ist die Bewegung von Präsident Emmanuel Macron stärkste Kraft geworden. Da die Opposition starke Verluste hinnehmen musste, wird Macron eine bisher ungekannte Machtfülle erleben, schreiben internationale Medien. Die aber bringe auch eine große Verantwortung mit sich

Die Bewunderung für Emmanuel Macron nimmt mitunter religiöse Züge an / picture alliance

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Hier finden Sie Nachrichten und Berichte der Print- und Onlineredaktion zu außergewöhnlichen Ereignissen.

So erreichen Sie Cicero-Redaktion:

Le Monde (Frankreich):

„Die Bewegung „En marche!“, die erst seit 16 Monaten besteht, ist dabei, zur stärksten Kraft in Frankreich zu werden, zumindest in der Nationalversammlung. Sie hat dort so gut wie keine Opposition: Die Konservativen wiegen nur halb so schwer wie zuvor, die Sozialisten sind dem Tode geweiht, der Front National und die extrem-linke „La France insoumise“ mussten im Vergleich zur Präsidentschaftswahl einen starken Rückgang verzeichnen.“

Le Figaro:

„Was ist geschehen, das zu einer derartigen Flutwellle geführt hat? (…) Zunächst hat er keine Zeit verloren. (…) Und vor allem hat Macron demonstriert, dass man allein mit einer Faust und 140 Zeichen viel bewegen kann. Das ist ein Talent, das nicht jedem gegeben ist. Bei einer Pressekonferenz mit Wladimir Putin, einer im Fernsehen übertragenen Rede und einem Tweet, nachdem Donald Trump aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen war, ist Macron hervorgestochen.“

El Pais (Spanien):

„Der Sieg von Macron bei der jüngsten Präsidentenwahl konnte noch auf eine ganze Reihe von Umständen zurückgeführt werden, darunter auch auf die Schwäche seiner Rivalen. Der unanfechtbare Triumph von „La République en Marche“ bei der ersten Runde der Parlamentswahl beweist nun aber, dass Macron kein zufälliger Präsident ist. Er ist der Führer einer neuen politische Strömung, die sich die Franzosen wünschen. Das Experiment Macron ist das Experiment eines ganzen Landes: Eine Pro-Europa-Welle mit großer Unterstützung.“

De Tijd (Belgien):

„Wenn dieses Ergebnis in der zweiten Wahlrunde bestätigt wird, ist für Präsident Macron der Weg zur Durchsetzung seiner Reformen so weit offen wie ein Boulevard. Selbst wenn die Opposition in den eigenen Reihen zunehmen sollte, wäre seine Mehrheit groß genug, um seine Politik umzusetzen. Mit anderen Worten: Der Präsident hat keine Entschuldigung mehr, wenn er seine Versprechen nicht verwirklicht. Das ist eine große Verantwortung, denn darauf richten sich die Hoffnungen seiner Wähler.“

Tages-Anzeiger (Schweiz):

„Frankreich bekommt einen ‚republikanischen Monarchen‘ samt einer Machtfülle, wie dies das Land zuletzt unter der Regentschaft von Charles de Gaulle erlebte. Die künftigen Abgeordneten von En Marche verdanken ihre Mandate nicht eigenen Verdiensten. Sie wurden – ohne innerparteiliche Demokratie – von Macron-treuen Parteikadern aufgestellt. Und sie wurden gewählt, weil auf den Plakaten neben ihnen das Konterfei des Präsidenten prangte.“

Die Presse (Österreich):

„Macron hat viel aus Fehlern Hollandes und Sarkozys gelernt. Er weiß daher, dass jede gescheiterte Reform die Chancen für weitere Änderungen vereiteln kann. Der günstige Wind wird zudem nicht ewig währen. Wenn er jetzt eine so große Mehrheit bekommt, hat er aber keine Entschuldigung, wenn er seinen Plan nicht Punkt für Punkt umsetzt.“

Heidemarie Heim | Mo, 12. Juni 2017 - 11:35

Wie gewagt dieses ist und im Ergebnis endet im Grosslabor Frankreich, darüber kann nur spekuliert
werden. Die eher verhaltenen Kommentare aus Belgien,Austria oder der Schweiz zu derartigen Krönungszeremonien,läßt zumindest ahnen, welche Herkulesaufgaben vor dem jüngsten aller Monarchen liegen. Hat er doch ein Volk von Untertanen, die schon mal zu Revolutionen neigen
und im Gegensatz zu z.B. den Deutschen,sich nicht scheuen,bei mangelndem Erfolg den gesamten Politkörper einen Kopf kürzer zu machen. So gesehen,eigentlich beneidenswert liebe Franzosen.
"Vive la France" MfG

Dr. Roland Mock | Mo, 12. Juni 2017 - 11:41

Macron hat gewonnen, weil die anderen Kandidaten schlicht nicht wählbar waren: Hammon und Melenchon: linke Spinner. Le Pen: das Wirtschasftsprogramm eine Blaupause der Vorgenannten. Fillon: Hat sich mit seiner Afföre selbst zerlegt. Mal schaun, ob Macron aus seiner Machtfülle etwas macht und die notwendigen Reformen angeht. Wenn nicht: wie gehabt, Frankreich abgehängt. Wenn ja: dann werden wieder Autos brennen und der Mob marschiert auf der Steaße. Wenn Macron sich davon dann nicht beeinflussen läßt und eisern durchzieht: Chapeau!

Ob Fillon wirklich in einer Affäre versponnen war, bleibt offen. Vielleicht wurde diese Affäre auch gesponnen, um ihn loszuwerden. Schließlich war Fillon auch nicht ohne Gnade, als es um Parteikollegen ging, wenn diese sich Verfehlungen erlaubten. Die fortschreitende Islamisierung Frankreichs wird Macron nicht stoppen (wollen)- ganz im Gegenteil: Macron gibt sich gern als Islamversteher; brennende Autos, verletzte oder tote Polizisten sind also vorprogrammiert, der linksextreme Mob wird weiterhin sein Unwesen treiben können - in den Vororten von Paris und Marseille schon lange obligatorisch. Was Menschen antreibt, eine derart undurchsichtige Person zu wählen oder gar zu unterstützen, entzieht sich meinem Verstand.

Undurchsichtig? Vielleicht. Auch, daß Macron die Überfremdung des Landes nicht stoppen wird, sehe ich genauso. Aber wo war - nach Zerlegung/Selbstzerlegung Fillons- die Alternative? Und kennen wir das Problem nicht aus Deutschland? "Merkel muß weg". Ja muß sie. Aber wer soll kommen? Schulz? Oder in irgendwelchen Koalitionen Wagenknecht, Göring- Nochwas, Gauland? Mir graust es.

Bernd Fischer | Mo, 12. Juni 2017 - 11:41

beschreibt die Lage und die Art wie Macron und sein Parteiapparat so tickt, zutreffend.

Als erstes sollte er den "demokratischen" Ausnahmezustand verlängern, denn nur so kann er die Gewerkschaften klein halten
( Versammlungsverbot ) , bei der Umsetzung seiner Reformen. Die 51% die Macron nicht gewählt haben, werden in in der Endkonsequenz gegen ihn ( auf der Straße ) sein.

Renate Brunner | Mo, 12. Juni 2017 - 12:49

Na dann viel Glück der "großen Nation".
Bei der Streikfreudigkeit der Franzosen, bin ich schon auf die Umsetzung der Reformen gespannt.
Nach dem Brexit ist auch die Sperrminorität der
EU-Nordländer weg, nun können dann die EU-Südländer ihre Vorstellungen durchsetzen.
Ob das nicht sehr teuer werden wird?
Wahrscheinlich schon.

Margrit Sterer | Mo, 12. Juni 2017 - 12:50

Wie lange der neue Napoleon machen kann, was er möchte.
Er will die EU im Griff haben mit seiner neuen Freundin Merkel
Er will Frankreich umbauen nach deutschem Muster, also Niedriglöhne etc.
Da die Franzosen im Gegensatz zu den Deutscheh, eine Revolutionskultur haben, dürfte es bals zu Krawallen kommen.

Dimitri Gales | Mo, 12. Juni 2017 - 15:25

Macron muss sich erst bewähren, den Lorbeerkranz erst einmal verdienen, als Politiker hat er noch wenig wirkliche Erfahrung. Und die Problemrealitäten im Land werden sich nicht verringern, nur weil ein neuer, junger Präsident gewählt worden ist.
Für die Franzosen ist dieser Wechsel wichtig. Sie haben genug von dem ewigen "weiter so", mit dem regelmässigen Vertrösten auf ein besseres Morgen, und das seit über 40 Jahren, genug von den alteingesessenen Parteien. Es ist überhaupt erstaunlich, wie die Franzosen das bisher aushalten konnten. Die alte, morsche Parteienlandschaft ist zerstört, daran ist nicht Macron schuld, er hat lediglich die Gunst der Stunde erkannt - allein das machte ihn zum Gewinner.
Die Macron-Regierung wird sicherlich einiges in Frankreich verändern, aber die soziale Spaltung, die schon der Präsident Chirac anprangerte, wird er nicht bewältigen können; sie wird sich wohl noch vertiefen, das Problem wird sich verschärfen.

Harro Meyer | Mo, 12. Juni 2017 - 16:03

Hinter ihm steht der Glaube von Millionen Franzosen an eine bessere Zukunft, die mystische Hoffnung an eine neue Grande Nation. Das ist kollektive Hysterie im Gewand einer politischen Religion. Die christlichen konservativen Parteien schätzen als autoritär geführte Honoratiorenparteien keine spontane politische Aktivität ihrer Anhänger. Diese folgen meist passiv und gehorsam ihren Führern, auch wenn deren hysterische Entscheidungen im Wahn enden. Sozialisten und Gewerkschaftler haben mit ihrer ängstlichen und harten Zentralisierung den Eigenwillen einzelner Gruppen und Köpfe längst gebrochen. Was bleibt, ist die Hoffnung auf einen Messias, zu dem man gläubig aufschauen kann.
Hitler lässt grüßen. Er hatte 1933 verstanden, was den Deutschen fehlte: der Glaube an die Zukunft. Aber diese ließen sich von einem Tyrannen mit Worthülsen abspeisen. Hoffen wir, dass das laizistische Frankreich einen besseren Weg findet und sich nicht mit einem Konkordat und der Verbeamtung der Popen abfindet.

Prima und so klug Ihr Abgleich lieber Herr Meyer.

Na gut, ich sag dazu nur: Pol Pot, Idi Amin, Stalin, Korea-Kim mit der schicken Frisur etc.pp, lassen grüßen.
Suchen Sie sich einfach einen aus für neben Hitler.

Till Höhler | Mo, 12. Juni 2017 - 16:04

Als kleine Richtigstellung für den Artikel und die Vergleiche zu "Neomonarchien" in den Kommentaren möchte ich an dieser Stelle gerne den Begriff der Monarchie definieren.

Eine hohe Machtkonzentration im Amt des Präsidenten hat in keinster Weise mit Monarchie zu tun. Im Gegenteil ist dies soagr recht üblich für Präsidialdemkratien.

Wikipedia definiert Monarchie als:
Der Begriff Monarchie (altgr. μοναρχία monarchía ‚Alleinherrschaft‘, aus μόνος monos ‚ein‘ und ἀρχεῖν archein ‚herrschen‘) bezeichnet eine Staats- bzw. Herrschaftsform, bei der in der Regel ein Adliger das Amt des Staatsoberhaupts durch Vererbung oder Wahl auf Lebenszeit oder bis zu seiner Abdankung innehat.

Da her Macron demokratisch gewählt wurde und sein Amt nur auf konstitutionell begrenzte Zeit inne hat (5 Jahre), kann man hier kaum von einer "Neo-" Monarchie sprechen.

Heidemarie Heim | Di, 13. Juni 2017 - 09:17

In reply to by Till Höhler

Geehrter Herr Höhler! Natürlich haben Sie recht, was meinen " missbräuchlichen"
Begriff der Monarchie sowie die Erhebung des Herrn Macron in den Adelsstand betrifft.Es ist wie Sie bemerkten bestenfalls ein "Vergleich".Aber gerade für Frankreich mit seiner Geschichte,seinen prächtigen Schlössern und Palästen die heute noch als Amtssitze fungieren,sowie das in Anlehnung an eine Krönung abgebildete Foto beflügelten halt meine Fantasie. Ich übernehme damit im übertragenen Sinn auch gern die Rolle des Hofnarren, der so weit mir bekannt, der
Einzige war, der den Herrscher auf die Schippe nehmen durfte:)
Schönen Tag Ihnen,dem Forum und den Fleissigen in der Redaktion! MfG

Mathias Trostdorf | Mo, 12. Juni 2017 - 17:56

"Er ist der Führer einer neuen politische Strömung, die sich die Franzosen wünschen."

Konkret sind es bei der Wahlbeteiligung (die ja auf alles andere als Begeisterung schliessen läßt) etwa 15-20 Prozent der Franzosen, die sich diesen "Führer der neuen politischen Strömung" wünschen. Und wenn er jetzt nicht liefert, werdens nächstes Mal wohl noch weniger sein.

Volker Weller | Di, 13. Juni 2017 - 00:52

Ich vermisse Ihre fundierten politischen Kommentare!
Keiner konnte die momentane politische Situation so artikulieren wie Sie!
Ich hoffe, Sie haben nicht aufgegeben und teilen Ihre Meinung weiter mit!

Jürgen Althoff | Mi, 14. Juni 2017 - 01:43

Emanuel Macron siegte mit 32 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 48,7%. Theresa May erlebte ein Desaster mit 42,5% bei einer Wahlbeiteiligung von 68,7%.
Stört sich bei CICERO und seinen Lesern eigentlich niemand an dieser aus meiner Sicht grotesken Betrachtungsweise?

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