30.03.2006
von Karl Pilny
30.03.2006 - Cicero Online Exklusiv: Das Sein bestimmt das Bewußtsein, auch in China. Aber anders, als vom Vordenker einer klassenlosen Gesellschaft erhofft. Für immer mehr Chinesen rücken Fragen nach Sinn und Ziel des Lebens in den Mittelpunkt. Sie entdecken mit Duldung der Kommunistischen Partei den Neo-Konfuzianismus als globalisierungskompatiblen Überbau.
Die Weltwirtschaft verändert sich dramatisch. Henry Kissinger konstatiert: „Die Welt als Ganzes ist heute so sehr in Bewegung wie schon seit Jahrhunderten nicht mehr“. Vor allem China hält die Welt in Atem: Seit knapp 25 Jahren bestaunt der Westen die Aufholjagd des Reichs der Mitte und das unerhörte Wachstum seiner Volkswirtschaft. Anfängliche Skepsis verwandelte sich in Respekt und Bewunderung, und schlägt zunehmend in Furcht um. Nach der jüngsten Revidierung der offiziellen Statistik ist China gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) schon jetzt die viertgrößte Wirtschaftsnation der Welt hinter den USA, Japan und Deutschland. Deng Xiaoping hatte schon wenige Jahre nach Beginn seiner 1978 ausgerufenen „Vier Reformen“ die neue politische Losung „Bereichert Euch“ verkündet. In der klassenlosen Gesellschaft wurden plötzlich Begriffe wie „Eigentum“ in der Verfassung verankert. Deng wäre selber erstaunt über das Tempo, mit welchem Millionen Chinesen seither zu Wohlstand gekommen sind. Am Anfang des 21. Jahrhunderts ist die kommende Supermacht China zum Symbol für Stärke geworden. Zum potentiellen Herausforderer der Supermacht USA. Ist China damit ein Gewinner der Globalisierung? Oder droht durch den unkontrollierbaren Zustrom von Geld und Geist, von cash und content, der Verlust seiner Einmaligkeit - gar ein Auseinanderbrechen des Riesenreiches, weil die ideologische Klammer des Kommunismus an Kraft verliert und der Zentralismus durch die Zentrifugalkräfte der Wirtschaftsdynamik gesprengt wird?
Diese Fragen sind exemplarisch für die westliche Denkweise, die China nur für eine defizitäre Form der eigenen Entwicklung hält. Es wird nicht bemerkt, dass sich hier womöglich etwas Eigenes Bahn bricht. Die Komprimierung der Zeit, China erreichte in 30 Jahren das, wofür Europa 400 Jahre gebraucht hatte, beinhaltet nicht nur nach außen sichtbares Wachstums und beeindruckende Statistiken. Auch das Tempo der inneren Veränderung - der Pluralismus, die vielen nebeneinander existierenden kulturellen Milieus - sind ohne Beispiel. Die Frage ist also nicht nur, wie die Globalisierung China verändern wird, sondern auch, in welchem Maße China aufgrund seiner wirtschaftlichen, geographischen und kulturellen Dimensionen den Globalisierungsprozess mitbeeinflusst. Durch die Fixiertheit auf wirtschaftliche Erfolgsstatistiken, billige Arbeitslöhne und demographische Zahlen wird die kulturell prägende Kraft dieser seit 5000 Jahren existierenden Hochkultur außer Acht gelassen.
China war für Jahrhunderte eines der mächtigsten und reichsten Länder der Erde, das noch bis 1820 zusammen mit Indien über 40 Prozent der weltweiten Wirtschaftleistung produzierte. Unter den zahlreichen kulturellen Hochphasen, etwa der Han- (206 v.Chr. – 220 n.Chr.) und der Tang-Dynastie (618-907 n.Chr.), die sich durch eine große Offenheit gegenüber ausländischer Einflüssen auszeichneten, brachte vor allem die Song Dynastie (960 – 1279 n. Chr.) eine bis dahin unerreichte Blüte in Wissenschaft und Forschung hervor. Die nach Francis Bacon größten Erfindungen der Menschheit - Schießpulver, Kompaß, Papier und Buchdruck – revolutionierten damals das Leben von Millionen und das Reich der Mitte stand als erste Wissensgesellschaft der Weltgeschichte an der Spitze des Fortschritts.
Erst mit dem verlorenen Opiumkrieg gegen England 1840 begannen Jahrzehnte schmerzhaftester Demütigung und Schwäche. Das dunkle 19. Jahrhundert, in dem China unter den Westmächten zunächst wie eine Melone aufgeteilt und dann wie eine Zitrone ausgepreßt wurde, mündete in ein noch blutigeres 20. Jahrhundert. Mit der Revolution von 1911 wurden dreieinhalb Jahrhunderte Fremdherrschaft der Mandschu-Dynastie und über zweieinhalbtausend Jahre Kaiserreich hinweggefegt. Auch damals prallten Fremdeinflüsse mit althergebrachten Denktraditionen aufeinander. Insbesondere der rigide Konfuzianismus stand in der Kritik, die Modernisierung Chinas und eine erfolgreiche Gegenwehr gegen die westlichen Barbaren verhindert zu haben. Das seit über 1000 Jahren bestehende kaiserliche Prüfungswesen, das als streng meritokratisches Auswahlverfahren jedem Chinesen – unabhängig von Herkunft und Stand - den Zugang auch zu höchsten Ämtern ermöglichte, wurde abgeschafft.
Die idealistische, aber korrupte Nanking-Republik von Präsident Chiang Kai-Shek versuchte in den 1920er und 1930er Jahren eine nationale Erneuerung herbeizuführen, ebenso die Kommunisten unter Mao Zedong, insbesondere nach der Gründung der Volksrepublik China 1949. Doch selbst die verheerende Kulturrevolution konnte die alten konfuzianistischen Ideale nicht völlig vernichten. Konfuzius (551 bis 479 v.Chr.) war nicht der erste in China, der darüber nachdachte, wie sich der Mensch als Einzelner und die Gesellschaft insgesamt sich auf den rechten Weg machen können, um höchsten moralischen Ansprüchen gerecht zu werden. Seit der Zhou-Dynastie (1100 v.Chr.) war das Mandat des Himmels die Legitimation der Herrscher. Wenn ein Herrscher das Recht durch Unrecht ersetzte und den moralischen Ansprüchen nicht mehr genügte, entzog ihm der Himmel seine Gunst und eine neue Dynastie durfte sich auf den Wechsel des Mandats berufen. Im Auf und Ab der Geschichte sorgt also der Himmel für Ordnung, für Recht und Moral „Himmel“ ist hier nicht im westlichen Sinne als Schöpfer zu verstehen. Vielmehr bilden alles Sichtbare, die Erde, der Himmel, der Mensch und die „zehntausend Dinge“ eine Einheit. Den Kosmos treibt ein immanentes Prinzip der Selbstorganisation, das sogenannte Dao, der „Weg“– einer der wichtigsten Bestandteile der chinesischen Denk- und Erfahrungswelt.
Konfuzius ist kein abstrakter Denker, der die Welt scharfsinnig mit Analysen seziert. Im Zentrum seines Denkens steht der Mensch und die Frage, wie er durch konkretes Handeln im Alltag dem näherkommt, was sein innerstes Wesen darstellt. Er stellte als erster die goldene Regel auf: was man sich selbst nicht wünscht, das tue man anderen nicht an. Keiner ist allein auf der Welt. Was beim Einzelnen beginnt führt automatisch zur Gemeinschaft. Man darf sich nicht zurückziehen, sondern trägt Verantwortung für das Ganze. Dieses Setzen auf den Menschen und die Menschlichkeit ist ein revolutionäres Konzept. Konfuzius leugnete nicht, dass die Menschen religiöse und metaphysische Bedürfnisse haben. Er hat jedoch gewagt, die Religion aus dem Zentrum zu verdrängen und den Menschen an ihren Platz zu stellen. Ähnliches geschah nach der Antike im Westen erst wieder in der Aufklärung.
Seit der Abschaffung des kaiserlichen Prüfungsystems und im Laufe der intellektuellen Exzesse gegen den fortschritthemmenden Konfuzianismus im Zuge der „Bewegung des 4. Mai 1919“, als Tausende gegen den Versailler-Vertrag protestierten der die deutschen Kolonialgebiete in China dem Rivalen Japan zugeschlagen hatte, wurde das Ende des Konfuzianismus beschworen. Der rückwärtsgewandte Konservatismus der konfuzianistischen Hofmafia wurde verantwortlich gemacht für das Einmotten der chinesischen Flotten im 15. Jahrhundert und die mangelnde Fähigkeit, sich dem Westen zu öffnen und nach dem Beispiel Japans schnell aufzuholen. Auch Max Weber hatte den Konfuzianismus als einen der wichtigsten Gründe für das Zurückbleiben Chinas in der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ausgemacht.
Doch spätestens der Aufstieg der Tigerstaaten in den 90er Jahren, deren wachsendes Selbstbewußtsein in der Schaffung der „New Asian Values“ gipfelte, die von Mohamad Mahathir, ehemals Ministerpräsident von Malaysia, und Konfuzianisten Lee Kuan-Yew, dem Alt-Regenten von Singapur, propagiert wurden, führte zu einem Umdenken. Die Primärtugenden des Konfuzianismus wie die starke Betonung der Gruppe und die Aufforderung zu lebenslangem Lernen wurden nun als Gründe für den ansonsten kaum zu erklärenden Erfolg der asiatischen Staaten angeführt.
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