Cinema Jenin: Das Dach ist mittlerweile schon fertig renoviert.
22.04.2009
"Hier gibt es nichts" von Sophie Diesselhorst
Die Stadt Jenin in der Westbank gilt als "Hochburg des Terrorismus". 2008 haben sich zwei Palästinenser und ein Deutscher zusammengetan, um dieses Image Lügen zu strafen und in Jenin ein Zeichen des Friedens zu setzen: Sie wollen ein altes Kino wieder aufbauen. Im Berliner Radialsystem wurde das Projekt vorgestellt.
"Und, was macht ihr hier so abends? Auch mal ins Kino gehen?", fragt Suha, zu Gast in Nablus, ihren Freund Said. "Das Kino ist abgebrannt. Hier gibt es nichts", antwortet Said. Eine Szene aus dem Film "Paradise Now" über zwei palästinensische Selbstmordattentäter (Said ist einer von den beiden), die sich so oder ähnlich auch in Jenin abspielen könnte.
Jenin liegt in der Westbank, 40 Kilometer von Nablus entfernt, und hat 50.000 Einwohner, ein Flüchtlingslager und ein vor sich hinrottendes Ex-Kino, das in den 60er Jahren erbaut wurde. Bis zu 500 Personen könnten Filme schauen in dem geräumigen Gebäude, das 1987 mit dem Ausbruch der ersten Intifada dicht gemacht worden ist.
Dem "könnten" wollen nun die Jeniner Ismail Khatheeb und Fakhri Hamad zusammen mit dem deutschen Dokumentarfilmer Markus Vetter das "t" wegnehmen. Sie haben das ehrgeizige Ziel, Jenin sein Kino wiederzugeben. Im Frühjahr 2010 soll eröffnet werden. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Das Gebäude ist baufällig, von außen wie von innen. Es fehlen Projektoren, es fehlt ein Tonsystem. und es fehlen eine Menge Stühle.
All diese dringend notwendigen Anfangsinvestitionen wollen die drei Kinobetreiber in spe über das Spendenportal betterplace.org sammeln – dessen Betreiber so begeistert von dem Projekt sind, dass sie gemeinsam mit dem Berliner Radialsystem eine Fundraising-Veranstaltung ausrichteten.
Khateeb, Hamad und Vetter erklärten ihr Vorhaben und seine Entstehungsgeschichte im Gespräch mit der Kriegsberichterstatterin und Palästina-Kennerin Carolin Emcke, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier lieh der Veranstaltung ein bisschen Politik-Glamour, und zum Schluss konnten Aktien zu 50 oder 100 Euro gekauft werden – gemäß der betterplace.org-Philosophie, Spenden zu Investitionen umzudeklarieren.
Seinen Ursprung hat das Kinoprojekt in einem tragischen Anlass: Vor vier Jahren wurde Ismail Khateebs elfjähriger Sohn Ahmed von einem israelischen Soldaten erschossen. Er hatte auf der Straße des Flüchtlingslagers von Jenin mit einem Plastikgewehr gespielt. Ein Pfleger in dem israelischen Krankenhaus, in dem vergeblich versucht worden war, Ahmeds Leben zu retten, fragte den Vater, ob er bereit sei, die Organe seines Sohnes zu spenden – an israelische Kinder. Ismail Khateeb entschied sich dafür und wurde so zum Symbol der Versöhnung. Heute betreibt der ehemalige Kfz-Mechaniker ein Kulturzentrum für Kinder in Jenin.
Ausschnitte aus Markus Vetters Film "Das Herz von Jenin":
Der deutsche Dokumentarfilmer Markus Vetter hat seine Geschichte verfilmt – nicht ohne den ideologischen Widerstreit, der ihr innewohnt, auszulassen. So beginnt "Das Herz von Jenin" mit Bildern von Ahmeds Beerdigung, auf der Sprüche skandiert werden wie: "Wir werden diesen einen Palästinenser mit hundert Juden rächen." Ismail seinerseits betont immer wieder, dass die Organspende von Anfang an als Friedensgeste gedacht gewesen sei. Als Vetter fertig war mit seinem Film, wollte er ihn zuallererst in Jenin zeigen. Doch es gab kein Kino. Oder eben keins, das funktionstüchtig war.
Es nimmt nicht wunder, dass Ismail Khateeb während der Gesprächsrunde, die sich an die Vorführung einer Kurzversion von Vetters Film anschloss, im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit stand. "Keine politische" Geste sei die Organspende gewesen, bekräftigte er einmal mehr. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, das Interesse an seiner Person zu nutzen, um sich auch politisch zu äußern: "Überraschend" sei es, dass sein Land seit über 60 Jahren besetzt sei.
Der Bundesaußenminister hingegen übte sich in Diplomatie, schließlich fiel die "Cinema Jenin Night" mit dem israelischen Holocaust-Gedenken auf einen Tag. Auch in Israel gebe es viele, gerade junge Menschen, die den Frieden suchten, versicherte Steinmeier den anwesenden Palästinensern. Nach dem Gaza-Konflikt und mit der neuen israelischen Regierung würden die Dinge sicherlich nicht einfacher, gab er zu. Doch er hoffe auf das Vermittlungsgeschick des neuen amerikanischen Präsidenten.
Fakhri Hamad hingegen setzt vor allem auf die israelische Zivilbevölkerung: "Mit dieser israelischen Regierung werden wir ganz bestimmt keinen Friedensvertrag unterzeichnen, aber wir rekrutieren mindestens einen Israeli pro Woche für den Frieden", sagte er.
Der jugendlich wirkende Hamad ist "Project Manager" der Kino-Wiederbelebung. Er hofft darauf, dass das Kino den "zivilen Friedensprozess" noch beschleunigen wird. Er selber habe Ismail Khateebs Entscheidung, die Organe seines Sohnes an die Kinder der Feinde zu spenden, erst verstanden, nachdem er Vetters Dokumentarfilm gesehen habe.
Mit Jugendlichen aus Jenin will Fakhri Hamad dafür sorgen, dass das Kino sich möglichst schnell selber trägt. Die Jugendlichen sollen lernen, Werbefilme für lokale Unternehmen zu drehen, mit denen der Kinobetrieb dann finanziert werden soll.
Doch so weit ist es noch nicht: Im Radialsystem ging es zunächst darum, Geld für eine Tonanlage zu sammeln. Wie ein PR-Gag wirkte es, dass just in dem Moment, in dem das angekündigt wurde, die Tonanlage des Radialsystems ausfiel.
Am Ende des Abends kamen statt der anvisierten 40.000 Euro lediglich knapp 8000 Euro zusammen. Das wird vor allem an dem für ein Fundraising-Event ungewöhnlich jungen und studentischen Publikum gelegen haben. Dem Enthusiasmus der Initiatoren tat es keinen Abbruch. Und ein wenig näher ist der Traum seiner Erfüllung ja auch gekommen.