Jugendarbeitslosigkeit - Drohen der EU Weimarer Verhältnisse?

In der EU sind fast 25 Prozent aller Jugendlichen arbeitslos, in manchen Ländern sogar die Hälfte. Ein historischer Vergleich mit den Zeiten der Weimarer Republik aus dem Cicero-Online-Archiv

Heutige Jugendarbeitslosigkeit und Weimarer Verhältnisse - ein Vergleich
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Autoreninfo

Christoph Stölzl ist Historiker. Für die Bundesregierung leitete Stölzl in den neunziger Jahren die Neuschaffung der zeitgeschichtlichen Gedenkstätten „ Deutsch-russisches Museum Berlin-Karlshorst“ und „Alliiertenmuseum“. Er ist Präsident der Musikhochschule Franz Liszt.

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Wie man die Statistik auch dreht und wendet, es sieht so aus, als sei in der Europäischen Union fast ein Viertel aller Jugendlichen zwischen 14 und 25 arbeitslos. Von einer „verlorenen Generation“ ist deshalb die Rede. In Griechenland und Spanien ist jeder zweite ohne Job. Aber selbst in einem traditionellen Musterland gerechter Arbeitswelt wie Schweden ist die Jugendarbeitslosigkeit dreimal so hoch wie die allgemeine.

Schon 2008, also noch vor der Finanzkrise, warnte die Europäische Zentralbank, Jugendarbeitslosigkeit sei ein Menetekel für die langfristigen Perspektiven jeder betroffenen Volkswirtschaft. Nur in Deutschland steht die Sache anders: Hier sank die Jugendarbeitslosigkeit im Frühjahr auf erstaunlich niedrige 5,4 Prozent. Das liegt an der Stabilität der deutschen Konjunktur, aber auch an Besonderheiten der deutschen Ausbildungstraditionen – allem voran am deutschen System der gleichzeitigen („dualen“) Berufsausbildung in Betrieben und Schulen, wodurch vor allem Jüngere zwischen 15 und 19 Jahren selten arbeitslos sind (3,2 Prozent). Die EU-Kommission hat deshalb im Sommer 2012 eine Initiative gestartet, um die Vermittlung junger Menschen europaweit in Schwung zu bringen; das bisherige Netzwerk nationaler Arbeitsagenturen soll zu einer neuen gesamteuropäischen Arbeitsverwaltung ausgebaut werden. [gallery:Griechenland unter: Karikaturen aus drei Jahren Eurokrise]

Wegen der Misere am Arbeitsmarkt verändert sich auch die politische Stimmung unter den jungen Europäern. Dass die Akzeptanz demokratischer Institutionen gerade bei den Jungen davon abhängt, ob die Gesellschaft ihnen die Aussicht auf Arbeit, Wohlstand und ein erfülltes Leben bieten kann, ist eine der einschneidenden Erfahrungen europäischer Geschichte. In der Bundesrepublik etwa waren der ökonomische Erfolg der sozialen Marktwirtschaft und die parlamentarische Demokratie zwei Seiten derselben Medaille. Das erschreckende Gegenbeispiel zeigt sich beim Blick auf die Weimarer Republik, der es gerade in der jungen Generation an Rückhalt fehlte.

Das deutsche Kaiserreich, seit seiner Gründung demografisch ungebremst wachsend, schien um das Jahr 1914 in Sachen Vitalität und Altersstruktur „der“ junge europäische Staat zu werden. Dass eine derartige Generationendynamik tiefe gesellschaftliche Konflikte nach sich zieht, versteht sich von selbst. Die „Jugendbewegung“ und die Krise des Patriarchats wurden gerade in Deutschland besonders dramatisch erlebt.

Mit dem Ersten Weltkrieg und der Niederlage folgte ein radikaler Bruch. Herrschte im kaiserlichen Deutschland die Gewissheit, „herrlichen Zeiten“ (so die Formulierung Wilhelms II) entgegenzugehen, erwies sich die Weimarer Republik als das genaue Gegenteil: Nachkriegsnot-, Bürgerkriegs-, Krisen- und Inflationsjahre, eine kurze Erholung zwischen 1924 und 1929, danach die katastrophische Depression von 1930 an. In der Weimarer Republik hat es nie „Vollbeschäftigung“ gegeben, auch nicht während der kurzen Erholungsphase nach 1924. In all den Jahren bis 1931 lag die Arbeitslosigkeit nur vier Monate lang unter einer halben Million – aber 48 Monate zwischen einer Million und drei Millionen. So die akribische Bestandsaufnahme in Hans-Ulrich Wehlers monumentaler „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“(2003), in der Statistiken zu aufregenden Momentaufnahmen werden.

Die geburtenstarken Jahrgänge der Vorkriegsjahre erlebten die Weimarer Republik als schicksalhaft; es waren die früh desillusionierten Kinder jener Eltern, die in der „guten alten Zeit“ des Kaiserreichs noch besonders optimistisch in die Zukunft geblickt hatten. Zahlen sind abstrakt, man muss sich die Biografien dazudenken: 1926 strömten 503 000 Berufsanfänger in den Markt, 1929 bis 1932 zwischen 358 000 und 406 000. Sie trafen auf eine Wirtschaft, die wenig Einstiegschancen zu bieten hatte. Die neue Republik musste den jungen Arbeitssuchenden als ein abweisendes, vielleicht sogar feindseliges System erscheinen. Die matte, immer wieder durch Konjunkturschwankungen erlahmende Nachfrage nach jungen Arbeitskräften traf nicht nur die Jugend aus dem Arbeiter- und Handwerkermilieu. Auch in den akademisch ausgebildeten Schichten gab es ein krasses Missverhältnis von Angebot und Nachfrage. Zuerst bewirkte ab 1919 der plötzliche Rückstrom von demobilisierten Soldaten eine heftige Hochschulexpansion. Man sprach vom „Studentenberg“. Dann produzierten die geburtenstarken Jahrgänge der vor 1914 Geborenen eine stark anschwellende Woge von Abiturienten. Aus Abiturienten werden Examinierte, die natürlich darauf hoffen, ihre Mühen des Studiums (oft als „Werkstudent“, so die neue Erfahrung vermögensloser Bürgerkinder) würden mit einer angemessenen Arbeit belohnt. Aber die krisengeschüttelte deutsche Wirtschaft konnte auch vor der Großen Krise niemals genug passende Positionen bieten. Um 1930 war das Angebot an Uni-Absolventen zwei- bis dreimal so groß wie die Nachfrage.

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Hätte es das Wort schon gegeben, man hätte auch damals von einer „Generation Praktikum“ sprechen können: Eine ganze Alterskohorte arbeitsloser Akademiker harrte notgedrungen bei den Eltern aus und entwickelte einen fundamentalen Groll gegen „das System“ der Republik, die offenbar außerstande war, ihrem qualifizierten Nachwuchs angemessene Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten.

Im Februar 1928, also lange vor dem Schock des „Schwarzen Freitags“ im Oktober 1929, gab es in Deutschland erstmals drei Millionen Arbeitslose. Anfang 1930 begann dann die Höllenfahrt in den Abgrund einer bis dahin unvorstellbaren Depression. Auf deren Tiefpunkt zählte man acht Millionen Arbeitslose (wenn man der offiziellen Statistik die plausible Dunkelziffer hinzufügt). Am schwersten traf die Arbeitslosigkeit die 18- bis 30-Jährigen. Aber auch die ganz Jungen sahen sich in hoffnungsloser Lage: 1931 standen 717 000 Volksschulabsolventen nur 160 000 Lehrstellen offen. 1932 konstatierten Sozialhygieniker eine verschleierte Hungersnot in den Großstädten.[gallery:Griechenland unter: Karikaturen aus drei Jahren Eurokrise]

Die Weimarer Republik stand mit ihrem sozialstaatlichen Instrumentarium der Großen Krise völlig hilflos gegenüber. Ausgelegt auf 800 000 Fälle, erlebte die 1927 geschaffene Arbeitslosenversicherung ihr vorhersehbares Desaster. Die panikartigen Notverordnungen der Reichsregierung von 1931 an trafen ganz besonders die jungen Arbeitslosen, weil sie weitgehend auf Familienunterstützung verwiesen wurden. 1932 lebte ein Großteil der jungen Generation zwischen Existenzminimum und Armut.

Über die seelische Landschaft der Krisen-Jugend gibt es eindrucksvolle literarische Zeugnisse: Erich Kästners Roman „Fabian“ (1931) und Ödön von Horváths Drama „Kasimir und Karoline“ (1932) handeln beide vom Scheitern privater Liebesbeziehungen wegen Arbeitslosigkeit der jungen Generation. Auch Siegfried Sommers stark autobiografisch geprägter Krisenroman „Und keiner weint mir nach“ (1953) erzählt drastisch von der Hoffnungslosigkeit junger Arbeitsloser um 1932: „Der Leo hatte schon zwei Karten vollgestempelt. Seit einem Jahr bekam er jetzt am Freitag fünf Mark sechzig. Das heißt, für ihn waren es nur eine Mark sechzig, weil ja die blinde Großmutter daheim auch ihren Anteil an der Arbeitslosigkeit vom Leo haben musste. Das verstand er schon. Für eine Mark und sechzig Pfennig wöchentlich kann sich aber ein junger Mensch nur wenig vom Leben kaufen.“

Siegfried Sommers Protagonist, der Elektrolehrling Leo Knie, nimmt sich am Ende das Leben. Tatsächlich schnellte in Deutschland die Zahl der Suizide von 1930 an dramatisch nach oben.

Als Antwort auf die Hoffnungslosigkeit der arbeitslosen jungen Leute entwickelte die deutsche Jugendbewegung die Idee des „Freiwilligen Arbeitsdiensts“, den die Reichsregierung ab 1931 in ihre Arbeitsbeschaffungspolitik integrierte. Was aber nichts daran änderte, dass die Entfremdung von der Demokratie weiter fortschritt: Die extrem republikfeindlichen, einen totalitären Lebensentwurf bietenden Flügelparteien, die KPD und Hitlers ­NSDAP, übten mit ihren totalitären Lebensentwürfen vom Jahr 1930 an eine enorme Anziehungskraft auf die Altersjahrgänge zwischen 20 und 35 aus. Zumal beide Strömungen in der Großen Krise zunehmend als „junge“ Parteien galten.

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Insbesondere die „Hitlerbewegung“ vermittelte eine kampfeslustige Jugendlichkeit. Ihre Propaganda richtete sich offensiv gegen die als hilflos denunzierten Honoratioren der Republik. Besonderen Anklang fand die betonte Jugendlichkeit der ­­NSDAP bei den Studenten. Noch vor den großen Erfolgen bei den allgemeinen Wahlen hatte der Nationalsozialistische Studentenbund an fast allen deutschen Universitäten die Mehrheit in den Studentenausschüssen erobert. Und die SA bestand vor 1933 zu zwei Dritteln aus jungen Arbeitern. Zum politischen Schicksal mit welthistorischen Folgen wurde das Zusammenspiel von Krise, Jugendarbeitslosigkeit und NS-Propaganda mit dem Jahr 1930: Es rückten zum ersten Mal geburtenstarke Jahrgänge in die Wählerschaft ein, die in der Weimarer Zeit politisch sozialisiert worden waren. Die NSDAP holte unter ihnen den Löwenanteil an Erstwählern.

Was dann folgte, ist bekannt. Es ist Teil des deutschen Verhängnisses, auch wenn es von der Mehrzahl der Deutschen zunächst als positive Wende missverstanden worden war. Hitler, einmal an der Macht seit dem 30. Januar 1933, nutzte alle Instrumente seiner Diktatur zur Überwindung der Arbeitslosigkeit – wohl wissend, dass nur dies, nicht das abstruse Programm der ­NSDAP, ihn legitimieren konnte. Von der Militarisierung zur expansiven Kreditschöpfung, von der Arbeitsbeschaffung durch große Staatsbauten bis zur Aufrüstung, vom erzwungenen Lohnstopp bis zur Manipulation von Statistiken, vom exzessiven Aufblähen des Staats- und Parteiapparats bis zur pausenlosen propagandistischen Zukunftsbeschwörung reichte der Katalog der NS-Konjunkturpolitik. Und der Diktator hatte auch noch Glück: Schon Ende 1932 hatte die Depression in Europa ihren Tiefpunkt erreicht; ganz unabhängig von Staatsinterventionen kam die europäische Wirtschaft langsam wieder in Fahrt. Als die Arbeitslosigkeit binnen dreier Jahre verschwand und Vollbeschäftigung einkehrte, verschaffte dies der Hitler-Diktatur einen Loyalitätsfundus, aus dem sie bis tief in den Krieg hinein zehren konnte.[gallery:Griechenland unter: Karikaturen aus drei Jahren Eurokrise]

„Die Wirtschaft ist unser Schicksal“: Das hat Walther Rathenau 1921 dem Jahrhundert ins Stammbuch geschrieben. Der Satz ist heute so wahr wie damals. Bedeutet er deshalb auch, dass sogar die starken europäischen Demokratien der Gegenwart gefährdet werden könnten durch verzweifelte Jugendliche? Am 6. Oktober 2012 jedenfalls wandte sich der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras mit einem dramatischen Appell an die europäischen Geldgeber. Was er sagte, zielte auf das historische Gewissen Deutschlands. Samaras warnte vor einem Absturz Griechenlands ins Chaos, sollte seine Regierung scheitern. Er verglich die griechische Situation mit jener am Ende der Weimarer Republik. Ohne europäisches Entgegenkommen sei die griechische Gesellschaft bedroht vom Aufstieg einer „rechtsextremistischen, man könnte auch sagen faschistischen Neonazi-Partei“.

Droht „Weimar“, drohen Aufstände, droht das Erstarken totalitärer Kräfte, weil wir uns einer neuen „verlorenen Generation“ gegenübersehen? Ein Rundblick über die Brennpunkte der Jugendarbeitslosigkeit ergibt ein anderes, widersprüchliches Bild. 2011, im Jahr des arabischen Frühlings, flackerten in den europäischen Wohnzimmern die Fernsehbilder erregter Demonstrationen. Manche Beobachter orakelten danach vom Überspringen des rebellischen Funkens und von einer kommenden Jugendrevolution in den Krisenländern. Dafür sprach: Nach einem Internetappell gingen am 15. Mai 2011 in ganz Spanien Hunderttausende auf die Straße, um gegen die hohe Arbeitslosigkeit, gegen Korruption, Bankenmacht und das Versagen der großen Parteien zu demonstrieren. Zwei Tage später besetzten Demonstranten trotz Verbots die symbolträchtige Puerta del Sol in Madrid – jenen Platz, auf dem 1931 die zweite Republik ausgerufen worden war. Vier Wochen hielten die Besetzer durch, angefeuert durch Ermutigungen auf Facebook und Twitter. Aber die spanische Gesellschaft im Ganzen schloss sich nicht an.

Als sich dies offenbarte, wurden die Zelte abgebrochen, wurde der Müll aufgeräumt und der Boden geschrubbt. Dieser zivilgesellschaftliche Schlusspunkt scheint symptomatisch für den Charakter der politischen Jugendbewegung in den europäischen Ländern. Auch in Frankreich spielte sich der Unmut innerhalb der eingeübten demokratischen Protestformen ab. Ende Mai 2011 versammelten sich Tausende junger Franzosen am legendären Revolutionsort Place de la Bastille und forderten eine „Weltrevolution“ gegen den „internationalen Finanzkapitalismus“ und seine „Vollstrecker“ in den europäischen Regierungen. Ein schmales Büchlein, der Ende Oktober 2010 veröffentlichte Aufruf „Indignez-vous“ („Empört euch“) des 93-jährigen Résistance-Helden Stéphane Hessel, befeuerte, millionenfach verbreitet, die Lust am zivilen Ungehorsam. Gleichwohl verebbte die Aufregung, trotz allerlei Scharmützeln mit der Polizei, nach einigen Wochen. Im Kern ging es den Bastille-Demonstranten auch nicht um den Griff nach der Macht (wie noch im Pariser Mai des Jahres 1968), sondern viel eher um den Ausbau des französischen Sozialstaats.

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Das Großreinemachen an der Puerta del Sol und das Versickern der „Empörung“ in Paris sprechen eine deutliche Sprache. Die Geschichte der deutschen zwanziger Jahre wiederholt sich nicht. Trotz allen Zorns wegen der Arbeitslosigkeit weiß auch der harte Kern der politisch mobilen jungen Leute, dass der Sturm auf irgendein Gebäude, eine „Bastille“, nichts am globalen Wirtschaftssystem ändern kann. Anonyme Wirtschaftsmacht, die sich in Sekundenbruchteilen durch Glasfasernetze verbreitet und die Welt der Industriekulturen beherrscht, kann man nicht mit Hausbesetzungen bedrohen. Aus den Parteien gibt es für den Jugendzorn keine Allianzangebote. Und keine europäische Partei bietet glaubwürdige ideologische Alternativen zur Mixtur aus globaler Wirtschaft und nationalem Sozialstaat an. Anders als in der Weimarer Republik gibt es weit und breit keine Partei, die offen für eine Abschottung der nationalen Wirtschaft, geschweige denn für eine Diktatur wirbt. Die großen extremen Bewegungen des 20. Jahrhunderts sind diskreditiert: Verbrechen und Katastrophe des Nationalsozialismus sind im Gedächtnis der ganzen Welt ebenso präsent wie der unrühmliche Zusammenbruch des Kommunismus.

Unverblümte Demokratiefeindschaft, ob von links oder rechts, ist in Europa gesellschaftlich verpönt und widerspricht den Verfassungen. Darum bedienen sich die extremistischen Parteien – auch wenn sie im Inneren offenkundig antidemokratisch sind – zumeist eines populistischen Potpourris. Jedoch haben es diese Polemiken gegen die Globalisierung, gegen das postnationale Zeitalter, den gesellschaftlichen Wandel und die Migration nirgendwo vermocht, ein Zukunftsbild zu formen, das milieuübergreifend attraktiv werden konnte – auch dies ein krasser Unterschied zur deutschen Situation der zwanziger Jahre. Gerade die junge Generation ist durch die digitalen Medien, durch eine Mobilität über Staatengrenzen hinweg, zutiefst globalisiert. Keine Krise wird das Bewusstsein, „einer Welt“ anzugehören, aus den Köpfen der europäischen Jugend vertreiben können.

Bisher hat auch keine extremistische Partei eine Brücke zum Jugendprotest bauen können – was sicher auch am schlechten Image solcher Organisationen im heutigen Europa liegt. In keinem Staat und zu keinem Zeitpunkt konnten rechts- oder linksextremistische Parteien seit 1990 aufgrund ihrer Wahlergebnisse den Bestand der demokratischen Verfassungsstaaten gefährden. Stets hatten demokratische Parteien einen Vorsprung von über 70 Prozentpunkten vor „Antisystemparteien“ – was temporäre Koalitionen mit extremistischen Kräften leider nicht überall verhindert. Aber regelmäßig zerbrachen die unheiligen Allianzen mit Rechtsextremen nach etwa der Hälfte ihrer Amtszeiten an der Regierungsunfähigkeit der Juniorpartner. Linksextreme Parteien wiederum erlangten nach 1990 in fünf Ländern Regierungsbeteiligung, allerdings ohne den Nimbus einer „großen Alternative“ wie der messianische Kommunismus der zwanziger Jahre.

Die jungen Europäer verbindet eine tiefe Skepsis gegenüber allen politischen Angeboten. Das macht sie immun gegen die Botschaften aller Parteien. Wenn man niemandem die Lösung unserer großen Probleme zutraut, können auch die Extremen nicht profitieren.

Vielleicht existiert bei aller Skepsis gegenüber den Verhältnissen aber auch ein instinktiver Optimismus. Die demografische Entwicklung in den europäischen Ländern wird über kurz oder lang dazu führen, dass jeder junge Europäer dringend gebraucht wird – mag die Wartezeit bis dahin noch so unbefriedigend sein. 

Peter Bigalk | Mi, 15. Juni 2016 - 23:35

.... und ich dachte immer, wir haben zu viele Jobs und brauchen genau deswegen noch die hochqualifizierte Zuwanderung von "Fachkräften" aus dem arabischen Raum.... Die hilflose EU Zuwanderungspolitik geht zu Lasten der Jugendarbeitslosen und ist ein Schlag ins Gesicht für alle Langzeitarbeitslosen. Es fallen höchstens paar schlecht bezahlte und unsichere Stellen im Sozialdienst an, um die Migranten zu versorgen, sonst nix... Ich rate jedem, langsam Aufzuwachen und gegen diese Politik aufzustehen....

Robert S. | So, 26. Juni 2016 - 16:12

In reply to by Peter Bigalk

Es ist schwer zu erkennen, dass "unsere Sichtweisen" und "wirtschaftliche Sichweisen" zwischenzeitlich nichts mehr miteinander zu tun haben. Wir sollen nicht mehr das Geld verdienen. Das Geld wird in einem "Entstadium" mit uns verdient. Das heisst: Ein reines Industrie Exportland, in dem niemand mehr etwas verdienen soll, allerdings "hochproduktiv" arbeiten muss. Am Ende sind es leider menschliche Zustände, wie in den allerschlimmsten Ländern der Welt, die wirtschaftlich "am attraktivsten" sind. Die Migrantenfrage lässt sich "in unserem denken" gar nicht mehr abhandeln. Sie werden unsere Nachfolger sein, in Gesellschaftsstrukturen, die den "in solchen Ländern üblichen" Clanstrukturen entsprechen. Da versorgt der Billigstarbeiter seine ganze Familie.. Irgendwie.. Und wenn man sich die Pressemitteilungen zum Thema anschaut bemerkt man "zwischen den Zeilen" das offensichtlich sehr viele Menschen wissen, warum sich dieses "Rudel" plötzlich zielgerichtet in unsere Richtung bewegt hat.

Cornelius Angermann | Fr, 17. Juni 2016 - 10:38

ist doch letztlich schon der Offenbarungseid für diesen Konstrukt und die Entlarvung der Lüge, dass die EU "Wohlstand für alle" produzieren würde.

Die EU dient nur einer relativ kleinen Gruppe von Profiteuren, die durch den Wegfall von Grenzen, Zöllen, Wechselkursen, dem freien Kapitalverkehr etc. einen Riesenreibach machen konnten, zulasten der übrigen Bevölkerung.

Harro Meyer | Mo, 20. Juni 2016 - 13:14

Arbeit ist der Teil des persönlichen Tuns, der zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft notwendig ist. Mit zunehmender Industrialisierung und Automatisierung nimmt die Arbeit ab. In der Zeit von Weimar bot die Landwirtschaft noch Möglichkeiten. Hitler löste das Problem mit Autobahnbau und Militarisierung.
Da in unserer System die zur Lebenserhaltung notendige Arbeit an das Angebot der Wirtschaft gekoppelt ist, ergibt sich mit zunehmender Produktivität eine Diskrepanz, die mit Verringerung der individuellen Arbeitszeit erkennbar nicht zu stoppen ist, wie die Vergangenheit und die französischen Streiks zeigen.
Eine Möglichkeit bietet die von Gerhard Schröder und den Grünen begonnene grundsätzliche Einschränkung der Lebensqualität, also Arbeitseinkommen und Renten auf niedrigem Niveau unter Verzicht auf die volkswirtschaftlich gebotene maximale Effizienz der Arbeit, was vor allem den jungen Leuten sehr entgegenkommt. Streber sind da nicht gern gesehen So Einfach ist das.

Klaus Ramelow | Di, 21. Juni 2016 - 15:15

In reply to by Harro Meyer

"Arbeit ist der Teil des persönlichen Tuns, der zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft notwendig ist."
Nicht die Arbeit ernährt uns, sondern die Form der Anerkennung und das Entgelt!

"Eine Möglichkeit bietet die von Gerhard Schröder und den Grünen begonnene grundsätzliche Einschränkung ....."
Bei dieser Aussage fehlt eine - durchdachte - logische Folgerung !

Klaus Ramelow | Di, 21. Juni 2016 - 15:42

In reply to by Harro Meyer

"Arbeit ist der Teil des persönlichen Tuns, der zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft notwendig ist."
Nicht die Arbeit ernährt uns, sondern die Form der Anerkennung und das Entgelt!

"Eine Möglichkeit bietet die von Gerhard Schröder und den Grünen begonnene grundsätzliche Einschränkung ....."
Bei dieser Aussage fehlt eine - durchdachte - logische Folgerung !

Hans Grieder | So, 3. Juli 2016 - 20:42

Uns Schweizern fehlen dieses Jahr 10 000 Lehrlinge (in Deutschland werden sie, so glaube ich gehört zu haben AZUBIS genannt, egal wir wissen was gemeint ist) es stehen Überlegungen im Raum junge Menschen aus dem Ausland zur Ausbildung in die Schweiz einzuladen. Aber wir wollen doch nicht wieder Rosinenpickerei betreiben deshalb lassen wir das eben....

Harro Meyer | Mi, 6. Juli 2016 - 18:28

In reply to by Hans Grieder

Wenn die Leute eine anständige Ausbildung bekommen und gutes Geld, dann kommen die schon. Ich habe gutes Geld gebraucht und bin trotzdem gut weitergekommen.

Frank Goller | Do, 7. Juli 2016 - 12:01

Ich denke es geht um billige Arbeitskräfte. Bei uns werden die Mülltonnen plötzlich durch Schwarzafrikaner von einer privaten Müllabführ geleert ? Nur der Fahrer ist noch Deutsch/Türke. Auf Nachfrage meiner nur, die alten Kräfte wurden entlassen, die "Neuen" arbeiten zum halben Preis.

Und es wird noch weiter runter gehen. Da hat der christl.-demokratische Kapitalismus keine Hemmungen. Der Rest muss dann für Hartz4 beten, dass es weiter geht.

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