Ein Plädoyer für Europa - „Eine erstaunliche Kontinuität der Gestaltungsprinzipien“

Europa ist weniger ein Kontinent denn eine kulturelle Lebensform – und deren Mission ist noch lange nicht erfüllt. Christoph Stölzls Liebeserklärung an die europäische Kultur erinnert an Europas „unermesslichen Reichtum an Ausdrucksformen“

„Die europäische Seele ist vielsprachig“ / Illustration: Martin Haake
„Die europäische Seele ist vielsprachig“ / Illustration: Martin Haake

Autoreninfo

Christoph Stölzl ist Historiker. Für die Bundesregierung leitete Stölzl in den neunziger Jahren die Neuschaffung der zeitgeschichtlichen Gedenkstätten „ Deutsch-russisches Museum Berlin-Karlshorst“ und „Alliiertenmuseum“. Er ist Präsident der Musikhochschule Franz Liszt.

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Eine Lobeshymne auf Europa? Das mag in Zeiten des Brexit anachronistisch anmuten. Aber gerade jetzt braucht es Europäer, die daran erinnern, was diesen Kontinent lebenswert macht und warum wir die Europäische Union brauchen. Bereits vor zwei Jahren veröffentlichte Cicero in seinem Jubiläumstitel die leidenschaftlichen Plädoyers zehn namhafter Autoren. Diese Texte aus unserem Archiv möchten wir in den kommenden zwei Wochen mit Ihnen teilen.
Für den sechsten Teil unserer Europareihe schreibt der Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, Christoph Stölzl,
über Kultur in Europa.

„Wir sind schon durch ein Dutzend Fürsten­thümer, durch ein halbes Dutzend Großherzogthümer und durch ein paar Königreiche gelaufen, und das in der größten Übereilung in einem halben Tag.“ So ruft es in Georg Büchners „Leonce und Lena“ der Hofnarr Valerio seinem Prinzen zu, mit dem er auf romantische Italienreise ausgezogen ist. Souveränität im Kleinen ist das europäische Urprinzip. Nicht Flächenstaat und Zentralismus, sondern Pluralismus vieler Majestäten machte und macht den Reichtum des Kontinents aus, der nur dem Namen nach einer ist.

Variationen der Künste auf den verschiedensten Feldern der Humanität


Hätten die beiden Wanderer in Büchners Lustspiel in allen Staaten, die sie so flugs durchquerten, einen Abstecher in die Theater und Opernhäuser, Philharmonien und Museen, Schlösser und Parks, Kathedralen und Kapellen gemacht – sie wären bis heute nicht beim Happy End des Dramas angekommen. Allein in Deutschland öffnen sich 6250 Museen jährlich 106 Millionen Besuchern, und um die Musikfreunde wetteifern 132 Symphonieorchester und 82 Opernhäuser. Aber was sollen Statistiken: Mutatis mutandis sieht es bei unseren Nachbarn ähnlich aus. Wer Europa durchwandert, der erlebt einen unermesslichen Reichtum an Ausdrucksformen, an Variationen der Künste auf den verschiedensten Feldern der Humanität. Elementar ist die Polyfonie der Kommunikation: Europas Menschen und also auch Kulturen sprechen viele Sprachen und Dialekte. Die europäische Seele ist vielsprachig, und sie fühlt und erlebt sich selbst so.

Eine kulturelle Lebensform


Das alles zusammen nennen wir „Kultur“, und nur Puristen mokieren sich über die Ungenauigkeit dieses Begriffs, der das Abstrakte wie die Kunst der Fuge wie das Sinnliche der Kochkunst umgreifen kann. Seit die antiken Denker Europa zu definieren begannen, fanden sie, es handle sich vor allem um eine kulturelle Lebensform. Sie hat bis heute eine erstaunliche Kontinuität der Schönheitsideale und Gestaltungsprinzipien bewahrt. Sie ist seit drei Jahrtausenden in einem unendlichen Selbstgespräch über das Verhältnis von Gut und Böse, von Schön und Hässlich. Sie hat aus drei radikal verschiedenen Weltentwürfen, dem griechisch-individualistischen, dem römisch-rechtlichen und dem jüdisch-christlichen der Nächstenliebe eine Synthese versucht, die nie vollständig gelungen ist und darum als Vor-Wurf ewig lebendig bleibt.

Die europäische Doppelformel


Wie sieht es mit der Zukunft aus? Nach Befunden der Uno lebten im Jahre 1900 in Europa 21 Prozent der Weltbevölkerung; heute sind es weniger als 12 Prozent, und am Ende unseres Jahrhunderts werden es den Schätzungen zufolge weniger als 4 Prozent sein. Wird Europa zu einer quantité négligeable der Menschheitsgeschichte? Dazu wird es nicht kommen. Denn die Mission Europas ist noch lange nicht erfüllt. Die europäische Doppelformel von forschendem, formendem Menschengeist und forderndem Menschenrecht ist immer noch auf ihrem Weg rund um den Globus – selbst verschuldete Rückschläge inbegriffen. Aber es gibt für uns Europäer keine Alternative dazu. Wer das Goethe’sche „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ über Bord wirft und Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Freiheit des Individuums garantiert, sich in allen Formen Gehör zu verschaffen in der Welt, der ist schon halb verloren.

Gerdi Franke | Di, 12. Juli 2016 - 10:53

Wundert mich. Gerade jetzt ist man doch in mehreren Parteien dabei, Deutschland und auch Europa jegliche "Leitkultur" abzusprechen.

Karola Schramm | Di, 12. Juli 2016 - 10:56

Natürlich ist Europa schön, natürlich hat es Vielfalt, die nicht zerstört werden darf. Das wissen doch auch all die, die sich gegen diese EU wehren und sie so nicht wollen, weil diese EU diese Errungenschaften zerstört.
Wir werden, wenn TTIP in Kraft tritt, nicht mehr diese vielen schönen Opernhäuser, Musikstätten und kulturelle Vielfalt haben, weil andere mitmischen wollen in Form von Wettbewerb und Konkurrenz. Die Subventionen, auf die viele Opernhäuser, Schauspielhäuser etc. angewiesen sind, wird es dann nicht mehr geben. Neutrale staatliche Kunstförderung wird verboten und reiche Privatleute übernehmen das Zepter. Die Vielfalt der Kunst wird ausgedünnt bis auf einige Wenige, die sich natürlich auch rentieren müssen. Spielen sie kein Geld ein, ist Schluss mit Kunst. Wer aber kann sich, bei hoher Arbeitslosigkeit dann noch eine Karte oder Abonnement kaufen ?
Es ist schade, das Stölzl als Historiker und Kulturmanager und Präsident einer Musikhochschule diese Probleme nicht sieht.

Ich bin mir nicht sicher, ob Herr Stölzl die von Ihnen angesprochenen Probleme nicht sieht, er betont wohl nur das historisch gewonnen und kulturell erungene.
Durch die globalisierte Neuzeit lassen sich allerdings wohl Entwicklungen nicht aufhalten. Ökonomische Interessen sind nicht erst seit seit Marx als Problem erkannt worden und müssen gelößt werden. Kultur, gerade in seiner Vielfallt, war schon immer ein Ereignis für Privilegierte. Ob und wie sie sich als "Massenphänomen" entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Joachim Walter | Di, 12. Juli 2016 - 11:17

Wunderbar beschrieben, was da mit Europa (nicht zu verwechseln mit der EU!) auf dem Spiel steht, und derzeit leichtfertig einer Utopie geopfert wird: der Utopie, dieses Europa könnte die Probleme der Überbevölkerung und gesellschaftlichen Verweigerung einer Weiterentwicklung Arabiens und Afrikas dadurch lösen, jedem der europäische Boden betritt die gleichen Lebensbedingungen zuzubilligen, ohne, daß diese auf absehbare Zeit dazu einen nennenswerten Beitrag leisten würden, oder sich wertemässig auch nur annähernd anzupassen bereit wären.

Was wird wohl von den 6250 Museen, 132 Symphonieorchestern und 82 Opernhäusern in 50 Jahren bei einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit übrig geblieben sein?

Ein Blick in den Libanon kann da die Augen öffnen.

Wolfgang Tröbner | Di, 12. Juli 2016 - 11:19

Ich stimme Ihnen zu, dass Europa kulturelle Höchstleistungen hervorgebracht hat, auf die wir Europäer zu Recht stolz sein dürfen. Was das allerdings mit der EU zu tun haben soll, erschliesst sich mir aus Ihrem Artikel nicht ganz. Die EU in ihrer heutigen Form gibt es erst wenige Jahre, die Hochkultur Europas aber schon seit Tausenden von Jahren. Oder wollen Sie mir erzählen, dass Leute wie Juncker, Schulz oder auch Merkel etwas zur Kultur Europas beigetragen haben? Wenn die EU einschließlich DE sich nun daran machen, mit ihrer verantwortungslosen Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik Europa und damit die europäische Kultur zu zerstören, stehen wir Bürger in der Verantwortung, Europa gegen die EU zu verteidigen.

Arndt Reichstätter | Di, 12. Juli 2016 - 11:34

Der Verweis auf den Erfolg von Kleinstaatlichkeit ist zumindest interessant. Nicht zuletzt, wenn man bedenkt, dass es heute den weitestgehend von einander unabhängigen Schweizer Kantonen, Monaco, Singapur oder Lichtenstein am besten geht.

Kulturell kann ich allen drei Weltentwürfen etwas abgewinnen:

Dem griechisch-individualistischen der Drang zu individueller Souveränität und rationalem Denken, also Wissenschaftlichkeit. Dies würde niedrige Steuern sowie Forschungs- und Meinungsfreiheit bedeuten.

Dem römisch-rechtlichen die Verachtung von Blauäugigkeit in Bezug auf Machtpolitik. So sollten zum Beispiel der NATO schleunigst das Geld entziehen, solange diese imperialistisch handelt.

Und dem jüdisch-christlichen die geradezu poetische Hinwendung zu Nächstenliebe. Hieraus ergibt sich, quasi wie von selbst, das Nichtaggressionsprinzip, welches Zwangsstrukturen wie den Staat, Schulpflicht oder hohe Steuern in Frage stellt.

Barbara Kröger | Di, 12. Juli 2016 - 11:55

Herr Stölzl, wir Europäer wollen Europa erhalten, daher müssen wir es heute verteidigen! Gegen zwanghafte Globalisierer und gegen quasi feudale Regierungsmethoden. Es geht ja gerade um den Erhalt der in Europa gewachsenen kulturellen Vielfalt! Die zur Zeit in Brüssel und Berlin herrschenden Politiker versuchen diese Vielfalt durch eine Zwangsglobalisierung zu zerstören.

Millionen von Menschen werden durch Kriege aus ihren Ländern vertrieben und sollen sich in unsere europäischen Länder integrieren. Nicht die Kriege als Ursache für die Fluchtbewegungen werden bekämpft. Unter dem Deckmantel einer scheinbaren Humanität soll unsere Europa grundlegend verändert werden. Das sagen ja auch einige Politiker/innen ganz offen. Wer dieser Politik nicht zustimmt, wird als Populist denunziert. So nicht!

Weil Europa so toll ist,wie wir alle wissen,warum wollen wir es dann verändern,zum Nachteil aller.Bei den Kirchen heisst es die Schöpfung bewahren und keiner kümmert sich.
Albert Schabert

Christa Wallau | Di, 12. Juli 2016 - 14:21

Hochkultur ist immer fragil. Wer sie erhalten will, muß viel dafür tun. Äußerer Schutz und Pflege alleine reichen nicht. Es muß eine andauernde Bewußtmachung des Wertes der kulturellen Güter bei den Menschen stattfinden, die in der Hochkultur aufwachsen und leben. Das ist Aufgabe des Bildungssystems und der gesamten Gesellschaft.
Das deutsche Bildungswesen versagt in dieser Hinsicht seit Jahrzehnten total; wahrscheinlich ist es in anderen Ländern ebenso. Eine Ausnahme bildeten vor dem Zusammenbruch des Ostblocks Länder wie die Tschechoslowakei, die allen Schülern den Wert von Kultur durchaus begreiflich machte. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Heute dürfte sich die Werteskala junger Tschechen an der Konsumwelt des "goldenen Westens" orientieren.
Nicht einmal der museale Schutz der europäischen Kultur ist sicher: Wer Massen von Menschen mit anderem Kulturverständnis und ohne Jobaussichten hereinläßt, wird bald weder Verständnis noch Geld auftreiben für den Erhalt von Kulturgütern.

Reiner Kraa | Di, 12. Juli 2016 - 17:35

Genau darum geht es in Deutschland und Europa. Dieser Kontinent verträgt keinen Zentralstaat oder die sogenannte Harmonisierung (sprich Gleichschaltung) der europäischen Lebensformen. Dieser Gedanke könnte einem Konzept aus dem 3. Reich entnommen sein, mit - nicht Germania - sondern Utopia als neuer Hauptstadt. Es ist wichtig, was die Europäer wollen. Und das sind nicht die Brüssler Autokraten, sondern die Menschen in den europäischen Nationalstaaten, die ihre Lebensformen und ihre Kultur weder harmonisieren, noch über Bord werfen, noch anderen nichteuropäischen Kulturen angleichen wollen. Die kulturelle Vielfalt Europas mit ihrer Schöpferkraft und ihrem kulturellen Austausch, die immer Neues hervorbringt, war und ist das Lebenselixier dieses Kontinents. Wer, wie die Merkels, Junkers, Schulzes und Draghis dieser Welt, die Axt an diese europäische Wurzel legt, hat mit Europa und seinen Völkern nichts Gutes im Sinn.

Walter Wust | Di, 12. Juli 2016 - 17:36

Alles was uns Brüssel als europäisches Kulturgut präsentiert, sind der Euro, Dublin-Abkommen und Anpassungsrituale an die merkantile Globalisierung. Kurz gesagt, der Mammon als Kultur und grenzenlose Reisefreiheit als Traumerfüllung. Der Jugend wird vermittelt, Aufgabe der über Generationen gewachsenen Idendität und Genderzivilisation seien humanitäre Aspekte und setzten eine geistige Reife und moralische Grundwerte voraus. Bei diversen TV-Übertragungen der Fußball-EM fiel mir sowohl beim Publikum als auch bei den deutschen Akteuren auf, daß kaum einer bereit oder in der Lage war, die deutsche Nationalhymne mitzusingen, im Gegensatz zu den Meisten der anderen Spielernationen. Ich bin überzeugt, daß Viele den Text der Hymne überhaupt nicht kennen.

Bernd Fischer | Di, 12. Juli 2016 - 19:54

Was Europas Kultur lebenswert macht ist fast jeden klar, dazu bedarf keiner weiteren überflüssigen Erklärung eines Herrn Christoph Stölzl.

Was aber die politische Kaste in der EU ( Sorry für die Wortwahl ) mit der europäischen Kultur ( unkontrollierte Invasion ) veranstaltet , ist Ihnen kein Wort wert?

Schade.

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