24.09.2009
Interview mit Andreas Eschbach
Bestseller-Autor Andreas Eschbach ("Das Jesus Video") entwickelt in seinem neuen Thriller "Ein König für Deutschland" das verstörende Szenario eines Wahlbetrugs in der Bundesrepublik mittels Wahlcomputern. Im Interview mit Cicero Online spricht der ehemalige Software-Entwickler über Manipulationsmöglichkeiten, die technische Inkompetenz von Politikern und den Drang, alles digitalisieren zu wollen.
Allerorts ist von Politikverdrossenheit die Rede, auch in Ihrem Roman. Haben Sie keine Angst, dass diese auf Ihre Leser zutrifft? Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet zu dieser Bundestagswahl so viele Dinge drumherum passieren, die die Politik auf die Schippe nehmen. Denken Sie an den Film von Hape Kerkeling oder die verschiedenen Spaßparteien, die jetzt ein großes Pressecho bekommen. In dieser Phalanx steht irgendwo auch mein Buch. Ich bin nicht alleine - auch andere haben dieses Gefühl, dass irgendetwas nicht so ist, wie es sein sollte.
Es gibt zu fast allen Themen Verschwörungstheorien; kaum jemand aber käme auf die Idee, die Wahlen in westlichen Nationen zu hinterfragen. Ist das Grundvertrauen in den Staat, das in Deutschland vorherrscht, eine Illusion? Nein, das denke ich nicht. Es ist nicht meine Hauptsorge, dass die Wahlen in der Bundesrepublik manipuliert werden. Alle infrage kommenden Parteien haben ja ohnehin ähnliche Programme. Da hat sich ein Konsens gebildet, der uns nur noch zwischen Personen unterscheiden lässt und im Prinzip auf die Frage hinausläuft: Wer ist der kompetenteste?
Ich will eigentlich auf etwas anderes hinaus: Die Demokratie lebt davon, dass alle darauf vertrauen können, Wähler wie Gewählte, dass die Wahl rechtmäßig war. Man kann immer, solange irgendwo die Stimmzettel der letzten Wahl herumliegen, hingehen und einfach noch mal nachzählen. Bei Computern dagegen bleiben keine Spuren von Manipulationen. Das heißt, selbst wenn alles korrekt gelaufen ist, können Sie nicht beweisen, dass es wirklich so war.
Aber lebt Ihr Buch nicht auch davon, dass es irgendwo ein Leck, eine undichte Stelle im Staat geben muss? Unser Land wird heute von Politikern regiert, da wird niemand widersprechen, die mit Computern nichts anfangen können. Sie erlassen zwar allerlei lustige Gesetze, sind aber von Fachinhalten unbeleckt. Die meisten können wahrscheinlich noch nicht einmal einen Computer einschalten, geschweige denn, ihn korrekt bedienen. Ihnen fehlt aber vor allem die Vorstellungskraft, was man damit alles anstellen kann. Theoretisch wäre auch folgendes Szenario möglich: Man setzt die Wahlcomputer bei der Bundestagswahl ein, alle sind begeistert und der Hersteller der Computer baut irgendetwas ein. Es müssen nur zwei, drei Leute sein, die darüber Bescheid wissen, um die Sache geheim zu halten. Und dann werden die Wahlen manipuliert, ohne dass es jemand merkt. Da brauchen Sie kein Leck. Und weil das alles theoretisch denkbar ist, sollte man das Risiko gar nicht erst eingehen.
Dass es eine große Diskrepanz bezüglich des Umgangs mit Technik gibt, zeigt sich auch an den Figuren Ihres Romans: Auf der einen Seite der technikbegeisterte, apolitische Vincent. Auf der anderen Seite Simon, der Computern zurückhaltend gegenübersteht, aber sehr politisch ist. Und der aufgrund mangelnder Kenntnisse gar nicht an Wahlbetrug durch Wahlcomputer glaubt... ...Weil er einer Generation angehört, die den Großteil ihres Lebens ohne Computer verbracht hat. Es ist kein Zufall, dass die vehementesten Gegner der Wahlcomputer ausgerechnet Computerfachleute sind.
Ist es kennzeichnend für unsere Gesellschaft, dass wir zwei Parallelwelten haben? Eine Gruppe, die sehr bewandert im Computergebiet ist und eine andere, die dieses Feld nur am Rande wahrnimmt? Steht das auch in Zusammenhang mit deren politischen Positionen? Das hat darüber hinaus mit politischen Positionen erst einmal gar nichts zu tun. Sie können gegen Wahlcomputer sein, und jedwedem politischen Spektrum angehören. Es ist nur die unterschiedliche Erfahrungswelt. Jemand, der mit Computern berufsmäßig arbeitet, ist sich bewusst, dass es Maschinen gibt, mit denen man Daten manipulieren kann. Wer dies nicht tut, kommt mit Computern nur an der Oberfläche in Berührung.
Was jeder kennt: Man drückt beim Bankschalter auf den Knopf und es kommt tatsächlich das Geld heraus, das man bestellt hat. Und diese Erfahrung wird dann auf einen Wahlcomputer übertragen. Man geht automatisch davon aus, dass bei Knopfdruck für eine Partei auch die Stimme für diese Partei gezählt wird. Und nur derjenige, zu dessen Erfahrungswelt es gehört, dass man das eine anzeigen und das andere tun kann, wird bei der Sache ein ungutes Gefühl bekommen. Man weiß noch nicht einmal: Ist das Wahlgeheimnis überhaupt noch gewährleistet?
Halten Sie es denn allgemein für einen Trend, dass alles technisiert wird, aber keiner mehr nach möglichen Kritikpunkten fragt? Wir haben schon so eine Art digitalen Wahn: Unser Lieblingskind ist der Computer - auch wenn das zurzeit verklärt wird. Man versucht krampfhaft, alles zu computerisieren, weil es so schön bunt und trendy ist. Ein schlagendes Beispiel sind Terminkalender. Das waren früher mal Dinge aus Papier, die man für zwei Mark in einem Laden kaufen konnte. Heute muss sich jeder einen "Manager-Tamagochi" zulegen.
Dieses Jahr hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt und den Einsatz von Wahlcomputern erst einmal untersagt. Ist Ihr Buch ein Plädoyer dafür, dass das Verbot bestehen bleibt? Ich hoffe sehr, dass die Richter vom Bundesverfassungsgericht einmal einen Blick hinein werfen. Beim Lesen des Urteils schimmert so eine gewisse Furcht durch, als altmodisch zu gelten. Deswegen ist es mir zu vorsichtig formuliert. Ich glaube, gute Gründe sprechen dafür, dass Wahlcomputer nicht sein müssen. Zur turbulenten US-Wahl 2000 wurde der Bundeswahlleiter einmal gefragt: Könnte das bei uns auch passieren? Da hat er ganz cool geantwortet: Nein, das kann bei uns nicht passieren, weil wir Stimmzettel benutzen, auf denen man mit einem Stift sein Kreuz macht. Ich finde: Wenn man eine sichere Lösung hat, dann sollte man dabei bleiben.
Im Internet sorgt gerade die Piratenpartei für Furore. Glauben Sie, den Piraten kann es dauerhaft gelingen, die Themen Internet und Datenschutz auf die Agenda zu setzen? Da bin ich mir noch nicht ganz sicher: Ob sie nur für die Enteignung von Autoren oder Urhebern sind oder etwas vernünftiges wollen, das muss sich erst an konkreten Dingen beweisen.
Das Gespräch führte Johannes Hilpert |