Beide sind Opfer und Täter: Valerie (Franziska Petri) und Saul (Ulrich Noethen)
29.06.2009 Aggression allerseits von Sophie Diesselhorst
2008, im 30. Jubiläumsjahr des Deutschen Herbst, wurde beklagt, dass sich niemand für die Opfer interessiere, alle nur die Täter spannend fänden. Nun, im Jahr danach, hat die Regisseurin Connie Walther einen Film herausgebracht, in dem zwar auch wieder ein Täter eine Rolle spielt: doch er wird mit einem Opfer zusammengebracht. „Schattenwelt“ erzählt von den Folgen eines Kindheitstraumas und davon, wie das Miterleben von Gewalt gewalttätig machen kann.
Niemand ist sympathisch in diesem Film. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass alle weder schwarz-weiß noch farbig sein dürfen. Sie leben in einer „Schattenwelt“: Der freigelassene RAF-Terrorist, die Tochter eines von ihm ermordeten Mannes, der Hausmeister des Gebäudekomplexes, in dem sie beide wohnen, die ältere Anwältin, die ihn betreut und der Polizist, der eine Sex-Beziehung zu der jungen Frau hat.
Saul (Ulrich Noethen) wird freigelassen und von seiner Anwältin in eine Wohnung gebracht. In dem Haus, in dem sich diese Wohnung befindet, wissen dank des geschwätzigen Hausmeisters schon alle von seiner RAF-Vergangenheit. Er wird von seinen Mitbewohnern gemiedern – außer von seiner direkten Nachbarin, der attraktiven, allein stehenden Valerie (Franziska Petri). Schnell ist Saul – im guten wie im schlechten – fixiert auf Valerie. Er verdächtig sie, ihn bestohlen zu haben. Sie ist aber auch die einzige, der er sich anvertraut.
Seinen Sohn will er finden, den er zum letzten Mal gesehen hat, bevor er in den Knast gegangen ist. Valerie macht sich zur kühlen Komplizin. Gemeinsam beginnen sie die Suche. Dass seine neue Komplizin die Tochter des Mannes ist, den er während des Überfalls ermordet hat, für den er ins Gefängnis gekommen ist, das erfährt Saul erst auf dem Weg. Kurz trennen sich die Wege von Täter und Opfer, doch irgendwie finden sie – durch eine seltsame Art der Abhängigkeit – wieder zueinander. Valeria braucht Saul als klares Feindbild, und Saul braucht Valerie, weil er sich nicht alleine zu seinem Sohn trauen würde.
Eine Liebesgeschichte ist „Schattenwelt“ übrigens nicht im entferntesten. Selbst in den alltäglichsten Gesprächen dominieren Wut und Aggression. Beide Protagonisten sind paranoid und in jeder Hinsicht grob. Einer hat den Mord schon hinter sich, eine hat ihn noch vor sich. Pessimistisch, doch stark ist Connie Walthers Eintreten für die unvermeidliche Wiederholung der Geschichte.
Der Film fällt in sich zusammen, als er versucht, doch eine Art von Verständigung zwischen Valerie und Saul zu schaffen. So (eindrücklich) kaputt, wie die beiden Charaktere über mehr als die Hälfte des Films ausgemalt worden sind, kann diese Verständigung nicht gelingen. Sie wird zur Verirrung, und „Schattenwelt“ verliert seine irritierende Wirkung auf einen Schlag.